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Kultursensitive Frühpädagogik


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Februar 2014

Beschreibung

Beschreibung

Kulturelle Vielfalt ist im Kindergarten heute nicht mehr die Ausnahme, sondern gelebte und erfahrene Realität. In Kindertagesstätten treffen heute Eltern und Kinder mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammen, wobei es nicht immer einfach ist, die notwendige Sensibilität, Toleranz, aber auch den Respekt gegenüber anderen Werten und Normen, anderem Rollenverhalten der Geschlechter, anderen Familien- und Generationsverhältnissen aufzubringen. Das Buch entwickelt pädagogische Ansätze, die der Vielfalt in den KiTas gerecht werden. Grundlagen dafür liefert die kulturvergleichende Entwicklungspsychologie, die unterschiedliche kulturelle Modelle der Entwicklung, die unterschiedlichen Erziehungsstrategien und die Unterschiede in der sozialemotionalen, kognitiven und Selbstentwicklung der Kinder ins wissenschaftliche Visier nimmt.

Portrait

Prof. Dr. Heidi Keller lehrt am Fachbereich Psychologie der Universität Osnabrück. Dr. Jörn Borke ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Leseprobe

1          Kultur und Entwicklung


1.1       Einleitung


In diesem Kapitel wird ein ökokulturelles Modell von Entwicklung dargestellt, das die Hintergründe für die weiter unten ausgeführten Ansätze einer entwicklungspsychologisch fundierten kultursensitiven Frühpädagogik im Sinne einer differenziell orientierten Pädagogik bildet. Ausgangspunkt ist die zentrale Annahme, dass alle Menschen mit biologisch angelegten Entwicklungspotenzialen ausgestattet sind, die es ihnen ermöglichen, Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Diese Potenziale werden in Umwelten realisiert, die manche Aspekte eher unterstützen und andere eher behindern oder unterbinden. Die Umwelt hat also einen selektierenden Einfluss auf die Gestaltung und Ergebnisse von Entwicklungsprozessen und bestimmt maßgeblich die jeweiligen Denk- und Verhaltensweisen und damit die Kultur eines jeweiligen Kontextes. Kulturell bedingte Ausprägungen bestimmter Entwicklungswege sind also als Anpassungen an die jeweiligen Bedingungen und Anforderungen des Umfeldes zu sehen, in dem sich die Menschen bzw. Kinder erfolgreich entwickeln sollen. Dabei lassen sich universelle Entwicklungsaufgaben beschreiben (z. B. Erikson, 1950; Havighurst, 1972), die den menschlichen Lebenslauf gliedern, als Teil unseres evolutionären Erbes angesehen werden können und die von allen Menschen zu bewältigen sind. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte haben sich Aufgaben gestellt, die eine erfolgreichere Anpassung ermöglichten, z. B. können sich größere Gruppen erfolgreicher verteidigen und effektiver Nahrungsquellen erschließen. Größere Gruppen erfordern aber andere Kommunikationsmuster, um die Gruppenzusammengehörigkeit zu erhalten. Manche Evolutionspsychologen erklären so auch die Entsteh
ung von Sprache: Sprache ermöglichte die Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen in größeren Gruppen (social grooming Hypothese [Sprache als soziale Weiterentwicklung der bei vielen Tierarten üblichen gegenseitigen Fellpflege], Dunbar, 1996). Also mussten sich entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten herausbilden, die den Erwerb dieser neuen Kompetenzen ermöglichten. Durch die zentrale Bedeutung der Kontexteinflüsse wird die besondere Bedeutung des Lernens für die menschliche Entwicklung deutlich. Das Lernen in Abhängigkeit von Kontextfaktoren ist zwar ein lebenslanger Prozess, dennoch bestehen enge Beziehungen zwischen der Wirksamkeit und der Bedeutsamkeit von Erfahrungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen. Gerade das Säuglings- und Kleinkindalter ist eine besondere Entwicklungsphase, da die Entwicklungsgeschwindigkeit höher und die Entwicklungsanforderungen in den ersten beiden Lebensjahren umfangreicher sind als in anderen Entwicklungsphasen. Aufgrund der komplexen Anforderungen der sozialen Regulation in größeren Gruppen (Geary & Flinn, 2001) und der damit verbundenen Notwendigkeit sozialer Intelligenz entwickelte und vergrößerte sich das menschliche Gehirn. Die ebenfalls evolvierte Zweibeinigkeit des Menschen, welche wiederum den großen Selektionsvorteil mit sich brachte, dass die Hände auch losgelöst von Fortbewegungsaktivitäten benutzt werden können, begrenzte die Ausdehnungsmöglichkeiten des Geburtskanal. Das bedeutet, dass Babys nicht im Mutterleib ausreifen können, da sie dann den Geburtskanal nicht mehr passieren könnten. So kam es dazu, dass die Säuglinge früher und damit unreifer (etwa 2–3 Monate vorverlagert) geboren werden. Der Schweizer Biologe, Zoologe und Naturphilosoph Adolf Portmann (1941) hat den Menschen daher als „physiologische Frühgeburt“ bezeichnet. Diese besondere Au
sgangssituation erfordert ein hohes Maß an postnataler neuronaler Entwicklung und damit eine lange Spanne der unselbstständigen Kindheit. Die, verglichen mit dem Tierreich, relativ lange Zeit der Abhängigkeit ist also ein zentrales Kennzeichen von menschlicher Entwicklung (Bjorklund & Pellegrini, 2002) ebenso wie die damit zusammenhängende Notwendigkeit des Lernens und Verarbeitens kontextgebundener Informationen als zentraler menschlicher Entwicklungsmotor. Die Plastizität der menschlichen Entwicklung bietet den großen Vorteil, dass sich Menschenkinder sehr flexibel an die unterschiedlichsten Umgebungen erfolgreich anpassen können. Auch für die Zeit bis zum Schuleintritt lässt sich zeigen, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit noch sehr hoch ist und Kinder noch relativ leicht große Mengen an Information aufnehmen. Allerdings gibt es eine große natürliche Varianz von Entwicklungsprozessen, was zu ausgeprägten interindividuellen Unterschieden führt (siehe z. B. Largo, 2006; Michaelis, 2006).

1.2       Kontext und Kultur


Zu kaum einem anderen Konzept liegt eine solche Fülle von unterschiedlichen Definitionen vor wie für Kultur. Liest man frühpädagogische Konzeptionen von Kindertageseinrichtungen, wird darin der Begriff Kultur häufig mit künstlerischen Tätigkeiten oder Produkten in Verbindung gebracht, also im weitesten Sinne mit ästhetischer Bildung gleichgesetzt. In weiten Bereichen der empirischen Psychologie wird Kultur mit Land gleichgesetzt. In der öffentlichen Diskussion finden wir häufig Kultur als Religion gefasst, z. B. die muslimische Kultur. In der Kulturpsychologie wird Kultur mit Deutungsmustern (Normen, Werten, Einstellungen) und Verhaltensweisen bestimmt. Wir folgen dieser Tradition und verankern Kultur in kontextuellen Merkmalen der Me
nschen, die diese Deutungsmuster teilen und ähnliche Verhaltensweisen zeigen (Keller, 2007, 2011). Die kontextuellen Merkmale bestimmen das soziale Milieu und betreffen in erster Linie

  das Niveau der formalen (schulischen) Bildung

  die Organisationsform der Familie

  die Anzahl der Kinder und

  das Erstgeburtsalter.

Die Unterscheidungskriterien beziehen sich also nicht auf Länder-, Sprach- oder Religionsunterschiede, sondern auf soziodemographische Merkmale. Menschen, die in solchermaßen definierten ähnlichen sozialen Milieus leben, teilen auch Einstellungen und Verhaltensweisen. Dieser kulturelle Kontext wird als der zentrale Organisator für die Gestaltung des Lebens betrachtet. Kontext und Kultur bilden demnach eine untrennbare Allianz, und die jeweiligen Kontexte erfordern bestimmte Anpassungsleistungen der dort lebenden Menschen, damit sie erfolgreich agieren und sich wohlfühlen können. Kultur wird demnach als das Medium des Menschen aufgefasst, durch welches sich solche Anpassungsleistungen vollziehen können.

Eine solche Verortung von Entwicklung als soziokulturellem Prozess geht zurück auf die kulturanthropologische/psychologische Schule von John W. M. und Beatrice B. Whiting und verbindet diese Annahmen mit zentralen Konzepten der evolutionären Psychologie (Keller, 2007). Die Whitings riefen das Harvard-Projekt Six Cultures Study ins Leben, in dem die Entwicklung von Kindern in sechs unterschiedlichen kulturellen Umwelten1 nachgezeichnet wurde (Whiting & Whiting, 1975). Sie beschrieben und verdeutlichten damit detailliert den direkten Bezug zwischen den Bedingungen der spezifischen ökologischen Umwelt, den sozialen Arrangements und der Sozialisation der Nachkommen, der Entwicklung des Kindes bis zum Erwachsene
n sowie der jeweiligen Ausgestaltung und Weitergabe einer spezifischen Kultur.

Ähnliche Zusammenhänge werden auch in der Evolutionspsychologie beschrieben; in den sogenannten life history-Ansätzen spielen die Umwelt und die Ressourcen eine zentrale Rolle für die körperliche und psychologische Entwicklung (Belsky, Steinberg & Draper, 1991; Keller & Chasiotis, 2006). Nach diesen Ansätzen sind die alltägliche Umgebung und das Alltagsleben sowie die durch diese hergestellte Lernumwelt des Kindes zentral für dessen weitere Entwicklung.

Aus einer Synthese dieser beiden Ansätze (den psychokulturellen und evolutionären Konzeptionen) haben wir das ökokulturelle Modell der Entwicklung entwickelt ( Abb. 1).

Wie oben bereits aufgeführt, lassen sich die ökologische Situation bzw. die Möglichkeiten und Gegebenheiten des jeweiligen Umfeldes, in dem Familien leben, anhand von soziodemographischen Variablen beschreiben, welche eng mit den ökonomischen Situationen sowie den sozialen Strukturen verbunden sind (z. B. soziökonomischer Status [SÖS], Bildungsgrad oder Familienform). Daraus abgeleitet definieren wir Kultur als einen dynamischen und interaktiven Prozess, in dem sich Überzeugungen und Werte herausbilden, die zentral für das Alltagsleben der Menschen in den jeweiligen Kontexten sind (Greenfield, 2004; Keller, 2007). Kinder nehmen daher beiläufig die kulturellen Botschaften ihrer Umgebung auf. Auch werden diese durch bewusste und unbewusste Prozesse von den Eltern an die nachfolgende...


EAN: 9783170240162
Untertitel: Dateigröße in MByte: 1.
Verlag: Kohlhammer Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2014
Seitenanzahl: 146 Seiten
Format: pdf eBook
Kopierschutz: Wasserzeichen
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