HUDU

Wir alle für immer zusammen


€ 5,90
 
kartoniert
Sofort lieferbar
Mai 2005

Beschreibung

Beschreibung

»Hier liegt Polleke, Dichterin, im Alter von elf Jahren an einer merkwürdigen Mutter gestorben.« In Pollekes Leben sieht es ganz schön kompliziert aus. Erst macht Mimun, der liebste Junge auf der ganzen Welt, mit ihr Schluss. Dann verliebt sich ihre Mutter bis über beide Ohren in Pollekes Lehrer. Und dann ist da noch ihr Papa, der ein Dichter ist, aber nie Gedichte schreibt ... Anrührend ehrlich und ungeschminkt komisch erzählt Polleke aus dem Leben ihrer wunderbaren Patchwork-Familie.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2002.
Nominiert für den Unesco-Preis für Kinder- und Jugendliteratur.

Portrait

Guus Kuijer, geboren 1942 in Amsterdam, war zunächst Lehrer und ist seit 1973 freier Schriftsteller. Vielfache - auch internationale - Auszeichnungen für seine Kinder- und Jugendbücher, darunter 1982 der Deutsche Jugenliteraturpries für "Erzähl' mir von Oma" sowie der Holländische Staatspreis für sein Gesamtwerk. Im Jahr wurde er mit dem Astrid Lindgren Gedächtnispreis geehrt.

Leseprobe

INHALT:


- Erstes Kapitel, in dem Mimun mit mir Schluss macht, weil ich Dichterin bin


- Zweites Kapitel, in dem ich wütend bin, aber keine Rassistin, und in dem sich der Lehrer in meine Mutter verliebt


- Drittes Kapitel, in dem es um meinen unnormalen Papa (UP) geht, um den Besuch des Lehrers und Mimuns Brief


- Viertes Kapitel, in dem es darum geht, dass mein Vater ein Dichter ist, dass Hilletje eine Stoffpuppe in den Videorekorder steckt und dass der Lehrer bei uns zu Hause ist


- Fünftes Kapitel, in dem es darum geht, dass ich vielleicht doch einen Glauben habe und dass Greetje Mutter wird


- Sechstes Kapitel, in dem es darum geht, dass Spiek verschwindet, der Lehrer aber gerade nicht, und um Flussdeltas


- Siebtes Kapitel, in dem es darum geht, dass getratscht wird und dass ich einen Hindu nehme und was mit Spiek passiert ist


- Achtes Kapitel, in dem ich und mein Kalb einschlafen, ich auf Oma wütend werde und meine Mutter und der Lehrer sich küssen


- Neuntes Kapitel, in dem es darum geht, dass es jetzt alle wissen und dass Spiek es auch weiß


- Zehntes Kapitel, in dem es darum geht, dass mein Vater auf dem Weg zum Ende der Welt ist, dass der Lehrer ein anständiger Kerl ist und dass Mimun und ich nicht zusammen gehen


- Elftes Kapitel, in dem Caro und ich ein albernes Spiel spielen und Gamesh etwas durch die Klasse ruft


- Zwölftes Kapitel, in dem es darum geht, dass ich Bäume lerne, dass ich schön beten kann, dass man manche Sachen nicht darf, andere aber wohl, und dass der Lehrer manchmal nicht der Lehrer ist


- Dreizehntes Kapitel, in dem es darum geht, dass viel zu viel passiert, woran man denken muss, und um einen Zahn, der nicht da ist


- Vierzehntes Kapitel, in dem drei Gulden fehlen und Mimun mich erschreckt, ich dann aber sehr froh darüber bin




ERS
TES KAPITEL,
IN DEM MIMUN MIT MIR SCHLUSS MACHT, WEIL ICH DICHTERIN BIN


Mein Lehrer ist in meine Mutter verliebt! Kann man sich was Schrecklicheres vorstellen? Nein! Na ja, mein Vater und meine Mutter sind schon lange geschieden. Verboten ist es also nicht direkt. Meine Mutter ist eine liebe Mama. Mein Lehrer ist ein netter Lehrer. Aber die beiden zusammen? Das ist ja wohl abartig.
Und dann bin ich wahrscheinlich auch noch selbst dran schuld.
Es ist vor ein paar Monaten passiert.


Es war der Tag, an dem das Berufsprojekt anfing. Wir wussten schon, dass wir als Nächstes ein Projekt über Berufe machen würden, aber der Lehrer wusste nicht, dass wir es wussten. Deshalb fing er so an: Kinder, sagte er, später werdet ihr mal was. Ich zum Beispiel bin Lehrer geworden. Und ein anderer ist General. Um nur mal etwas Bedeutendes zu nennen. Und jetzt möchte ich wissen, was ihr werden wollt.
Ein riesiger Tumult brach los. Alle schrien durcheinander. Da klopfte der Lehrer mit seinem Stock an die Tafel und es wurde still.
Der Lehrer ging uns der Reihe nach durch.
Mehmet?
General.
Mourad?
General.
Fatima?
General.
Hoho, sagte der Lehrer. Ich glaube, ihr habt es nicht richtig verstanden. Ihr dürft euch selbst was ausdenken. Ihr sollt mir nicht nachplappern. Ihr sollt ehrlich sagen, was ihr später mal werden wollt. Mehmet?
Mehmet guckte den Lehrer an. Er seufzte tief. Also kein General?, fragte er. Der Lehrer seufzte ebenfalls tief. Du darfst gern General werden, aber du darfst auch etwas anderes werden.
Mehmet sah den Lehrer erleichtert an. Ach so, sagte er. General!
Der Lehrer zögerte einen Moment. Dann zeigte er auf Mourad. Mourad?
General.
Ich fing an zu lachen. Ich konnte einfach nicht anders. Der Lehrer lief rot an. Was ist daran so lustig, Polleke?, fragte er wütend.
Nichts, sagte ich.
Was willst du später mal werden?, fragte er.
In dem Moment sagte ich etwas ganz und ga
r Falsches. Ich sagte: Dichterin.


Dichterin


Mal fällt das Wort wie eine Schneeflocke
mal fällt es wie ein Stein
und dann sagen alle:
Still, da fällt ein Wort.


Der Lehrer starrte mich sehr lange an. Ich sah, wie ein paar Kinder die Worte Blöde Kuh dachten. Ein Zettel plumpste auf meinen Tisch.


Wir hatten doch abgemacht, dass alle dasselbe werden wollen!


Ich schämte mich fast zu Tode. Das hatte ich ja total vergessen!
Der Lehrer ging durch die Klasse. Er sagte nichts. Es dauerte furchtbar lange. Bist du dir sicher?, fragte er. Willst du nicht lieber General werden?
In dem Moment fand ich ihn unheimlich nett. Ich rief also: Ja, eigentlich schon.
Er fing an zu lachen. Er lachte und lachte, ganz für sich allein.


Auf der Straße drückte Mimun mir einen Zettel in die Hand.


Ich gehe nicht mehr mit dir, denn ich glaub, in meiner Kultur ist das gar nicht erlaubt, dass eine Frau Dichter ist, ganz bestimmt ist das nicht erlaubt, und wer will auch schon Dichter sein?


Als ich das Mama erzählte, lachte sie. Sie sagte: Man muss schon was dafür übrig haben, Polleke.
Wofür?
Für die Kunst.
Manchmal könnte ich ihr glatt eine scheuern.
Als ich im Bett lag, hab ich mir ein Gedicht über Mimun ausgedacht. Das braucht sonst keiner zu wissen. Nicht mal meine Mutter.


Deine Augen können so schwarz sein
dass es wie Afrika scheint
und kaum schau ich in sie hinein
scheinst du ganz weit weg zu sein.


Ich musste ein bisschen weinen und dann bin ich eingeschlafen.


ZWEITES KAPITEL,
IN DEM ICH WÜTEND BIN, ABER KEINE RASSISTIN,
UND IN DEM SICH DER LEHRER IN MEINE MUTTER VERLIEBT


Am nächsten Tag schrieb ich Mimun einen Zettel:


Deine Scheißkultur kannst du dir sonst wohin stecken!
Dann geh doch mit so 'nem Mädchen, das immer mit einem Staubtuch auf dem Kopf rumlä
uft. Ist ja auch praktisch!
Polleke


Das war dumm von mir, denn der Lehrer fand den Zettel. Er war ganz geschockt. Das Berufsprojekt wurde abgeblasen. Wir mussten alles wegräumen. Wir mussten die Arme übereinander legen und gut zuhören. Dann sagte der Lehrer, wir würden ein Antirassismusprojekt machen. Jetzt weiß ich, dass man sich höchstens als faule Kartoffel beschimpfen darf. Alles andere ist Rassismus.
Aber ich hab es aus Versehen getan. Weil ich so verrückt bin nach diesem bescheuerten Marokkaner.


Jeder will nach Holland kommen
ich will weg von hier
denn in andern Ländern
bin ich Ausländerin
und wenn es da Rassismus gibt
dann liegt es nicht an mir.


Als ich Mama davon erzählte, wurde sie auch noch wütend! Nicht auf mich, sondern auf den Lehrer.
Ich dachte, sie platzt gleich.
Was?, brüllte sie. Hat dieser Kakerlak dich etwa als Rassistin beschimpft?
Darüber musste ich nachdenken. Hatte dieser Kakerlak, ich meine, hatte der Lehrer mich als Rassistin beschimpft?
Nein, sagte ich. Im tiefsten Innern sind wir alle ein bisschen rassistisch, das hat er, glaub ich, gesagt.
Gebrauch mal deinen Verstand, Polleke, brüllte meine Mutter. Das kam doch nach deinem Zettel, oder? Deine Scheißkultur kannst du dir sonst wohin stecken!, das war doch der Auslöser, oder?
Ja, so war es.
Und das hast du geschrieben, weil Mimun mit dir Schluss gemacht hat?
Ich nickte. Ich merkte, wie meine Augen feucht wurden. Ich schüttelte den Kopf, um die Tränen rauszuschütteln. Wie ich dieses Heulgefühl hasse!
Das Gesicht meiner Mutter hellte sich auf. Sie ließ sich in einen Sessel fallen und ihre Schultern fingen an zu zucken. Dann zuckte auch der Rest. Meine Mutter ist einsdreiundachtzig groß und dick, da gibt es also einiges zum Zucken. Erst dachte ich, sie weint, weil ich traurig bin, aber das war es nicht. Sie zuckte vor Lachen!
Weil er mit dir Schluss gemacht hat!, quiekte sie. Ras
sismus!
Es war nicht mit anzusehen. Wenn meine Mutter lacht, wird sie puterrot. Fast lila. Echt wahr. Wenn Leute dabei sind, schäme ich mich jedes Mal beinah zu Tode.
Plötzlich hörte sie auf. Weißt du was, sagte sie. Das lass ich mir nicht gefallen. Ich lass es doch nicht zu, dass meine Tochter als Rassistin beschimpft wird! Aber es war schon hässlich von dir, das mit dem Staubtuch. Siehst du das ein?
Ich nickte, denn ich sah es ein.
Das darfst du nie mehr sagen, klar?
Ich guckte sie nicht an, ich schämte mich.
Rassismus, grummelte sie. Was denkt sich der Dreckskerl?
Sie wurde blass. Mein Herz rappelte wie verrückt. Ich wusste, dass etwas Schreckliches passieren würde.


Am Abend im Bett konnte ich nicht einschlafen. Ich musste an Oma und Opa denken. Die beten nämlich immer, weil sie an Gott glauben. Mir war jetzt auch nach Beten. Da musste ich lachen, weil mir etwas Lustiges einfiel.
Ich war sieben und übernachtete bei Oma und Opa. Das ist immer ganz toll, weil sie einen Bauernhof haben. Aber darum geht es jetzt nicht. Sie beten bei Tisch und auch vorm Schlafengehen. Also fragte ich Opa, wie man das macht.
Ach, Polleke, das ist ganz einfach, sagte Opa. Wenn du Schwierigkeiten hast, in der Schule oder so, dann erzählst du es Gott, und zum Schluss sagst du Amen, das ist alles.
Ehrlich?, fragte ich. Sicherheitshalber sah ich Oma an. Oma nickte, also stimmte es. Wir saßen am Tisch, und Opa sagte: Willst du es mal ausprobieren?
Ich nickte.
Gut, dann mal los, sagte Opa. Er faltete die Hände und schloss die Augen. Oma nickte mir zu, dann machte sie auch die Augen zu.
Es wurde still, also kniff ich die Augen zusammen und sagte:
1 mal 7 ist 7
2 mal 7 ist 14
3 mal 7 ist 21
4 mal 7 ist 28
5 mal 7 ist 35
6 mal 7 ist 42
7 mal 7 ist 49
8 mal 7 ist 56
9 mal 7 ist 63
10 mal 7 ist 70
amen.
Dann machte ich die Augen wieder auf.
Omas Hand lag in Opas Hand, und
ich sah, dass sie sich kniffen. Beide hatten den Kopf gesenkt. Es dauerte lange, bis Opa die Augen wieder aufmachte. Sie waren ein bisschen nass. Oma drehte sich um und rannte in die Küche.
Aber es war nichts Schlimmes, denn Opa fing an zu lachen.
Als Oma zurückkam, war sie rot, und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn.
Opa sagte: Das war das schönste Gebet, das wir je gehört haben, nicht wahr, Marie?
Ja, sagte Oma. Es war wunderbar.
Jetzt bin ich elf. Ich muss lachen, denn plötzlich wird mir klar, dass ich damals, mit sieben, aus Versehen sehr komisch gewesen bin.
Meine Mutter wird vielleicht irgendwas Peinliches zu dem Lehrer sagen. Ich wünschte, ich würde an Gott glauben und könnte beten.
Hallo, Gott, würde ich sagen, ich liebe Mimun, und er liebt mich, aber eigentlich geht das nicht, und deshalb erfindet er eine Ausrede, um Schluss zu machen. Wir müssen uns trennen, denn bald kommen wir in die sechste Klasse und dann sind wir schon fast erwachsen. Erwachsene finden es gut, dass manche Dinge nicht sein dürfen.
Amen.
Aber na ja, ich hab keinen Glauben und kann nicht beten. Also halte ich den Mund.
Und - ich kann immer noch nicht einschlafen.


Der nächste Tag war schlimmer als ein Albtraum. Schon die Vorstellung, mit elf Jahren von der Mutter zur Schule gebracht zu werden! Das allein ist schon ziemlich schlimm. Aber von einer wütenden Mutter zur Schule gebracht zu werden, das ist das Allerschlimmste! Da kann man sich lieber gleich begraben lassen. Mit einer schönen Inschrift auf dem Grabstein:


Hier liegt Polleke,
Dichterin,
im Alter von elf Jahren
an einer merkwürdigen
Mutter gestorben.


Aber ich war nicht tot. Ich ging lebendig neben ihr her. Auf dem Schulhof nahm sie mich an die Hand. Wie ein kleines Kind wurde ich in die Schule geschleift. Der Lehrer saß da und korrigierte Hefte. Er schaute erst auf, als meine Mutter die Tür hinter uns zuknallte.
Polleke
ist also eine Rassistin, wie?, brüllte sie. Sie zog mich mit bis zum Pult des Lehrers. Der Lehrer schaute hoch in ihr wütendes Gesicht. Dann sah er mich an. Schnell schaute ich nach unten. Jetzt! Jetzt!, dachte ich. Lass mich jetzt im Boden versinken, amen!
Ich bitte Sie, nein, ich VERLANGE, brüllte meine Mutter, dass Sie dieses schwachsinnige PROJEKT AUF DER STELLE STOPPEN! Und dass Sie AUF DER STELLE mit dem Berufsprojekt weitermachen. Andernfalls nehme ich mein Kind von der Schule. Ist das klar? Polleke ist nämlich KEINE RASSISTIN!
Dann ließ sie meine Hand los und stampfte aus der Klasse.
Mit einem Donnerknall fiel die Tür ins Schloss.
Der Lehrer schaute zur Tür und schluckte ein paarmal. Sein Blick war glasig. Ich glaube, dass es in dem Moment passiert ist, so verrückt es auch klingt. Ich glaube, dass sich der Lehrer in dem Moment in meine Mutter verliebt hat.


DRITTES KAPITEL,
IN DEM ES UM MEINEN UNNORMALEN PAPA (UP)GEHT,
UM DEN BESUCH DES LEHRERS UND MIMUNS BRIEF


Jetzt ist es schon wieder eine Woche später. Ich spiele mit Caro auf der Straße.
Ach, weißte, sagt sie, auf die Jungs musste nicht so viel geben.
Caro hat einen Sehr Unnormalen Papa (SUP). Aber das darf ich nicht weitererzählen, darauf komme ich also erst später.
Ich geb doch überhaupt nichts auf Jungs, sage ich.
Caro und ich sind die einzigen niederländischen Kinder in der Klasse. Alle anderen sind Ausländer. Caro hat einen SUP und ich hab einen UP. Ich glaub, alle niederländischen Kinder haben einen Unnormalen Papa. Meine Mutter sagt, dass es früher auch ein paar Normale Papas gab. Die kamen nach Hause, guckten Fernsehen und tranken Bier. Solche Väter gibt's, glaub ich, nicht mehr.
Du kannst zum Beispiel einen Vater haben, der nicht dein Vater ist.
Oder einen Vater, der zwar dein Vater ist, der aber woanders wohnt.
Oder einen Vater, den es zwar gibt, aber du hast keine Ahnung, wo.
Oder einen Vater aus einem Reagenzg
las, den du nicht kennst.
Oder einen Vater aus einem Reagenzglas, den du zwar kennst, zu dem du aber nicht Papa sagst, weil du zu dem Mann deiner Mutter Papa sagst.
Oder einen Vater aus einem Reagenzglas, zu dem du Papa sagst, obwohl er nicht der Mann deiner Mutter ist.
Oder einen Vater, von dem du weißt, wo er ist, zu dem du aber nicht hindarfst.
Oder du hast zwei Väter, die auf Männer stehen.
Oder zwei Väter, die beide Frauen sind, aber lesbisch.
Na, sucht euch mal einen aus. Euer Vater ist garantiert dabei und Caros auch, aber ich sag nicht, welcher es ist.
Als mein Vater meine Mutter geheiratet hat, hatte er schon zwei Kinder, Dirk und Elke, meine größeren Geschwister also, aber als ich drei war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Jetzt wohnt mein Vater bei Sina. Mit Dirk und Elke. Und mit Fieke und Gijs, Sinas Kindern. Und zusammen haben sie Hilletje, die ist jetzt dreieinhalb.
Hilletje ist also meine Halbschwester, aber Fieke und Gijs sind nicht meine Halbgeschwister. Die sind ja von Sina und einem anderen Mann. Klar, oder? Dirk und Elke natürlich wohl, aber die hatte ich ja schon. Am Anfang konnte ich Sina nicht ausstehen, weil sie mir meinen Vater weggeschnappt hatte.
Weißt du, warum er mit der zusammen ist?, fragt meine Mutter mich mehrmals in der Woche.
Warum denn?, frage ich dann brav. Sag's mir.
Weil sie so gut mit dem Hintern wackeln kann, sagt meine Mutter dann. So sind die Männer, das kannst du mir glauben.
Ich glaub das aber nicht, denn ehrlich gesagt hat Sina nicht besonders viel Hintern. Meine Mutter schon. Also, ich weiß es nicht.
Ich hab Oma gefragt, und die hat gesagt: Wenn sich ein Mann und eine Frau streiten, gebe ich der Einfachheit halber dem Mann die Schuld. Da hat Opa so einen Lachanfall gekriegt, dass Oma ihm ganz fest auf den Rücken klopfen musste.
Und ob du was auf Jungs gibst!, sagt Caro. Hab ich doch selbst gesehn! Wenn du Mimun nur siehst, fängste schon fast an zu heulen.<
br/>So 'n Quatsch!, brülle ich. Ich weiß nicht, warum ich so schreie. Denn natürlich stimmt es, dass ich dann fast heulen muss.
Caro antwortet nicht und ich schäme mich. Caro ist meine beste Freundin. Ich weiß nicht, warum ich sie anlüge.
Ich will nie im Leben was mit 'nem Jungen haben, sagt Caro. Das sind doch alles Vollidioten.
Ja, sage ich. Ich gucke die Straße hinunter. An der Kreuzung stehen ein paar Vollidioten und spielen Fußball. Fußball find ich super. Vollidioten nicht. Und in der Ferne sehe ich Mimun näher kommen. Ich spüre einen Schlag in den Magen.
Los, sage ich, kommst du mit?
Ich ziehe Caro am Ärmel, aber sie bleibt, wo sie ist.
Nee, sagt sie. Wir bleiben einfach, wo wir sind, sonst kommt der sich noch wichtig vor.
Also bleibe ich, wo ich bin, und gucke auf die Pflastersteine. Ich zeige darauf und sage: Klasse gemacht, so 'ne Straße, was? Mit all den Steinen.
Caro guckt mich an, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. Ich höre Mimuns Schritte.
Nein, nein!, ruft Caro. Polleke interessiert sich absolut nicht für deine Briefe! Stimmt's, Pol? Mit Vollidioten will sie nichts zu tun haben.
Ich gucke hoch. Mimun hält einen blütenweißen Briefumschlag in der Hand.
Ach, sagt er. Macht nichts. Ich werf ihn trotzdem in den Briefkasten.
Er geht weiter zu unserem Haus und wirft den Brief ein. Dann kommt er zurück. Pfeifend geht er an uns vorbei.
Sagst du uns nicht mal Guten Tag?, fragt Caro.
Ach ja, sagt Mimun. Sorry. Hallo.
Dann geht er schnell weiter und biegt um die Ecke.
Caro baut sich vor mir auf und schaut mir in die Augen. Du rennst jetzt NICHT AUF DER STELLE nach Hause. Und weißt du auch, warum nicht?
Ich schüttele den Kopf.
Weil dir der Brief schnurzegal ist!
Ja, sag ich. Schnurzpiepegal ist der mir, der ganze Brief.
Ich gucke wieder auf die Pflastersteine. Es ist verrückt. Auf den Steinen liegt ein weißer Briefumschlag, der da gar nicht ist. Und als ich hochgucke, sehe ich in de
r Luft auch einen.


Da schwebt ein leichter Briefumschlag
der bauscht sich wie ein Löwe
doch er ist weiß und kreischt ganz laut
na klar, er ist 'ne Möwe.


Überall sehe ich Briefumschläge, die gar nicht da sind. Auf den Dächern, in den Bäumen und unter den Autos. Ich werde ganz verrückt davon. Der interessiert mich absolut nicht, sage ich.
Ach, da ist der Lehrer, sagt Caro.
Ich gucke und sie hat Recht. Da geht der Lehrer und er kommt direkt auf uns zu.
Hallo, Polleke, sagt er. Hallo, Caro.
Hi, sagt Caro.
Hallo, murmele ich. Ich schaue mich um. Die Briefumschläge sind verschwunden.
Der Lehrer guckt auf seine Schuhe und wir auch. Sie sind schwarz.
Ich, äh -, sagt der Lehrer, ich wollte mal mit deiner Mutter sprechen, Polleke.
Oh, sage ich. Ich gucke schnell zu Caro, um zu sehen, ob sie das komisch findet.


Pressestimmen

"Polleke ist so witzig, dass es kracht ... Ein großartiges Kinderbuch!"


EAN: 9783570214176
ISBN: 3570214176
Untertitel: 'cbj Taschenbücher'. Empfohlen ab 9 Jahre. Illustriert.
Verlag: Bertelsmann Verlag
Erscheinungsdatum: Mai 2005
Seitenanzahl: 91 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Sylke Hachmeister
Format: kartoniert

Durchschnittliche Kundenbewertung

Kundenbewertungen

Diana B. - 22.07.2013, 15:15
Omnibus TB.21417 Kuijer.Wir alle f.imm.
Wahrhaftig eines der schönsten Kinderbücher und völlig zu Recht ausgezeichnet mit dem Jugendliteraturpreis! Und das schönste daran: Es gibt noch vier weitere Bände von Polleke. Unbedingt Lesenswert!