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Menschen und Superhelden


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gebunden
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September 2005

Beschreibung

Beschreibung

Nach dem grandiosen Erfolg seines Romans Die Festung der Einsamkeit legt Jonathan Lethem diesmal einen Band mit feingesponnenen Erzählungen vor. Diese nehmen das Wechselspiel von Magischem und Menschlichem wieder auf und lassen den Leser zurückkehren in die atmosphärische Dichte seines "Jahrhundertromans" (Tagesspiegel). Zugleich bieten die Geschichten aber auch den perfekten Einstieg in das imaginäre Universum des Jonathan Lethem. In neun fantastischen, urkomischen, manchmal rührenden Geschichten, seziert Lethem amerikanische Pop- und Straßenkultur um daraus mit schwindelerregender Stilvielfalt einzigartige fiktionale Welten zu erschaffen. Diejenigen, die Lethem seit langem schätzen, werden in den neuen Geschichten zuweilen auf Vertrautes stoßen: Erzähler, die nicht aufhören können zu plappern, glücklose Möchtegern-Detektive, einfache Menschen mit übernatürlichen, oft selbstzerstörerischen Kräften, neben Charakteren, deren neunmalkluge Schlagfertigkeit nur den eigenen bohrenden Liebeskummer verdecken soll, während sie wortreich über die bittersüßen Widrigkeiten der Liebe und die Verstrickungen der Freundschaft debattieren.

Portrait

Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, hat acht Romane veröffentlicht, darunter die New-York-Romane »Chronic City«, »Motherless Brooklyn« und »Die Festung der Einsamkeit«. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. den »National Book Critic's Award«, den »Gold Dagger« und das »Mac-Arthur Fellowship«. Lethem hat die Professur für Creative Writing am Pomona College als Nachfolger von David Foster Wallace übernommen.

Leseprobe

Ich war zehn Jahre alt, als Superziegenmann in die Kommune in unserer Straße zog. Obwohl ich mich für Superhelden interessierte, kannte ich Superziegenmann nicht. Seine Anwesenheit hatte keine besondere Bedeutung für mich oder die anderen Kinder aus der Nachbarschaft. Für uns war Superziegenmann nur einer von vielen Männern, die an heißen Sommertagen, während wir rennend und schreiend unsere geheimen Spiele auf dem Gehsteig spielten, in ärmellosen Unterhemden auf den Treppenaufgängen saßen und den schleichenden Fortgang des Lebens in unserem Block verfolgten. Die zwei kleinen fleischigen Hörner auf seiner Stirn fielen nicht besonders auf. Uns beeindruckte auch nicht sein Fall aus dem Olymp der Comicbuchhelden, in dem er bestenfalls ein zweitrangiger Star gewesen war, und der ihn hier nach Cobble Hill, Brooklyn, verschlagen hatte, in ein Einzelzimmer in einem Wohnheim für Studienabbrecher, einen Hippieunterschlupf; genausowenig, wie die Haarbüschel an seiner Kehle und hinter seinen Ohren. Wir hatten damals nur die Spinne oder Batman im Sinn, zweidimensionale Superhelden von den es Butterbrotdosen, Fernsehfilme und Erkennungsmelodien gab. Der Superziegenmann hatte nichts dergleichen.
Es waren unser Väter, die ihm Beachtung schenkten. Sie fühlten sich unverkennbar angezogen von der seltsamen Person, die da in den Block gezogen war, als repräsentierte er für sie all die verpaßten Chancen des eigenen Lebens. Besonders mein Vater schien vom Superziegenmann fasziniert zu sein, auch wenn er vorgab, das in meinem Interesse zu tun. Gegen Ende des Sommers gingen wir zusammen zur Montague Street, um den dortigen Comicladen aufzusuchen. Es war ein winziges Ladenlokal, das mit länglichen weißen Schachteln, Pappkisten voller sorgfältig archivierter Comics vollgestopft war. Die Kisten enthielten uralte Jahrgänge vergriffener Serien, von denen ich schon gehört hatte, sowie Tausende von anderen Heften mit Figuren, die mir noch nie über den Weg gelaufen waren. Der Laden wurde gef
ührt von einem jungen nervösen Pedanten mit langem Haar und einem Bart, im Geiste bereits vergreist, so daß er zu seinem eigenen Schaden ungern Kinder um sich hatte. Er half meinem Vater bei der Suche in dem alphabetisch geordneten Bestand - der Suche nach nach einer fünfteiligen Serie des Unglaublichen Superziegenmann von Electric Comics. Dies waren die einzigen Hefte, in denen Superziegenmann je erschienen war. Nach fünf Titeln war die Serie für immer eingestellt worden ...

Pressestimmen

Fiktionale Welten

In neun faszinierenden Geschichten entführt Jonathan Lethem seine Leser in eine einzigartige fiktionale Welt, in der die urkomischsten Menschen ihr Unwesen treiben. Dabei fehlen skurrile Comichelden ebenso wenig wie glücklose Möchtegern-Detektive oder seltsame Brillenträger, die es immer wieder schaffen ihre Brillengläser zu zerkratzen ohne diese auch nur zu berühren.

Mit seiner außergewöhnlichen und rasant wechselnden Stilvielfalt gelingt es Lethem ein Meisterwerk an amerikanischer Popliteratur zu erzeugen, indem er aufbauend auf der amerikanischen Pop- und Straßenkultur eine surreale Welt schafft, die sowohl Normalsterblichen als auch Comichelden ein zu Hause bietet.

Da wäre zum einen die Geschichte über den Superziegenmann, der einst in die Nachbarschaft des Erzählers gezogen ist, als dieser noch ein kleiner Junge war. Im Laufe der Zeit kreuzen sich ihre Wege immer und immer wieder. Sei es nun als der Erzähler am College studiert, an dem Superziegenmann zur selben Zeit als Dozent tätig ist, oder als der Erzähler endlich einen Dozentenstuhl angeboten bekommt und Superziegenmann als alter Mann an einem Professorendinner teilnimmt. Immer bleibt dem Erzähler das Bild im Hinterkopf, wie Superziegenmann einst eine überdimensionale Büroklammer vor dem Sturz von einem Turm gerettet hat, ihm aber der Student, den er eigentlich retten sollte, aus den Fingern glitt.

Doch nicht nur Comichelden durchstreifen seine Geschichten, auch fiktive Ermittlungsmethoden werden zu einer trivialen Geschichte erhoben. Das Spray, das eigentlich dazu dient festzustellen, was während eines Einbruchs gestohlen wurde, wird zu privaten Zwecken missbraucht. Nach einem Einbruch vergessen die Polizisten das Spray in der Wohnung eines Ehepaares, welches sich zunächst nur über die Tatsache wundert, dass das Spray Dinge, die vor kurzem noch da waren in einem grünen Schimmer für einen Tag sichtbar macht. Es kommt wie es kommen muss und die beiden Ehepartner sprayen sich gegenseitig mit dem verheißungsvollen Spray ein und erkennen ihre jeweiligen Vergehen, jedoch ohne, dass es zu einem Eklat kommt.

Lethems Geschichten sprühen nur so vor Skurrilität und Witz. Obwohl jede einzelne Geschichte in ihrer Fiktivität doch so weit von unserer Realität entfernt zu sein scheint, kann man sich der Vermutung nicht entziehen, dass manche dieser Dinge doch auch eines Tages in unserer Welt zu finden sein könnten, wie beispielsweise Menschen, die aufgrund eines Computerchips gezwungen sind Werbung zu machen und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Menschen und Superhelden ist eine faszinierende Sammlung von neun urkomischen Geschichten, die eine Welt skizzieren, in der das Wechselspiel von Magischem und Menschlichem wieder aufgenommen wird.

© Désirée Drothen - www.literature.de - Das Literaturportal

EAN: 9783608500752
ISBN: 3608500758
Untertitel: Originaltitel: Men and Cartoons. 'Trojanische Pferde'.
Verlag: Tropen
Erscheinungsdatum: September 2005
Seitenanzahl: 172 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Michael Zöllner
Format: gebunden
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