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Der atlantische Graben


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September 2004

Beschreibung

Beschreibung

Es wird nichts mehr so wie es war: Amerika und Europa gehen in Zukunft getrennte Wege. Nicht erst seit dem Krieg im Irak. Was bedeutet dieser Bruch, der umso erstaunlicher ist angesichts des gerade erst mit vereinten Kräften errungenen Sieges im Kalten Krieg sowie der gemeinsamen Bedrohung durch den internationalen Terrorismus? Matthias Rüb, politischer Korrespondent der F.A.Z. in Washington, analysiert in seinem Buch die unterschiedliche Auslegung des "Zeitalters der Extreme" auf beiden Seiten des Atlantiks. Kein "Kampf der Zivilisationen", aber dennoch ein Wettbewerb der Visionen mit ungewissem Ausgang.



Portrait

Matthias Rüb, geboren 1962 in Zavelstein bei Calw. Ab 1989 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von 1994 bis 2002 deren Korrespondent für Mittel- und Südosteuropa, seither für Nordamerika. Bücher: u.a. Kosovo (dtv 1999).


Leseprobe

Dieses Buch versucht eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Befindlichkeiten der voneinander entfremdeten Partner des Kalten Krieges. Wie sehen Amerikaner und Europäer auf sich selbst? Wie sehen sie auf die Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantiks? Was fürchten sie, und wofür sind sie bereit zu kämpfen? Welche Aufgabe glauben sie namens der eigenen und der Menschheitsgeschichte im 21.Jahrhundert erfüllen zu müssen? Woran glauben sie? Glauben sie überhaupt an etwas, gar an Gott? Wie blicken sie auf ihr Gemeinwesen, auf ihre Nation? Wollen und werden sie wachsen, an Einwohnern und an Einkommen? Wie versuchen sie ihren Wohlstand zu wahren und zu mehren in einer globalisierten Weltwirtschaft?
Natürlich ist es eine grobe Vereinfachung und Übertreibung, von »Amerika« und »Europa« zu sprechen und sie als politisch-ökonomisch-kulturelle Entitäten einander gegenüberzustellen. Die USA sind so vielfältig und dezentralisiert, daß es immer wieder ein Wunder ist, zu welchen kollektiven Kraftakten und patriotischen Einheitsmanifestationen diese »Quatschbude« der ewigen Individualisten in der Lage ist. Die zusammenwachsende und erweiterte EU ihrerseits ist so disparat, daß man Polen und Portugal, Estland und Griechenland nur unter einen Hut mit extrabreiter Krempe bringen kann. Jedes Argument und jedes Vorurteil, das in Europa über Amerika erdacht wird, gehört in der öffentlichen Debatte in den USA längst zum Inventar. Jeder Versuch, die EU mit ihren 25 Mitgliedern als politisches Subjekt mit einer konsistenten außenpolitischen Strategie zu beschreiben, scheitert an der schieren Vielfältigkeit und Disparität der Union. Schließlich ist es eine knifflige Frage, welcher Seite des Atlantiks man Großbritannien zuschlagen soll: dem angelsächsischen Abkömmling in der Neuen Welt oder den kontinent
aleuropäischen Verwandten in der Alten? Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb geht aus dem Tableau mit den groben Pinselstrichen mehr hervor als aus der mikroskopisch genauen Darstellung.
Jede Beschreibung des atlantischen Zwists muß mit dem Irak-Krieg beginnen. Er ist die Sollbruchstelle, an dem instabile oder »unnatürliche« Bündnisse zerfallen. Im ersten Kapitel werden die grassierenden antiamerikanischen Ressentiments in Europa beschrieben, die sich als Anti-Bushismus tarnen: Gegen Amerika und die Amerikaner haben wir ja nichts, aber der Einmarsch der »Bush-Krieger« - so ein längst kanonischer Titel des Spiegel vom Februar 2002 - im Irak ist eine völkerrechtswidrige, von vornherein zum Scheitern verurteilte Aggression, für welche die USA noch teuer bezahlen werden. Die Gegnerschaft zum Irak-Krieg wurde von der Mehrheit der Bevölkerung in fast allen Staaten Europas getragen - auch und gerade jenen, deren Regierungen sich der »Koalition der Willigen« angeschlossen hatten. Der britische Dramatiker Harold Pinter rief bei einer Antikriegsdemonstration am 15. Februar 2003 im Londoner Hyde Park: »Die Vereinigten Staaten sind ein außer Kontrolle geratenes Monster. Wenn wir ihnen nicht mit absoluter Entschlossenheit entgegentreten, wird die amerikanische Barbarei die Welt zerstören. Das Land wird von einer Bande krimineller Irrsinniger regiert, und Tony Blair ist ihr gedungener christlicher Raubmörder. Der geplante Angriff gegen den Irak ist ein Akt des vorsätzlichen Massenmordes.« Die Voraussagen selbsternannter Nahost-Fachleute über die voraussichtlichen katastrophalen Folgen einer Invasion im Irak für die Menschen im Zweistromland sowie für die gesamte Region werden dem tatsächlichen Kriegsverlauf gegenübergestellt. Hinter den völkerrechtlich verbrämten Argumenten gegen den Irak-Krieg werden die Stereotype eines von z
ivilisatorischem Hochmut geprägten Antiamerikanismus aufgezeigt, der von einer höheren Erkenntnisstufe auf ein primitives, kultur- und geschichtsloses amerikanisches Volk herabblickt. Und mit wachsendem zeitlichem Abstand vom 11. September 2001 fallen die Schamschleier des Mitgefühls mit den Opfern und geben die wüstesten Verschwörungstheorien über die »wirklichen Hintermänner« der Anschläge von New York und Washington frei: Die üblichen Verdächtigen sind der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA, das Weiße Haus selbst oder »die Juden«. Jedes zusammengelogene Buch erreicht in Deutschland, Frankreich und anderswo rasch Bestsellerauflagen, wenn es nur den Hunger auf Amerika-Haß stillt. Daß die USA mindestens eine Mitschuld an den Anschlägen vom 11. September 2001 tragen, ist so etwas wie der »acquis communitaire« des paneuropäischen Antiamerikanismus.
Das zweite Kapitel nimmt die amerikanische Perspektive auf den Krieg im Irak und den Krieg gegen den internationalen Terrorismus in den Blick. Denn zum Unverständnis der meisten Europäer sind die meisten Amerikaner - vor allem Anhänger der Republikaner, aber auch viele Demokraten - gemeinsam mit ihrem Präsidenten der Überzeugung, daß der Krieg im Irak ein integraler Bestandteil des Krieges gegen den internationalen Terrorismus ist. Und dies, obwohl im Irak die vermuteten Massenvernichtungswaffen nicht gefunden wurden und obwohl es nur dünne Hinweise auf eine Zusammenarbeit des gestürzten irakischen Diktators Saddam Hussein mit dem Terrornetzwerk Al Qaida gibt. Am Beispiel der Nationalen Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses vom September 2002, in welcher die Bush-Doktrin von der vorbeugenden Selbstverteidigung gegen drohende Gefahren und der von keinem anderen Land auch nur annähernd erreichten militärischen Stärke der USA erstmals durchbuchs
tabiert und in den Zusammenhang einer amerikanischen Großstrategie für das 21.Jahrhundert gestellt wird, werden die missionarisch-visionären Grundzüge der gegenwärtigen Außen- und Sicherheitspolitik der USA dargestellt.
Daß dieser »Messias-Komplex« nicht neu ist, belegt im dritten Kapitel eine kursorische Darstellung der Geschichte amerikanischer Außenpolitik, die seit je nicht nur expansiv und erfolgreich, sondern ideologisch imprägniert war. Auch die Skepsis gegenüber internationalen Vertragswerken und Organisationen ist nicht neu, selbst wenn diese - wie die UNO, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds - ihre Existenz wesentlich einem amerikanischen Impuls verdanken. Wer aber seine militärische Macht zum eigenen Nutzen und zum Frommen der gesamten Menschheit eingesetzt zu haben glaubt, der wird sich angesichts neuer Herausforderungen und ungekannter Gefahren im 21.Jahrhundert nicht schwächer machen, sondern stärker. Wer auf das 20.Jahrhundert nicht als Katastrophenjahrhundert zurückblickt, sondern als Reihe von zunächst widerwillig geführten und sodann triumphal gewonnenen Kriegen, der wird eher zum Einsatz militärischer Gewalt neigen als die Schar gebrannter Kinder in Europa. Wer im Krieg einen Katalysator des Fortschritts, der Demokratie und der Freiheit sieht, wird nicht über Nacht zum Abrüstungsfanatiker.
Anders als Europa glaubt Amerika, wie im vierten Kapitel zu zeigen sein wird: nämlich an Gott und an sich selbst. Fast zwei Drittel der Amerikaner sagen bei Umfragen, daß für sie Religion eine wichtige Rolle im täglichen Leben spielt; ebenso viele äußern die Ansicht,

Pressestimmen

"...eine wohltuende Antwort auf die hiesige Katerstimmung - ein Plädoyer, Amerika jenseits der verzerrenden europäischen Prokjektionen zu begreifen."§Ulrike Ackermann, Die Welt, 8.1.2005


EAN: 9783552053212
Untertitel: Europa und Amerika auf getrennten Wegen.
Verlag: Zsolnay, Paul
Erscheinungsdatum: September 2004
Seitenanzahl: 208 Seiten
Format: gebunden
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