HUDU

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August 2004

Beschreibung

Beschreibung

Am Anfang hängt in einem abgetakelten Bahnhofsviertel ein Mann kopfüber von einem Klettergerüst. Sein Name ist Abel Nema, und man sagt ihm nach, ein Genie zu sein. Doch was nützt das, wenn sich einmal ein Leben derart verändert hat, daß sich nichts und niemand mehr am richtigen Ort befindet - am allerwenigsten man selbst. Zuerst verschwindet der Vater spurlos, dann, nachdem Abel ihm seine Liebe erklärt hat, der Jugendfreund, und schließlich bricht in seinem Heimatland auch noch ein Bürgerkrieg aus - seitdem sitzt er im Westen fest. Immer wieder nimmt er Anlauf, Herr über sein Schicksal zu werden, versucht sich als Lehrer und als Landstreicher, und am Schluß sogar als Ehemann. Er wird, und nicht nur einmal, geliebt, dennoch: »Eines Tages ist der talentierte Mensch, der ich bin, einfach verzweifelt.« Terézia Moras erster Roman ist angelegt als ein Prosa-Labyrinth von seltener Sprachkraft und einem ausgesuchten Reichtum an Bildern, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Sie erzählt den Höllentrip eines entwurzelten und wortlosen Mannes, für den es am Ende doch eine Erlösung geben wird.

Portrait

Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn, geboren. Sie lebt seit 1990 in Berlin und gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Für ihren Roman "Das Ungeheuer" erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis. Bereits 1999 sorgte sie mit ihrem literarischen Debüt, dem Erzählungsband "Seltsame Materie", für Furore. Für diese Erzählungen wurde sie u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Band "Nicht sterben" mit ihren Frankfurter Poetikvorlesungen. Terézia Mora zählt außerdem zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Ungarischen.

Leseprobe

Wovon ich rede, sind herzzerrei'nde undoder komische Geschichten. Extremes und Skurriles. Trag'dien, Farcen, echte Trag'dien. Kindliches, menschliches, tierisches Leid. Echte Ergriffenheit, parodierte Sentimentalit' skeptischer und ehrlicher Glaube. Katastrophen selbstverst'lich. Natur- und andere. Und ganz besonders: Wunder. Was die anbelangt, ist die Nachfrage stets enorm. Wir kaufen Wunder von 'berallher. Beziehungsweise nehmen sie uns einfach. Die Wunder sind f'r uns alle da. Nicht umsonst hei'n wir die Zeit der Wunder. Die haben die M'yrer, und wir haben die Wunder. Sie verstehen.
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Die lateinischen L'er sind besonders ergiebig. Gutes altes Babylon. Und nat'rlich Transsylvanien. Der Balkan etcetera. Beherrschen Sie wirklich all diese Sprachen? Alle zehn?
Einer, der aussieht wie Christus ohne Bart, kann kein L'gner nicht sein, was? Oder Rasputin. Rasputin ist besser. Hinter Ihrem R'cken werde ich Sie so nennen, einverstanden? Was Neues von Rasputin? Im 'rigen ist es egal, sagte der Mann, ein Redakteur, zu Abel Nema, als er ihn das erste und letzte Mal sah. Meinetwegen l'gen undoder erfinden Sie auch. Hauptsache, es ist gut. Sie verstehen mich?
Gut, gut, gut. Sehr gut. Im 'rigen ist L'gen gar nicht n'tig. Das Leben ist voller furchtbarer Zuf'e und unz'barer Ereignisse. Sie verstehen.


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Wochenende


V'gel


Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt.
Eine Stadt, ein 'stlicherer Bezirk davon. Braune Stra'n, leere oder man wei'nicht genau womit gef'llte Lagerr'e und vollgestopfte Menschenheime, im Zickzack an der Bahnlinie entlang laufend, in pl'tzlichen Sackgassen an eine Ziegelsteinmauer sto'nd. Ein Samstagmorgen, seit kurzem Herbst. Kein Park, nur ein winziges, w'stes Dreieck sogenannte Gr'nfl'e, weil etwas 'brig geblieben war am spitzen Zusammenlaufen zweier Gassen, so ein leerer Winkel. Pl'tzliche B'en fr'hmorgendlichen Windes ' das kommt von der zerkl
'fteten Stra'nstellung, so ein soziales Gebiss ', r'tteln an einer h'lzernen Scheibe, einem alten oder nur so aussehenden Kinderspielzeug, das am Rande der Gr'nfl'e steht. Daneben der frei schwebende Tragering eines M'lleimers, der Eimer selbst fehlt. Einzelner Abfall liegt im nahen Gestr'pp, das es in Anf'en von Sch'ttelfrost loszuwerden versucht, aber es fallen meist nur Bl'er klappernd auf Beton, Sand, Glasscherben, ausgetretenes Gr'n. Zwei Frauen und wenig sp'r noch eine, auf dem Weg zu oder von der Arbeit. Schneiden hier die Ecke ab, trampeln 'ber den Trampelpfad, der das Gr'n in zwei Dreiecke teilt. Eine der Frauen, eine Korpulente, zieht im Vorbeigehen zwei Finger 'ber den Rand der h'lzernen Scheibe. Der Scheibenfu'quietscht auf, es h'rt sich an wie der Schrei eines Vogels, oder vielleicht war es wirklich ein Vogel, einer von den Hunderten, die 'ber den Himmel ziehen. Stare. Die Scheibe dreht sich torkelnd. Der Mann habe auch irgendwie wie ein Vogel ausgesehen, oder eine Fledermaus, aber eine riesige, wie er da hing, seine schwarzen Mantelfl'gel zuckten manchmal im Wind. Zuerst dachten sie, sagten die Frauen sp'r aus, jemand h'e nur seinen Mantel dort vergessen, auf dieser Teppichklopfstange oder was das ist, ein Kletterger'st. Aber dann sahen sie, dass unten H'e heraushingen, wei' H'e, die Spitzen der gekr'mmten Finger ber'hrten fast den Boden.
An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den 'ersetzer Abel Nema kopf'ber von einem Kletterger'st baumelnd. Die F'' mit silbernem Klebeband umwickelt, ein langer, schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind.
Gr'': circa ' (sehr gro'. Gewicht: circa ' (sehr d'nn). Arme, Beine, Rumpf, Kopf: schmal. Haut: wei' Haar: schwarz, Gesicht: l'lich, Wangen: l'lich, Augen: schmal, Tr'ns'e beginnend, Stirn hoch, Haaransatz herzf'rmig, Augenbraue links tief, Augenbraue rechts hochgezogen ' ein mit den Jahre
n zunehmend asymmetrisch gewordenes Gesicht mit einer wachen rechten und einer schlafenden linken Seite. Ein nicht schlecht aussehender Mensch. Aber gut, auch das ist etwas anderes. Zwischen abheilenden 'eren Blessuren ein halbes Dutzend neue. Doch abgesehen davon: Etwas ist jetzt doch anders, dachte seine Frau Mercedes, als man sie sp'r ins Krankenhaus rief. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich ihn das erste Mal schlafen sehe.
Eigentlich nicht, sagte der Arzt. Wir haben ihn in ein k'nstliches Koma versetzt. Bis wir wissen, wie es um sein Gehirn steht. Und weil es auch ein Gewaltdelikt ist, schlie'ich kann man sich, und sei man noch so f'g, nicht selbst in so eine Lage bringen, stellt auch die Polizei Fragen. Wann man seinen Mann das letzte Mal gesehen habe.
Mercedes schaut lange in das Gesicht.
Ich h'e bald gesagt: Wenn ich's mir recht 'berlege: noch nie. Aber dann sagte sie doch: Das war vor ' Bei unserer Scheidung.




Ch're


An einem Samstag vor etwas mehr als vier Jahren kam Abel Nema zu sp'zu seiner Hochzeit. Mercedes trug ein schmales schwarzes Kleid mit einem wei'n Kragen und einen Strau'wei'r Margeriten in der Hand. Er kam wie immer, in zerknitterten schwarzen Klamotten, suchte lange, mit zitternden Fingern nach seinem Identit'nachweis, es sah so aus, als w'rde er ihn nicht finden, dann fand er ihn doch, in der Tasche, in der er zuerst nachgesehen hatte. Zur Scheidung, an einem Montag vor ', kam er wieder zu sp' ich habe so was schon geahnt, nach einer Weile wei'man das, schon als noch Zeit genug war, eine Viertelstunde vor dem Termin, als sich Mercedes mit der gemeinsamen Anw'in traf. Wollen Sie das wirklich? fragte die Anw'in, als sie sie engagierten. Immerhin war er dort einigerma'n p'nktlich erschienen, sagte aber anschlie'nd kein Wort, nickte nur zu allem, was Mercedes sagte. Sind Sie sicher? fragte die Anw'in hinterher. Vielleicht sollte jeder seinen eigenen ' Nein, sagte Mercedes. Das ist kein Stre
itfall. Plus die Kostenersparnis.
Es war also schon zu wissen, dass es auch diesmal nicht glatt gehen w'rde, warum sollte es ausgerechnet diesmal glatt gehen. Sie standen auf dem Gerichtsflur, die Anw'in redete etwas, Mercedes sagte nichts, beide warteten sie. Drau'n sammelte sich eine letzte Br'llhitze, als w'rde der scheidende Sommer mit hochrotem Kopf noch einmal das Maul aufrei'n und einen (Mercedes, das ist ihre Assoziation) hei'und ver'tlich anhauchen, aber hier drinnen zog es fr'stelig k'hl den langen, gr'nlichen Flur herauf. Als das Handy der Anw'in klingelte, waren es nur noch f'nf Minuten bis zum Termin, und, nat'rlich: er war dran. Mercedes spitzte die Ohren, ob sie ihn sprechen h'rte und wie er klang, aber es war nichts zu h'ren, nur die Echos der Flure und die Anw'in, wie sie Hm-Aha-Verstehe-In-Ordnung sagte. Er habe, berichtete sie, angerufen, um mitzuteilen, dass er unterwegs sei, das hei', so gut wie, es g' da n'ich ein Problem. ' Wieso 'berrascht mich das nicht? Jedes Mal, wenn sich dieser Mann auf den Weg machen will, wohin auch immer, taucht ein Problem auf. ' Das Problem sei diesmal, dass er ein Taxi nehmen m'sse, nein, das sei nicht das Problem, das Problem sei, dass er es nicht bezahlen k'nne, er habe momentan leider so gut wie kein Geld, aber er m'sse dieses Taxi nehmen, sonst w'rde er es nicht bis zum Gericht schaffen, schon gar nicht rechtzeitig.
Verstehe.
Sie standen noch eine Minute nebeneinander auf dem Flur, dann sagte die Anw'in, sie w'rde jetzt hinausgehen und vor dem Geb'e auf ihn warten. Mercedes nickte und ging auf die Toilette. Sie musste nicht auf die Toilette, aber drau'n auf dem Flur stehen konnte sie auch nicht. Sie wusch sich die H'e, stand mit tropfenden Fingern vor dem Spiegel, sah sich an.


Frauenstimme (singt): Do-o-na no-o-bis pa-a-cem pa-cem. Doooo-naa no-o-bis paaaa-cem.
M'erstimme (singt mit ihr): Do-o-na no-o-bis pa-a-cem pacem. Doooo-naa no-o-bis paaaa-cem.
Andere Stimmen (singen mit
ihnen): Do-o-na no-o-bis pa-a-cem pa-cem. Doooo-naa no-o-bis paaaa-cem.
Alle: Do-na. No-bis. Pa-a-cem, pa-cem. Doooo-naa no-o-bis paaaa-cem.
Frauenstimme: Do-o-na no-o-bis'
M'erstimme: Do-o-na no-o-bis
Frauenstimme (gleichzeitig): Paa-cem pa-cem. M'erstimme: Paa-cem pa-cem.
Frauenstimme (gleichzeitig): Doooo-naa no-o-bis. Andere Stimmen (gleichzeitig): Do-o-na no-o-bis. M'erstimme (gleichzeitig): Paa-cem, pa-cem. Andere Stimmen: Paa-cem pa-cem.
M'erstimme (gleichzeitig): Doooo-naa no-o-bis. Frauenstimme (gleichzeitig): Paaa-a-cem.
Andere Stimmen (gleichzeitig): Doooo-naa no-o-bis.
Alle: Paaa-a-cem. (Mit ein wenig Konzentration bringt man das alles schon auf die Reihe.)
Auf dem Flur war es nicht zu h'ren, nur hier: In der N' oder weit weg probte ein Chor, oder was ist das, ein Friedensgebet, aber wieso am Montag mittag, Mittagspause, sie verwenden ihre Montagmittagspause, um Dona nobis pacem zu singen. Wie lange schon, keine Ahnung, jedenfalls unerm'dlich. Frieden unsrer Seele, Frieden unsrer Seele, Friede, Friede.
Der dunkle Lippenstift ist ungewohnt. Das spitze Lippenherz.
Wieso muss man sich f'r seine Scheidung schminken? Andere Frauen kommen und gehen, schauen sich ebenfalls im Spiegel an, ihre dunklen oder helleren Lippen, Mercedes schaut ihnen durch den Spiegel zu, sie schauen Mercedes zu oder schauen ihr nicht zu, sie gehen, Mercedes bleibt. Mit einem Papierhandtuch den Mund abzuwischen ist riskant. Rotes bleibt in den H'hen drumherum zur'ck. Himbeersirupmund. Jetzt verkr'mmt er sich nach unten. Ich bin weniger 'erlich als traurig. Friede, Friede, Friede.


Maria von der Gnade der Gefangenenbefreiung, sagte Tatjana zu Erik. Unsere Freundin Mercedes hat eine Art Genie oder was aus Transsylvanien oder wo geheiratet, den sie aus dem Feuer oder so 'lich gerettet hat.
Eigentlich, sagte Mercedes' Mutter Miriam, ist alles in Ordnung mit ihm. Ein h'flicher, stiller, gutaussehender Mensch. Und gleichzeitig ist
nichts in Ordnung mit ihm. Wenn man das auch nicht n'r benennen kann. Etwas ist verd'tig. Die Art, wie er h'flich, still und gutaussehend ist. Aber vielleicht ist das so, wenn man hochbegabt ist.
Was hei' hier: hoch? Nun gut, er kann was. Einpaar Sprachen. Angeblich. Denn in der Praxis h'rt man kaum einen Satz von ihm. Das mag ein Symptom sein. Aber die Ursache ist es nicht. Er hat die gleichen Probleme wie jeder Emigrant: er braucht Papiere und er braucht Sprache, sagte zu einem fr'heren Zeitpunkt Professor Tibor B. zu seiner damaligen Lebensgef'tin Mercedes. Letzteres hat er so gel'st, dass er einfach perfekt geworden ist, und das gleich zehnmal, und zwar so, das glaubt man einfach nicht, dass er den Gro'eil seiner Kenntnisse im Sprachlabor erworben hat, so wie ich es sage: von Tonb'ern. Es w'rde mich nicht wundern, wenn er nie mit einem einzigen lebenden Portugiesen oder Finnen gesprochen h'e. Deswegen ist alles, was er sagt, so, wie soll ich sagen, ohne Ort, so klar, wie man es noch nie geh'rt hat, kein Akzent, kein Dialekt, nichts ' er spricht wie einer, der nirgends herkommt.
Ein Gl'ckspilz, sagte jemand namens Konstantin. Ich sage zu ihm: Du bist ein Gl'ckspilz. Da schaut er mich an, als h'e er kein Wort verstanden. Dabei soll das doch, nicht wahr, seine Spezialit'sein. Wobei ich pers'nlich denke, seine eigentliche Spezialit'ist es, dass sich Menschen f'r ihn interessieren, und zwar ohne dass er auch nur das Geringste daf'r tut. Man macht sich Gedanken 'ber ihn und 'ert sich hinterher, weil sich herausstellt, dass er einem die ganze Zeit, w'end man auf ihn eingeredet hat, nur auf den Mund geschaut hat, als bes' allein die Art und Weise, wie man die Frikative bildet, Wichtigkeit f'r ihn. Der ganze Rest, die Welt, mit Mann und Maus, interessiert ihn nicht die Bohne. In der Welt leben und nicht in der Welt leben. So einer ist er. Immer etwas etepetete, so ein R'hrmichnichtan, aber du t'chst mich nicht, dein Name verr'dich: Nema, der Stumme, verwandt mit
dem slawischen Nemec, heute f'r: der Deutsche, fr'her f'r jeden nichtslawischer Zunge, f'r den Stummen also, oder anders ausgedr'ckt: den Barbaren. Abel, der Barbar, sagte eine Frau namens Kinga und lachte. Das bist du.
Schlicht und ergreifend Trouble, sagte Tatjana. Das sieht man auf den ersten Blick, es sei denn, man ist blind, es sei denn, man ist Mercedes. Im Wesentlichen, sagt sie, sei es eine Scheinehe. Das sind ihre Worte: Im Wesentlichen. Eine Scheinehe. Womit er beide seiner Probleme gel'st h'e. Gratulieren wir. Und was sie anbelangt '
Wie k' ich dazu, 'ber andere zu urteilen. Es kann Gr'nde geben, diese sind oft von au'n ' Mercedes verzieht den Mund, das Gegen'ber l'elt ', von au'n, von wo aus sonst!, nicht zu sehen. Scheinbar verlieren sie einfach so den Verstand. Da ist dieser Mensch, Abel Nema, so ein hoffnungsvoller, junger, die erste freie Generation!, mit der Welt zu F''n. Genie' es, f'r diesen kurzen Moment, den es dauert, denn wie schnell kann es vorbei sein. Kaum hat man sich einmal umgeschaut, bricht etwas auf und aus, sagen wir: ein B'rgerkrieg ' Ich kann es immer noch nicht begreifen, praktisch vor unserer Haust'r! Was genau begreifst du nicht?', und das war's dann, sieh zu, dass du Land gewinnst. Vor zehn, nein, mittlerweile dreizehn Jahren musste A. N. seine Heimat verlassen, das war sicher nicht leicht, seitdem allerdings war alles eher normal. Was man so nennt. Ein Mensch mit bemerkenswerten Talenten, zehn Jahre, zehn Sprachen, gelernt und gelehrt, und auch als Privatperson von einiger Wirkung, schlie'ich und endlich sogar mit Ehefrau, Stiefkind, Staatsb'rgerschaft. Hat seine Nische gefunden, seine ruhige Ecke am Rande der Party, und dann, vor etwas mehr als einem Jahr, einem Samstag, nein, es war schon Sonntag, erw'te Party, stand er auf, ging hinaus und ist seitdem praktisch nicht mehr vorhanden. Hat sich zur'ckgezogen in diese skurrile bis l'erliche (alle Kursive: Mercedes) Wohnung mit diesem formidablen Blick zur Bahn und nicht
s als einer Matratze und einer Standleitung, und macht nichts, au'r von 'berall auf der Welt skurrile bis l'erliche Geschichten f'r einen omin'sen Agenten f'r skurrile bis l'erliche Wurstbl'er zusammenzusuchen, sieben Tage die Woche. Was soll ich dazu noch sagen.


Do-o-na no-o-bis. Irgendwann hast du genug in den Spiegel gestarrt. Du bist, was du bist. Auf Zehenspitzen, warum?, ans kleine Fenster. Dahinter ein grauer Innenhof, mit dem aufsteigenden, eigenen Geruch grauer Innenh'fe, darin parkende Autos, dar'ber Himmel. Etwas lauter: Do-o-na no-o-bis. Aber so richtig h'rt man nicht, woher es kommt. Als w's von 'berallher. Das Fenster ist vergittert. Hier werden auch normale F'e verhandelt. Kriminalf'e. Ich werde nicht durch das Klofenster fliehen k'nnen. Mercedes schlie' das Fenster. Den Chor h'rt man immer noch.
Und dann wieder im Flur stehen, da sind auch andere, und, das ist bemerkenswert, alle schauen in dieselbe Richtung, den langen, gr'nlichen Korridor hinunter. Wie am Bahnsteig steht man da, die Gesichter erwartungsvoll dorthin gewendet, wo bald etwas oder jemand auftauchen m'sste: er; man sp'rt schon die Luft, die er vor sich herschiebt.
Als er dann tats'lich auftauchte, insgesamt nicht mehr als eine Viertelstunde zu sp' sah er bei weitem nicht so wuchtig aus, wie man aus dem Wind, den er im Vorfeld verursacht hatte, h'e annehmen k'nnen. Zwar gro' aber schm'tig, kein Zug, eher ein Semaphor, ein Strich in der Landschaft, wenn man die Augen zusammenkneift, schmilzt er von den Seiten her ein. Von vorne betrachtet sah es so aus, als w'rde er sich kaum von der Stelle bewegen. Dastehen, warten.


An einem Samstag vor vier Jahren kam Abel Nema zu sp'zu seiner Hochzeit. Er sagte, er habe sich etwas verirrt, und l'elte, ich kann nicht sagen, wie. Mercedes l'elte auch und fragte nicht, wieso er nicht ein Taxi h'e nehmen k'nnen. Und eventuell etwas anderes anziehen. Der glitzernde Schwei'im offenen Kragen 'ber der zerknitterten Knopfleis
te ist das deutlichste Bild, das Mercedes von ihrer Hochzeit geblieben ist. Das und der Geruch, der aufstieg, als er, mitten in der Rede der Standesbeamtin, an keiner bestimmten Stelle, denn es war ohnehin kaum zu verstehen, was sie sagte ' Vielleicht k'nnte man die Rede k'rzen oder gar weglassen, sagte Mercedes, um die Zeit aufzuholen, aber die Frau sah sie nur mit blanken Augen an, holte Luft und erz'te einfach alles herunter, was auch immer, Liebe und Gesetz auf der Grundlage b'rgerlicher Lebensverh'nisse ', und ich dachte immer nur: ich heirate gerade, ich heirate, als er auf einmal: seufzte. Der Brustkorb, die Schultern st'lpten sich hoch und sackten wieder zur'ck, und dabei stieg ein Schwall auf, ein seltsames Gemisch aus dem Geruch des Sakkos, in dem sich Staub mit Regen verbunden hatte, dem durchgeschwitzten Waschmittelgeruch des Hemds, seiner Haut darunter, seiner Seifen-, Alkohol-, Kaffee- und Talgnoten, und etwas wie Gummi, genauer: Latex, mit einem leichten, synthetischen Vanillearoma, ja, sie glaubte, den Geruch eines Kondoms an ihm wahrzunehmen, plus den Geruch einer in der Hitze eines Dachgeschosses schmelzenden Computertastatur, mit wei'n Kreisen im schwarzen Schmutz, dort wo die Finger die Tasten ber'hren, und so weiter, noch mehr bekannte Ger'che, aber diese sind Nebensache, denn was wirklich wesentlich war in dem Moment, war etwas, was die Braut Mercedes nicht h'e benennen k'nnen, das wie ein Wartezimmer roch, wie Holzb'e, Kohleofen, verzogene Schienen, ein in die B'schung geworfener Pappesack mit den Resten von Zement, Salz und Asche auf einer eisigen Stra', Essigb'e, Messingh'e und pechschwarzes Kakaopulver, und 'berhaupt: Essen, wie sie es noch nie gegessen hat, und so weiter, etwas Endloses, wof'r sie gar keine Worte mehr hat, stieg aus ihm hoch, als tr'ge er ihn in den Taschen: den Geruch der Fremde. Sie roch Fremdheit an ihm.






Pressestimmen

"Und wenn Sie nichts müssen in diesem Herbst, das müssen Sie jetzt lesen. Sie müssen!" Elmar Krekeler, Die Welt
EAN: 9783630871851
ISBN: 3630871852
Untertitel: Roman.
Verlag: Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum: August 2004
Seitenanzahl: 429 Seiten
Format: gebunden
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