HUDU

Vor dem Frost


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Juli 2003

Beschreibung

Beschreibung

Ein Kalb wird bei lebendigem Leib verbrannt, und sechs brennende Schwäne fliegen über den Marebo-See. Frauen verschwinden, eine Amerikanerin wird in der Kirche erdrosselt, und ein Lastwagen voller Dynamit lässt den Dom von Lund in Flammen aufgehen. In seinem neuen Kriminalroman spannt Henning Mankell den Bogen von dem furchtbaren Massaker in Jonestown, Guyana 1978, wo ein religiöser Fanatiker seinen Anhängern befahl, Selbstmord zu begehen, bis zum 11. September 2001. Mankell ist ein atemberaubender Roman gelungen: diesmal mit Linda Wallander in der Hauptrolle.

Portrait

Henning Mankell, 1948 als Sohn eines Richters in Stockholm geboren, wuchs in Härjedalen auf. Als 17-jähriger begann er am renommierten Riks-Theater in Stockholm das Regiehandwerk zu lernen. 1972 unternahm er seine erste Afrikareise. Sieben Jahre später erschien sein erster Roman "Das Gefangenenlager, das verschwand". In den kommenden Jahren arbeitete er als Autor, Regisseur und Intendant an verschiedenen schwedischen Theatern. 1985 wurde Henning Mankell eingeladen, beim Aufbau eines Theaters in Maputo, Mosambik, zu helfen. Er begann zwischen den Kontinenten zu pendeln und entschied sich schließlich, überwiegend in Afrika zu leben. Dort ist auch der größte Teil der Wallander-Serie entstanden. Außerdem schrieb Henning Mankell Jugendbücher, von denen mehrere auch in Deutschland ausgezeichnet wurden. 2009 erhielt er den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Henning Mankell verstarb im Oktober 2015.

Leseprobe

Doch dieser Tag, der 27. August, war der Tag, an dem Anna Westin spurlos verschwand. Als Linda sich mit dem Dietrich Zutritt verschafft hatte und in Annas Wohnzimmer saß, versuchte sie sich Anna vorzustellen, ihre Stimme zu hören, wie sie von dem Mann erzählte, der vor einem Hotelfenster auf der Straße gestanden hatte und ihrem Vater glich. Es gibt Doppelgänger, dachte Linda. Es ist nicht nur eine Legende, daß jeder Mensch irgendwo auf der Welt seine Entsprechung hat, einen Menschen, der zur gleichen Zeit geboren ist und stirbt wie er. Doppelgänger sind eine Realität. Ich selbst habe einmal in der U-Bahn in Stockholm meine Mutter gesehen. Beinah wäre ich zu ihr gegangen. Sie hörte auf, meine Mutter zu sein, als sie eine finnische Zeitung aufschlug und zu lesen begann.
Was hatte Anna eigentlich erzählt? Von einem wiederauferstandenen Vater oder seinem Doppelgänger? Sie hatte darauf bestanden, daß es wirklich ihr Vater war. Aber Anna besteht immer auf allem, dachte Linda. Sie kann Dinge behaupten, die nicht wahr sind, sondern eingebildet oder erfunden. Aber sie würde sich nie verspäten oder vergessen, daß sie Besuch bekommen soll.
Linda ging in der Wohnung umher. Sie blieb beim Bücherregal in Annas Studierecke im Eßzimmer stehen. Sie las die Buchrücken. Hauptsächlich Romane, die eine und andere Reiseschilderung. Aber kaum Fachliteratur. Linda runzelte die Stirn. Fast keine medizinischen Fachbücher. Sie ging zu den anderen Bücherregalen in der Wohnung. Was sie noch fand, war ein Nachschlagewerk über die gewöhnlichsten Volkskrankheiten. Hier war ein Bruch, dachte sie. Müßte Linda nicht massenweise medizinische Fachliteratur für ihr Studium haben?
Sie öffnete den Kühlschrank. Darin war das Übliche, nichts Unerwartetes. Die Zukunft war in Form einer ungeöffneten Milchpackung mit dem Haltbarkeitsdat
um 2.September vertreten. Linda setzte sich wieder ins Wohnzimmer und versuchte, die Bruchstelle genauer zu betrachten. Wie konnte jemand, der Medizin studierte, ohne Fachliteratur auskommen? Hatte sie die Bücher an einem anderen Ort? Aber sie wohnte in Ystad und behauptete, den größten Teil ihrer Studien hier zu betreiben.
Linda wartete. Es wurde sieben. Sie rief zu Hause an.
Ihr Vater meldete sich mit vollem Mund. »Ich dachte, wir wollten heute zusammen essen?«
Linda zögerte, bevor sie antwortete. Sie wollte etwas von Anna sagen und wollte es gleichzeitig nicht. »Ich bin beschäftigt.«
»Womit denn?«
»Mit meinem eigenen Leben.«
Ihr Vater murmelte etwas Unverständliches.
»Ich habe heute Martinsson getroffen.«
»Ich weiß.«
»Was weißt du?«
»Er hat es erwähnt. Daß ihr euch getroffen habt. Mehr nicht. Du brauchst dir nicht über alles und jedes Gedanken zu machen.«
Das Gespräch endete. Linda wartete weiter. Um acht rief sie Zebra an und fragte, ob sie wüßte, wo Anna sein könnte. Zebra hatte seit einigen Tagen nichts von Anna gehört. Schließlich, als es neun Uhr geworden war und Linda etwas gegessen hatte, was sie in der Speisekammer und im Kühlschrank gefunden hatte, rief sie Henrietta an. Sie mußte es lange klingeln lassen, bevor Henrietta sich meldete. Linda ging behutsam vor. Sie wollte die zerbrechliche Frau nicht verängstigen. War Anna nach Lund gefahren? War sie in Kopenhagen oder Malmö? Linda stellte die harmlosesten Fragen, die ihr einfielen.
»Ich habe seit letzten Donnerstag nicht mit ihr gesprochen.«
Vier Tage, dachte Linda. Dann hat Anna auch nichts von dem Mann erzählt, der vor dem Hotelfenster in Malmö stand. Sie hat diese wichtige Angelegenheit nicht mit ihrer Mutter geteilt, obwoh
l sie sich so nahe stehen.
»Warum willst du denn wissen, wo Anna ist?«
»Ich habe sie angerufen, und sie meldet sich nicht.«
Linda hörte eine wachsende Besorgnis aus Henriettas Stimme.
»Aber du rufst doch nicht jedesmal an, wenn Anna sich nicht meldet?«
Linda war auf die Frage vorbereitet. Eine kleine Lüge, eine freundliche Lüge. »Ich hatte solche Lust zu kochen und sie zum Essen einzuladen. Sonst nichts.«
Linda gab dem Gespräch eine andere Richtung. »Weißt du, daß ich hier in Ystad bei der Polizei anfange?«
»Anna hat es erzählt. Aber wir verstehen beide nicht, warum du Polizistin wirst.«
»Wenn ich Möbelpolsterin geworden wäre, stände ich jeden Tag mit Zwecken im Mund da. Bei der Polizei ist es abwechslungsreicher.«
Irgendwo im Hintergrund läutete eine Glocke. Linda beeilte sich, das Gespräch zu beenden. Anna hat ihrer Mutter nichts von dem Mann erzählt, den sie gesehen zu haben glaubt. Sie verabredet sich heute mit mir und ist nicht da. Ohne eine Nachricht für mich zu hinterlassen.
Linda versuchte erneut sich zu sagen, daß alles Einbildung sei. Was konnte schon passiert sein? Anna ging keine Risiken ein. Im Gegensatz zu Zebra und Linda selbst war Anna übervorsichtig. Kein Typ für die Achterbahn. Sie mißtraute fremden Menschen, stieg nie in ein Taxi, ohne vorher dem Fahrer in die Augen zu sehen. Linda ging vom Einfachsten aus: Anna war aufgewühlt. War sie nach Malmö zurückgefahren, um den Mann zu suchen, der vielleicht ihr Vater war? Anna hat nie eine Verabredung verpaßt, dachte Linda. Aber sie hat auch noch nie geglaubt, ihren Vater auf der Straße gesehen zu haben.
Bis Mitternacht blieb Linda in der Wohnung.
Da war sie überzeugt. Es gab keine natürliche Erklärung dafür, daß Anna nicht zu Hau
se war. Es war etwas passiert. Aber was?


Pressestimmen

„Sie wollte wie er sein, zur Polizei gehen.“ Polizeianwärterin Linda, knapp 30, und Papa Kurt Wallander, na, zu dem muß man wohl nichts mehr sagen. Da sind sie endlich, die beiden, zum ersten Mal wird gemeinsam ermittelt, ein kniffliger Fall, der die Truppe der Ystader Polizei in Atem hält, dem Leser den Atem raubt. Absolute Hochspannung, knisternde Unterhaltung und ein Tempo, das auch über 540 Seiten nicht schlapp macht.
Das war sicher gewagt: nach derart verwöhnendem Erfolg, Dauer- Plätzen auf Bestsellerlisten legt Henning Mankell nun die Hauptermittlungen in die Hände der nächste Generation. Aber keine Bange: natürlich hat der offenbar etwas fülliger gewordene Brummbär und Perfektionist Kurt Wallander im Hintergrund noch die Fäden in der Hand. Vater und Tochter in einem Ermittlungsteam, das bringt aber auch, wie sollte es anders sein, Spannung ganz anderer Art mit sich. „Mein Vater dröhnt durchs Leben wie ein Zug wütender Infanteristen“ urteilt die Tochter, ist aber schnell in ihrer Arbeit gedanklich ganz der Papa: „Immer auf etwas achten, was unausgesprochen ist“ oder „Es gibt immer etwas, was man nicht sieht.“
Die gemeinsame Arbeit mit dem altbekannten Team wird zur Gradwanderung, die Mankell aber mit viel Einfühlungsvermögen fürs Familienduo problemlos meistert: einerseits will Linda sich, wenn auch einige Tage vor ihrem offiziellen Dienstantritt, mit Fleiß, guter Recherche und Gespür die ersten Sporen verdienen, sich gegenüber dem großen Papa profilieren, von ihm absetzen und ihre eigene Rolle finden. Dann aber ist da auch die Bewunderung für ihren Vater, die Gewissheit und Bereitschaft noch eine Menge zu lernen, von dem alten Fuchs, der auch schon mal so richtig melancholisch werden kann. „Ich frage mich natürlich, wie es werden soll, wenn du anfängst zu arbeiten. Werde ich ein ängstlicher Alter, der nicht schlafen kann, wenn du Nachtschicht hast?“
Aber die Vater- Tochter Beziehung, das winzige verliebte Knistern zwischen Linda und dem neuen Kollegen Stefan Lindmann, und immer wieder Ausflüge in Erinnerungen, Lindas Kindheit oder die eigenwillige Schönheit der schwedischen Landschaft, alles nur Randgeplänkel. Beharrlich, immer wieder an straffen Zügeln, bleiben die Ermittlungen in einem außerordentlich brutalen Fall, der weite Kreise schlägt.
Ist es ein Tierquäler oder ein Wahnsinniger, der Schwäne anzündet, ein Kalb mit Benzin überschüttet, das in Flammen elendig verendet? Und vor allem: ist es jemand, der „sich auf Dauer mit Tieren nicht zufrieden gibt“? Eine bange Frage, die schließlich grausame Gewißheit wird: eine alte Frau wird bestialisch ermordet, es bleibt nicht das einzige Verbrechen. Alles deutet auf religiöse Fanatiker hin, aber wie viele? Dann verschwindet Anna, Lindas beste Freundin. Welche Rolle spielt ihr Vater, der über 20 Jahre verschwunden war und plötzlich wieder aufgetaucht ist? Der als „auserwählter Führer“ jetzt „Menschen formen“ und „das fünfte Evangelium“ schreiben will?
Nyberg, der mit der ewig schlechten Laune, Martinsson, Ann-Britt Höglund, Stefan Lindmann, sie werden‘s schon schaffen, aber bis dahin bohren sich Fingernägel in Buchdeckel und Spannung in die Magenkuhle. Eine unaufhaltsame, perfekte, streckenweise alles andere als unrealistische Story über religiösen Wahnsinn und verbrecherischen Fanatismus von Einzelnen oder Sekten im Namen Gottes. Wer die erste Seite liest, liest auch die letzte und hat dann erst Zeit, tief durchzuatmen.
© Barbara Wegmann www.titel-magazin.de
EAN: 9783552052192
ISBN: 3552052194
Untertitel: Roman. Originaltitel: Innan frosten. 11. Auflage.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: Juli 2003
Seitenanzahl: 544 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Wolfgang Butt
Format: gebunden
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