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Tante Elsie und mein letzter Sommer


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Januar 2006

Beschreibung

Beschreibung

Geschichten aus dem Hohen Norden beglückend komisch und mit einem verführerischen Sog.

Tante Elsie, die einen Schuss Erotik in die ländliche Kinderwelt trägt. Der Schiedsrichter, der aus persönlichen Gründen den fälligen Elfmeter am liebsten nicht pfeifen würde. Und der glücklose Rockgitarrist, der sich mit einem erfolgreichen Exkumpel herumschlagen muss. Kjell Westös Helden schlagen sich wacker auf den Feldern des Alltags, auch wenn sie nicht immer als Sieger aus ihren Kämpfen hervorgehen.

Portrait

Kjell Westö ist einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren, geboren 1961 in Helsinki, wo er heute noch lebt. Er ist vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Finnischen Literaturpreis für "Wo wir einst gingen", seine Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Leseprobe

Im August kam Tante Elsie.
Der Lärm der Stadt und die harten Holzpulte der Schule hatten sich bereits fest in meinen Gedanken verankert. Die Sonne versank immer schneller hinter dem Land der großen Kiefern auf der anderen Seite des Wassers. Ich war mir sicher, wenn ich nur das Motorboot nehmen und die dunkle Klippe mit der leer stehenden grünen Hütte umrunden dürfte, würde ich das Zischen hören und sehen können, wenn die Sonne in eine der Buchten hinter dem Kiefernwald fiel; aber Papa meinte, das Boot sei viel zu kippelig.
Einige Jahre vergingen, unser Boxer Bruno gewann eine Dritter-Platz-Schleife bei einer großen Hundeausstellung und lief immer seltener weg, mein Bruder Kenneth zog zu Hause aus, an den Wintersamstagen bekamen wir schulfrei, aber gleichzeitig wurde der Sommer kastriert; es war nicht mehr der September, der die Grenze markierte, sondern der sechzehnte oder achtzehnte August. Wir aßen Flusskrebse, Onkel Walle holte sie in Tammerfors, blaugrau und grauslig krabbelten sie in ihren Pappkartons, wurden in den Kochtopf geworfen und wurden rot und tot. Die Raubfische erwachten aus ihrer Juliträgheit, die Zander gingen wieder ins Netz. Inmitten des schweren, dunklen Grüns gab es einen Abgrund, das spürte ich, obwohl ich erst viel später gelernt habe, die Worte dafür zu finden.
Im August wartete ich auf Tante Elsie.
Sie kam mit einem Duft aus Tabak und Moschus, Großstadt und Lachen. Tante Elsie setzte eine Zäsur, ihre Stimme war laut und gierig, durchdrang die Genügsamkeit und übersättigte Ruhe, die im August über Lönnbacka hing. Ihre Haare kräuselten sich bis zur Taille, so schwarz wie die Kohlenhalden neben den Kraftwerken, die der Stadt Wärme spendeten. Die Stadt! Vielleicht war dies ja das Geheimnis Tante Elsies - dass sie an Helsingfors erinnerte. Sie war hektisch und schnell, ihre Kent rauchte sie mit energischen Zügen, die ihre Wangen zu zwei großen Gruben zusammenzogen, und die Schritte, mit denen sie ging, waren so kurz, dass es auss
ah, als würde sie laufen. Auf ihrem Nachttisch in der Saunakammer lagen stets vier Bücher, alle mit einem Eselsohr irgendwo in der Mitte.
Tante Elsie war nicht wie wir anderen; sie war maßlos, spielte Fußball mit mir und meinem dicken Cousin Robin, wanderte rastlos auf Lönnbacka umher, rauchte Kette, las in einem fort und genoss so gierig und redete über so viele Dinge gleichzeitig, dass Großmutter, die das halbe Jahr dort draußen in der Stille lebte und außerdem alt war und in aller Ruhe über die Dinge nachdenken wollte, oft aussah, als würde sie nichts verstehen.
Elsie, Liebes, sagte sie, du solltest dir deinen Kopf nicht mit so vielen Dingen voll stopfen. Was du nicht verdaut bekommst, kann schmerzhaft für dich werden.
Tante Elsie lachte und schüttelte energisch den Kopf, sodass sich der schwarze Schwall wie ein Vorhang über ihre Augen legte.
Ich bin noch jung, ich schaff das schon.
Ich fand nicht, dass Tante Elsie jung war. Für mich waren sie alle alt und dem Tod und Verschwinden auf eine Weise nahe, die mir manchmal eine leichenblasse Angst einflößte, allein zurückzubleiben: Papa und Mama, Großmutter, Onkel Walle und Satu, die Onkel Walles Frau und Robins Mama war und Finnisch sprach, und Tante Elsie; sie alle hatten schon so unfassbar lange gelebt.
Aber wenn Tante Elsie nicht jung war, so war sie dennoch schön, auf die gleiche Art schön wie Helsingfors, wenn man am Tag vor dem Schulbeginn zurückkehrte und die Stadt am Ende der Autobahn vor einem lag, mit all ihren Menschen und all ihrer Gier.


Jeden Morgen steht Tante Elsie vor der Sauna. Vor ihr steht eine gesprungene Emailleschüssel. Tante Elsie beugt sich über die Schüssel. Es ist immer früh, alle anderen schlafen. Tante Elsie wäscht sich unter den Armen, ihre Brüste schwingen wie gewaltige Pendel von links nach rechts und wieder zurück, das Wasser spritzt, und Tante Elsie pfeift vor sich hin. Robin und ich stehen am Waldsaum, zusammengekauert hinter dem großen Stein, wi
r bekommen immer größere Augen.
Dann geht Tante Elsie schwimmen, wenn das Wetter gut ist. Robin und ich schleichen hinterher, verstecken uns hinter der Riesentanne. Der See glitzert mit hundert Augen, die Ukeleien hüpfen auf und ab, als zöge jemand mit Fäden an ihnen, weiße und gelbe Seerosenblätter schaukeln auf dem Wasser. Robin und mir verschlägt es die Sprache, weil alles so wunderschön ist. Tante Elsies Haare sind so lang, dass sie bis zu ihrem Po hängen, der sich leuchtend weiß von ihrem braunen Rücken und den braunen Beinen absetzt. Wir warten auf den Moment, wenn sie zurück schwimmt, sich aufrichtet und an Land watet. Ich hebe einen Fuß auf einen Stein und lehne mich vor, damit Robin nicht sieht, was mit mir geschieht.
Im Sommer vor dem, in dem alles geschah, hatte Robin begonnen, es mir gleichzutun.


Großmutter stand am Herd und backte Scones. Musik strömte aus dem alten Transistorradio, das auf der Kommode neben dem Porträt von Großvater und Urgroßmutter und den anderen Toten stand.
Bleibt Tante Elsie lange dieses Jahr?, fragte ich.
Viljaaaoooooviljaaa, sang Großmutter. Ihr Oberkörper wiegte sich verträumt, während sie aus vollem Halse sang. Ich habe niemals begriffen, wie sie es anstellte, aber obwohl dies lange vor der Zeit der vielen Rundfunksender war, bereitete es Großmutter nur selten Probleme, eine Wellenlänge mit der Lustigen Witwe zu finden.
Wann wirst du mir erzählen, wo Tante Elsie im Winter wohnt und wie sie mit uns verwandt ist?, versuchte ich es.
Wenn du älter bist. Könntest du bitte zum See hinuntergehen und deiner alten Großmutter Wasser holen?
Ich ging.
Sei lieb zu Tante Elsie, wenn sie kommt, sagte Großmutter, als ich zurückkehrte. Sie hat hart gearbeitet und ist müde.
Ich nickte. Großmutter stand weiter am Herd, sie hatte wieder angefangen zu singen: Viljaaaoooviljaaa -


Als Papa den Wagen nahm und zur großen Straße fuhr, um Tante Elsie abzuholen, hockte ich draußen auf der Bu
cht und angelte. Ich wurde wütend; zur großen Straße zu fahren, wäre eine willkommene Abwechslung vom täglichen Einerlei gewesen. Obwohl ich es nicht zugeben wollte, sehnte ich mich bereits nach der Stadt, und an der großen Straße wären die Autos vorbeigerauscht und hätten mir einen Vorgeschmack darauf gegeben. Außerdem hätte ich, mit etwas Glück, einen Blick auf jemanden aus der verrückten Familie erhaschen können.
Der Bauernhof der verrückten Familie lag am Waldsaum, etwa zweihundert Meter von der großen Straße entfernt. Zwischen Straße und Hof lagen ein paar kleinere Felder, die von ihnen bewirtschaftet wurden. Papa hatte mir verboten, Aaltonens die verrückte Familie zu nennen, aber es fiel mir schwer, es bleiben zu lassen, da Herr Aaltonen der einzige von ihnen war, der normal zu sein schien.
Herr Aaltonen war groß, grobschlächtig und still. Wenn er Papa, Mama oder Großmutter sah, hellte sich seine Miene stets auf, und er gab ihnen die Hand und grüßte: Es klang ungefähr wie Puaiviee, puaiviee. Er war größer als Papa, obwohl es aussah, als wäre es umgekehrt. Ich weiß nicht, ob Papa sich reckte oder Herr Aaltonen sich duckte, aber Herr Aaltonen schien zu Papa aufzublicken.
Papa, der gerne zum Besten gab, dass er zwei Jahre in einer Fabrik gearbeitet hatte, bevor er anfing zu studieren und im Laufe der Zeit reich wurde, wirkte oft verlegen.
Manchmal unterhielten sich Papa und Herr Aaltonen so leise, dass ich sie nicht hören konnte. Herr Aaltonen schüttelte dann oft den Kopf. Trat ich näher, erhoben beide die Stimme und einigten sich auf einen gemeinsamen Angelausflug an einem der nächsten Tage. Einmal merkten sie nicht, dass ich dicht hinter ihnen stand, und da verstand ich, dass sie überhaupt nicht übers Fischen sprachen.
Papa, was bedeutet ihmisen on taakkansa kannettava, fragte ich hinterher.
Dass der Mensch mit dem leben muss, was ihm gegeben wurde, sagte Papa. Das pflegen Leute zu sagen, die an Gott glauben.
Frau Aaltonen wohnte nur
von Mai bis September auf dem Bauernhof. Im Winter ruhte sie sich siebzig Kilometer südlich in Tammerfors aus, das hatte Großmutter erzählt. Mitten in einer Hitzewelle konnte Frau Aaltonen in dicken Wollsocken, braunen Winterstiefeln mit hohen Schäften, einem Wollpullover und langem Mantel zum Kaufmannswagen kommen. Die Kinder schwitzten in ihren Badehosen, die Erwachsenen in Shorts, Bikinis und Strandsandalen. Frau Aaltonen schenkte uns ein trauriges Lächeln, das besagte:
Ich sehe durchaus, dass ihr glotzt, obwohl ihr nichts sagt.
Ich stellte mir vor, dass Frau Aaltonen auf irgendeine Weise von innen heraus fror. Einmal hatte ich an der Kasse des Kaufmannswagens hinter ihr gestanden. Sie hatte durchdringend gerochen, nicht wirklich schlecht, aber etwas abgestanden.
Aaltonens Tochter hatte ich ein einziges Mal gesehen. Sie war im Schlepptau ihrer Mutter zum Kaufmannswagen gekommen, mit kurzen, schlurfenden Schritten, den leeren Blick hartnäckig auf die staubige Straße gerichtet. Nie zuvor hatte ich einen so bleichen Menschen gesehen, sie war so weiß wie die Fische, wenn sie im Wasser sterben und den Bauch nach oben kehren. Ihre Augen waren zwei schwarze Löcher, zwei Brunnen, in die man hinabblicken konnte, immer weiter, weiter, weiter, ohne jemals etwas zu finden.
Ich war damals vor Angst wie gelähmt, der Geruch von Seife und Sommerwiese verschwand, ich stand wie verhext und stierte. Ich erinnere mich, dass ich an jenem Abend, als Lönnbacka in rotes Licht getaucht war, zu Großmutter ging, die in meinen Augen auf alles eine Antwort wusste, und ihr erzählte, was ich gesehen hatte.
Großmutter hatte eine Stadtwohnung in Tammerfors, aber am liebsten lebte sie draußen auf Lönnbacka, wo sie sich in das vertiefen konnte, was sie am meisten interessierte: die Natur. Ich pflegte vor dem Kaminfeuer bei Großmutter im kleinen Haus zu sitzen. Wir hörten Die Naturwächter im Radio, eine Sendung, bei der man anrufen und Fragen zu Tieren und Pflanzen stellen konn
te. Ab und zu ging Großmutter in das Zimmer mit dem Webstuhl, in dem das Telefon stand, und rief selbst beim Rundfunk in Helsingfors an. Ich blieb sitzen und hörte Großmutter aus dem Radio über die schwache, verzerrte Leitung Fragen stellen.
Was Großmutter mir erzählen wollte, als ich Kind war, erzählte sie mir in Form von Märchen über Tiere, Bäume und Blumen. Ich war ein Stadtkind und verstand nicht immer. An jenem Abend, an dem ich ihr von Aaltonens Tochter erzählte, nahm Großmutter die Vögel zu Hilfe und wollte von mir wissen, ob mir aufgefallen sei, wie verschieden ihr Temperament war, die Prachttaucherfamilie auf Lillön, das Elsternpaar, das den Bootssteg bevölkerte, die Tauben in Tammerfors und die Kranichkolonie drüben am Moor von Kontuniemi. Kinderkram, fand ich, der ich im Frühling zehn geworden war und bald als der Jüngste in meiner Klasse aufs Gymnasium gehen sollte. Als ich ihr widerwillig mit Ja geantwortet hatte, meinte Großmutter, es gebe auch Vögel, die man nur selten sehe, Vögel, die ihre Flügel verloren und vor allem Angst bekommen hatten.
Was soll das heißen, vor allem, sagte ich ungeduldig.
Vor sich selbst, dem nächsten Tag, den Menschen - eben allem.
Ich glaube, sie ist einsam, sagte ich.
Das ist sie bestimmt, erwiderte Großmutter.
Ich glaube, man wird einsam auf dem Land, sagte ich.
Man wird auf dem Land auch nicht einsamer als in der Stadt, sagte Großmutter, aber man hat hier mehr Zeit zu merken, dass man einsam ist.


Ich lief vom Ufer herauf und warf mich außer Atem in Tante Elsies Arme.
Sie packte mich und versuchte, mich hochzuheben, schaffte es aber nicht.
Du bist aber groß geworden!
Tante Elsie roch nach Tabak aus dem Mund, wie sie es immer tat, aber auch nach etwas anderem, es war ein scharfer Geruch, den ich eigenartig fand.
Willst du meine Dribblingbahn sehen, sprudelte es aus mir heraus, ich laufe mit dem Ball zwischen den Stöcken in vierzehn Sekunden!
Nun lass Tante Elsie s
ich erst einmal umziehen und an die frische Luft gewöhnen, meinte Großmutter und wandte sich ihrem Gast zu: Es gibt gleich Tee und belegte Brote, aber du kannst dich ruhig vorher ein wenig ausruhen.
Tante Elsie nahm ihre Koffer, einen braunen und einen dunkelblauen, und ging zur Sauna hinunter. Mitten auf dem Hang blieb sie plötzlich stehen, schaute zu mir und Robin hinauf, die wir den Ball zwischen uns hin und her kickten, und lachte laut.
Robin zuckte zusammen.
Ach was, schnaubte ich, sei kein Angsthase. Tante Elsie lacht immer so, das ist doch ihr Speziallachen.
Robin wirkte immer noch ängstlich, und das machte mich wütend. Seine Angst war ein gegen Tante Elsie gerichteter Vorwurf.
Du verdammter Waschlappen, sagte ich so höhnisch, wie ich nur konnte.


Beim Abendessen war Tante Elsie so lebhaft und laut wie eh und je. Ich begriff nicht alles, was gesagt wurde, aber von Zeit zu Zeit hatte ich das Gefühl, die anderen versuchten, Tante Elsie zurückzuhalten, sie dazu zu bewegen, weniger zu reden.
Das Gespräch verebbte. Onkel Walle zog an seiner Pfeife. Tante Elsie hatte unmittelbar über der Nasenwurzel eine Falte, sie rauchte ihre blendend weißen Zigaretten.
Was für einen herrlichen Sommer wir bekommen haben, sagte Onkel Walle.
Ja, welch eine Wonne. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Vögel jemals so viele Küken hatten wie in diesem Jahr, sagte Großmutter.
Die gesegnete helle Jahreszeit. Schade nur, dass sie so kurz ist, ergänzte Mama.
Wohl wahr, sagte Papa und stand auf, um Kaffee nachzugießen.
Ich weiß schon, was ihr denkt, sagte Tante Elsie plötzlich in einem Tonfall, den ich nicht kannte. Ihr denkt, dass ich meine Forschung und meine Reisen aufgeben und stattdessen lieber heiraten sollte. Ihr glaubt, ich werde - Sie verstummte mitten im Satz. Diesmal geriet ihr Lachen, das laute und kühne, irgendwie außer Kontrolle, wurde schrill und knickte weg wie ein Metalldraht, der von einer Schweißflamme bearbeitet
wird.
Der Junge, sagte Großmutter.
Wir denken nur, dass du nicht so viel grübeln solltest, sagte Papa.
Ich hüpfte auf Tante Elsies Schoß.
Schau mal, wie gelb dein Zeigefinger ist, sagte ich. Tante Elsie betrachtete ihre linke Hand und anschließend mich. Ihre Augen waren grau und standen ein wenig schräg. Meine Augen hatten eine ähnliche Farbe, waren jedoch groß und rund.
Ich habe keine Angst vor dir, obwohl Robin welche hat. Aber du rauchst zu viel. Das ist nicht gesund, sagt Oma.
Alle lachten.
Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir uns zurückziehen, meinte Onkel Walle.


Am Morgen kroch die Sonne verschleiert von einem weißen Dunst über Lönnbacka den Himmel hinauf. Ich schlich die Treppe hoch, vorbei an Onkel Walles und Satus Schlafzimmer, durch die Küche und zu Robins Zimmer. Ich steckte den Kopf hinein und zischte.
Wie viel Uhr ist es, fragte Robin verschlafen.
Halb sieben.
Sollen wir zur Riesentanne gehen und warten?
Das machen wir.
Wir liefen auf dem Wurzelpfad zum Ufer hinab. Es lag noch Tau, und die Wurzelgeflechte verliefen rutschig quer über den Pfad; aus einem Meter Entfernung sahen sie aus wie dicke Schlangen.
Wir bezogen Posten hinter der Tanne, warteten eine Viertelstunde; nichts geschah. Weitere zehn Minuten. Der Schleier am Himmel verschwand, und das Ufer war in grelles Sonnenlicht getaucht. Zwei Menschen traten auf der anderen Seite der Bucht auf einen Steg hinaus. Ansonsten war alles still. Viele Sommerhäuser waren bereits verriegelt. Das Wasser war flach, in Ufernähe war es immer noch lauwarm. Die Schule würde in einer Woche beginnen.
In der Saunakammer waren die Vorhänge zugezogen.
Warum kommt sie nicht?, fragte Robin ungeduldig.
Sieh mal, sagte ich und zeigte auf das Fenster, die Vorhänge sind zu kurz. Sollen wir hineingucken?
Traust du dich?
Na klar.
Wir schlichen uns zum Fenster. Ich lehnte mich vorsichtig an die Wand, streckte den Hals und blickte durch e
inen Spalt schmutzigen Fensters, der zwischen Rahmen und Vorhang frei war. Der Raum lag im Zwielicht, aber ich konnte Tante Elsie auf der Bettkante sitzen sehen, und ich zuckte zusammen. Tante Elsies Haare waren wirr, sie klebten in dünnen, schwarzen Strähnen an ihrer schweißnassen Stirn. Ich blinzelte und sah, dass auf dem Fußboden schwarze Locken lagen; Tante Elsie hatte sich in der Nacht die Haare geschnitten. Im Nacken waren ihre Haare fettig und verfilzt. Tante Elsie rauchte mit schnellen Zügen und warf die Zigarette anschließend mit einem heftigen Ruck fort. Sie landete neben einem schwarzen Aschenbecher, der randvoll war. Tante Elsie lehnte sich vor, nahm etwas aus einer kleinen flachen Schachtel, die zwischen den Büchern auf dem Nachttisch lag, schluckte es und setzte sich wieder aufs Bett. Ihre Augen starrten groß und hohl auf einen Punkt an der Wand, irgendwo schräg über dem Kachelofen. Ich schaute hin, konnte dort aber nichts entdecken. Tante Elsies Lippen bewegten sich, aber ich hörte keinen Ton. Vielleicht lag es am Fenster. Ihre Augen blieben auf den Punkt an der Wand gerichtet. Dort war immer noch nichts. Nichts.
Darf ich gucken?, hauchte Robin in mein Ohr.
Wenn du unbedingt willst. Aber du bist selber schuld.
Robin lehnte sich vor. Ich sah, dass er Angst bekam, und zog an seinem Hosenbund.
Komm jetzt.
Tommen, sagte Robin, als wir den Hang hinaufliefen.
Ja.
Tante Elsie ist gefährlich geworden.
Ich blickte zur Seite und musterte ihn, wie er dort neben mir stapfte. Er war klein und dick und hatte Angst. Ich hatte selber Angst. Er hätte das nicht sagen sollen. Ich bekam plötzlich Lust, ihm weh zu tun.
Schwachsinn!, sagte ich so nachdrücklich, wie ich nur konnte.
Ihre Augen haben ausgesehen wie die von einem Barsch, meinte Robin.
Tante Elsie ist ein Mensch, sagte ich.


Wir im großen Haus frühstückten wie üblich gemeinsam.
Ich blickte den Pfad zum kleinen Haus hinunter und sah Großmutter mit eine
r Gartenschaufel im Rosenbeet graben. Von Tante Elsie keine Spur.
Und, hat Tommen heute Nacht von Sirenen geträumt?, versuchte es Onkel Walle, der wusste, dass ich Tante Elsie mochte. Robin und ich sahen uns verblüfft an. Sirenen hörte man in der Stadt, sie waren auf Polizeiautos und Krankenwagen. Ich sah, dass Robin immer noch verängstigt war, fast etwas sagen wollte, und trat ihn gegen das Schienbein. Er biss sich in die Lippe und schwieg. Ich hatte mir vorgenommen, nach dem Frühstück meinen eigenen Dribblingrekord zu schlagen. Vierzehn Sekunden waren einfach nicht gut genug. Robin wollte gerne Krocket spielen, und als ich nein sagte, trottete er schmollend allein zum Spielfeld.
Meine Dribblingstöcke lagen kunterbunt verstreut auf der Erde. Bruno, dachte ich und begann, sie in ihre Löcher zurückzustecken. Da kam Robin angelaufen. Er weinte. Onkel Walle lief ihm hinterher. Robin blieb stehen, drehte sich um und verschwand in seinen Armen.
Papa, Tante Elsie ist vorbeigelaufen und hat die Krockettore rausgetreten, sie hatte ein ganz weißes Gesicht, Papa, Tante Elsie ist gefährlich!


Pressestimmen

"Geschichten aus dem Hohen Norden beglückend komisch und mit unwiderstehlicher Sogwirkung. (...) Kjell Westös Helden schlagen sich wacker auf den Feldern des Alltags, auch wenn sie nicht immer als Sieger aus ihren Kämpfen hervorgehen."
EAN: 9783442734337
ISBN: 3442734339
Untertitel: Erzählungen. Originaltitel: Lugna Favoriter. 'btb'.
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsdatum: Januar 2006
Seitenanzahl: 313 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Paul Berf
Format: kartoniert
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