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Bahnwärter Thiel


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Beschreibung

Beschreibung

Gerhart Hauptmanns 1888 erschienene "novellistische Studie" 'Bahnwärter Thiel' ist das erste bedeutende Prosawerk des deutschen Naturalismus. Bahnwärter Thiel ist in zweiter Ehe mit der herrschsüchtigen Lene verheiratet. Als Tobias, Thiels geistig und körperlich zurückgebliebender Sohn aus erster Ehe, unter einen Zug gerät und stirbt, wird Thiel zum Mörder und verfällt dem Wahnsinn. In knapp ausgeführten Bildern und straffer Erzählführung entwirft Hauptmann eine psychopathologische Studie, in der er die Person Thiels als Spielball von Triebkräften und unklaren Bewusstseinszuständen zeichnet und die Darstellung der Außenwelt zur Spiegelung innerer Zustände verwendet. Dabei erreicht er eine sprachliche Intensität, die bereits auf expressionistische Stilformen vorausweist.Mit einem Nachwort von Fritz Martini.Text in neuer Rechtschreibung.

Portrait

Gerhart Hauptmann, 15. 11. 1862 Ober-Salzbrunn (Schlesien) - 6. 6. 1946 Agnetendorf (Schlesien). Der Sohn eines Hoteliers begann 1878 nach dem Besuch einer Breslauer Realschule eine Landwirtschaftslehre, die er ein Jahr später aus gesundheitlichen Gründen wieder abbrach. Von 1880 bis 1882 studierte er Bildhauerei in Dresden, hörte dann Vorlesungen in Jena und entschied sich nach einem Italienaufenthalt und der Übersiedlung 1885 nach Erkner bei Berlin, Schriftsteller zu werden. Er trat dem literarischen Verein Durch bei, in dem die Berliner Naturalisten verkehrten, und wurde durch den Uraufführungsskandal seines Dramas Vor Sonnenaufgang (UA 1889) in der Freien Bühne berühmt. In den folgenden Jahren wechselte H. mehrfach den Wohnsitz, bis er sich 1901 in Agnetendorf (Haus Wiesenstein) niederließ. Neben dem Nobelpreis für Literatur (1912) erhielt H. zahlreiche weitere Ehrungen. In der Weimarer Republik trat er für die Demokratie ein, unterließ es dann aber, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Nach der novellistischen Studie Bahnwärter Thiel, dem ersten bedeutenden Prosawerk des dt. Naturalismus, wandte sich H. dem Drama zu und sorgte mit Vor Sonnenaufgang für den Durchbruch des Naturalismus auf der Bühne. H. nahm Anregungen von A. Holz, Henrik Ibsen und Leo Tolstoj auf und zeichnete nicht ohne melodramatische Effekte ein krasses Bild körperlichen und moralischen Verfalls, ganz im Sinn der Theorien des Naturalismus von der Determiniertheit des Menschen durch Milieu und Vererbung. Weitere 'Familiendramen' dieser Art folgten. Mit den Webern erreichte H.s naturalistische Dramatik ihren Höhepunkt. Das Stück verbindet detaillierte Milieuschilderung und sprachliche Genauigkeit mit entschiedenem sozialen Engagement, das von den Zeitgenossen vielfach als politisch revolutionär verstanden wurde und nicht zuletzt deswegen H.s Weltruhm begründete. Während die Diebskomödie Der Biberpelz mit der die Verlogenheit und Heuchelei bloßstellenden Schelmenfigur der Frau Wolff noch sprachlich und thematisch dem Naturalismus verpflichtet ist, setzt mit der Traumdichtung Hanneles Himmelfahrt eine neue Phase in H.s Schaffen ein: Das Werk gehört mit der Versunkenen Glocke, der deutschen Sage Der arme Heinrich und dem Glashüttenmärchen Und Pippa tanzt! zu den Stücken, die mit ihrer märchen- und legendenhaften Thematik sowie ihren mystisch-allegorischen und mythisierenden Zügen einen neuromantischen Gegenpol zum vorhergehenden naturalistischen Werk bilden. Allerdings enthalten bereits die naturalistischen Dramen traditionelle oder zeitlose Momente wie eine betonte Schicksalhaftigkeit des Geschehens, das Motiv der tragischen Blindheit u. a., während neben den Märchen- und Legendenstücken weitere Dramen mit naturalistischen Zügen entstehen. Das zeigt sich bei Stücken wie Fuhrmann Henschel oder Rose Bernd, die naturalistische Elemente (Milieu, Thematik) mit der Unausweichlichkeit antiker Schicksalstragödien verbinden. Es gilt aber auch für die Berliner Tragikomödie Die Ratten, symbolisches Abbild der brüchigen Fassade der wilhelminischen Gesellschaft. H.s späte Dramatik steht im Zeichen des Humanismus bzw. seiner Gefährdung: Vor Sonnenuntergang ist ein Zeugnis der Auseinandersetzung mit dem humanistischen Vermächtnis der Weimarer Klassik, ebenso die Atriden-Tetralogie, die Goethes Konzept von der 'verteufelt humanen' Iphigenie gleichsam rückgängig macht - auch ein Kommentar zur Zeitgeschichte. Um 1910 wandte sich H. verstärkt der Prosa zu. Die ersten Höhepunkte markieren der Roman Der Narr in Christo Emanuel Quint, die mit scharfer Kirchen- und Gesellschaftskritik verbundene Geschichte eines radikalen schlesischen Christus-Nachfolgers, und die sehr erfolgreiche Erzählung Der Ketzer von Soana, ein dionysisches Gegenstück dazu. Einen Gegenentwurf zur 'männlichen' europäischen Kulturtradition stellt die weibliche Insel-Utopie Die Insel der großen Mutter dar, die auf die Robinsonadentradition und auf Vorstellungen Johann Jakob Bachofens (Das Mutterrecht, 1861) zurückgreift. In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) - © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.

EAN: 9783150066171
ISBN: 3150066174
Untertitel: 'Reclam Universal-Bibliothek'.
Verlag: Reclam Philipp Jun.
Seitenanzahl: 55 Seiten
Format: kartoniert

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Kundenbewertungen

Igelmanu - 11.09.2015, 17:26
Wie in einem Sog...
»Die Außenwelt schien ihm wenig anhaben zu können: es war, als trüge er etwas in sich, wodurch er alles Böse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem aufgewogen erhielt.« 1887, in einer kleinen Kolonie namens Schön-Schornstein an der Spree. Bahnwärter Thiel ist ein grundsolider Mensch. Zuverlässig versieht er seinen Dienst, jeden Sonntag sitzt er andächtig in der Kirche. Jedermann kennt ihn als friedlich, ordentlich, gütig und kinderlieb. Diese novellistische Studie zeigt den Weg eines solchen Mannes hin zum Wahnsinn, hin zu einem schrecklichen Verbrechen. Vielen ist diese Erzählung schon als Schullektüre begegnet, ich las sie jetzt erstmals. Und las sie gleich noch ein zweites Mal, denn ich hatte das Gefühl, dass sie so dicht geschrieben ist, dass ein mehrmaliges Lesen nötig ist, um tatsächlich alle Feinheiten der Sprache und des Inhalts aufzunehmen. Den Begriff "novellistische Studie" habe ich mal nachgeschlagen. Wikipedia sagt dazu: »Mit dem Studienbegriff weist der von Hauptmann gewählte Untertitel auf die Art des Beobachtens hin und schafft den Eindruck, in der Novelle eine reale, wahre Geschichte (bzw. deren Bericht/Studie) vorliegen zu haben. Ähnlich einer wissenschaftlichen Studie wird hier vom Erzähler fast ohne eigenen Kommentar das Geschehen beschrieben.« Der Erzähler beobachtet also das Geschehen, macht uns im ersten Teil der Geschichte mit Thiel bekannt und mit den einschneidenden Erlebnissen, die den Grundstein für die später aufziehende Katastrophe legen. Als Leser verfolgt man die bedrohliche Eskalation mit, ahnt schon früh, dass die immer deutlicher werdende Ausweglosigkeit auf ein schlimmes Ende hin steuern wird. Man wird Zeuge von Thiels innerem Kampf, verfolgt, wie er lange versucht, gegen das, was von ihm Besitz ergreifen will, anzukämpfen, um endlich doch zu unterliegen. »Es war, als hielte ihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, dass er sich nicht bewegen konnte, sosehr er auch unter Ächzen und Stöhnen sich frei zu machen suchte.« Die Erzählung zählt zu den bedeutendsten Werken des Naturalismus. Typisch dafür ist beispielsweise, dass die Handlung im Arbeitermilieu spielt, das tägliche Leben der Arbeiter, ihre Nöte und auch die Zwänge zeigt, in denen sie gefangen sind. Thiels Leben wird bestimmt durch die Eisenbahn, seine Familie, die Kirche und herrschende Moralvorstellungen. Und eine immer heftiger dominierende Triebhaftigkeit... »Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr abhängig.« Man kann diese Erzählung allerdings nicht ausschließlich dem Naturalismus zuordnen, einige Faktoren sprechen dagegen. Beispielsweise gibt es viele sehr schöne Naturbeschreibungen und intensive Träume und Wahnvorstellungen Thiels, die tiefe Einblicke in seine Psyche geben. Mich hat die Geschichte geradezu gefesselt, ich mochte sie, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen. Es war ein wenig wie ein Traum, bei dem man fühlt, dass er zum Alptraum werden wird, und trotzdem befindet man sich in seinem Sog und kann nicht einfach aufwachen, kann nicht einfach den Traum beenden. Ein Werk, das ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen habe. Fazit: Schullektüre kann total fesselnd sein. Wer dieses Buch noch nicht kennt: Lesen! Und falls es aus Schulzeiten tatsächlich in unguter Erinnerung sein sollte: Es verdient eine zweite Chance!