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Rainer Maria Rilke


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Februar 2004

Beschreibung

Beschreibung

Die Vielfalt von Rainer Maria Rilkes (1875 bis 1926) Lebensstationen spiegelt sich im Werk des "letzten Dichters" wider. In dieser kompakten Darstellung folgt Rüdiger Görner Rilkes Spuren, verwehrt sich aber den gängigen Einordnungen und Periodisierungen. Es geht ihm vielmehr um den Prozess des Schaffens und um die Geschlossenheit des Werkes. Görner zeigt Rilke in seiner Zeit und analysiert die wichtigsten Einflüsse. Auf behutsame Weise werden Leben und Werk miteinander verwoben, und Görner veranschaulicht die Wirkung der Musik, der bildenden Kunst und der Politik.

Portrait

Rüdiger Görner, geboren 1957 in Rottweil, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Kulturgeschichte am Queen Mary College der University of London. Er schreibt regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung und Die Presse. Bücher (u.a.): Unerhörte Klagen. Deutsche Elegien des 20. Jahrhunderts (2000) und bei Zsolnay Herausgeber von Alexander Lernet-Holenias Fragmente aus verlorenen Sommern. Gedichte (2001). 2004 ist das Buch Rainer Maria Rilke im Zsolnay Verlag erschienen und 2014 die Biografie Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme.

Leseprobe

Dichter in bedürftiger Zeit: Warum Rilke?

Doch versucht euch an dem ganzen Rilke.
Marina Zwetajewa am 12. Mai 1926

Wer sich mit Rilke auseinandersetzt, fühlt sich entweder genötigt, dessen schiere Gegenwart zu betonen, ihn als "Dichter der Zukunft" zu feieren, oder in ihm - bei aller postulierten Zeitgemäßheit - den "letzten Dichter" zu sehen. Rilke gilt als Kultfigur, als Sprachmagier; unter manchen Literatur-Enthusiasmierten Kaliforniens sogar als Schutzpatron der New-Age-Bewegung und poetischer Engel in nachchristlicher Zeit.
Manche glauben noch immer, seine Dichtungen zelebrieren zu müssen - sehr zu ihrem Schaden: Rilke nur bei Kerzenschein zu lesen ist seiner Dichtung ebensowenig zuträglich wie es anno 1987 die Aufführung von dessen Fin de Siècle-Einakter Die weiße Fürstin im Pariser Théâtre de l'Escalier d'Or gewesen war, als man dieses Stück durch eine bewußt dekadent einschläfernde Darstellungsweise wiederbeleben wollte. Wie wenig Rilke-Leser wollen das Radikale an seiner Kunst wahrhaben, das Unbedingte, mit dem sich dieser Dichter zur Offenbarung der Sprache bekannte.
Rilke - zum "unscheinbaren Schatten" eines von Jan van Eyck gemalten Apfels wollte er werden. Oder in Kastanienwäldern gehen im Vertrauen darauf, daß sich eine Richtung ergebe. Eine späte Photographie zeigt ihn mit weißen Gamaschen auf einem geharkten Parkweg von Muzot im Halbschatten, im Gehen einen Brief öffnend, dabei aber in die Kamera blickend und wehmütig-melancholisch lächelnd. Was trieb ihn um auf solchen Wegen? Ein unsicheres Verhältnis zur Zeit?
Niemand weiß, wie spät es wirklich ist in seiner Zeit. Niemand, außer vielleicht dem Dichter. Zeit galt Rilke als sein "tiefstes Weh". Er sah sie wie einen welken Rand eines Buchenblatts. Zeit verstand er als Auftrag, durch sie, in ihrem Raum die Dinge zu ordnen, ein
Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Was es mit diesem Ordnen auf sich hatte, beschrieb noch 1932 Virginia Woolf in ihrem Letter to a young poet. Der Dichter, so Woolf, solle Beziehungen zwischen Dingen herstellen, die auf den ersten Blick unvereinbar aussehen und die aber doch über eine insgeheime Affinität verfügen. Jede Erfahrung solle der Dichter ganz in sich aufnehmen, und zwar furchtlos ("- to absorb every experience that comes your way fearlessly"). Schon Hölderlin hatte in seiner Ode "Dichterberuf" diese Furchtlosigkeit hervorgehoben. Furchtlos und einsam vor Gott habe der Dichter zu sein, furchtlos aber auch darin, seine eigene Angst einzubekennen, seine Seelenot, seine Verzweiflung. Gemeint war bereits in Hölderlins Ode der Mut zum Reflektieren der Angst vor dem Bodenlosen unserer Existenz, aber auch vor dem Ungeheuren seiner Möglichkeiten.
Warum Rilke? Klingt dieser Name - trotz aller Beteuerungen hinsichtlich seiner Gegenwart und Zukunft - nicht eher wie ein Gerücht aus einer anderen Welt? Weht uns hier nicht ein Name aus abgelebter Zeit an, ein "Duft von welken Rosen", wie es in einem seiner frühen Gedichte ("Auf dem Wolschan") heißt? Ist er nur noch ein Geist aus einem "toten Traum"? Rilke - man denkt an blaßblaues Briefpapier, an Wappen ausgestorbener Familien, an hängende Gärten und Felsen bei Duino, an die langen Schatten von Pinien und an alte Fontänen? Warum sich noch einlassen auf seine "Mädchen" und "Engel", sein "Aufsingen", seine "Spiegel", warum mit dem oft unerträglich Manirierten seines frühen Dichtens weiter umgehen?
Weil dadurch erkennbar wird, wie sich seine sprachlich einzigartig gebliebene Dichtung und die mit ihr verbundenen existentiellen Fragen entwickelt haben, etwa die Frage nach dem, was wirklich ist - in einer Beziehung, einer Erfahrung, einer Sichtweise. Es ging Rilke dabei nicht um die dialektische Gegenüberstellung von Wirklichkeit
und Illusion; wußte er doch, daß es sehr wohl Illusionen und Traumbilder gibt, die als Bestandteile einer Lebenserfahrung ganz und gar wirklich sein können. Nein, die Frage nach dem Wirklichen war für ihn Ausdruck einer Suche nach Authentizität, nach dem Genuinen, Wesentlichen, nach der Möglichkeit in unserer vom Technischen verstellten Welt, Leben (und Tod) als noch etwas Ursprüngliches, Eigenes zu erfahren.
"Sehen lernen" und "verwandeln können" und dafür die treffende Sprachform zu finden, so lauteten bekanntlich die Imperative in Rilkes Dichtkunst. Es war eine Kunst wider jegliche ideologische Verfestigung des Denkens oder Betrachtens. Statt dessen setzte er darauf, daß der Mensch Veränderungen gegenüber offenbleiben müsse und dabei stets bereit, die Wandlung zu wollen.
Authentisch sein, das bedeutete für Rilke - zumal in seiner zweiten Schaffenshälfte -, sich dem Verhältnis von Intuition und Wissen am Rande der existentiellen Bestürzung über den Stand der Dinge zu stellen. Aus dem "Sehen lernen" mußte Reflexion werden. Nicht mehr das Auge lernte, sondern die Klage, wie er in den Sonetten an Orpheus sagen wird.
Rilke lesen bedeutet: einen Mythos sprechen hören, den Mythos vom Dichter, der beinahe verspätet, noch einmal das Orphische einklagt, noch einmal aufsingen will, mitten im Elend der Zeit, "wissenden Jubel" wagt in einer Epoche, die schon bald den hysterischen Beifall propagandistisch erzwingen wird.
Als die wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Folgen der Relativitäts- und Quantentheorie geführt wird, wartet Rilke mit Überlegungen zum Ur-Geräusch auf, mit einem Versuchsplan, der Kronennaht des Schädels mit einem Phonographen Töne zu entlocken. Nach dem Motto: jedem seine spezifische Kronennaht, jedem seinen unverwechselbaren Lebenston. Ließe sich aus diesen Tönen ein Zusammenkl
ingen, eine Symphonie der Menschlichkeit gewinnen? Warum aber sollten wir uns heute mit dergleichen Abstrusitäten befassen, wir, die gelernten Genmanipulateure und modemerfahrenen Informationsvernetzer, die wir im letzten Jahrhundert jede nur denkbare Unschuld restlos verloren haben?
Vielleicht wäre es dennoch angemessen, Rilkes Aufsatz über das Ur-Geräusch neben unseren Computer-Tastaturen aufgeschlagen liegen zu haben, neben unseren künstlichen Gehirnen, so ganz ohne Schädeldecke und Kronennaht, ohne Hoffnung auf authentische Lebenstöne. Und warum? Weil uns die Seiten dieses Versuches an das erinnern, woran es uns gebricht: an einem natürlichen Zugang zum Wissen. Rilkes Versuch, ja, große Teile seiner ganzen Dichtung sind eine Parabel über die Frage, ob wir zurückfinden können zu einem lebensnahen Wissen, ob wir noch Sinn haben für das kindliche Ausprobieren von Möglichkeiten und für das Erproben eines zentralen Widerspruchs in uns: Naiv und sentimentalisch zugleich zu sein, unschuldig und reflektiert, unmittelbar am Puls des Lebens und das Pulsierende in Frage stellend, eben an der Schwelle zum, wie es in den Sonetten an Orpheus heißt, "trostlos offenen Tor."
Man hat Rilke kritisch bis abschätzig einen "Wie-Dichter" genannt und von seiner Vergleichssucht gesprochen. Tatsächlich findet sich ein Wie, wo immer man Rilkes Werk aufschlägt. Was als Manie ausgelegt werden kann, üb

EAN: 9783552053021
ISBN: 3552053026
Untertitel: Im Herzwerk der Sprache.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2004
Seitenanzahl: 344 Seiten
Format: gebunden
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