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Das Lachen der Hexe


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Februar 2006

Beschreibung

Beschreibung

Im Jahr 1753 stirbt Anna Maria Gwerder im Gefängnis von Schwyz an den Folgen der Folter, noch bevor sie in einem ordentlichen Verfahren als Hexe verurteilt werden kann. Der Witwe des Bezirksvorstehers Meinrad Gwerder, die im Muothatal revolutionäre Neuerungen einführen wollte, wurde ihre Tüchtigkeit zum Verhängnis. Margrit Schriber erzählt ihr Schicksal in seiner erschreckend zwingenden Logik im Denken der damaligen Zeit.

Portrait

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Leseprobe

Ich bin keine Hexe.
Sie erklärt es den hohen Herren. Sie ist eine Frau. Sie ist wie jede andere. Eine aus dem Land Schwyz, wie die Herren selbst.
Eine Schar Muotataler hat sie auf dem Karren in den Hauptort gebracht. Man habe das Mensch auf dem Wasserberg gefangen.
Wie alle Hexen wurde sie an den Flaschenzug gehängt und mit Schwung in den Turm gezogen.
Es ist der Juli des Jahres 1753. Der Landrat hat den Informativ-Prozess angeordnet. Die Verhöre haben begonnen. Läufer ziehen im Tal und auf den zugehörigen Höfen Erkundigungen über die Gefangene ein. Sie heißt Anna Maria Schmidig, geboren am 19. Oktober 1679 in Steinen als jüngste Tochter des Sebastian Schmidig und der Anna Ulrich von Steinen.
Wie konnte sie in den ungeheuerlichen Verdacht geraten? Hat sie eine welsche Tracht getragen? Ringe an den Fingern? Roch sie anders als die anderen, nach Safran, Zimt und Muskat? Nach einem köstlichen, unbekannten Duft? Nach einem ganzen Krämerladen vielleicht? Soviel man weiß: nein. Sie hüllte sich nie in Seide oder Damast. Ihre Hände sind von der Arbeit hart. Ihr Kleid ist zerrissen vom Karren, auf den man sie geworfen hat. Sie ist verdreckt. Sie trägt keine Schuhe. Sie trocknet die schweißnassen Hände am Wollumhang ab. Vor dem Bildstock hat sie die Augen gehoben, das ist wahr. Aber vor den Herren in Schwyz schlägt das Mensch die Hände nicht vors Gesicht, auch das ist wahr. Von Hiesigen gesehen und bezeugt.
Sie war nie wie wir. Sie ist eine Äußere. Die sind anders.
Trägt sie ein Zeichen? Ist sie missgestaltet? Bucklig vielleicht, dass jedermann den Kopf nach ihr dreht?
Tatsächlich, sie hat ein Mal von Geburt. Der Teufel hat, wie man so sagt, an ihr ein wenig gefuhrwerkt. Manch einer starrt sie an. Aber sie gewinnt, wenn sie spricht. Wenn sie lacht, vergisst man ihr Mal. Und sie hat etwas im Blick. Dieser Blick hat einen angesehenen Witwer aus dem Muotatal verwirrt. Er hat sich für die Missgestaltete interessiert.
Die Läufer werden über
das Glück der Anna Maria Schmidig informiert. Dieses unverschämte Glück einer Gezeichneten. Erscheine doch der verwitwete Kastenvogt an einem Kilbitag mit dieser Person, bringe also der Ratsherr und Schatzverwalter vom Viertel eine Auswärtige in unser Tal. Eine auffällige Gestalt mit einer Haube, die unter dem Kinn mit einer großen Masche festgebunden war. Ihre Augen waren Scheiben aus nassem Pech. Regentropfen sprangen von ihrem Buckel ab. Ihre eine Hand hielt einen Krapfen, die andere Hand war in den Ärmel des Kastenvogts gekrallt. Sie lief, um mit ihm Schritt zu halten. Ihr Saum schleifte durch die Pfützen, der Rock war bis zum Mieder mit Dreck beworfen und der nasse Stoff klebte an ihren Schenkeln.
Die ledigen Fassbindtöchter, im Schlepptau von Vormund Rickenbacher, die sich auf dem Weg zum Tanzlokal befanden, stockten beinah mitten im Flug. Das Volk trat zur Seite. Und der verehrte Herr Amtsinhaber schritt mit diesem unglaublichen Anhängsel durch sein Muotataler Viertel, in dem es durchaus nicht an tugendlichem Weibervolk mangelt. Er marschierte stracks mit ihr zum Tanzlokal. Der Vormund der Fassbindtöchter pfiff durch die Finger und trieb seine Mündel in dieselbe Richtung. Die drei flatterten mit ihren hellen sauberen Röcken wie eine Schar aufgeregter, girrender Hühner dem Tanzlokal zu.
Haide Mathis spielte auf. Landauf, landab fiedelt keiner so gut wie er. Er spielt heillos tänzig. Unirdisch. Wenn Mathis seine Geige aufhängt, dann spielt das Instrument noch von sich aus drei Tänze. Der Kastenvogt zog sein Anhängsel zum Parkett. Dort stemmte die Person eine Hand in die Hüfte, schürzte mit der anderen den Rock über ihr vorgeschobenes Füßchen, schwenkte den Saum ein wenig und begann zu tanzen.
Und wie sie ihn angeschaut hat! Mit gflatterigen Augen! Der Gockel sank ihr entgegen, knickte beinah in die Knie. Er drehte sich um diese Person, die rechte Hand mit gefächerten Fingern auf dem Scheitel, die linke im Kreuz. Hüpfte einen Schritt vor und zur S
eite und einen Schritt zurück.
Die übrigen Paare zogen sich langsam vom Parkett zurück. Man sah den ausgeschämt Tanzenden vom Rand aus zu. Der Kastenvogt stampfte, ging in die Knie, hopste in die Höhe und kreiselte um sich selbst. Während die Seinige sich mit kleinen Schritten um seinen Finger drehte. So tanzen sie unseres Wissens nicht einmal im Hauptort Schwyz. Geschweige unter dem Rossberg in Steinen. So tanzen sie vielleicht bei den Venedigern. Oder den Parisern und den Heiden.
Voll Entsetzen habe man diesem Gehüpfe und Gedrehe und Getue zugeschaut.
Der Geiger stand plötzlich auf der Bank, schwang seine Fiedel, popelte aufs Kastenholz, zupfte die Saiten und zog seinen flatternden, schnellenden, holpernden Bogen über sein Instrument.
Es war, als spiele der Teufel für das Paar. Gebannt habe man hinsehen müssen.

EAN: 9783312003730
ISBN: 3312003733
Untertitel: 4. Auflage.
Verlag: Nagel + Kimche Verlag Ag
Erscheinungsdatum: Februar 2006
Seitenanzahl: 144 Seiten
Format: gebunden
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