HUDU

Gottesdiener


€ 9,99
 
kartoniert
Sofort lieferbar
März 2006

Beschreibung

Beschreibung

Irrungen und Wirrungen eines katholischen Priesters auf dem bayerischen Land.

Isidor Rattenhuber, geschlagen mit roten Haaren, einem hartnäckigen Stottern und seiner Herkunft aus einem armen, lieblosen Elternhaus, wird Priester, um all dem zu entgehen. In der Liturgie erlebt er Ordnung und Geborgenheit, beim Vorlesen der Heiligen Schrift verliert sich sein Sprachfehler. So wirkt er jahrzehntelang in einer kleinen Gemeinde namens Bodering, lernt innerhalb und außerhalb des Beichtstuhls die Schicksale und Sünden seiner Schäfchen kennen, hadert mit der Einsamkeit und den veralteten Strukturen der Kirche. Und verliert zum Schluss beinahe, was ihm all die Jahre Motor war: den Glauben.

Portrait

Petra Morsbach, 1956 geboren, studierte im München und St. Petersburg. Danach arbeitete sie zehn Jahre lang als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1993 lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe von München. Bisher schrieb sie mehrere, von der Kritik hoch gelobte Romane, u.a. "Plötzlich ist es Abend", "Opernroman" und "Gottesdiener" (alle im Taschenbuch bei btb). Im Frühjahr 2013 erscheint ihr neuer Roman "Dichterliebe" im Knaus Verlag. Für ihr Werk wurde Petra Morsbach mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Leseprobe

Advent


Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!
(Koh 5,1)


Heute, ausgerechnet am letzten Adventssonntag, hat er einen dummen Fehler gemacht; zumindest sieht es so aus. Nachfragen darf er nicht, also hadert er.
Was ist passiert? Er hat nach der Abendmesse Frau Danninger beleidigt, weil er gereizt und müde war. Zwar hat sie ihn herausgefordert, aber er hätte sich nicht herausfordern lassen dürfen. Frau Danninger ist eine emsige Christin, nichts Schlechtes über sie!, aber sie hat ein unheimliches Gespür für alle Empfindlichkeiten ihrer Mitmenschen, da muß sie einfach losbohren, sie kann nicht anders, und dann saugt sie sich fest. Mittags auf der Straße hatte sie ihn auf die nächste Osterwallfahrt angesprochen, geh, fahr ma doch nächstes Jahr nach Konnersreuth! Er, angespannt vor dem Marathon der Weihnachtswoche, wollte erstens überhaupt nicht mit ihr über Ostern sprechen, zweitens nicht von einer Wallfahrt und drittens schon gar nicht von Konnersreuth. Er sagte knapp: Hier in Bodering kann man genausogut beten! und ließ sie stehen. Mehrere Adventstermine standen an: Seniorenweihnacht der Freiwilligen Feuerwehr, ein Ministrantengespräch, Stallweihnacht in Zwam mit Ansprache, Abendgottesdienst. Nach dem Abendgottesdienst aber, als er aus der Seitentür der Kirche auf den verschneiten Friedhof trat, ist Frau Danninger ihn richtig angesprungen: Warum er nicht zur heiligen Resl will? Ob er was gegen die hätte? Den Raucherkrebs von ihrem Schwager hätt' die geheilt, wär' das nicht zu ihrer aller Bestem?
Er hätte wissen müssen, daß sie nicht locker läßt. Er war nicht geistesgegenwärtig. Er hatte Hunger und wußte, wenn Frau Danninger das Diskutieren anfängt, hört sie nicht wieder auf, also hat er ihr das Wort abgeschnitten: Sie könne jederzeit nach Konnersreuth fahren, er müsse ja nicht mit. Sie sagte, sie wollten aber alle zusammen ... Bei uns ist die Kirch leer!, schnauzte er. Wenn Ihr hier keine Gemeinschaft find
et, findets in Konnersreuth auch keine!, und das war der schwerste Fehler: daß er Ihr gesagt hat. Auf einmal merkte er nämlich, daß sie Zuhörer hatten. Leute waren stehengeblieben, einige, die schon am Tor gewesen waren, drehten wieder um: Sie lassen sich von Frau Danninger ganz gern unterhalten.
Nun standen sie also da in der dunklen, feuchten Kälte, bliesen Atemwolken in die Luft und stampften mit den Füßen. Er musterte die Gruppe rasch: Tatsächlich waren einige notorische Wallfahrer darunter; die schauten verletzt drein. Die anderen hatten sich noch nicht entschlossen, ob sie nur neugierig oder auch vorwurfsvoll sein sollten. Ihm war unbehaglich. Seine Autorität besteht darin, daß sie glauben, er wisse Dinge, die sie nicht wissen und auch nicht wissen wollen; trotzdem oder gerade deshalb aber darf er sie nicht erniedrigen, sonst setzen sie sich zur Wehr, und das ist auch richtig so. Die Empfehlung des Bischofs für solche Anwandlungen lautet, unauffällig auf die Bremse zu treten, denn einerseits soll der Fehlglaube eingeschränkt, andererseits die Volksfrömmigkeit nicht frustriert werden. Er dachte kurz nach und sagte dann: Es sei spät, er sei müde, Weihnachten stehe bevor, danach könne man über Ostern reden. Pfüa Gott. Er verabschiedete sich von allen per Handschlag. Dann ging er zurück in die Sakristei und zog seine Albe aus, hängte sie zusammen mit der Stola in den Schrank, faltete das Schultertuch zusammen und gab es der Mesnerin, die es dankenswerterweise waschen wollte. Er schlüpfte in seine Wolljacke und lief über den Friedhof zum Pfarrhaus, dann die Treppe hinauf direkt in die Küche. Seit halb elf Uhr vormittags hatte er nichts gegessen, ein Termin nach dem anderen, nur vor der Messe war eine halbe Stunde Zeit gewesen, aber da beachtet er die eucharistische Nüchternheit. Jetzt holt er die Aldi-Weißwürste aus dem Kühlschrank, reißt zwei aus der Packung und ißt sie im Stehen. Dann kommt ihm das selbst übertrieben vor, und die anderen drei Würste erhitzt e
r, während er in der Speisekammer nach süßem Senf sucht, den er nicht findet. Er ißt die heißen Würste ohne Senf, immerhin setzt er sich hin und schabt das Brät mit dem Messer aus der Haut. Er trinkt Malzbier dazu.
Sie sind gutwillige, ordentliche Leute, sagt er sich. Sie sind ihm gewogen und wünschen sein Wohlwollen. Sie würden ihn nie zu etwas zwingen wollen und könnten es auch nicht. Es war ein blöder Moment. Isidor ärgert sich nur über sich, nicht über sie, und um das zu beweisen, macht er sich sofort über alle die wohlwollendsten Gedanken. Er wird ruhiger. Der Abend ist noch lang. Warum sollen sie nicht nach Konnersreuth fahren? überlegt er also. Das wird niemanden von ihnen besser oder schlechter machen, aber vielleicht dem einen oder anderen Mut und Hoffnung geben, und die haben sie alle nötig. Er geht sie rasch in Gedanken durch - Frau Valin, Frau Zwickl, Herrn Pechl und so weiter, alles Leute, die sonst so gut wie nichts miteinander zu tun haben - was ist bloß in sie gefahren? Oder hat er etwas Wichtiges übersehen?
Frau Valin zum Beispiel. Die hieß Willinger, bevor sie vor fünfzig Jahren einen Franzosen heiratete und nach Frankreich zog. Die Ehe scheiterte. Frau Valin arbeitete in Rouen als Bardame, später als Putzfrau. Den Beruf wechselte sie, weil sie ihrem kleinen Sohn ein Vorbild sein wollte. Er war ein einsichtiger und gescheiter Bub, sie konnte ihn zur Arbeit mitnehmen, dort saß er auf dem Perserteppich der großbürgerlichen Wohnung und brachte sich selbst das Lesen bei. Madame und Monsieur, ein kinderloses Rechtsanwaltsehepaar, waren schließlich so vernarrt in ihn, daß sie vorschlugen, ihn zu adoptieren. Er würde eine Ausbildung bekommen, die seinem Talent entsprach, und die großbürgerliche Wohnung sowie das Ferienhaus an der bretonischen Küste erben. Die Bedingung war, daß die leibliche Mutter den Platz räumte. Sie bekam eine Abfindung und kehrte nach Bodering zurück.
Der Sohn erfüllte alle Erwartungen, er wurde Anwalt wie die Adoptivelte
rn und hat inzwischen selber Kinder; aber er ist auch ein diplomatischer Sohn und schreibt seiner Mutter regelmäßig Briefe. Einmal im Jahr besucht sie ihn und die Enkel im bretonischen Ferienhaus, nie länger als eine Woche zwar, denn erstens will sie niemandem zur Last fallen, und zweitens mokieren sich die Enkel über ihr niederbayerisches Französisch; drittens ist ihr die Bretagne zu windig. In Bodering lebt sie unauffällig in einer Einzimmerwohnung. Sie ist siebzig Jahre alt und krank - Füße, Hüften, Leber. Sie färbt sich die Haare kupferrot und läuft seit Jahren im selben abgewetzten grünen Wollmantel herum, sehr klein, füllig, leicht nach vorn gebeugt, etwas schwankend, weil jeder Schritt sie schmerzt. In der Kirche hat sie immer in der letzten Reihe gesessen und ist nie zur Kommunion nach vorne gekommen. Von solchen Leuten gibt es einige in Bodering: Sie glauben, das Wohlwollen des Herrn verscherzt zu haben, vielleicht fürchten sie auch, vom Pfarrer abgewiesen zu werden, obwohl er sie weder abweisen darf noch will. Trotzig und sehnsüchtig bleiben sie sitzen, während die Gemeinde vorn Schlange steht für die Kommunion, für ihn ist's fast schlimmer als für sie, so daß er das Gespräch mit ihnen sucht und gelegentlich auch findet. Frau Valin zum Beispiel trappelte wochenlang wie ein verschrecktes lahmes Pferd davon, wenn er sich näherte. Als es ihm gelang, sie anzusprechen, lächelte sie mädchenhaft und irgendwie ergeben mit vom Lippenstift rot gefärbten großen Schneidezähnen und erzählte ihm alles: daß sie Bardame gewesen war, und die Sache mit dem Sohn. Ein bißchen wand sie sich; sie fand sich unwürdig, denn jemand in der Gemeinde hatte gesagt, sie habe ihren Sohn verkauft. Sie kämpfte mit den Tränen: Hatte sie ihn nicht wirklich verkauft? Aber was hätte sie ihm bieten können, als Putzfrau und Alkoholikerin? (Obwohl sie nie gern getrunken hat, als Bardame hat sie einfach mittrinken müssen, und jetzt geht's nimmer ohne, a Berufskrankheit, wissen S'.) Die Adoption wa
r doch das Glück von dem Bub! Und nur ihr Unglück - nein, das auch nicht, denn natürlich war sein Glück auch ihres, oder ...? Und beim Wort natürlich kämpfte sie wieder mit den Tränen. Er erklärte, daß er nicht wisse, ob es hier überhaupt etwas zu verzeihen gebe, wenn aber ja, dann habe Gott ihr mit Sicherheit verziehen. Sie lächelte wieder mädchenhaft und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm um den Hals fallen.
Frau Zwickl weigert sich aus einem anderen Grund, an der Kommunion teilzunehmen: Sie war früher Nonne und hat den Orden wegen eines Mannes verlassen. Der Mann verließ bald darauf sie, und dann fand sie noch einen Mann. Sie selbst findet, das gehe eigentlich zu weit. Sie will keine Kommunion, weil schon das Verlassen des Ordens eine Art Scheidung gewesen sei, sie wisse, was sie sich und der Kirche schuldig sei und nehme keine Almosen. Almosen von Gott? hat Isidor überrascht gefragt. Ja! rief sie heftig. Sie ist eine stolze Frau, vielleicht hat sie es deshalb im Orden nicht ausgehalten. Jetzt arbeitet sie als Realschullehrerin in Zwiesel, täglich eine Stunde Fahrt; ihre Schüler hassen sie. Der Kirche aber bleibt sie auf ihre schroffe Art treu. Sie begleitet alle Wallfahrten, das jedenfalls kann man mir nicht verbieten! Als er fragte: Wer v-verbietet Ihnen was?, wandte sie sich ab. Ihr wirklicher Feind ist ihr Gewissen, glaubt er. Andererseits ist ihr Gewissen von der Kirche geprägt, und da kann etliches schief gehen, er darf ihr nichts vorwerfen. Die kleinen Kämpfe, die sie gelegentlich mit ihm führt, sind nichts gegen ihren Kampf mit sich selbst.
Die Eheleute Zenzi und Baptist Koller wallfahrten seit Jahrzehnten aus Dankbarkeit, weil sie so ein glückliches Paar sind. Sie möchten miteinander mindestens neunzig werden. Jetzt sind sie fünfundachtzig und in einer schweren Krise, die damit begann, daß Zenzi sich ein Bein brach. Vorgestern ist sie zum ersten Mal ohne Gehgerät ein paar Schritte gegangen, da tranken die beiden einen Piccolo auf die nächste
n fünf Jahre. Aber am gleichen Abend las Zenzi in einer Zeitschrift etwas über Brustkrebs-Symptome und erschrak, denn eines dieser Symptome traf genau auf sie zu: eine zweieinhalb Zentimeter große Verhärtung, länglich, festgebacken, mit Hauteinziehung. Am nächsten Tag ging sie zum Arzt. Sie muß noch morgen zur Operation ins Krankenhaus; das Geschwür könnte sich öffnen. Aber mir warn doch dreiasechzg Jahr verheirat'! sagen sie erschüttert.


Herr Pechl wallfahrtet, um seine Seele zu retten. Er will überallhin. Mit dem Bayerischen Pilgerbüro ist er schon in Rom, Lourdes, Fatima und Jerusalem gewesen, und natürlich begleitet er sämtliche Wallfahrten in Niederbayern, am liebsten Fußwallfahrten. Da singt und betet er unaufhörlich laut, während er in seinem sonstigen Leben nichts sagt. Herr Pechl hat den ganzen Weltkrieg an der Ostfront verbracht, keiner weiß, was er dort erlebt hat, aber danach ist er verstummt. Mit dem Wallfahrten begann er, als er in den fünfziger Jahren ein mongoloides Kind bekam. Warum erst da? Er hatte dieses Kind sofort in ein Heim geben wollen, nur mit Mühe konnte die Frau ihn hindern. Wirft er sich das vor? Oder fühlt er sich durch den behinderten Sohn bestraft für etwas, das er im Krieg getan und dann vergessen hat? Hat die vermeintliche Strafe oder unerwartetes Mitleid die Erinnerung geweckt? Andererseits: Selbst wenn sein Schock nicht von dem herrührt, was er erlitt, sondern von dem, was er getan hat: Wer macht sich nicht schuldig im Krieg? Wer kann schwerbewaffneten, von Jugend und Todesangst verwirrten Buben vorwerfen, daß sie umeinander schießen? Herr Pechl, kurzum, ist einer der verläßlichsten Gläubigen von Bodering, und man sollte nicht fragen, in welche Gräuel er verstrickt war, um es zu werden.
Zu guter Letzt war, gänzlich überraschend, Professor Weikl dabei, der interessanteste und bedeutendste Sohn von Bodering. Wilhelm Weikl hat vor über fünfzig Jahren Bodering verlassen, um in München Biochemie zu studieren, und wurd
e ein so erfolgreicher Forscher, daß er einen Ruf nach Amerika bekam. Drei Jahrzehnte war er Professor in Princeton, er hat Preise, Auszeichnungen und einen amerikanischen Paß bekommen, seine drei Söhne sind ebenfalls Wissenschaftler an amerikanischen Universitäten.
Als Herr Weikl aber vor fünfzehn Jahren in Rente ging, stellte er fest, daß er überhaupt keine Freunde hatte. Seine Frau, die inzwischen schwermütig geworden war, hatte erst recht keine Freunde, und so kam es, daß beide binnen eines Jahres vereinsamten. Nun reisten sie immer öfter nach Bodering, seine Verwandtschaft besuchen. Das erste Mal hatte der Lokalanzeiger auf Seite eins darüber berichtet, sogar mit Foto, woraufhin ab sofort jeder Herrn Weikl kannte, denn der war ein interessanter, gutaussehender Mann. Herr Weikl war sogar zum Gottesdienst erschienen und hatte mit intelligenter, ironischer Miene gelauscht. Zufällig war es eine sehr gelungene Predigt gewesen, und als Herr Weikl die Kommunion entgegennahm, hatte er Isidor zugelächelt, gewissermaßen zwinkernd: Wir wissen ja, daß es Blödsinn ist, trotzdem gut gemacht, Herr Kollege, nette Folklore! Durch all die Jahre tauchte er seitdem in der Kirche auf, mindestens einmal pro Deutschlandbesuch, hörte konzentriert und skeptisch zu, mit leise zunehmender Sentimentalität. Seit etwa acht Jahren sieht er bedrückt aus, und bei diesem Winterbesuch sogar trostlos. Seine Frau sei kürzlich gestorben, hört man. Jahrelang siechte sie dahin, erst brach sie sich den Fuß, dann bekam sie Diabetes, dann Krebs, dann einen Schlaganfall, und depressiv war sie sowieso. Die Boderinger Verwandten erzählten, daß er bei seinen Besuchen immer öfter in Tränen ausbrach. Die letzten Jahre hatte die Frau in einem Bostoner Pflegeheim gelegen, das fast die ganze Professoren-Pension von achtzigtausend Dollar verschlang, außerdem mußte der Mann jeden Tag mit dem Auto hinfahren und seine Frau füttern - von selber aß sie nichts, und das Personal hatte keine Zeit. Während er sie fütt
erte, beschimpfte sie ihn - er sei das Schlimmste, was ihr je im Leben widerfahren sei, sie hätte ihm niemals nach Amerika folgen dürfen und so weiter -, und wenn sie konnte, biß sie ihn in den Finger, worauf er jedes Mal weinte.
Auch die Boderinger sind inzwischen ungnädig mit Professor Weikl. Hatte der nicht vor Jahrzehnten seine senile Mutter in einem Deggendorfer Altersheim sich selbst überlassen und ihr gerade mal zu Weihnachten eine Karte geschickt? heißt es. Andererseits war auch die Rede von einem dunklen Geheimnis: Die Mutter war schwierig gewesen, niemand weiß, was vorgefallen ist zwischen Mutter und Sohn. Insgesamt hatte Weikl Glück, er genoß in vollen Zügen das Leben und staunt nun, wie bitter die Neige ist. Nicht ein grausames Schicksal hat ihn gebrochen, sondern das banale Alter. Auf einmal ist er wehrlos gegen Vorwürfe, die jahrzehntelang an ihm abperlten; woraus man schließen darf, daß er auch seine eigene innere Stimme gegen sich hat, und das ist erfahrungsgemäß die härteste von allen, ob mit oder ohne Grund. Denn das Gewissen ist ein gefährliches Tier.


Isidor


Weil er an mir hängt, will ich ihn retten,
ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen.
(Ps 91,14)


Warum ist er Priester geworden? Er wollte gut sein und anderen helfen, hat er vor vierzig Jahren geantwortet. Er wollte sich opfern, hätte er vor zwanzig Jahren gesagt: Was sollte er sonst tun? Er bestand zu 66 Prozent aus Wasser und versprach sich nichts von sich. Heute, da ihn seit dreißig Jahren keiner gefragt hat, würde er wahrscheinlich mit einem Scherz antworten: Was bleibt einem anderes übrig, wenn man Isidor Rattenhuber heißt, rothaarig ist und stottert?
Im Ernst würde er sagen: Die Kirche hat ihn gerettet. Sie bot die Gegenwelt zu seinem trostlosen Elternhaus. Seine Eltern waren keine schlechten Menschen, aber wüst, laut und ziellos. Sie arbeiteten hart auf ihrem kleinen Bauernhof, und wenn sie arbeiteten, schwiegen sie, abe
r wenn sie nicht arbeiteten, bekämpften sie einander gnadenlos. Das Haus hatte dünne Wände und einfache Bretter zwischen Erdgeschoß und erstem Stock, und wenn die Eltern stritten, klang es für Isidor wie Weltuntergang. Es gibt eine Fotographie vom zweijährigen Isidor, da hat er trübe Augen und eine umwölkte, wie vom Stirnrunzeln muskulös gewordene Stirn.
Er fürchtete vor allem die Unberechenbarkeit seiner Mutter. Sie konnte mit Zärtlichkeiten über ihn herfallen wie eine Naturgewalt und ihn dann tagelang mit Schweigen strafen. Er wußte nie, was er falsch gemacht hatte. Er sehnte sich nach Regeln. Sie beklagte ihm gegenüber den Jähzorn des Vaters, aber wenn der Vater mal friedlich war, mußte sie ihn provozieren. Nur in der Kirche riß sie sich zusammen. Schon als kleiner Bub genoß Isidor, wie die Mutter auf Befehl sich bekreuzigte und das Vaterunser murmelte. Sie unterwarf sich dem Ritus, und Isidor, auf ihrem Schoß sitzend, hatte zum ersten Mal ein Gefühl von Macht. Ihm gefielen die bunten Fenster, das Dämmerlicht, die seltsamen Malereien, die verrenkten Gestalten an den Wänden, der Weihrauchduft, die Nester von Kerzen in den Nischen. Er genoß die geheimnisvolle Ordnung der Messe und sehnte sich danach, ihren Sinn zu verstehen. Er malte Buchstaben ab und fragte verschiedene Erwachsene, was sie bedeuteten. Eine Tante übte mit ihm an Groschenromanen das Lesen und sagte: Na Isi, bist ja a ganz a gscheiter Bua! , da hätte er sich am liebsten adoptieren lassen.
Einmal am Heiligen Abend stritten die Eltern derart rasend, daß Isidor dachte, sie bringen sich um (und in allem Entsetzen fand, es wäre vielleicht das Beste so). Die damals schwerfällige, aufgetriebene Mutter floh ins Schlafzimmer und schloß ab, der Vater brüllte auf die Tür ein, und Isidor saß mit klopfendem Herzen allein vor dem Christbaum. Auf einmal hielt er es nicht mehr aus und floh ohne Schuhe über die verschneite, dunkle Straße zur Kirche. Dort fand ihn die Schwester des Pfarrers und brachte ihn ins
Pfarrhaus. D'M-mm-muatta h-h-h-h-h-h- versuchte Isidor zu erklären - je aufgeregter er war, desto stärker stotterte er, was leider bis heute so geblieben ist. Scho guat, antwortete der Pfarrer. Woaßt eigentlich, Isidor, daß d' scho da herin gwesn bist?
Der Pfarrer hatte einmal den vielleicht drei- oder vierjährigen Isidor bei Hochwasser aufgelesen und ins Pfarrhaus getragen. Isidor erinnerte sich nicht, aber er war so elektrisiert, daß er danach Zeugen suchte und befragte. Und zwar hatten seine Eltern den kleinen Isidor wie immer, wenn sie draußen arbeiteten, mit einem Strick ans Tischbein gebunden, damit er nicht weglief. An dem Tag war Hochwasser angesagt. Sie wickelten den Kühen Lappen um die Klauen, damit sie im Stall nicht ausrutschten, dann eilten sie für andere Besorgungen davon. Währenddessen trat die Vils über die Ufer und sprudelte unter der Stubentür herein. Der kleine Isidor an seiner Fessel kletterte auf einen Stuhl, dann auf den Tisch und weinte, und in diesem Augenblick lief eben der Pfarrer vorbei, sah ihn durchs offene Fenster, kam herein und nahm ihn mit.


Pressestimmen

"Sie werden eine literarische Wohltat erleben."
EAN: 9783442733217
ISBN: 3442733219
Untertitel: Roman. 'btb'.
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsdatum: März 2006
Seitenanzahl: 416 Seiten
Format: kartoniert
Es gibt zu diesem Artikel noch keine Bewertungen.Kundenbewertung schreiben