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Der Feind im Spiegel


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gebunden
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März 2006

Beschreibung

Beschreibung

Der Guerilla-Kämpfer Vuk, ein bosnischer Serbe, hat unter dem Namen John Ericsson in Amerika eine neue Heimat gefunden. Doch unmittelbar nach dem 11. September 2001 fliegt seine falsche Identität auf. Da ihm wichtige al-Qaida-Mitglieder bekannt sind, wird er von der CIA angeheuert.Auch in Kopenhagen wird mit Hochdruck nach Terroristen gefahndet. Per Toftlund - Vuks früherer Gegenspieler - steht einer zu diesem Zweck gebildeten Task-Force vor, der auch die schöne Palästinenserin Aischa angehört. Ohne zunächst voneinander zu wissen, bewegen sich Vuk, der frühere Auftragskiller, und Per Toftlund, der Polizist, bei der Jagd nach einem gefährlichen Dschihad-Kämpfer aufeinander zu.Leif Davidsens bisher bester Roman: ein überzeugender kosmopolitischer Thriller.

Portrait

Leif Davidsen, 1950 in Otterup geboren, lebt als freier Schriftsteller in Kopenhagen. Er arbeitet als Korrespondent in Moskau und als Nachrichten-Redakteur im Fernsehen. Für seine literarischen Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane Der Fluch der bösen Tat (2001), Die guten Schwestern (2004), Der Feind im Spiegel (2006) und Der Russe aus Nizza (2008).

Leseprobe

Zwei Minuten war Vuk nun schon unten, aber er wußte, daß er es locker noch eine Minute länger aushalten konnte. Er liebte dieses Gefühl der Kraft und der Leichtigkeit seines Körpers, wenn er senkrecht zu den Fischschwärmen und den farbenprächtigen Klippen hinabtauchte. Durch das Glas der Tauchermaske erschien alles verzerrt und ein wenig vergrößert. Die Harpune ausgestreckt und die Beute in Reichweite. Es war ein Gewimmel von Fischen, deren Namen ihm unbekannt waren. In allen Größen und Farben. Es war eine andere, friedliche Welt, obwohl er natürlich wußte, daß sie genauso unerbittlich war wie die Welt über Wasser. Am Meeresgrund angekommen, drehte er sich um und blickte durch das giftgrüne Wasser hinauf. An der Oberfläche schaute Mike suchend zu ihm hinunter. Mikes schwarzer Körper mit den feuerroten Badeshorts. Mike, sein Aufpasser und Fastfreund, auch wenn keiner von ihnen je zugeben würde, daß er sich in der Gesellschaft des anderen wohl fühlte. Die Konventionen erlaubten es nicht. Er genoß
den Geschmack des salzigen Wassers, und die Lichtstreifen sahen durch den Wasserspiegel gefiltert aus wie Notenzeichen auf einem wogenden Bildschirm. Das Meer war ruhig heute. Aber das konnte sich innerhalb weniger Minuten
ändern. Es konnte still und grün daliegen und sich plötzlich in haushohen Wellen erheben. Das Dröhnen der langen Dünungen konnte die Villa, in der er wohnte und verhört wurde, so gewaltsam erschüttern, daß man meinte, die ganze Insel in ihren Fugen knarren zu hören. Das Meer lebte, ohne Vorwarnung änderte es sein Temperament. Es konnte sanft und zärtlich sein wie sein Leben mit Anna und gnadenlos wie seine Vergangenheit, mit der er jeden Vor- und Nachmittag bei den Verhören konfrontiert wurde. Er liebte das Meer. Die Insel war ein angenehmes Gefängnis, aber ein Gefängnis war es trotzdem.
Träge schwebte er umher. Er spürte den anwachsenden Druck in den Lungen. Er mußte bald hoch. Damals als Froschmann konnte er sich bis zu fünf Minuten unten ha
lten, aber da war er noch jung gewesen. Er hielt seine Druckluftharpune schußbereit, aber an diesem Aprilmorgen hatte er eigentlich keine Lust zu jagen. Er wollte eins sein mit dem Wasser und dem Licht und die Schwerelosigkeit spüren. Wenn er einmal sterben müßte, wollte er so sterben. Im Gefühl des Nichts, im Empfinden, das Meer würde ihn verschlucken und im ewigen Vergessen verschwinden lassen. Es wäre ein kurzer Schmerz, der aus dem stärker werdenden Verlangen der Lungen nach Sauerstoff erwüchse, aber dann verginge er, alles würde grün und still, und ein letztes Mal sähe er seinen Vater und seine Mutter und die kleine Lea vor sich. Sie würden ihm zuwinken. Ihm zurufen. Licht und Wärme wären dort, und hinter ihnen lägen Weinfelder und die bosnischen Berge in der Sonne, und ein Duft von Thymian und Lorbeer durchzöge ein Land, das mit sich selber Frieden gemacht hatte. Und das grüne Dunkel, das ihn verschlucken und auflösen würde, würde ihm auch die Alpträume nehmen. Aber jetzt noch nicht. Noch nicht. Er bewegte die Flossen und begann seinen behutsamen, kontrollierten Aufstieg durch das warme Wasser.
Vuk, der von den Aufsehern nur John genannt wurde, durchbrach neben Mike Kerry den Wasserspiegel und pustete so kräftig, daß der Wasserstrahl aus seinem Schnorchel schoß wie bei den Buckelwalen, die sie so oft beobachtet hatten. Er schob seine Tauchermaske in die Stirn und sog begierig Luft in die Lungen. Mike trat Wasser und schob seine Maske ebenfalls in die Stirn.
Meine Fresse, John, du bist ja ein regelrechter Fisch, Mann. War deine Mama eine Meerjungfrau?
Vuk lachte.
Klar, was denkst du denn?
Ja, von wegen. Du bist ein alter Froschmann. Weiß ich doch. Ich komme aus New York. Das einzige Wasser, das ich kenne, ist der Teich im Central Park.
Manhattan ist doch von Wasser umgeben, soweit ich weiß.
Das ist doch kein Meer, Mann. Das ist eine Kloake. Voller Scheiße und Mafialeichen. Ich hab in einem Becken schwimmen gelernt, Mensch. Das Meer w
ar viel zu gefährlich mit den ganzen Haien und Feuerquallen und fiesen Strömungen.
Vuk lachte wieder. Mike brachte ihn schnell zum Lachen.
Du hast es immerhin gelernt, sagte er.
Ich hatte ja auch einen guten Lehrer.
Sie traten Wasser. Sie waren nicht mehr als hundert Meter vom Strand entfernt, genau über dem Riff, und schauten auf die Kokospalmen und die hohen, dichtbewaldeten grünen und braunen Berge. Wie gewöhnlich umlagerten regenschwere Wolken die Gipfel des Waialeale und des Kawaikini, aber davon abgesehen war der Himmel ein mächtiges klares Gewölbe. Und so ganz unveränderlich waren die Wolken auch nicht, es kam vor, daß sie durch Sonne und Wind plötzlich aufbrachen und an den Seiten der erloschenen Vulkane hinabsanken, so daß die Wasserfälle zu sehen waren, graue Ströme aus Silber. Hinter dem weißen, feinen Sand sahen sie die Küstenstraße mit gemächlich fahrenden Autos und die großen Villen auf Pfählen. Es war ein strahlender Morgen. Nur die Surfer saßen mißmutig vor ihren Zelten auf dem Campingplatz und hielten nach Wellen Ausschau, auf denen sie reiten konnten, wobei sie die Hände auf ihr Surfbrett legten, als wäre es der Schenkel ihrer Geliebten. Das Meer war erstaunlich ruhig. Nach den Stürmen und den heftigen Platzregen des Winters hielt jetzt der Sommer Einzug. Vuk fühlte nur eine schwache Strömung an seinen Beinen, wenn er sie langsam bewegte. Die Dünungen machten keine Gischt, sondern brachen schwer und flach über die Klippen nahe der Küste. Wenn es ein Paradies auf Erden gab, mußte es Kauais Nordküste sein. Er wagte den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken, aber wenn alles gutging, würde er Emma und die Zwillinge herholen und die Insel nie wieder verlassen. Er würde ihnen das Shaka-Zeichen zeigen: die drei mittleren Finger auf den Handteller legen und den Daumen und den kleinen Finger in die Höhe strecken, die Hand träge hin und her bewegen und Aloha sagen. Er würde ihnen das hang loose beibringen, das alle Insulaner aus dem Effeff beh
errschten. Nur im Hier und Heute leben und weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft auch nur einen Gedanken verschwenden.
Das glaubst du doch selber nicht, Mike, sagte er. Laß uns an Land schwimmen.
Katie findet es toll, was du aus meinem Körper gemacht hast.
Ach, hör doch auf!
Katie war Mikes Frau. Sie hatten zwei kleine Töchter. Er war zu Weihnachten und vor ein paar Wochen mal zu Hause gewesen, aber sonst saß er hier genauso gefangen wie Vuk. Wenn der stolze Ehemann und Vater seine Anekdoten von Katie und den Kindern zum besten gab, beschlich Vuk ein zärtliches und zugleich bitteres Gefühl. Oder wenn Mike die Fotos von seiner schönen schwarzen Frau und den beiden süßen Kinderchen mit dem blendend weißen Lächeln und den Riesenschleifen im Haar zeigte. Dann wurde Vuks Sehnsucht nach Emma und den Zwillingen unerträglich. Es ging ihm buchstäblich an die Nieren. Er bekam Sodbrennen, und die Galle kam ihm hoch. Es ging ihnen gut in Atlanta. Soviel war immerhin klar. Einmal pro Woche durfte er auch mit Emma telefonieren. Die Maskerade hatte ein Ende. Er hatte die Karten auf den Tisch gelegt und ihnen alles erzählt. Emma konnte auch nicht so gut lügen. Sie hatte sich schnell in Widersprüche verstrickt. Er hatte gehofft, daß seine Familie nun, da die Amis die Wahrheit kannten, gleich nach Hawaii kommen könnte, aber diese Prämie hatte er sich noch nicht verdient, wie sich der Oberst auf einer ihrer vielen Sitzungen auszudrücken beliebte.
Ich war noch nie so gut in Form, sagt sie. Mike hörte nicht auf. Sie ist ganz wild auf meinen neuen festen Körper, Mann. Und ich dachte immer, ich bin durchtrainiert. Auf der Akademie war ich einer der Besten, aber jetzt -
Vuk antwortete nicht, sondern kraulte mit langen, gemessenen Zügen zum Strand. Mike folgte ihm, aber er zog die Tauchermaske über die Augen. Seine Begeisterung für das Schnorcheln war noch immer so neu und groß, daß er nicht müde wurde, die Unterwasserwelt zu betrachten, die ihm sein merkwür
diger und gefährlicher Gefangener

EAN: 9783552053649
ISBN: 3552053646
Untertitel: Originaltitel: Fjenden i spejlet.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: März 2006
Seitenanzahl: 400 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Peter Urban-Halle
Format: gebunden
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