HUDU

Alles muss versteckt sein

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September 2012

Beschreibung

Beschreibung

Was tust du, wenn deine Mordfantasien Wirklichkeit werden?


Ihre Gedanken sind mörderisch, ihre eigene Angst davor unaussprechlich: Nach einem Schicksalsschlag erkrankt Marie an aggressiven Zwangsgedanken, betrachtet sich als Gefahr für sich selbst und andere. Monatelang kämpft sie gegen die grausamen Mordfantasien an, die wie Kobolde durch ihren Kopf spuken, ständig verbunden mit der Panik, sie könne diese furchtbar realen Fantasien eines Tages nicht mehr kontrollieren und in die Tat umsetzen. Und dieser Tag kommt, als Marie neben ihrem toten Freund erwacht, der mit einem Messer auf grausamste Weise niedergemetzelt wurde. Am Ende eines Gerichtsprozesses wird sie aufgrund ihrer Schuldunfähigkeit zum Maßregelvollzug in der forensischen Psychiatrie verurteilt. Dort sucht Marie verzweifelt nach Erinnerungen an die Mordnacht, denn für Marie selbst sind die Geschehnisse wie ausgelöscht. Nur ihr Arzt Jan scheint sie zu verstehen und ihr helfen zu wollen. Aber schon bald wächst in Marie der Verdacht, dass in Wahrheit vielleicht nichts so gewesen ist, wie es scheint ...

Portrait

Wiebke Lorenz, geboren 1972 in Düsseldorf, studierte in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaft und lebt heute in Hamburg. Sie arbeitet journalistisch für Zeitschriften wie "Cosmopolitan", schreibt Drehbücher für TV-Filme.
Ihre Romane "Liebe, Lügen, Leitartikel" (2000), "Was? Wäre? Wenn?" (2003) und "Allerliebste Schwester" (Blessing 2010) waren bei Kritik und Publikum höchst erfolgreich.

Leseprobe

1

A m schlimmsten ist die Ungewissheit. Dass sie nicht sagen kann, ob sie es wirklich getan hat oder nicht, nicht mit vollkommener, nicht mit endgültiger Sicherheit. Denn da ist keine Erinnerung, nicht das kleinste Überbleibsel in ihrem Gedächtnis von dieser Nacht, in der es passiert ist. Nur Beweise. Erdrückende Beweise und Indizien, die allesamt dafür sprechen, dass sie es gewesen ist, dass da nicht der geringste Zweifel an ihrer Schuld besteht.

Die klebrige rote Lache, in der sie neben Patrick erwachte, das verkrustete, geronnene Blut, tiefschwarz wie Öl saß es unter ihren Nägeln, steckte in jeder Pore ihrer Haut, als hätte sie mit bloßen Händen ein Tier geschlachtet. Dann der Geruch, nein, dieser metallische Gestank, den sie regelrecht schmecken konnte und den sie nie wieder würde vergessen können. Ihre Fingerabdrücke auf dem Messer, mit dem sie Patrick erst die Kehle durchgeschnitten hat, um ihn anschließend mit weiteren siebenundzwanzig Stichen niederzumetzeln. Heimtückisch, während er ahnungslos und friedlich schlief und sich nicht wehren konnte.

Genau so hat sie es gemacht. Genau so, wie sie es schon oft in ihrer Vorstellung getan hatte, hat sie ihn abgestochen wie ein Schwein. Aber doch nur in ihrer Vorstellung, in ihren Gedanken, in ihrem Kopf; und verewigt in den Aufnahmen, die auf ihrem iPhone sind und mit deren Hilfe sie sich ihre kranken Fantasien von der Seele geredet hatte. Doch nur da, sonst nirgends. Alles sichergestellt und beschlagnahmt, ihre geheimsten Ängste und Befürchtungen, ihre Horrorfantasien. Das, was sie immer verheimlichen wollte, niemandem anvertrauen oder eingestehen, am liebsten nicht einmal sich selbst jetzt hatte es sie letztlich verraten.

»Denken ist nicht tun!« Das hatte Elli ihr immer wieder versichert. Aber dann
hatte sie es doch getan. Hatte den, den sie am meisten liebte, auf bestialische Art und Weise ermordet. Und sich selbst gleich mit. Denn in ihrem Innern ist sie jetzt auch tot. Abgestorben. Nun muss sie nur noch darauf warten, dass ihr Leben ein Ende nimmt. Sie hofft, dass es bald sein wird, dass sie nicht mehr allzu lange darauf warten muss. Aber so leicht werden sie es ihr nicht machen, so leicht nicht. Sie werden sie hier festhalten, Tag für Tag, Nacht für Nacht, für Wochen, Monate und Jahre, werden ihr nicht erlauben, dass sie vor sich selbst flieht. Vor sich selbst und vor dem, was sie nun ist.

Das Klacken. Zu Anfang fällt es noch jedes Mal auf, lässt einen hochschrecken oder zusammenzucken, wenn es alle paar Minuten zu hören ist. Doch mit der Zeit verkommt es mehr und mehr zu einem Hintergrundgeräusch, bis es schließlich fast vollständig verklingt. Macht der Gewohnheit, Adaption, der Mensch gewöhnt sich schnell an das, was ihm ständig gegenwärtig ist, und hier ist es eben das permanente Klacken klack, klack, klack das Geräusch drehender Schlüssel in den Türen, schnappender Schlösser. Aufschließen, Tür öffnen, durchgehen, zuziehen, abschließen. Eine wichtige, eine notwendige Sicherheitsvorkehrung im Maßregelvollzug. Hier, wo sie alle weggesperrt, wo sie alle gemaßregelt sind. Klack, klack, klack daran sind sie zu erkennen, die Ärzte, Pfleger und Therapeuten, immer ihr Schlüsselbund in der Hand, Türen auf- und abschließend. Dazu der Pieper, angesteckt am Hosenbund, der Notfallknopf für den ja! Notfall, denn schließlich sind sie alle, sie alle hinter diesen geschlossenen Türen gemeingefährlich. Wegschließenswürdig. Maßregelvollzugspflichtig.

»Was hast du ge
macht?« Marie sitzt beim Mittagessen an einem kleinen Vierertisch im privaten Speisesaal von Station 5 in Haus 20. Eine gemischte Abteilung, Männer und Frauen, deutschlandweit eine absolute Seltenheit, aber für den Resozialisierungsprozess angeblich ungemein förderlich. Gemischt also, gemischt gemein und gefährlich. Sie blickt auf und sieht in das Gesicht von Günther, der ihr gegenüberhockt, beide Ellbogen auf den Tisch abgestützt, mit der Gabel schaufelt er sich Pasta in den Mund und schmatzt. Günther, zweiundfünfzig, seit dreizehn Jahren hier, hat seinem Nachbarn nach einem Streit mit einer Schrotflinte den halben Kopf weggeschossen, die Leiche dann mit einer Axt zerhackt und im Garten verscharrt. Keine Chance auf Entlassung für Günther. Niemals, nie.

»Bitte?«, fragt sie.

»Du sprichst ja kaum.« Wieder Schmatzen. »Will nur wissen, warum du hier gelandet bist.« Er sollte auch nicht sprechen, denkt sie. Seine Stimme ist schleppend, müde, die Worte kommen lallend, kaum artikuliert, dazu die verstopfte Nase, die tränenden Augen, der dämmrige, gebrochene Blick. So sehen die meisten auf dieser Station hier aus, medikamentös sediert, mit psychotropen Substanzen stillgelegt, jeder Handlungsfähigkeit beraubt, schlurfen sie durch die Gänge oder draußen durch den abgesicherten Innenhof.

Marie hat Glück. Sie selbst muss nur manchmal, wenn Kummer und Schmerz sie zu überwältigen drohen, ein paar Beruhigungsmittel schlucken. Ansonsten harmlose, aber hoch dosierte Antidepressiva, das Dreifache der normalen Menge. Die lähmen nicht, aber sie sollen helfen, den Zwang in den Griff zu bekommen. F42.0 nach ICD-10, vorwiegend Zwangsgedanken, Maries Diagnose laut »Internationaler statistischer Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme«.

So hat ihr An
walt es ihr erklärt, ein simpler Buchstaben- und Zahlencode für diesen unbegreiflichen Dämon, der Marie schon so lange quält, ein Buchstabe und ein paar Ziffern für die Schreckensbilder und -gedanken, die ihren Kopf, ihre Seele, ihr gesamtes Leben beherrschen und es in Schutt und Asche gelegt haben. Dazu noch ein bisschen F33 für die rezidivierende depressive Episode, F61 für die kombinierte Persönlichkeitsstörung, von der niemand bisher so recht weiß, welche genau es ist (histrionisch? passiv-aggressiv? dissozial? Nun, das wird man mit der Zeit in dieser Einrichtung schon herausfinden), F44.0 für die dissoziative Amnesie, denn sie kann sich ja nicht daran erinnern, wie sie Patrick ermordet hat. Dass sie ihn überhaupt ermordet hat. Dann noch F43.1, eine posttraumatische Belastungsstörung hat sie schließlich auch, überhaupt sind die Diagnosen überlappend. Komorbidität, auch so ein Wort, das Marie von ihrem Anwalt gelernt hat. »Man kann auch Läuse und Flöhe haben«, hatte er ihr erklärt, als sie verwirrt wissen wollte, was das bedeutet. Gelandet ist sie hier nach Paragraf 63 StGB, Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, nicht nach Paragraf 64 StGB, Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Sie war zwar angetrunken in der Nacht, in der es geschah, aber eine von den »Suchtis«, das ist sie nicht, da gehört sie nicht hin. Die sind in einem anderen Gebäude und bekämpfen neben den unwillkommenen Geistern in ihrem Kopf noch Koks, Heroin, Cannabis, Benzodiazepine, Alkohol und was man sonst noch alles einnehmen kann, um die Unerträglichkeit des Seins ein wenig zu dämpfen, um sich selbst daran zu hindern, sich einfach umzubringen.

Warum Marie also hier ist? Sie könnte Günther all diese Kennziffern nennen, um seine Frage zu beantworten. Aber keine von
ihnen verrät die ganze Wahrheit, die Wahrheit darüber, was sie ist: ein Monster. So wie er, Günther. So wie sie alle hier. Trotzdem ist Marie eben nicht ausgeschaltet wie ein Großteil der anderen Patienten, nach der Beobachtungsphase auf der Akutstation gilt sie nicht als selbst- oder fremdgefährdend, also wird sie nicht medikamentös ruhiggestellt. Da hat Marie wirklich, wirklich Glück.

Oder auch nicht, denkt sie, während sie nun Günther betrachtet, der noch immer den Blick unverwandt auf sie gerichtet hält. Seine Nase läuft, mit dem Handrücken wischt er sich den Schnodder weg und streift ihn an seiner abgestoßenen Cordhose ab, um eine Sekunde später geräuschvoll den restlichen Rotz hochzuziehen. Rotz, der sich mit Pasta vermischt, eine zähe, breiige Masse, die er beim Kauen mit offenem Mund hin und her wälzt. Wäre Marie wie er, eine von den Lahmgelegten, müsste sie jetzt nicht wegsehen, sich abwenden und den Würgereiz niederkämpfen, den Kopf senken und auf ihren Plastikteller mit der Lasagne starren. Sie hat so gut wie nichts davon angerührt, das tut sie fast nie. Wozu essen, wenn man keine Energie mehr braucht, wozu den Körper erhalten, wenn die Seele schon tot ist?

Maries Blick wandert neben den Teller zu ihrer zitternden Hand, mit der sie ihre Gabel hält. »23« steht auf dem Griff, die gleiche Zahl ist ins Messer eingraviert. Das ist Maries Nummer, die 23, auch das Besteck wird hier mit Zahlen versehen, genau wie die Erkrankungen seiner Benutzer. Nach dem Essen wird sie es beim Küchenpersonal abgeben, denn immer muss peinlich genau darauf geachtet werden, dass jeder Patient alles abgeliefert hat. Keine Gabel, kein Löffel und erst recht kein Messer darf einbehalten werden, Maries 23 wird jeden Tag dreimal kontrolliert, morgens, mittags, abends.

Manchmal kommt es vor, dass einer der Patienten ein Teil
verschwinden lässt, es unter den Pulli steckt oder in irgendeine Körperöffnung schiebt, vaginal, rektal, ganz egal. Oder sein Besteck aus reiner Boshaftigkeit in einen Mülleimer wirft. Dann heißt es »Alarmstufe Rot«, die gesamte Station wird gesperrt, alle Zimmer abgeschlossen, und eine hektische Suche beginnt. So lange, bis das fehlende Teil gefunden wird, ist das Pflegepersonal im Ausnahmezustand. Denn die Gefahr ist zu groß, dass ein Messer oder eine Gabel später in einem ihrer Rücken...


Pressestimmen

Wer Sebastian Fitzeks psychologische Höllenritte liebt, wird Wiebke Lorenz¿ Thriller verschlingen.
EAN: 9783641079796
Verlag: Karl Blessing Verlag
Erscheinungsdatum: September 2012
Seitenanzahl: 352 Seiten
Format: epub eBook
Kopierschutz: Adobe DRM
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