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Ludwig der Heilige


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September 2000

Beschreibung

Beschreibung

Der heute bedeutendste französische Historiker legt die erste »allumfassende Biographie« Ludwigs des Heiligen vor. Eine klassische Studie über den markantesten und zugleich unbekanntesten Herrscher auf dem Thron Frankreichs im Mittelalter, ein Heiliger, der zum Inbegriff des 13. Jahrhunderts wurde.
Ludwig IX. (1214-1270), der erste und einzige heiliggesprochene König Frankreichs ist neben Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250) die herausragende Herrschergestalt des 13. Jahrhunderts. Ludwig wird zur nationalen, ja mythischen Identifikationsfigur der Franzosen wie sein kaiserlicher Gegenspieler für die Deutschen. Jacques Le Goff entwirft eine historische Biographie des Königs und Heiligen, Kreuzfahrers und Friedensstifters, entfaltet das Weltbild seines Jahrhunderts und erzählt das Leben des Königs: seine Herkunft, die Geburt 1214, der frühe Tod des Vaters, die Bedeutung des Großvaters, die Regentschaft seiner Mutter, Blanka von Kastilien, die Heirat mit Margarete von Provence und der erste Kreuzzug (1248-1254). Der König gerät in Gefangenschaft und kommt nur durch die Zahlung eines Lösegeldes frei. Schließlich kehrt er nach dem Tod der Mutter in das damalige Frankreich zurück, regiert und reformiert sein Königreich und stirbt 1270 vor Tunis während eines zweiten, gescheiterten Kreuzzuges.
Die Persönlichkeit Ludwigs IX. würde sich uns entziehen und auf seine Heiligkeit reduziert, wenn es Jacques Le Goff nicht gelänge, den König als Erneuerer Frankreichs, als Baumeister von Städten, Klöstern und Kathedralen, als Muttersohn und Ehemann, als Bruder und Familienvater und schließlich vor allem als charismatischen König zu zeigen: herrschend und betend, weinend und büßend, aber wenn nötig auch strafend und vernichtend. Ludwig der Heilige, ein weiser König, ein tiefgläubiger Asket, ein glühender Fanatiker, symbolisiert wie kein Zweiter seiner Epoche, die Jacques Le Goff in seinem Hauptwerk besichtigt.

Portrait

Jacques Le Goff, Jahrgang 1924, ehemaliger Präsident der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, war einer der führenden Historiker Europas. Zahlreiche Werke, die größtenteils auch in deutscher Übersetzung Furore machten, weisen ihn als herausragenden Kenner des Mittelalters und als exzellenten Vertreter der Sozial- und Mentalitätsgeschichtsschreibung, der »Nouvelle Histoire«, aus. Le Goff starb am 1. April 2014. An der monumentalen Studie »Ludwig der Heilige« arbeitete Le Goff über 15 Jahre; es handelt sich zweifellos um die umfassendste und bedeutendste Biographie über den französischen König aus der Feder eines Historikers der Annales-Schule. Er erhielt zahlreiche Preise: 1987 den »Grand Prix National d'histoire du ministère de la Culture«, 1991 die »médaille d¿or du CNRS«, 1994 den Hegelpreis der Stadt Stuttgart, 1996 den »grand prix Gobert de l¿Académie française«, 1997 den »grand prix d¿histoire de la Ville de Paris«.

Leseprobe

Teil I, Kapitel 1 (1. Von der Geburt bis zur Vermählung (1214-1234)
Ludwig IX. und Kaiser Friedrich II.

Auch in einem anderen wesentlichen Bereich, den Beziehungen zwischen dem König von Frankreich und dem Kaiser, machte sich früh eine persönliche Einflußnahme des jungen Königs bemerkbar.

Ungeachtet der Hinweise Hugo Capets auf seine ottonische Verwandtschaft hatten die Kapetinger schon lange, ja immer schon versucht, ihr Königreich von jeder Abhängigkeit freizuhalten, es der Gewalt des Kaisers zu entziehen - manchmal mit Eklat, wie 1124 im Fall Ludwigs VI., meist aber diskret und ohne Aufsehen. Ansonsten verstanden sie es geschickt, aus den heftigen Konflikten, die vom 11. bis zum 14. Jahrhundert wiederholt zwischen Päpsten und Kaisern ausbrachen, Nutzen für ihre Position zu schlagen.

In diesem Sinne und nicht ohne Erfolg fuhr Ludwig der Heilige fort. Zugleich bemühte er sich, der kaiserlichen Würde Respekt zu erweisen. Er empfand sich als Glied eines Körpers - der Christenheit - mit zwei Köpfen: dem Papst und dem Kaiser. Der Papst war Herr aller geistlichen Dinge, während der Kaiser auch außerhalb des Heiligen Römischen Reichs einen Anspruch auf besondere Hochachtung geltend machen konnte. Doch für die zeitlichen Dinge im Königreich Frankreich war allein der König zuständig: was sie betraf, besaßen weder die Kirche (der Papst oder die Bischöfe) noch der Kaiser irgendein Recht oder juristische Gewalt. Diese Konzeption verband sich bei Ludwig sehr gut mit dem Wunsch, auf der moralisch-sittlichen Ebene möglichst ein Gleichgewicht zwischen Papst und Kaiser zu halten, um die symbolische Einheit der doppelköpfigen Christenheit zu wahren. Je mehr der reifende und älter werdende König Frieden und Gerechtigkeit anstrebte, desto stärker war sein Verhalten im Konflikt zwischen Papst und Kaiser von einem wachsenden Bemühen um Objektivität und Versöhnung geprägt.

Eine gewisse Sympathie scheint es, jedenfalls von Ferne, zwischen
den beiden größten, so unterschiedlichen, ja sogar gegensätzlichen politischen Gestalten des 13. Jahrhunderts gegeben zu haben, Kaiser Friedrich II. und Ludwig IX., König von Frankreich, der erste in Gedanken nur seinem kaiserlichen Traum, der zweite einem ganz anderen, eschatologischen Traum verpflichtet, aber beide übereinstimmend in der Vision einer allumfassenden Christenheit, von den östlichsten Rändern Europas bis hin nach Jerusalem, für die Friedrich alle Mittel des menschlichen Heros, Ludwig alle Wege des christlichen Heros in die Waagschale warf.

Es scheint durchaus, daß die Schritte, die Frankreich 1232 in Richtung auf den Kaiser unternahm, die persönliche Handschrift des jungen Königs trugen, der auch in dieser Hinsicht begann, gegenüber seiner Mutter und ihren Ratgebern politisch auf Distanz zu gehen. In den Monaten Mai und Juni erneuerte Ludwig seine ?Verträge? mit Friedrich II. und dessen Sohn, dem Römischen König Heinrich. Die Staufer versprachen ihm, die antifranzösischen Initiativen des Königs von England zu überwachen und keine Privatfehden zwischen dessen kaiserlichen und den Vasallen des Königs von Frankreich zu dulden. Friedrich II. bestätigte diese Vereinbarung während eines Hoftags deutscher Fürsten in Friaul. Er nannte Ludwig seinen Bruder, und die beiden Herrscher schworen einander wechselseitige Treue und Hilfeleistung, wie es zwischen Vasallen und Lehnsherren üblich war.

Pressestimmen

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Jacques Le Goff, selber ein Hauptvertreter der Sozialgeschichte, hat mit seiner großen Studie zum bedeutendsten französischen Herrscher des Mittelalters ein überzeugendes Beispiel für eine wissenschaftliche Biographie geliefert.
vollständige Rezension bei DAMALS«
Christian Kleinert (DAMALS Geschichte online, 00.00.0000)
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Die Sonne über dem Abendland
Jacques Le Goff erkennt im Mittelalter unsere aktuelle Vorgeschichte
Als Jacques Le Goff, der große französische Mediävist, vor Jahren gebeten wurde, das eigene Leben im Hinblick auf sein wissenschaftliches Werk darzustellen, erzählte er eine ebenso amüsante wie bezeichnende Episode aus seiner Jugend. Als Kind katholischer Eltern - die Mutter war bigott, ja von einem Christentum der Angst, des Leidens okkupiert, der Vater antiklerikal geworden über die Dreyfus-Affäre und doch Laienmissionar im Nahen Osten - hatte er sich der ersten Beichte zu unterziehen. Dieser Akt, schrieb er, schien ihm von höchster Wichtigkeit: "Ich vollzog ihn in der Furcht vor einer unvollständigen Beichte. Was war Sünde und was nicht?" Der alte Priester, der ihn anhörte, lobte zwar seinen Ernst, wurde aber ungeduldig, weil noch andere "drankommen" mussten. So geriet die Beichte kurz. Auf der Schulbank indessen fiel dem Knaben eine Unterlassung ein, er kehrte um, beichtete erneut und erhielt eine weitere Buße. Die kam ihm aber zu gering bemessen vor, so dass er sicherheitshalber ein zusätzliches Ave Maria betete.
Nichts schreibt Le Goff an dieser Stelle darüber, wie er die frühe Gewissensschulung im Hinblick auf die Tugenden des Forschers bewertet, das Ethos der Wahrhaftigkeit und das Streben nach Erkenntnis. Stattdessen leitet er unvermittelt zu späteren wissenschaftlichen Interessen über. Waren solche Kindheitserinnerungen Anlass, über den Ersatz der öffentlichen Beichte durch die individuelle Ohrenbeichte nachzusinnen, die das Vierte Laterankonzil von 1215 jedem Gläubigen einmal jährlich vorgeschrieben hat? Diese Veränderung, erklärt Le Goff, habe geradezu eine "Kampffront im individuellen Bewusstsein" eröffnet. Tatsächlich ist die Forschung heute davon überzeugt, dass die kirchliche Reform, ähnlich wie die etwa gleichzeitige Einführung der Inquisition, tiefgreifende Folgen für das Bewusstsein der Menschen von sich selbst hervorgebracht hat.
Höchst umstritten ist hingegen, ob im Mittelalter auch von einem "Individuum" die Rede sein kann, von einem Subjekt, welches das Wissen von seiner Besonderheit im Kontrast zu anderen erfuhr. Ja ob, etwa für das 12. oder 13. Jahrhundert, geradezu von einer "Entdeckung des Individuums" gesprochen werden kann. Le Goff hat diesem Problem nun eine umfangreiche Monografie gewidmet, ein opus magnum über den französischen König Ludwig den Heiligen (1214-1270): einen exzessiven Beichtgänger, dem aus Angst vor der ungesühnten Todsünde Tag und Nacht ein Priester zur Seite stand.
Zwar ist das Werk eine Biografie, doch zugleich eine Lebensbeschreibung besonderer Art. Ludwig der Heilige gehört noch heute zum nationalen Gedächtnis der Franzosen, als Muster eines Herrschers der Mäßigung, der Gerechtigkeit und des Friedens, verbunden mit dem Mythos seiner Rechtsprechung unter der Eiche von Vincennes. Früher konnte Ludwig gar die unvergleichliche Tradition der französischen Monarchie verkörpern, da von ihm alle Könige bis hin zur Revolution abstammen. "Fahre zum Himmel, du Sohn des heiligen Ludwig!" konnte denn auch der Priester zu Ludwig XVI. sagen, als er. ihn 1793 zur Guillotine führte. Was Ludwig IX. in der Geschichte berühmt gemacht hat, ist freilich merkwürdig: ein doppeltes Scheitern des Kreuzfahrers, dem es nie vergönnt war, das irdische Jerusalem zu schauen. Beim ersten Mal geriet der Herrscher 1250 in die Gefangenschaft des ägyptischen Sultans, aus der ihn seine Gemahlin Margarete freikaufen musste. 1270, ein zweites Mal auf dem Weg ins Heilige Land, starb er in Tunis, wo sein Versuch zur Bekehrung des muslimischen Fürsten fehlgeschlagen war.
Zuvor allerdings hatte Ludwig die Königsherrschaft kraftvoll fortentwickelt; seine "Feudalmonarchie" war, trotz der Vorarbeit seines Großvaters, ein Ergebnis des Kreuzzuges, ganz ähnlich wie bei seinem großen Zeitgenossen, Kaiser Friedrich II., der sich nach seiner Jerusalemfahrt von 1228/29 zum "Tyrannen von Sizilien" gewandelt hatte. Ludwig IX. hat aber sein Reformwerk als notwendiges Bußgeld für den gescheiterten Zug in den Osten verstanden. Er hatte, geleitet von der Idee der Gerechtigkeit, sein Reich zu reinigen und sein Volk zum Heil zu führen versucht. Paradoxerweise hat er, gerade indem er alles den Interessen Gottes und der Religion unterordnete, Frankreich und dessen Königsmacht am meisten gedient. Seine Tugenden und seine posthum gewirkten Wunder brachten Ludwig schon 1297 die Kanonisation durch den Papst ein, als erstem und einzigem Kapetinger. Der Ludwig-Biograf Wilhelm von Chartres verglich den König mit einer "neuen Sonne über dem Abendland", die durch offenkundige Wunder auch nach ihrem Untergang, nach dem Tod des Königs also, weiter leuchtete.
Der moderne Autor hat sich seiner Aufgabe mit Skepsis genähert. Nicht etwa aus mangelnder Sympathie für die Gestalt des Königs, sondern aus Vorbehalten gegen die erforderliche Art von Geschichtsschreibung. In der Tat hatte ja Le Goff als prominenter Vertreter der Annales-Schule noch vor vierzig Jahren erklärt, er wolle ein Mittelalter der Tiefenschichten zeigen, das von langfristigen strukturellen Wandlungen mehr bestimmt sei als von den vordergründigen Ereignissen der Urkunden und Inschriften. Die Könige erschienen dabei mit ihrem Handeln erst als Funktionen natürlicher, demografischer, wirtschaftlicher und sozialer Prozesse. Seine Hinwendung zur Biografie wollte er denn auch in erster Linie als kritische Auseinandersetzung mit neuen Trends der Geschichtswissenschaft verstehen, der Wiederkehr der Erzählung, der Renaissance des Ereignisses und der politischen Geschichte: "Die alte, langweilige, oberflächliche und künstliche politische Geschichte droht wiederzuerstehen. Das gilt es zu verhindern." Mit seinem Werk über Ludwig den Heiligen wollte er ebenso der neuen Schwemme biografischer Literatur entgegentreten, die auf die Exotik des Vergangenen baue, um ihr Publikum zu finden. Da narrative Geschichte aber nichts erklären könne, bleibe die Forderung nach Rationalität für ihn ohne Alternative.
Diesen Maximen folgend hat Le Goff eine Biografie und eine Anti-Biografie zugleich geschrieben. Sein Buch besteht aus drei Teilen: einer chronologischen Erzählung fast herkömmlicher Art, wenn auch auf ungewöhnlich klar durchdachter theoretischer Basis, einer Abhandlung über den Aussagewert der Quellen und einer systematischen Darstellung Ludwigs unter der Perspektive all jener Faktoren, die ihn zu einem ebenso einzigartigen wie idealen Herrscher werden ließen. In der Tradition der Annales liegt dem Buch eine Frage zugrunde; es will als "Problemgeschichte" verstanden sein.
Die Schlüsselfrage lautet also: "Hat Ludwig der Heilige existiert?" Das soll keineswegs heißen, dass Le Goff die Existenz des heiligen Ludwig schlechthin bezweifelt, wie irregeleitete Zeitgenossen dies im Hinblick auf Karl den Großen tun. Vielmehr geht es ihm um die Frage der Erkennbarkeit Ludwigs als Individuum angesichts der Wahrnehmungsprobleme der Augenzeugen, der Darstellungsprobleme von Quellenautoren mit einem vorgeprägten Repertoire von Bildern und sprachlichen Wendungen, auch der Überlieferungsprobleme im Spannungsfeld mündlicher und schriftlicher Tradition. Und überdies ist ja damit zu rechnen, dass "realistische" Aussagen über Ludwig wegen der typenbildenden Kraft des heiligen Königs sich ihrerseits zu Gemeinplätzen verfestigten und nicht mehr als solche dechiffrierbar sind.
Auf dem Feld der Zeugniskritik hat Le Goff Hervorragendes geleistet. Er hat demonstriert, was bisher keineswegs ausgemacht war: dass es möglich ist, sich mittelalterlichen Personen mit rational kontrollierten Urteilen anzunähern. Ein Beispiel mag das belegen. Die Kirche hat "die Zeit der Umarmung", also der Sexualität in der Ehe, für einen großen Teil des Jahres eingeschränkt. Doch galt es als Zeichen von Heiligkeit, wenn es gelang, diese Auflagen wirklich einzuhalten. Als Muster für die Überwindung der Fleischeslust wurde der heilige Benedikt genannt, der sich im feurigen Brand der Brennesseln gewälzt haben soll, um die brennende Begierde zu ersticken. Von Ludwig berichtet sein Beichtvater Gottfried von Beaulieu Ähnliches, setzt dabei aber besondere Akzente: "Wenn es sich an solchen Tagen der Enthaltsamkeit aus irgendeinem Grund ergab, dass er seine Gemahlin, die Königin, besuchte und bei ihr blieb, und er manchmal aus menschlicher Schwäche in ihrer Nähe die verwirrende Unruhe des Fleisches empfand, wanderte er im Gemach hin und her, bis sich der Aufruhr des Fleisches gelegt hatte." Ohne Zweifel hat Le Goff Recht, wenn er in der Erzählung vom auf und ab gehenden König die Wiedergabe historischer Wirklichkeit vermutet, denn obgleich es dem mittelalterlichen Autor um einen Beweis der Heiligkeit gegangen war, dramatisierte er die Enthaltsamkeit Ludwigs keineswegs, sondern schilderte eine banale "Therapie", über deren Erfolg man sich wundern kann.
Die Geschichte zeigt aber auch, in welcher Mischung Ludwig der Heilige erfahrbar ist: als Mensch, von Normen geprägt, aber in besonderen Reaktionen. Le Goff gelingt es, Ludwig den Heiligen tatsächlich als individuellen wie mustergültigen Herrscher zu erfassen, wenn er auch daran zweifelt, dass sich die Menschen des hohen Mittelalters selbst als Individuen begriffen haben. Als Wurzel von Ludwigs Persönlichkeit, zugleich als Ursprung seiner charismatischen Ausstrahlung und historischen Nachwirkung, legt er beim heiligen König die Nachahmung Christi bloß. Ludwig sei von der Illusion angetrieben gewesen, die Muslime zu bekehren und - vielleicht im Sinne endzeitlicher Prophetien - die Welt unter der Herrschaft des Christentums zu einen. Vor allem aber habe er dem Beispiel des leidenden Christus nachgestrebt und auch das Scheitern des Kreuzzugs als dauernden Schmerz angenommen.
Während sein Zeitgenosse Franziskus von Assisi die Nachahmung von Christi Leid bis zum Empfang der Wundmale steigerte, ist Ludwig seinem Umfeld als Christus-König zuletzt durch seinen Tod erschienen. In Tunis starb er, wie mit höchster Aufmerksamkeit beobachtet wurde, um drei Uhr nachmittags "in der gleichen Stunde, in der Gottes Sohn am Kreuz für die Erlösung der Weit sein Leben hingab".
Le Goff hat seinen Helden nach zehnjähriger Beschäftigung lieben, aber, wie bekennt, auch hassen gelernt. Mit schonungsloser Offenheit analysiert er Ludwigs Politik der Säuberung und des Ausschlusses der Juden aus seinem Reich. Er brandmarkt die Ordonanz von 1269, die alle Juden dazu verpflichtete, einen Filzfleck von scharlachroter Farbe auf der Kleidung zu tragen, als "schändlichen Text" und gibt ihn ungekürzt wieder. Seine Folgerung: "Der heilige Ludwig ist ein Wegbereiter des christlichen, des westlichen und des französischen Antisemitimus." In der Münzpolitik des Königs erkennt er einen moralistischen Zug, der noch das "ökonomische Gebaren der meisten Franzosen und insbesondere ihrer herausragendsten Führer im 20. Jahrhundert" geprägt haben soll, "von de Gaulle bis Mitterrand".
Der deutsche Leser verstummt angesichts von so viel Akzeptanz der eigenen Geschichte, zumal wenn er nicht vergessen kann, dass der bedeutendste andere Herrscher in Ludwigs 13. Jahrhundert, der Staufer Kaiser Friedrich II., wohl kaum eine ebenso konsensfähige Darstellung finden könnte.«
Michael Borgolte (Der Tagesspiegel Handelsblatt, 18.10.2000)
EAN: 9783608918342
ISBN: 3608918345
Untertitel: Originaltitel: Saint Louis. Mit Ktn. und teils farbige Taf. Lesebändchen.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: September 2000
Seitenanzahl: 996 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Grete Osterwald, Jochen Grube
Format: gebunden
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