HUDU

Gesammelte Erzählungen


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kartoniert
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April 1998

Beschreibung

Beschreibung

Ein repräsentativer Querschnitt durch ein einzigartiges Schriftstellerleben

Erzählungen Stefan Heyms aus 5 Jahrzehnten, von 1933-1983: frühe Kurzgeschichten des jungen Emigranten aus seiner Prager Zeit, ein Bericht aus seiner Studienzeit in Chicago, Stories aus der New Yorker Zeit und Erzählungen, die in Berlin, nach der Rückkehr des Autors nach Deutschland entstanden sind.

Portrait

Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In den 50er Jahren, gefährdet durch die Intellektuellenhatz des Senators McCarthy, kehrte er nach Europa zurück und fand Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er international bekannt und gilt heute als einer der erfolgreichsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Er starb 2001.

Leseprobe

Marius


Es ist ein halbdunkler Kellerraum. Durch ein kleines Loch in der Wand, Fenster genannt, fällt, je nachdem die Wolken draußen sich lichten oder zusammenballen, stärkeres oder schwach zitterndes Licht ein. Ein großer, für das niedere Gemach zu großer Mann geht darin auf und ab, manchmal rüttelt er an der Tür, sein Gesicht rötet sich, dick schwillt eine Ader auf seiner kurzen Stirn - dann flucht er, grob, bäurisch, und fährt sich mit eigenartig täppischer, Verzweiflung bedeutender Gebärde über sein glatt geschorenes, fast weißes Haar.
Seine Toga ist grau und befleckt, die Purpurstreifen des Consuls hat er abgetrennt vor seiner Flucht, aber man hat ihn natürlich doch erkannt und geschnappt - wer kennt ihn denn nicht, Marius, zum sechsten Male Consul gegen das Gesetz, Sieger über Jugurtha, den Neger, über die aufrührerischen Italiker, über Cimbern und Teutonen? Er sieht seine Hände durch den Dämmer schimmern - es war falsch, sagt er sich. Das sind nicht mehr Soldatenhände, weiß und weich sind sie geworden, Hände eines Politikers und doch zu ungeschickt für dieses lügenhaft-feine Spiel. Solange er General war, solange sie ihn brauchten mit seinen Legionen: in Afrika, in den Alpen, in Asien - so lange erkannten sie ihn an, die noblen Herren, denen er schon als Volkstribun erheblich auf die Finger geklopft hatte. Jedoch hinter seinem Rücken - oh, das hatte er immer gewußt, sollten sie nur nicht glauben, daß er so dumm sei -, hinter seinem Rücken rümpften sie die Nasen, ihre vornehmen, wenn er beim Essen sich gehen ließ, aufstieß und hochzog, schnalzte und schlürfte. Aber ins Gesicht waren sie fein devot, er war der Herr der Legionen, abgöttisch verehrten ihn die Soldaten - nun nicht mehr, nun nicht mehr, seit jener gekommen war, der immer dann auftauchte, wenn der Gipfel des Ruhms erreicht zu sein schien, der Zaunkönig, den er, Marius, der Adler, mit in die Höhe getragen hatte und der nun noch einen Meter höher flog und frech grinste, das listige Gi
gerl, das sich nicht anstrengte, dem alles in den Schoß fiel, der adrette Schleimer, der im Feldlager immer saubere Fingernägel und parfümierte Damen hatte, dieser Sulla ...
Den haßt er, den und seine Freunde, die Nobiles, die adligen Gauner - einmal, zweimal hatte er sie geschröpft, Proskriptionslisten hatte er anschlagen lassen, wenn der Sulla nicht da war, in Afrika kommandierte oder Asien - aber flink war Sulla, plötzlich wieder vor Rom, mit unheimlicher Ubermacht, das Gigerl war feiner, er konnte da nicht mit. Jetzt ist er sein Gefangener - oh, wie er ihn haßt!
Was waren die Cimbern und Teutonen dagegen! Die waren ihm eigentlich sympathisch gewesen, Riesen wie er, Soldaten wie er, mit großen, starkbusigen Weibern, wie er sie liebte - mit diesen Burschen konnte man sich herumschlagen, die waren zu fassen, bei Aquae Sextiae, bei Vercellae - der andere war eine Schlange, schoß plötzlich hervor, war nicht zu berechnen, schillernd, glatt; da war er machtlos, Marius, Bauernsohn, Prolet, General und Diktator, so oft es in Rom an allen Ecken brannte.
Wieder rüttelt er an der Tür. Es kann doch nicht sein, daß man ihn in diesem Loch verhungern läßt wie eine alte Katze!
Die Tür geht auf. Plötzlich ergießt sich Licht in den Raum, helles, fließendes Licht. Man sieht den Schmutz auf Marius, die eingefallenen Wangen, den verwahrlosten, stoppligen Bart.
Erst ist Marius geblendet. Dann erkennt er, daß eine Gestalt sich von der Tür löst, unerhört groß, riesenhafter noch als er selber, ein blitzendes Schwert in der Hand, die Ohrläppchen von einem Pfriemen durchbohrt, rötliches Haar - ein germanischer Sklave. Der Henker.
Marius fühlt nichts. Er erschrickt nicht, obzwar das Ende in Sekundennähe vor ihm steht. Er versinkt in eine Art Narkose, die aber nur das Gefühl, die Angst, nicht aber den Geist betäubt. Immer kam diese wohltätige Ruhe in entscheidenden Momenten.
Zurück! schreit er den Henker an.
Bei dieser Stimme fährt der Sklave zusammen. Alte Er
innerungen quellen aus dem Unterbewußten. Hänge der Alpen. Heranflutende, pelzbehängte Germanen. Und drüben die eisernen Kolonnen der Legionen. Und über ihnen, weiß mit roten Streifen, der General. Mit dieser Stimme. Der Stimme, die da rief: Zurück! und die tatsächlich die wilden, vorwärts gedrängten Scharen der Cimbern zusammenpreßte, erdrückte, erschlug.
Der Sklave und der Diktator starren sich an. Als mäßen sie Energien aneinander. Schließlich müssen sie lächeln. Das ist ein Gegner, denkt Marius, den man lieben kann. Das ist Kraft von meiner Kraft.
Dann verlassen sie den Kerker. Marius fährt nach Afrika, um noch einmal Rom zu erobern und Consul zu werden, zum siebenten Male...


Sulla


Bei Puteoli ist die Sonne mild. Die Pinien verbreiten Schatten und die Quellen Kühle. In einem Garten sitzt ein Mann, dessen Alter schwer zu erraten ist. Er kann dreißig sein oder auch fünfzig oder fünfundfünfzig. Er hat kalte graue Augen, und sein Körper ist von beinahe zierlichem Ebenmaß. Auf seinem Knie liegt ein Wachstäfelchen, die rechte Hand spielt mit dem Schreibgriffel.
Das ist Sulla, der Diktator in Pension, der einzige Herrscher der Weltgeschichte, der es fertigbrachte aufzuhören, als es am schönsten war.
Sulla starrt irgendwo ein Loch in die Luft. Am schönsten, ja. Kein Gegner war mehr da - die Parteien hatte er geknebelt, die Legionen gehörten ihm, Marius war gestorben am vierzehnten Tag seines siebenten Consulats, das sich der Bauer - wie Sulla ihn insgeheim nennt - erobert hat gleich einem Dieb, als er, Sulla, in Asien ein paar Königen Vernunft beibrachte, Vernunft und römische Polizei.
Puteoli ist schöner, Puteoli und das Schreiben. Was ist ein Soldat, was ist ein Politiker für die Ewigkeit? Aber ein Schriftsteller - das ist etwas Besseres. Bücher wird man lesen in hundert Jahren und, vielleicht, auch in tausend - Schlachten sind so schnell vergessen, nutzlos sind sie im Grunde...
Der Bauer mochte an den Ruhm der Schla
chten glauben, der war primitiv, der kostete alles bis zu Ende, was er tat. Aber er, Sulla? Er ist zu intellektuell, zu sehr Gehirn - Marius war vielleicht glücklicher. Obwohl sich Sulla nichts mehr gewünscht hätte als einen Augenblick reinen Glücks. Sulla hatte als Felix triumphiert, als Glücklicher, nie war ihm eine Schlacht verloren gegangen, alles fiel ihm nur so zu, wenn er es vorher mit seinem scharfen Geist zerlegt hatte - aber er war deshalb noch nicht glücklich. Er sah die kriechenden Larven seiner Anhänger, er roch den unsagbar ekelhaften Geruch des Pöbels, der seinen Wagen schreiend umlagerte - war das Glück?
Je mehr er über sich nachdenkt, desto unklarer wird er sich. In seinen Memoirenbänden, an deren zweiundzwanzigstem er arbeitet, denkt er nur über sich nach und ist am Ende doch so klug wie am Anfang. War das alles Lüge, das ganze Leben, Lüge und zwecklos? Die Suche nach dem Glück, das sich dauernd ihm schenkte? Hatte er sich darum möglicherweise zu betäuben gesucht in dauerndem Kampfe? Im Kampfe mit Marius?
Wer war dieser Marius schon? War das ein Gegner für sein überlegenes Gehirn? Er verachtet den Bauern - er haßt ihn nicht, hat ihn nie gehaßt; aber er beneidet ihn, ganz, ganz tief im Herzen. Marius, der poltern konnte, schreien und schlagen, während er leise seines Weges ging, seine Schlachten acht Tage, bevor er sie schlug, fertig im Kopfe herumtragend -
Das erste Mal waren sie zusammengestoßen im Feldzug gegen Jugurtha. Damals war Sulla ein kleiner Quaestor, Adjutant, nicht einmal regulärer Truppenführer. Marius hetzte Jugurtha durch halb Nordafrika, aber er bekam ihn nicht. Er, Sulla, arbeitete still. Bestach ein paar Araberfürsten, dann nahm er Jugurtha mit einer Handvoll Leute fest - was war schon dabei? Marius schäumte.
Von da an kitzelte er Marius in jedem Krieg. Ob gegen Cimbern und Teutonen, ob gegen die italischen Bundesgenossen, die Rebel-Herten, ob gegen Mithridates - Marius machte die Holzfällerarbeit, er, Sulla, schöp
fte den Rahm ab.
Dann verjagten sie sich gegenseitig aus Rom.


EAN: 9783442723591
ISBN: 3442723590
Untertitel: 'btb'.
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsdatum: April 1998
Seitenanzahl: 381 Seiten
Format: kartoniert
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