HUDU

Dr. Sex


€ 24,90
 
gebunden
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Februar 2005

Beschreibung

Beschreibung

Es ist das Jahr 1939, und auf dem Campus der Universität Indiana ist eine Revolution ausgebrochen. Alfred Kinsey, Zoologe, beschäftigt sich mit dem sexuellen Verhalten von Männern und Frauen - rein empirisch natürlich. John Milk, Student und ehrgeiziger Provinzler, gerät in seinen Bann und in seinen engsten Forscherkreis. T. C. Boyle erzählt die Geschichte eines genialen, fanatischen Helden und porträtiert dabei die prüde und heuchlerische Gesellschaft des Amerikas der vierziger und fünfziger Jahre.

Portrait

T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt Willkommen in Wellville (Roman, 1993), América (Roman, 1996), Riven Rock (Roman, 1998), Fleischeslust (Erzählungen, 1999), Ein Freund der Erde (Roman, 2001), Schluß mit cool (Erzählungen, 2002), Drop City (Roman, 2003), Dr. Sex (Roman, 2005), Talk Talk (Roman, 2006), Zähne und Klauen (Erzählungen, 2008), Die Frauen (Roman, 2009), Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013), die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014), Hart auf hart (Roman, 2015) und die Neuübersetzung von Grün ist die Hoffnung (Roman, 2016). Im Januar 2017 erscheint bei Hanser sein neuer Roman Die Terranauten.  

Leseprobe

An das Hotel kann ich mich kaum erinnern, und das ist sonderbar, denn diese Fahrt stellte einen markanten Einschnitt dar, aber die Hunderte von Kleinstädten und Hotels und Motels haben in mir anscheinend ein exemplarisches Bild entstehen lassen. Höchstwahrscheinlich war es ein Backsteinhaus aus dem vergangenen Jahrhundert, das sandgestrahlt und gestrichen werden mußte, und vermutlich stand es an der Hauptstraße, nicht weit vom Gerichtsgebäude. Schattenspendende Bäume, auf dem Bürgersteig vor dem Haus ein schlafender Hund, schräg geparkte Wagen. Das Haus hatte bestimmt drei Stockwerke und einen separaten Eingang für Restaurant und Bar. Um Geld zu sparen - Prok war ein Meister der Sparsamkeit -, teilten wir uns ein Zimmer. Das behielten wir auch in späteren Jahren bei, als zunächst Corcoran und dann Rutledge zu unserem Team stießen.
Die Vorlesung. Brauchte Prok noch irgend etwas? Nein. Er stand mit nacktem Oberkörper im Badezimmer und rasierte sich. Dann zog er ein frisches Hemd an, band seine Fliege, schlüpfte in das Jackett und ging zügig in Richtung Uni, so daß sein Gastgeber, Professor McBride vom Institut für Soziologie, Mühe hatte, Schritt zu halten. Ich folgte ihnen. Als wir eintrafen, war der Hörsaal bereits gefüllt (selbst damals, in der Frühzeit unseres Projekts, eilte uns ein gewisser Ruf voraus, und wenn sämtliche Soziologieseminare zusammen sechzig Studenten auf die Beine brachten, dann waren die übrigen dreihundert Anwesenden Neugierige, die mal vorbeischauten und auf ein wenig Stimulation hofften). Prok sprach wie immer frei, ohne schriftliches Konzept, und wie immer schlug er das Auditorium vom ersten bis zum letzten Wort in seinen Bann. (Ob das Thema vorehelicher Sex, die Psychologie der sexuellen Repression, die Funktion adoleszenter Triebbefriedigung, die Geschichte der Sexforschung oder der Vergleich der Häufigkeit von Masturbation bei Männern und Frauen einer Altersgruppe war - für Prok spielte das keine Rolle. Alle seine Vorträge waren im Gru
nde ein einziger Vortrag. Und ich sollte hinzufügen, daß er eine natürliche Begabung besaß und nie auf irgendwelche Tricks oder theatralischen Gesten zurückgriff. Er sprach klar und deutlich und weitgehend unmoduliert, jeder Zoll ein Mann der Wissenschaft, der sich über ein für die ganze Menschheit enorm wichtiges Thema verbreitete. Er war kein Mark Anton oder gar ein Brutus, aber er machte seine Sache besser als irgendein anderer.)
Und wie immer kamen anschließend viele, viele Studenten, die
uns ihre Geschichten anvertrauen wollten, und Prok und ich saßen
an einem langen Tisch hinter dem Podium und vergaben Termine. Abendessen? Ich kann mich nicht erinnern, ob wir an jenem Abend etwas gegessen haben - vielleicht ließen wir uns ein paar Sandwiches aufs Zimmer kommen -, aber wir begannen mit den Interviews, sobald sich der Hörsaal geleert hatte und wir wieder im Hotel waren. Prok führte seine Interviews in unserem Zimmer durch, und ich setzte mich in einen Nebenraum des Restaurants. Als ich fertig war, muß es schon nach Mitternacht gewesen sein (drei Soziologiestudenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, weil sie bei Professor McBride ein paar Extrapunkte kriegen wollten; ihre Antworten waren erwartungsgemäß: nichts, was ich nicht bereits gehört hatte). Ich ließ mich mit einem verdünnten Drink in einen der Sessel in der Hotelhalle sinken und sah den Uhrzeigern zu, während Prok das letzte Interview des Abends beendete.
Danach machten wir uns bereit, zu Bett zu gehen, und verglichen unsere Termine. Dabei entdeckten wir, daß wir einen Fehler gemacht hatten: Wir hatten für den nächsten Morgen zwei Frauen um dieselbe Uhrzeit bestellt, anstatt einen Mann und eine Frau. Entweder würden wir einen dieser Termine absagen müssen, oder ich wäre gezwungen, mein erstes Interview mit einer Frau zu führen, und das war etwas, was Prok mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht zutraute. Er sah vom Terminplan auf, schüttelte langsam den Kopf, erhob sich vom Sofa und ging
ins Badezimmer, um seine Dentalprophylaxe vorzunehmen (er legte großen Wert auf Zahnpflege, eine Angewohnheit, der er es verdankte, daß er, als er starb, noch sämtliche Zähne hatte). Ich weiß nicht, Milk, sagte er mit erhobener Stimme, um das Geplätscher des Wassers zu übertönen, aber ich sage sehr ungern einen Termin ab. Zum einen ist es ineffizient. Zum anderen kostet es uns Daten. Nein. Es bleibt uns nichts anderes übrig - wir machen es wie geplant.
Im nächsten Augenblick war er wieder im Zimmer, und zwar vollbekleidet, was an sich schon ungewöhnlich war, denn sobald wir unser Tagwerk vollbracht hatten, zog er sich nackt aus und ermunterte mich, es ihm nachzutun. (Ja, auf diesen Reisen waren wir oft miteinander allein und setzten unsere sexuelle Beziehung fort, aber meine Entwicklung und meine Vorlieben zogen mich in die andere Richtung. Ich verehrte Prok und verehre ihn noch heute, doch in dieser Hinsicht entfernte ich mich von ihm und bewegte mich auf Mac und Iris zu, auf die Studentinnen in ihren weiten Pullovern und engen Röcken, die über den Campus zogen wie Antilopen über die Savanne. Wie auch immer: Ich genoß es, mit Prok zusammenzusein, ich fühlte mich geehrt und freute mich auf diese Reisen, denn sie enthoben mich der langweiligen Schreibtischarbeit und den Beschränkungen des Kleinstadtlebens und ermöglichten es mir, ein bißchen mehr von der Welt zu sehen und aufzunehmen, jedenfalls von Indiana, später aber auch von Chicago, New York, San Francisco und Havanna.) Wir werden deine Ausbildung etwas beschleunigen müssen, sagte er, und in seiner Stimme war nicht ein Hauch von Leichtigkeit.
Ich war erschöpft. Die Reise, die übersprungenen Mahlzeiten, die Konzentration, die man aufbringen mußte, um an einem Tag fünf komplette Geschichten aufzuzeichnen - das alles hatte mich so ermüdet, als hätte ich den Tag damit verbracht, an einen Sträfling gekettet Steine zu klopfen. Müssen wir das? fragte ich.
Die Interviews von Frauen erfordern ein bißchen mehr
Finesse, würde ich sagen, als die von Männern, insbesondere die von Studenten etwa deines Alters, wo du wie ein Kommilitone oder ein älterer Bruder wirkst. Nein, ich weiß, wie du in dieser Hinsicht empfindest, in Hinsicht auf Frauen, meine ich, Mac und ich haben ausführlich darüber gesprochen - er ließ das kurz wirken -, und ich frage mich, ob du imstande bist, absolut professionell und neutral zu sein.
Ich machte ein paar bestätigende Geräusche.
Er musterte mich. Er stand vor mir, in Hemd und Fliege. Versteh mich nicht falsch, Milk, aber deine Gefühle spiegeln sich zu oft auf deinem Gesicht wider, und wenn dir eine Frau - diese Frau morgen früh - etwas erzählt, was du möglicherweise stimulierend findest...
Ich mühte mich, ein unbewegtes und möglichst blasses Gesicht
zu machen. Also, ich glaube, wenn du mir eine Chance geben würdest... Ich bin sicher, daß ich das kann, das heißt...
In dieser Nacht drillte er mich zwei Stunden lang. Zuerst war ich die Frau, dann er, dann wieder ich, dann wieder er. Die Fragen kamen eine nach der anderen, und seine Augen waren wie Peitschen, wie Güsse mit eiskaltem Wasser am frühen Morgen, hart und erbarmungslos. Er war anspruchsvoll, fordernd, überkritisch, und wenn ich einen Fehler machte, ließ er mich Kaffee trinken, bis meine Nerven so vibrierten, daß ich für den Rest der Nacht kein Auge zutat. Im Gegensatz zu Prok. Ich lag im Dunkeln da und dachte an tausend Dinge, hauptsächlich aber an Iris, die ich den ganzen Sommer nicht gesehen hatte, auch wenn wir uns beinahe täglich geschrieben hatten. Übermorgen würde sie zurück auf dem Campus sein, und ich dachte an sie, als die Schatten weicher wurden und von der Straße die ersten leisen Geräusche der erwachenden Welt hereindrangen. Prok schnaufte und schnarchte und schlief den Schlaf des Gerechten.

Am Morgen, beim Frühstück auf unserem Zimmer, prüfte Prok mich noch einmal. Ich hob eine Gabel mit Toast und Rührei zum Mund, legte sie wieder hin, beantwortete
die Frage und trank rasch ei

Pressestimmen

"T.C. Boyles gelungene Romanstudie über den Sexualforscher Alfred C. Kinsey. T.C. Boyle gelingt es, einen ganzen großartigen Roman lang, einen kostbaren Erregungspegel zu halten und uns gleichzeitig zu erstaunten Zeugen dieser Erregung zu machen. ... Auf der Klaviatur der Sinne gelingen Boyle Botschaften von erstaunlicher Komplexität." Walter van Rossum, Die Zeit, März 2005 "Wilder Poet und hinreißender Bestsellerautor." Stephan Draf, Stern, Oktober 2005 "Eine beißende Satire auf den großen Meister." Gala, 03.03.05 "Ein aufregend quälendes Porträt Kinseys." Julia Encke, Süddeutsche Zeitung, 08.03.05 "Boyle, für uns einer der besten zeitgenössischen Erzähler." Brigitte, 02.03.05 "Es ist das Spezialgebiet von Boyle, die groteske Mechanik zu erkunden, mit der utopische Paradiesentwürfe scheitern an der menschlichen Natur. Selten war Boyle so gut in Form wie in Dr. Sex. Der Witz und die Kraft des Romans ergeben sich fast von selbst aus den bizarren Glaubensbekenntnissen und bösen Irrtümern einer aufkeimenden Revolution." Thomas Hüetlin, Der Spiegel, 14.02.05 "Geschichten, die so leicht daherkommen wie ein guter Song, dessen Rhythmus einem nicht mehr aus dem Kopf geht." Nike Vlachos, Playboy, März 2005 "Eine differenzierte und ironische Charakterstudie." Susanne Kunkel, Welt am Sonntag, 27.02.05 "Der seltsamste Bestseller-Autor der Welt." Nike Vlachos, Playboy, März 2005
EAN: 9783446205666
ISBN: 3446205667
Untertitel: Roman. Originaltitel: The inner circle. Empfohlen Ab 16 Jahre. 5. Auflage.
Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum: Februar 2005
Seitenanzahl: 472 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Dirk van Gunsteren
Format: gebunden
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