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Die versprengten Deutschen


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August 2005

Beschreibung

Beschreibung

Elektrenai, 1962 als "erste atheistische Stadt der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen" aus dem Boden gestampft; Smolník, die mittelalterliche Bergbaustadt im Süden der Slowakei; Kudrjawka, eine vergessene Containersiedlung im ukrainischen Niemandsland: drei Orte in Osteuropa, drei Schauplätze deutscher Geschichte und Gegenwart. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer ist Karl-Markus Gauß, der literarische Kartograph des unbekannten Europa, gereist, auf der Suche nach den versprengten Deutschen.

Portrait

Karl-Markus Gauß, geb. 1954, schreibt für große Zeitungen wie die 'ZEIT', die 'FAZ', die 'NZZ' und 'Die Presse'. Er ist Autor und Herausgeber der Zeitschrift 'Literatur und Kritik' und lebt heute in Salzburg. Der Essayist erhielt 2006 für sein Gesamtwerk den 'Georg-Dehio-Buchpreis' des Deutschen Kulturforums östliches Europa sowie den 'Manès-Sperber-Preis', 2007 den 'Mitteleuropa-Preis' und 2009 den 'Donauland-Sachbuchpreis'. Im Jahr 2010 wurde ihm der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay verliehen, 2014 der Österreichische Kunstpreis in der Kategorie Literatur.

Leseprobe

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Mit zehn Jahren hatte Luise Quietsch ihre Muttersprache vergessen, mit 45 fand sie sie wieder. 1950, als sie nicht mehr wußte, daß sie jemals Deutsch gesprochen hatte, glaubte sie, ihr früheres Leben nur geträumt zu haben. Sie lebte damals seit fünf Jahren in einer litauischen Familie, bei einem Schuster und einer Lehrerin, die bereits zwei erwachsene Kinder hatten und sich mit ihr nur litauisch unterhielten, in einer Sprache, die sie anfangs nicht verstand, dann rasch erlernte. Die beiden hatten sie 1945 aufgenommen, als sie, verwahrlost, halb verhungert, noch keine sechs Jahre alt, um ihr Haus geschlichen war und um Nahrung gebettelt hatte. Luise zählte zu den zahllosen deutschen Kindern, die in den Wirren des Kriegsendes aus Ostpreußen nach Litauen gelangten: manche im Troß der Roten Armee, andere auf den Dächern von Zügen, viele zu Fuß, mit ihren Geschwistern, in Rudeln von Waisen, deren Mütter verhungert, an Typhus gestorben oder vergewaltigt und erschlagen worden waren; in Banden von drei- bis vierzehnjährigen Kindern, die ihre Eltern in dem alles durcheinanderhetzenden, aufscheuchenden Finale eines Krieges verloren hatten, als Tausende westwärts flohen, die ersten Rotarmisten plündernd durch die Dörfer streiften und die letzten Mannschaften der SS Jagd auf Deserteure machten.
Ostpreußen, das war die alte Provinz zwischen Königsberg und Tilsit, territorial einst dem Herzogtum, dann dem Königreich der Preußen, schließlich dem Deutschen Reich zugehörig, doch stets ein Land vieler Völker, in dem die geflohenen Protestanten aus Salzburg Aufnahme fanden, holländische Mennoniten ihr Glück suchten, viele angestammte Litauer ebenso lebten wie die Nachkommen von solchen, die im 19. Jahrhundert, der vielgepriesenen ostpreußischen Freiheit wegen, aus dem zaristisch besetzten Teil Litauens hierher geflohen waren - Ostpreußen war spät, aber dann in verheerendem Ausmaß zum Kriegsgebiet geworden. Der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, fand hier, am östlich
en Rand des Deutschen Reiches, ein Ende, das noch jahrelang keinen Frieden bedeutete, sondern willkürliche Strafaktionen, Deportationen, ethnische Säuberungen.
Im Herbst 1944 war die Rote Armee ins Land vorgestoßen, hatte die Flüchtlingstrecks gestoppt, manchenorts deren Besatzungen erschossen oder die Kräftigen unter den Flüchtlingen ins Innere der Sowjetunion verschleppt, von wo viele nie, andere erst nach zehn Jahren zurückkehrten. Wer überlebte und nicht deportiert wurde, erhielt die Anweisung, in sein Heimatgebiet, in die ostpreußischen Dörfer zurückzukehren, die mit dem zerstörten Königsberg auf der Konferenz von Jalta der Sowjetunion zugeschlagen wurden. 1948 wurden die Heimgekehrten vollzählig aus dem Kalinigradskaja Oblast vertrieben, der bis zum Zerfall der Sowjetunion eine militärische Sperrzone war und seither eine russische Enklave bildet, die von russischem Territorium aus nur über Litauen, Polen oder die Ostsee zu erreichen ist.
1945, nach einem Krieg, in dem Städte ausradiert, Länder verwüstet wurden und sich die Leichen zu Berge türmten, hatten die zu Waisen gewordenen ostpreußischen Kinder weder mit Beachtung noch Mitleid zu rechnen. Als kleine, zerlumpte Banditen mußten sie selber für ihr Überleben sorgen. Ihre Väter waren gefallen oder gefangen, die Mütter, stets die ersten in den Familien, die verhungerten, weil sie die Nahrung, die sie benötigten, ihren Kindern gaben, hatten sie oft selbst begraben müssen.
Luise Quietsch stammte aus einem Weiler namens Schwesterndorf und war, nachdem Mutter und Tante gestorben waren, mit ihren Geschwistern aufgebrochen. Sie war fünf Jahre alt und sagte sich beständig, wie es ihr die sterbende Mutter aufgetragen hatte, vor: Ich bin Luise Quietsch. Eines Tages, irgendwo, fand sie die Geschwister nicht mehr und zog mit anderen Kindern weiter, durch verlassene Dörfer, aus denen sie sich holten, was sie fanden, vorbei an Bauerngehöften, in denen oft eines der Kinder bleiben durfte, weil die Bauern ein He
rz hatten oder weil sie eine Arbeitskraft brauchten oder aus beiden Gründen. Geschwister, von denen das älteste meist geschworen hatte, darauf zu achten, daß alle zusammenblieben, wurden auf diese Weise getrennt, verloren sich für Jahre, manchmal für immer aus den Augen. Luise Quietsch wußte nicht, wo sie war und daß sie mittlerweile aus Ostpreußen in ein Land namens Litauen und in die Gegend einer Stadt namens Kaunas gelangt war. Sie erinnert sich, eine Zeitlang mit russischen Soldaten gezogen und in einer russischen Kaserne gelebt zu haben, und dann, daß da Leute waren, bei denen sie unterkam. Diese Leute behandelten sie streng, ja hart, und wenn sie ungehorsam war, hieß es, sie solle ihre Sachen packen, wieder betteln gehen und verschwinden. Aber sie machten die Drohung, sie auf die Straße zu setzen, nie wahr, und irgendwann vergaß Luise Quietsch sich vorzusagen, daß sie Luise Quietsch hieß, sie hatte genug damit zu tun, in der ersten Klasse der Volksschule Litauisch und in der zweiten Russisch zu lernen, denn Litauen war jetzt ein Teil der Sowjetunion. Mit zehn, sagt sie, konnte sie nicht mehr Deutsch und glaubte, daß sie sich die tote Mutter und ihre verlorenen Geschwister nur erfunden hatte und daß sie Alfreda Pipireite war und bei ihren wirklichen Eltern in Kaunas lebte.
Sie war schon 45, als sie 1985 auf einer Straße in Vilnius, wo sie in einem Ministerium arbeitete, auf der Straße bei einem Spielwarengeschäft vorbeikam und unvermittelt zu einem hölzernen Spielzeug, das in der Auslage hing, Hampelmann sagte. Ein Wort, das sie nicht mehr kannte, aus einer Sprache, die sie seit 35 Jahren vergessen hatte.
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Wir trafen uns in einem Gasthaus in der Altstadt von Vilnius, in dem bereits die Preise des europäischen Kapitalismus verlangt wurden, aber noch die Umgangsformen der sowjetischen Kantinenwirtschaft herrschten. Der freundliche Gruß wurde einem von niemandem, der dort arbeitete, erwidert, gleichmütig, ohne den Mund zu einem Lächeln, freilich auch
nicht zu einem falschen, nur geschäftsmäßigen, zu verziehen, knallte der Kellner die Speisekarte auf den Tisch, kommentarlos notierte er die Bestellung, deponierte er auf dem Tisch die Tassen und Teller, als wären es Ziegelsteine, die beim Bau an die richtige Stelle gesetzt werden müssen, und ohne zu danken steckte er das Trinkgeld ein, um das er sich nicht bemüht hatte.
Luise Quietsch war eine hübsche, mittelgroße Frau, mit Lachfalten um die blauen, munteren Augen und mattblonden Haaren. Wie sie in das Gasthaus trat, uns nach kurzem Blick durch den Saal zuwinkte und ein paar Schritte vor dem Tisch, an dem wir uns erhoben hatten, schon zu sprechen begann, dachte ich zunächst an eine Verwechslung. Nicht nur, daß sich ihre Lebhaftigkeit an diesem Ort der disziplinierten Abwesenheit von Leben denkbar unpassend ausnahm, ich hatte, mußte ich mir jetzt gestehen, wie selbstverständlich mit einer ganz anderen Person gerechnet. Ich wußte, sie war ein Wolfskind, eines von jenen ungezählten Wolfskindern, über die in Litauen jahrzehntelang nicht gesprochen wurde, nicht gesprochen werden durfte, und die sich erst vor ein paar Jahren zu organisieren begonnen hatten. Ich erwartete eine verhärmte Greisin, gezeichnet von dem Unglück, das schon über ihre Kindheit verhängt war, eine in ihrem harten Leben hart gewordene Frau, der ihr Schicksal ins Gesicht gekerbt war, und bekam es stattdessen mit einer geistreichen Dame zu tun, die jünger aussah, als sie war, und pointiert zu erzählen wußte.
Ja, die Wolfskinder, sagte sie bald, um zu ihrem, zu unserem Thema zu kommen, die Wolfskinder haben die Rechnung bezahlen müssen. Wohlvorbereitet holte sie aus der Tasche einen großformatigen Block heraus. 243 Namen von Wolfskindern enthielt die Liste, die sie in den letzten Jahren erstellt hatte, und den Namen waren Datum und Ort der Geburt sowie der jetzige Wohnort angefügt. Penibel waren alle Wolfskinder verzeichnet, die Luise Quietsch ausfindig machen konnte oder die sich, nachdem in Vi
lnius ihr Verein gegründe

Pressestimmen

"Im Wesentlichen sind es ... Biografien, anhand deren Gauß die Geschichte der versprengten Deutschen erzählt. Er tut es auf seine Weise, mit Empathie und Ironie: Das letzte Kapitel einer mit Schrecken zu Ende gegangenen Kolonialgeschichte ist eine Sammlung höchst widersprüchlicher, tragischer wie skurriler Geschichten, die von Krieg, Deportation und Vertreibung handeln, von Zwangsassimilation und Entwurzelung." Katharina Döbler, Die Zeit, 10.11.05 "Beim Lesen seiner Bücher beschleicht einen das Gefühl, zum Voyeur eines kulturellen Exodus zu werden. Gleichzeitig sind diese Bücher Warnrufe: Vielfalt und Toleranz in der Gegenwart kann nur praktizieren, wer mit dem Erbe der Vergangenheit sorgsam umgeht." Sabine Berking, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.06 "Karl-Markus Gauss ist ein virtuoser Spurensucher." Richard Wagner, Neue Zürcher Zeitung, 03.09.05 "... am beeindruckendsten sind aber die vielen Gespräche und Begegungen des Verfassers mit seinen Protagonisten. Die Biographien aus dem litauischen Memelland, der ostslowakischen Zips wie aus den deutschen Kolonien rund um Odessa sind dabei ebenso repräsentativ wie individuell. ... Die Tragödie der drei kleinen mittel- und osteuropäischen Nationen erzählt Gauß gewohnt einfühlsam." Thomas Medicus, Frankfurter Rundschau, 14.12.05 "Gauß hat die versprengten Deutschen an den entlegensten Orten aufgespürt, hat ihnen - darin ist er ein Meister - Skurilles, Trauriges und Spannendes entlockt, ohne dabei je ins Voyeristische abzugleiten, und hat daraus ein Stück Literatur der besonderen Art destiliert." Peter Landerl, Wiener Zeitung, 09.09.05 "Gauß zeigt sich in seiner Reportage über weite Strecken einmal mehr als scharfer Beobachter gegenwärtiger Verhältnisse in abgeschiedenen Regionen - von denen der Leser einen geradezu sinnlichen Eindruck gewinnt." Krischan Schroth, Badische Zeitung, 13.09.05
EAN: 9783552053540
ISBN: 3552053549
Untertitel: Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer. Mit Fotos.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: August 2005
Seitenanzahl: 240 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Fotos von Kurt Kaindl
Format: gebunden
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