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Liebeserklärung


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September 2003

Beschreibung

Beschreibung

"Liebeserklärung" ist der erste Roman des Bachmann-Preisträgers Michael Lentz. Er erzählt die Geschichte einer Trennung, einer neuen Liebe und einer winterlichen Reise durch Deutschland, das ein Land im Abschwung ist - oder gilt das nur für den mit seiner Liebe verzweifelt kämpfenden?
Grenzüberschreitend offen und unerschrocken ungerecht, so laut, dass die leisen Töne wieder hörbar werden, erklärt Michael Lentz seine Liebe und geht aufs Ganze. Diese "Liebeserklärung" ist ein unerhörtes, zudringliches, schamloses, hasserfülltes, zärtliches Buch über das Rätsel und die Ratlosigkeit, das Verwunden und das Verwundern, über Grausamkeit und Glück, über das große Thema der Literatur und des Lebens: die Liebe, es ist eine kompromisslose Erzählung und eine Zumutung in einem so bisher nie gehörten emotionalen und erotischen Ton. Diese Liebeserklärung vergisst man nicht.

Portrait

Michael Lentz, 1964 geboren. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: >Pazifik Exil< (Roman), >Warum wir also hier sind< (Theaterstück), >Offene Unruh< (Gedichte), die Essay- und Aufsatzsammlung >Textleben< und die Frankfurter Poetikvorlesungen >Atmen Ordnung Abgrund< , alle bei S. FISCHER und bei FISCHER Taschenbuch.

Leseprobe

Michael Lentz

Liebeserklärung

Leseprobe



Diese deutsche Regenlandschaft. Eine heruntergekommene, eine Deutsche Bahn. Grenzenlose Verspätung. Zwei Stunden Sinnlosigkeit an Frankfurter Gleisen. Erfurt enthauptet, Weimar wie nie gewesen. Gibst du mir noch einen Kuss?, und warum der Kuss plötzlich so feucht ist, warum deine Zunge so zügellos in meinen Mund drängt, du reckst mir deinen Schoß entgegen, deinen warmen, geliebten Schoß. Und warum die Küsse plötzlich so ununterbrochen sind, dein Schoß so fordernd. Und du mir in die Hose langst, undsoweiter. Unsere Schöße, die füreinander gemacht sind. Ganz einfach. Gab es eine Zeit, da wir nicht zusammen waren, fragst du. Und unsere Schöße klüger sind als unser wildgewordener, fassungsloser Mund, der eine Dummheit an die andere reiht, der sich erbricht, entbindet. Unser Mund liegt zwischen uns, und wir schauen ihm zu. Fragend. Dass du seit längerem nicht mehr von Liebe sprichst, fiel mir auf, sagte ich dir. Eine fast diskrete Zurückhaltung ist deine Hinwendung. Ich habe dich also so erschreckt, drohte, zu packen und abzuhauen hier, wo ich doch nicht mal alles ausgepackt habe, seit Monaten steht das Zeugs im Keller rum, geschichtet, gestapelt, anfallsartig kündigte ich meine Flucht an, das passt nicht, sagte ich, deine Freunde passen auch nicht, nichts passt, ich passe hier nicht hin, habe ich gesagt, so erschrocken, dass du selbst schmale Abwandlungen, Andeutungen nicht über die Lippen bringst. Großheringen. Stell man sich mal vor. Güldengossa, Großpösna. Stell man sich auch mal vor. Liebe ist doch nicht das Zusammenklappen von Faltplänen. Was aber eine Posse ist, sagt der alte Däne, und die Liebe ist auch eine Posse. Gute Nacht, und erhole dich gut, sagst du schroff, du stehst eine Stunde früher auf, terrorisiere mich nicht, fügst du an. Was ist denn da passiert? Meinst du, morgen früh bumsen wir mal nicht, wolltest du das sagen? Wer bist du? Irgendwann fängt halt alles wieder von vorne an
. Da habe ich gedacht, es geht nicht mit uns, fängst du an. Warum hast du das gedacht? Als du sagtest, du wollest mal mit ihm reden, ob er uns nicht seinen Stellplatz im Hof geben könne, schließlich habe er eine Erlaubnis und könne auch auf der Straße parken. Und da hast du gedacht, es geht doch nicht mit uns. Ich dachte, es steht dir nicht zu, ihn zu fragen. Ihn so zu fragen, dachte ich, steht dir nicht zu. Weil du die Hausherrin bist. Weil er schon viel länger hier ist. Und wo ist das Problem? Das ist eine mentale Differenz, zwischen dir und mir. Da gibt es aber noch viel gewichtigere, fundamentalere. Und dann das mit dem Telefon. Was war denn mit dem Telefon? Dass du sagtest, du wüsstest eigentlich nicht, wofür du das zahlen solltest. Ich sagte, ich zahle das, auch wenn ich doch erstaunt bin, das Ding mit dem bloßen Betätigen einer Taste von heute auf morgen außer Gefecht gesetzt zu haben. All die Jahre funktionierte es tadellos. Und du willst sagen, dann komme ich, und nichts geht mehr. Plötzlich fallen die Geräte aus. Aha. Ob wir zusammenpassen ... Wird sich noch zeigen. Ja. Und diese beiden Nichtvorkommnisse stürzen dich in tiefe Zweifel. Neigetechnik. Kurz vor Leipzig mit jahrelanger Verspätung. Deutschland ist zu spät. Ein sich selbst überlebt habender Kasten. Tarifrunde. Helfershelfer. Reformmotor abgewürgt. Die Deutsche Bahn ist das endgültige Ende des deutschen Wirtschaftswunders. Seit Monaten haben wir die Seuche, sagt der Herr Schaffner. Kein Ankommen. Fahre ich weg von dir, fahre ich oft auf dich zu. Du bist die Ferne, so nah du auch sein magst. In der Nähe die Ferne, die Fremde. Zu leben ist nur eine komplexere Art, tot zu sein, heißt es in der Kunst. Ist das das Prinzip Grausamkeit? Ein resistentes Misstrauen habe ich gepflanzt. Und du bist fern, und fern bist du, wenn ich in dir bin. Und Nähe ist nur in der Ferne. Ist das so? Ist da nicht auch eine umhüllende Vertrautheit, ein Aufgehobensein, ein Schulteranlehnen, Ausheulen, Loswerden? Ausstellungsg
elände Natur. Fleckenlandschaft, erstarrte Farbe. Häuserfronten. Tauchen auf. Tauchen ab. Ist hier kein Krieg gewesen? Ein Stillhalten, daran der Blick sich heftet, ein Ablenken, Kinderspaziergang an Vaters Hand, der Himmel ist ein Farbenmeer, ein Baum. Alle Bäume ein einziger, ein Kuppelbaum, der umhüllt. Der einfasst. Und soll man seine Zunge hüten? Die manchmal so lose ist, so stolpernd. Die blindlings hinausfällt. Wie oft sage ich mir: Zurückhaltung, Mundhalten, das Maß aller Dinge. Dass man sich aber traut, zu sagen, was man eh schon denkt. Und während man das ausspricht, fühlt man sich denken, das alle dies denken, was man soeben ausspricht. Und trotzdem Betretenheit. Es fehlt die Sprache. Ein akut erkrankter Familienfall, zum Beispiel. Eine verengte Halsschlagader. Prozentuale Hoffnung. Das Schlimmste, was man haben kann. Der von jedem gedacht Schlaganfall, der droht, der aber auch bei einer operativen Entfernung der Ablagerungen droht, der von einem Einzigen ausgesprochen wird, ein Einziger spricht aus, was alle denken, Schlaganfall, noch nie gehört, dieses Wort, was soll das sein?, so schaut man drein, aussprechen überflüssig. Dabei ist diesem verlöschenden Leben vielleicht gerade das Leben geschenkt worden, indem man da hinzeigen kann, und das Übel benennen, man kann Schlaganfall aussprechen als eine abzuwendende Drohung, später hätte man Schlaganfall nur aussprechen können als ein Fazit, ein Zuendegegangen. Da hat einer also sein Leben lang auf diesen Moment hingeraucht, hat also sein Leben lang rauchend an der Möglichkeit der Selbstauflösung gearbeitet, droht also von einem Tag auf den anderen in die Luft zu stieben wie Rauch, steht also kurz davor, selbst Zigarette zu werden, Zigarre, und das Innere dieses Menschen ist mittlerweile eine einzige fortschreitende Ablagerung, und ein einziger sagt Schlaganfall, während alle anderen dies denken, aber nicht sagen, und dann so ungläubig davor stehen, vor diesem Wort, das ja eine Unerhörtheit ist, eine Blamage,
eine Zumutung, Unverschämtheit demjenigen gegenüber, dem jetzt, aber auch nach der angestrebten, schließlich erfolgreich verlaufenen Reinigung der Halsschlagader, die zu diesem Zweck geöffnet werden muss, ein Schlaganfall droht. Aber niemand sagt es. Aber nur einer sagt es. Und der ist schuld. Und das ist eine Aufgewühltheit, die du mitteilst, ich höre dich schwimmen, du schwimmst durch die Familiengeschichte, durchs trübe Wasser der Familiengeschichte schwimmst du, und du kannst dir nicht sicher sein, ob du das Wasser schwimmend erst aufwühlst, ob du vielleicht gar nicht schwimmen solltest, aber ich kann doch nicht untergehen wollen, sagst du, fernmündlich. Die Familie scheint im eigenen Gewässer still zu stehen, und nirgends ist Grund zu sehen, niemand sieht den Boden, auf dem er nicht steht, das Spiegelbild ist der Boden, und dann kommst du, und wühlst das Familienwasser auf, indem du einfach nur das sagst, was eh alle denken, indem du einfach nur Schlaganfall sagst. Kaum scheint man das Familiengewässer durchschwommen zu haben, hat es an Ausdehnung schon zugenommen, ist doppelt so breit, doppelt so tief geworden, und dir geht langsam die Puste aus, da hat es sich einfach verdoppelt, dieses an Gestank, so scheint es, nicht zu überbietende, diese auslaufende Fruchtblase. Die Deutsche Bahn, erzähle ich, während ich mit dir durch deine Familiengeschichte schwimme, ist eine raubtierartige Diebin im Stillstand, sie raubt dir am Bahnsteig weggestandene Lebenszeit, sie verkürzt dein Leben, indem sie durch abbröckelnde Fundamente, allerorten stattfindende Schlaganfälle deine Zeit verliert, macht sie dich kleiner, indem ihre Verspätung kein Ende nimmt, kein Ufer in Sicht, sage ich, kein Grund, kein Boden. Habe ich gestern so viel Alkohol getrunken, dass der Abstand zwischen mir und einer Gedächtnislücke die Dimension des Bodensees annahm, lässt mich der heutige Kaffeekonsum am Bahnsteig Züge einfahren sehen, von denen noch niemand gehört hat. Deutschland ist eine Betrieb
sstörung. Ein Bröckelzustand. Eine Pleite. Es ist kein Fortkommen aus Deutschland, weil jede Teilstrecke dein Leben verkürzt, jeder Aufenthalt bedeutet Verspätung, wo der Zug auch immer hält, bleibt er liegen, du sitzt in einem Zug der sogenannten Deutschen Bahn, diesem Sinnbild deutscher Betriebsstörung, und flehst Zauberkräfte herbei, dass er nicht hält, wenn er fährt, flehst du herbei, dass er gar nicht mehr hält, flehst du herbei, bis du an Ort und Stelle bist, wenn er doch bloß einmal fahren würde, er kommt aber gar nicht erst in Sicht. Hält aber dieser bald schon auseinanderbrechende Zug tatsächlich an, und sei es auch planmäßig, wenn auch selbstverständlich nicht pünktlich und schon gar nicht zeitgemäß, beginnt für kühle Rechner das Aufaddieren verspäteter, nicht mehr einzuholender Zeit als Verkürzung von Lebenszeit, und die Deutsche Bahn, sage ich in Mannheim laut und deutlich, sollte jemanden einstellen, gut bezahlt, dem man dafür in die Fresse hauen darf, sage ich. Lese ich in Leipzig in einer Telefonzelle das schmucke Wort Akkordglück, so klingt die bloße Andeutung des Wortes Anschlusszug schon wie Körperverletzung, und in Berlin geht dann gar nichts mehr. Seit Jahren nirgends aufzufindender, nirgends statthabender, stets aber lautstark angekündigter Ersatz des Schienenersatzverkehres. Vom ICE sanftes Herabstufen auf den Bus, der nicht fährt, fehlt also die unmerklich, aber dringend notwendige Wiedereinführung der Droschke. Abgangsverspätung hinwiederum ist keine hohldeutsche Umschreibung einer spezifischen Spritztechnik, sondern dänische Höflichkeit. Für dasselbe immerwährende Phänomen: Alles ist später und überhaupt, wie der alte Däne sagt; alles ist später, nur der Tod ist nicht später. Der Tod ist das einzige Zeitlose dieser Erdenveranstaltung. Ist da noch frei? Nein!

Pressestimmen

Wer Liebeskummer hat, weil er sich frisch getrennt hat, sollte darüber kein Buch schreiben. Die Gefahr ist groß, zu viel von allzu Privatem zu faseln und keine Geschichte zu erzählen. Und ganz lange, über Seiten gehende Sätze sollte nur in die Hand nehmen, wer sie auch zu bändigen weiß.

Michael Lentz ist so ein Sprachbändiger, wie sie inzwischen selten zu Wort kommen. Er entgeht auch der oben genannten Gefahr, er erzählt trotzdem keine Geschichte - und doch lese ich seine "Liebeserklärung" um ihrer selbst willen. Auch wenn nach wenigen Seiten klar ist, dass der Held im emotionalen Ausnahmezustand "nur" durchs winterliche Deutschland fahren und in einem Assoziationsfeuerwerk die frische Trennung von seiner Frau und das aussichtslose Abenteuer mit seiner Geliebten "verarbeiten" wird. Diese "Liebeserklärung" ist im strengen Wortsinn also keine. Es macht eine Weile Spaß, seinen intensiven Denkkaskaden zuzuschauen, wie ein Wort aus dem anderen entsteht, wie ein Gedanke zwingend am anderen hängt, wie eine Idee durch einen Halbsatz schwingt, sich am nächsten Komma neuen Schwung holt und schon wieder weiter getrieben wird. Wie gesagt: teilweise über Seiten hinweg geht das so, und zwar nicht etwa nicht einander verkeilte Perioden, sondern locker aneinandergelehnte Bilder, Bilderchen mit vielen Wiederholungen und bisweilen boshafte Hiebe wie zum Beispiel auf die Deutsche Bahn. (Was unvermeidlich ist, denn der Held bewegt sich vorbildlich ausschließlich auf der Schiene durch sein Heimatland).
Die eingeschobenen, wie original klingenden Telefonate mit seiner Frau kann jeder Mann mit Beziehungserfahrung mitsprechen: So trostlos, so kraftraubend geht es zu, wenn sich Menschen meiner Generation sagen, dass sie sich nach einigen Jahren Ehe nichts mehr zu sagen haben.

Lentzens Held trennt sich also, das befreit diesen, und ganz nebenbei ist dem Autor ein Porträt seines Helden gelungen, dass einen Mann in seiner ganzen Verletzlichkeit und auf den Höhepunkt seiner sexuellen Leistungsfähigkeit vorstellt. Richtig sympathisch ist er mit nicht geworden, aber ich habe ihm und seinen intelligenten Selbstgesprächen gerne zugehört.

Andreas Reikowski

 

Ich und du

Ein namenloser Mann, eine namenlose Frau - eine Trennung. Das Sterben einer Liebe von dem ersten Erkalten der Gefühle bis zum letzten "das war's dann wohl" ist wie eine Reise voll von verpassten Abfahrten und unbequemen Zugabteilen. Es ist gleichzeitig kalt und menschlich.

Michael Lentz, der Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises 2001, geht an das uralte Thema Liebe und Trennung mit neuem Elan heran. Von Anfang an spürt man bei seinem Roman den Ehrgeiz, sprachlich etwas Neues zu schaffen und das Wesen der Trennung bis in seine tiefsten Untiefen zu ergründen. Sein hauptsächliches sprachliches Mittel ist dabei der vollkommene Verzicht auf eine stringente Handlung. Die Protagnoisten bleiben namens- und gesichtslos, um ihre Allgemeingültigkeit nicht zu gefährden und das eigentliche Geschehen wird metaphorisch in das Bild einer Reise umgedeutet.

Leider ist es keine moderne Winterreise, die dabei entsteht, sondern ein hektisches, zerfahrenes Wortungetüm. Die ersten Sätze verraten alles über Intention und Stil des Autors:

"Das ist unsere Geschichte. So weit. Da bist du, und da bin ich. Und wir sind beide noch da. Das ist mehr als erwartet. Wir sind da. Wir sind anderswo. Das ist wenig genug."

So fängt es an und so geht es weiter. Man erfährt, dass der Protagonist das Völkerschlachtdenkmal nicht mag und dass er gerne und intensiv mit Worten spielt. Sonst erfährt der Leser nicht viel. Es ist, wie gesagt, ein ganz eigener Umgang mit Inhalt und Sprache, der hier zelebriert wird. Eine Bewertung ist in diesem Fall fast unmöglich, da sie von mutig bis selbstverliebt so ziemlich alles sein kann.

Es ist eines dieser Bücher, auf die der alte Satz zutrifft: Probieren geht über studieren.

© www.literature.de - Das Literaturportal

EAN: 9783100439239
ISBN: 3100439236
Verlag: FISCHER, S.
Erscheinungsdatum: September 2003
Seitenanzahl: 189 Seiten
Format: gebunden
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