HUDU

Die Sehnsucht der Schwalbe


€ 19,90
 
gebunden
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Juli 2000

Beschreibung

Beschreibung

Eine Woche lang muss Lutfi an einer syrischen Dorfhochzeit teilnehmen. Viel lieber wäre er schon wieder auf dem Weg nach Deutschland. So aber vertreibt er sich die Zeit, indem er Barakat, dem Bruder der Braut, nächtelang Geschichten aus seiner arabischen Kindheit erzählt. Und von seinen aufregenden Erlebnissen in Deutschland, wo er endlich für immer bleiben möchte. Der neue Roman des großen Erzählers Rafik Schami.

Portrait

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte Rafik Schami im Fach Chemie. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Preis "Gegen das Vergessen - Für Demokratie" (2011) und zuletzt mit dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur sowie dem Preis der Stiftung Bibel und Kultur (2015). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe (2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004) Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015).

Leseprobe

Onkel Malik, der Bruder meines Vaters, war bereits über fünfzig und hatte bisher sein Leben damit verbracht, Schätze zu suchen, doch außer Kleinigkeiten hatte er nichts gefunden. Er war seit dem Bankrott seines Vaters mittellos, seine Frau musste in einer Fabrik arbeiten, aber er war sich immer sicher, dass er eines Tages etwas ganz Großartiges finden würde. Und tatsächlich: Vor etwa drei Jahren geschah es. Mein Onkel Malik stieß in der Nähe eines Flusses im Norden auf eine Höhle und fand darin drei kleine Krüge mit seltenen Münzen aus verschiedenen Zeiten arabischer Herrschaft.
Nach all den Jahren, die Onkel Malik in der Familie, ja im ganzen Viertel für verrückt gehalten wurde, wäre mit diesem Fund eigentlich seine große Stunde gekommen gewesen. Aber zu seinem Pech konnte er mit ihr kein bisschen protzen und sagen: "Seht her, ihr Dummköpfe, ihr habt mich ausgelacht, weil ich immer auf der Suche nach dem Geheimnis der Erde war, und nun hat sie meine Geduld mit diesen drei Krügen belohnt."
Nein, jetzt galt es, die Münzen vorsichtig und heimlich ins Ausland zu bringen, um sie zu Geld zu machen. Denn hätte einer der Nachbarn von den Münzen erfahren, wäre es schnell öffentlich gewesen und mein Onkel so lange gefoltert worden, bis er seinen Fund ausgespuckt hätte. Und denkst du, dann wären sie gerettet gewesen? Weit gefehlt, irgendein primitiver, gieriger Offizier hätte sie eingeschmolzen, um die Spuren zu verwischen, und sie dann als Goldbarren billig an irgendeinen Goldschmied verhökert. Nicht mal einer von hundert historischen Funden kommt bei uns ins Museum, und wenn er dort landet, ist es auch dann nicht gesagt, dass er dort wirklich vor dem Zugriff
der Mächtigen sicher ist. Mein Onkel erzählte einmal, Präsident Sadat von Ägypten habe sich oft mit Figuren und Schmuck aus der Pharaonenzeit bei mächtigen Politikern in aller Welt angebiedert, vor allem bei den Amerikanern. War einer bei ihm zu Gast, rief Sadat persönlich beim Museumsdirektor an und bestel
lte eine ägyptische Statue oder ein Relief für den Staatsbesuch. Und was machten die meisten Gäste damit? Sie stellten die unbezahlbare Statue daheim an ihren Swimmingpool. Ja, lach nur. Da finde ich es doch besser, Onkel Maliks Münzen dorthin zu bringen, wo sie auf Samtkissen ruhen.
Mein Onkel musste also auf der Hut sein, wollte er nicht nach all den Jahren der Entbehrung auch noch für sein Glück bestraft werden. So kam er mit seinem Geheimnis
zu uns.
Warum er ausgerechnet uns auswählte, weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich spielten mehrere Dinge eine Rolle. Sicher ist, dass er mich oft mit Touristen gesehen hatte, bei denen ich ein paar Liras verdiente. Ich war flink, erledigte ihre Bestellungen gewissenhaft. Ich habe damals ganz gut verdient. Ich konnte meiner Mutter jede Woche ein Kilo Kaffee schenken und meiner Clique sogar ab und zu im Café eine Runde Tee oder Limonade ausgeben. Bei ihnen hieß ich damals auch nicht mehr "Sohn der Hure".
Der Umgang mit den Touristen nahm mir meine Angst vor Fremden, vor allem den Europäern. Doch die Polizei war mir ständig auf den Fersen. Sie war ungnädig in al-
lem, von dem sie glaubte, es hätte Touristen stören können, und sie betrachtete solche wie mich als Unsicherheitsfak-tor. Denn viele Touristenfänger waren wirklich krumme Hunde. Sie nahmen die Fremden aus. Ich aber war weder ein Gauner noch hatte ich Lust, der Polizei das beweisen zu müssen. Also war ich stets auf der Hut und entkam jedes Mal ihrem Zugriff. Onkel Malik war einmal zufällig Zeuge einer Verfolgungsjagd geworden und bewunderte mich, wie ich entwischte. Das war vielleicht auch ein Grund für sein Vertrauen zu mir. Noch dazu hatte ich vor ihm angegeben, dass ich fließend mehrere Sprachen spräche.
Sicher ist auch, dass er von uns nie wie von den übrigen Verwandten verhöhnt wurde. Meine Mutter glaubte an ihn, weil sie selbst abergläubisch war. Das hatte ihn stets ermutigt weiterzusuchen und immer trug er dabei das Amulett, das sie ihm
geschenkt hatte.
Als er erklärte, ich solle für ihn mit den Münzen nach Deutschland reisen, bekam ich es natürlich trotzdem erst mal mit der Angst zu tun. Ich hatte doch keine Ahnung, wie man als Sechzehnjähriger sein Leben in der Fremde bewältigen sollte. Was sie mich allerdings schnell überwinden ließ, war die Verlockung, Onkel Malik würde meiner Mutter alle Schulden erlassen und ihr dazu noch fünftausend Dollar in bar geben. Mit diesem Geld konnte meine Mutter ein Jahr wie eine Prinzessin leben. Welche Gefahr sollte mir bei dieser Aussicht noch Angst machen?
Aber der Reihe nach. Er kam an jenem Abend zu uns und ich bemerkte seine Unruhe. Er saß da und wartete geduldig, indem er die Zeit mit Allgemeinplätzen füllte, bis meine Geschwister, Jasmin, Dunia und Dschamil, eingeschlafen waren.
"Nun, Brüderchen, was hast du auf dem Herzen?", fragte meine Mutter wie immer, wenn sie ihm zuhören wollte.
"Ich habe vor zwei Monaten den Fund meines Lebens gemacht", sprach der Onkel leise mit ernstem Gesicht. Sofort spürte ich komischerweise mein Herz klopfen, als ob ich in jener Sekunde schon ahnte, was auf mich zukommen würde. Vor lauter Aufregung ergriff ich die Hand meiner Mutter. Sie wunderte sich zwar etwas, aber sie streichelte meine Hand und drückte sie.
"Ich habe drei Gefäße mit über tausend Münzen gefunden. Vor einem Monat lernte ich einen Deutschen kennen, der mit Münzen handelt. Er sah die Proben und war begeistert. Er ist ein Experte und sagte, die Münzen brächten mindestens hunderttausend Dollar. Er sagte, ich solle ihm meine Adresse geben und er würde mir schreiben. Natürlich habe ich nicht alles verstanden. Wir sprachen beide miserabel Französisch. Doch nun ist der Brief da und ich habe keine Bedenken mehr. Deshalb brauche ich die Hilfe von Lutfi und euer beider absolute Verschwiegenheit."
Meine Mutter verstand noch nicht, worauf Onkel Malik hinauswollte, ich aber ahnte schon alles. Ich hatte genug Krimis gesehen, um ein bisschen kombinie
ren zu können.
"Wie... wie könnte Lutfi... bei so einer heiklen Angelegenheit helfen?", fragte meine Mutter mit trockener Kehle.
"Bring mir die Bibel", sagte Onkel Malik, "dann werde ich genauer."
Wie benommen holte meine Mutter die Bibel aus dem Regal.
"Legt eure rechte Hand darauf und schwört", befahl er und wir gehorchten und wiederholten seine Worte, wonach uns Glieder abfallen, Blindheit und qualvoller Tod heimsuchen sollten, wenn wir ihn verrieten.
Dann zog er einen Briefumschlag hervor und las uns etwas auf Arabisch vor. Der deutsche Münzhändler hatte, um jedes Missverständnis aus dem Weg zu räumen, einen libanesischen Bekannten gebeten, die Zeilen ins Arabische zu übersetzen. Meine Mutter traute ihren Ohren nicht. Sie nahm den Brief in die Hand und las ihn noch einmal laut vor. In der Tat lautete er so, wie der Onkel gesagt hatte. Der Mann bat ihn, die tausend Münzen mit einem Kurier nach Deutschland bringen zu lassen. Dort wollte er sie an seine mit größter Neugier wartenden Kunden verkaufen und dem Kurier innerhalb weniger Tage das Geld übergeben und für sich selbst nur eine Vermittlungsgebühr abzweigen. Dann folgten Name und Adresse in Blockschrift.
"Und niemandem vertraue ich diese Münzen an außer Lutfi", sagte Onkel Malik und sprach dann ausführlich von der Belohnung, die auf mich und meine Mutter warten würde.
"Lutfi ist noch ein Kind. Warum bringst du dem Mann die Münzen nicht selber?", fragte meine Mutter auf einmal fast unfreundlich.
"Weil ich ein Angsthase bin. Sobald ich an einer Grenze stehe und einen Polizisten sehe, hebe ich die Hände hoch, denn ich denke, er will mich verhaften. Und wenn ein Polizist mich schief anschaut, sterbe ich oder mach mir in die Hose. Lutfi, deinen flinken Sohn, nenne ich nicht aus Zufall Sebak. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er mit Nerven aus Stahl vor der Polizei flüchtete, durch die G

EAN: 9783446198999
ISBN: 3446198997
Untertitel: 4. Auflage.
Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum: Juli 2000
Seitenanzahl: 337 Seiten
Format: gebunden
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