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Diagnose Alzheimer


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Oktober 2005

Beschreibung

Beschreibung

In Deutschland leiden eine Million Menschen an einer Demenz. Diese Zahl wird sich bis 2050 verdoppeln. Die Rede von der "Volkskrankheit Alzheimer" macht die Runde. Der aktuelle öffentliche Diskurs zur Alzheimer-Demenz wird von einem rein medizinischen Konzept von Demenz dominiert, in dem der Mensch als Ganzer in Vergessenheit gerät. Die Krankheit wird auf neurophysiologische Vorgänge im Gehirn reduziert, die Betroffenen und ihr Umfeld entsprechend einseitig beraten und betreut. Auf der Grundlage einer ethisch reflektierten Anthropologie schlägt Verena Wetzstein vor, Demenzen als Beziehungsgeschehen zu definieren, und zeigt Perspektiven einer integrativen Demenz-Ethik auf, mit der das Phänomen Alzheimer-Demenz in die Mitte der Gesellschaft rückt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
1. Zur Einführung
2. Ad fontes: Das medizinische Demenz-Konzept
2.1 Stationen auf dem Weg durch die Geschichte
2.1.1 Terenz, Cicero und das Alter
2.1.2 Pinel und die Anfänge der Psychiatrie
2.1.3 Alzheimer und das 20. Jahrhundert
2.2 Definitionsangebote der Medizin
2.3 Stand der Forschung
2.3.1 Deskriptive Epidemiologie
2.3.2 Ätiologie und Pathogenese
2.3.3 Diagnostik
2.3.4 Symptomatik und Verlauf
2.3.5 Therapie
3. Kernpunkte des Konzeptes: Implikationen und Konsequenzen
3.1 Pathologisierung
3.1.1 Implikationen
3.1.1.1 Naturwissenschaftliche Aspekte
3.1.1.2 Soziokulturelle Wertungen
3.1.1.3 Individuelle Selbstauslegung
3.1.2 Konsequenzen
3.2 Kognitives Paradigma
3.2.1 Implikationen
3.2.1.1 Reduktionistische Personkonzeptionen
3.2.1.2 Strenger Reduktionismus
3.2.1.3 Gradueller Reduktionismus
3.2.2 Konsequenzen
3.3 Vernachlässigung der zweiten Hälfte des Demenz-Prozesses
3.3.1 Implikationen
3.3.1.1 Einteilung in Stadien
3.3.1.2 Konzentration auf Diagnostik
3.3.1.3 Definitions- und Diagnosekriterien
3.3.2 Konsequenzen
4. Integrative Demenz-Ethik: Grundlagen eines Modells
4.1 Prinzipien
4.1.1 Anthropologische Grundintuition
4.1.2 Moralischer Status
4.1.3 Identität, Kontinuität und Relationalität
4.1.4 Leiblichkeit
4.1.5 Relationale Subjektivität
4.2 Konkretionen
4.2.1 Medizin und Pflege
4.2.2 Betroffene und Angehörige
4.2.3 Fürsorge
5. Ausblick
6. Literaturverzeichnis
Sachregister
Personenregister

Portrait

Verena Wetzstein, Dr. theol., ist Studienleiterin an der Kath. Akademie Freiburg und wiss. Redakteurin der Zeitschrift für medizinische Ethik.

Leseprobe

3. Kernpunkte des Konzeptes: Implikationen und Konsequenzen (S. 95-97)

Nahezu selbstverständlich wurde, wie im vorangehenden Teil gezeigt, der Medizin die alleinige Forschungs- und Handlungskompetenz für die Alzheimer- Demenz übertragen. Sie nimmt damit die Rolle einer Leitwissenschaft ein. Dass Alzheimer-Demenz aber in zunehmendem Maße als ein gesellschaftliches Phänomen zu betrachten ist, lässt sich an öffentlichen Debatten über Rationalisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen und über die Einschränkung von Leistungen für alte Menschen ablesen. Die gesellschaftliche Diskussion steht damit vor einem Dilemma. Durch die Monopolisierung der Demenz-Debatte durch die Medizin stehen ausschließlich medizinisch dominierte Anhaltspunkte für die Bestimmung dessen, was Alzheimer-Demenz ist und bedeutet, zur Verfügung. Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses ist ein Demenz-Konzept, das seine Inhalte aus der Übernahme und Verallgemeinerung medizinischer Aussagen bezieht.

Die Medizin unterliegt jedoch als Anwendungswissenschaft einem methodisch notwendig bedingten Reduktionismus: Ihr Aufgabenbereich ist auf die Diagnostik von Erkrankungen und deren Therapie sowie auf Linderung von Leiden fokussiert.

Wird das unter diesen Vorzeichen generierte medizinische Konzept der Alzheimer-Demenz ohne Ergänzungen oder Korrekturen in die Öffentlichkeit übertragen, wird damit auch automatisch sein immanenter Reduktionismus mittransportiert. Es stellt sich daher die Frage, ob das medizinische Konzept der Alzheimer-Demenz für den gesellschaftlichen Diskurs tauglich ist: Inwiefern bildet es die für die Demenz gesellschaftlich relevanten Themen ab? In welcher Hinsicht ergeben sich Verzerrungen?

Untersucht man das gegenwärtig vorherrschende Demenz-Konzept auf strukturelle Merkmale hin, stechen drei Kernkriterien ins Auge, die es dominieren: Pathologisierung, kognitives Paradigma und die Vernachlässigung der zweiten Hälfte des Dem
enz-Prozesses. Eine gründliche Untersuchung des medizinischen Konzeptes konnte die Pathologisierung wie auch das kognitive Paradigma aufgrund ihrer Frequenz als zentrale Punkte identifizieren. Das dritte Kriterium, die Vernachlässigung der zweiten Hälfte des Demenz-Prozes ses, erschließt sich aus einer Leerstelle: Fortgeschrittene Phasen der Demenz werden von der Medizin innerhalb ihres Konzeptes nicht berücksichtigt.

Im Folgenden werden daher die Kernkriterien des gegenwärtigen Demenz- Konzeptes untersucht. Dies geschieht, indem die mit den Kernkriterien transportierten und jeweils adaptierbaren ethisch relevanten Implikationen und Konsequenzen diskutiert werden. Der Gang des folgenden Abschnittes orientiert sich jeweils zunächst an der Diskussion der mit dem jeweiligen Kernkriterium des Demenz-Konzeptes verbundenen Implikationen. Daran anschließend werden jeweils die daraus resultierenden Konsequenzen diskutiert.

Intendiert wird mit dieser Diskussion eine Überprüfung der Eignung des gegenwärtigen Demenz-Konzeptes für den gesellschaftlichen Umgang mit den Betroffenen. Die Frage, welche Implikationen und Konsequenzen mit dem gegenwärtigen Demenz-Konzept für demente Menschen verbunden sind, ist eine moralische Frage. Sie betrifft ebenso den moralischen Status dementer Menschen wie auch das Problem eines angemessenen Umgangs mit dem Phänomen Demenz im Allgemeinen und den Betroffenen im Besonderen.

3.1 Pathologisierung

Es gilt heute als nahezu selbstverständlich, dass es sich bei der Alzheimer-Demenz um eine Krankheit handelt. So ist in der Regel auch von der Alzheimer- Krankheit, Morbus Alzheimer oder der Alzheimerschen Krankheit die Rede. Die Bestimmung eines Phänomens als Krankheit stellt allerdings keine reine Tatsachenbeschreibung dar, sondern ist mit Implikationen verbunden. Es ist Aufgabe der Ärzte, kranke Menschen zu heilen oder deren Leiden zu lindern. Naturwissenschaftliches Wissen über die jeweiligen biologisc
hen Vorgänge dient dazu, Ursachen des kranken Zustandes zu finden und Methoden zu entwickeln, den vormaligen Gesundheitszustand wiederherzustellen. Dieses naturwissenschaftliche Wissen hat also zunächst eine funktionale Aufgabe für Ärzte.

Die Medizin stellt jedoch keine rein beschreibende Naturwissenschaft dar, sondern es liegt in ihrer Struktur, eine handlungsleitende Wissenschaft zu sein. Die Alzheimer-Demenz als Krankheit zu bezeichnen, ist damit mitnichten reine Deskription, sondern eine normative Begriffsbestimmung, die ärztliches Handeln präformiert, spezifiziert und limitiert. Da kranke Menschen auf medizinisches Wissen und ärztliche Hilfe angewiesen sind, verweist eine allgemeine Pathologisierung der Alzheimer-Demenz das Phänomen und die Betroffenen an die Medizin. Menschen als krank zu bezeichnen, hat darüber hinaus gesellschaftliche Ursachen, Bedeutungen und Konsequenzen. Praktisch werden etwa für Kranke Leistungen der Krankenversicherung zur Verfügung gestellt. Neben diesen unmittelbar einsichtigen Konsequenzen, die sich aus der Bezeichnung der Alzheimer-Demenz als Krankheit ergeben und den dementiellen Prozess nicht nur beschreiben, sondern zu weiteren Handlungen auffordern und diese legitimieren, stellt die Pathologisierung der Alzheimer-Demenz einen Vorgang dar, der in der Tat mit beträchtlichen moralischen Konsequenzen verbunden ist.
EAN: 9783593378848
ISBN: 3593378841
Untertitel: Grundlagen einer Ethik der Demenz. 'Kultur der Medizin'.
Verlag: Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: Oktober 2005
Seitenanzahl: 272 Seiten
Format: kartoniert
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