HUDU

Das autobiographische Gedächtnis


€ 36,95
 
gebunden
Sofort lieferbar
Oktober 2005

Beschreibung

Beschreibung

Das Gedächtnis ist es, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Genauer muß man sagen: Es ist das autobiographische Gedächtnis, das den Menschen zum Menschen macht. Es handelt sich um das Vermögen, »Ich« sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewußte Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat. Das Buch beschäftigt sich in interdisziplinärer Sicht auf der Basis neuester Forschungsergebnisse mit der Entwicklung des autobiographischen Gedächtnissystems, die erst mit dem Erwachsenenalter vollständig abgeschlossen ist. Seine Entstehung basiert auf einem komplexen Zusammenspiel hirnorganischer Reifungsvorgänge, sozialer Entwicklungsanreize und psychischer Entwicklungsschritte. Weil das Gehirn und mit ihm das Gedächtnis sich selbst erst in der Auseinandersetzung mit seiner physischen und sozialen Umwelt ausbildet und strukturiert, ist die Gehirn- und Gedächtnisentwicklung prinzipiell ein biosozialer Prozeß; organische und psychosoziale Reifung sind in der menschlichen Entwicklung lediglich unterschiedliche Aspekte ein und desselben Vorgangs. Die Autoren zeigen, daß die unfruchtbaren Dualismen von Gehirn und Geist, Natur und Kultur in interdisziplinärer Forschungsarbeit überwunden werden können. Sie liefern zugleich einen aktuellen Überblick über die Entstehung des menschlichen Gedächtnisses und einen Einstieg in ein neues Feld der Gedächtnis- und Erinnerungs forschung.

Inhaltsverzeichnis

Bereich I
Das Gedächtnis aus interdisziplinärer Sicht
1 Eine neue Betrachtungsweise des Gedächtnisses
2 Konvergenzzonen zwischen den Disziplinen
Box 2.1 Wahre und falsche Erinnerungen
3 Warum Tiere kein autobiographisches Gedächtnis haben
Box 3.1 Was das Gehirn des Menschen von dem anderer Primaten unterscheidet
Box 3.2 Evolution und Gehirn - Zusammenhänge zwischen Körpergewicht und Hirnvolumen als Maß intellektueller Reife und Fähigkeiten.
Bereich II
Die Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses auf Hirnebene
4 Gedächtnis und andere kognitive und emotive Funktionen entwickeln sich interdependent
Die Funktionen des Stirnhirns
Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit
Exekutive Funktionen
Motivation und Emotion - das limbische System
Box 4.1 Die Urbach-Wiethe-Krankheit als Beispiel für die Bedeutung der Amygdala für Affekt
Box 4.2 Der Hippocampus - alter Cortex, der phylogenetisch eine Entwicklung von der räumlichen zur zeitlichen Analyse von Reizen durchmachte
Wissen um die Welt - Bewußtsein
Was ist Gedächtnis?
Box 4.3 Sinnessysteme - Geruch als ein besonderes Sinnessystem
Box 4.4 Formen von Lernen
Welche Formen von Gedächtnis gibt es?
Welche Bereiche im Gehirn haben mit der Verarbeitung von Information zu tun?
Die Entwicklung des Gehirns
Box 4.5 Myelinisierung, Synaptogenese und Pruning als Mechanismen der neuronal-funktionellen Ausformung
Verlauf der Entwicklung des Nervensystems - Phylogenese und Ontogenese
Box 4.6 Plastizität: Umweltabhängige Modifikation neuronaler Reifungsprozesse
Sprachentwicklung und Sprachlokalisation
Entwicklung der Sprachareale
Reifeprozesse auf Hirnebene als Voraussetzung für die Bildung und Festigung von Gedächtnis
Priming versus Bewußtsein: Wie beeinflußbar sind wir?
Bereich III
Das autobiographische Gedächtnis: eine lebenslange Entwicklungsaufgabe
5 Entwicklung von Lernen und Gedächtnis pränatal und während der ersten Lebensmonate
Pränatale und transnatale Gedächtnisentwicklung - früheste Formen des Lernens
Box 5.1 Hirnstrukturen für unbewußtes Lernen - Basalganglien und unimodale Hirnrinde
Das Gedächtnis in den ersten Lebensmonaten
Das prozedurale Gedächtnis
Die Priming-Form des Gedächtnisses
Das perzeptuelle Gedächtnis
Das Arbeitsgedächtnis
Box 5.2 Hirnstrukturen, die für das Arbeitsgedächtnis wichtig sind - der dorsolaterale präfrontale Cortex und assoziierte Strukturen
Entwicklung von Wissenssystem und Vorstufen von episodischem Gedächtnis
6 Der erste Quantensprung der Gedächtnisentwicklung: Die Neun-Monats-Revolution
Die Sozialisierung von Gefühlen
Box 6.1 Primäre und sekundäre Emotionen
Soziale Interaktion und neuronale Entwicklung
Box 6.2 Chunking
7 Der zweite Quantensprung der Gedächtnisentwicklung: Sprache
Protospracherwerb
Protokonversationen
Spracherwerb
Memory talk
Theory of Mind - Psychologisches Verstehen
Box 7.1 Hirnstrukturen, die für Psychologisches Verstehen/Theory of Mind wichtig sind - der orbitofrontale Cortex und die Hirnrinde in seinem Umfeld
8 Eine Exploration zum autobiographischen Gedächtnis bei kleinen
Kindern
Selbsterkennen
Erinnerung an ein Ereignis
Örtlicher Kontext eines Ereignisses
Zeitliche Einordnung eines Ereignisses
9 Das autobiographische Gedächtnis: ein Wandlungskontinuum
10 Das Alter des Erinnerns - Einige Ergebnisse unseres interdisziplinären Forschungsprojektes »Erinnerung und Gedächtnis«
11 Eine formative Theorie der Gedächtnisentwicklung
Box 11.1 Das episodische Gedächtnis in der Definition von Tulving
12 Gedächtnis im Alter
Arbeitsgedächtnis, exekutive Funktionen und Langzeitgedächtnis Defizite in anderen kognitiven und emotiven Funktionsbereichen
Benigne Altersvergeßlichkeit, leichte kognitive Beeinträchtigung, Demenz
13 Das autobiographische Gedächtnis: ein biokulturelles Relais zwischen Individuum und Umwelt
Literatur
Danksagung

Portrait

Hans J. Markowitsch ist Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld. Er ist Autor oder Herausgeber von einem Dutzend Büchern und mehr als 400 Buch- und Zeitschriftenartikeln zu den Themen Gedächtnis und Gedächtnisstörungen sowie Wechselwirkungen zwischen Gedächtnis und Emotion.
Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten / Herdecke. Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu den Themen Erinnerung, Gedächtnis und Tradierung.


Leseprobe

1 Eine neue Betrachtungsweise des Gedächtnisses
Das Gedächtnis ist es, was den menschlichen Geist von dem anderer Primaten und anderer Säugetiere überhaupt unterscheidet. Genauer muß man sagen: Es ist das autobiographische Gedächtnis, was den Menschen zum Menschen macht, also das Vermögen, Ich sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewußte Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat. Abstrakter formuliert liefert ihm das autobiographische Gedächtnis das Vermögen, die persönliche Existenz in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu situieren und auf eine Vergangenheit zurückblicken zu können, die der Gegenwart vorausgegangen ist. Offensichtlich dient dieses Vermögen, mentale Zeitreisen (Endel Tulving) vornehmen zu können, dem Zweck, Orientierungen für zukünftiges Handeln zu ermöglichen. Erlerntes und Erfahrenes kann auf diese Weise für die Gestaltung und Planung von Zukünftigem genutzt werden.
Um diese Orientierungsleistung zu ermöglichen, muß das autobiographische Gedächtnis aber noch drei weitere Merkmale aufweisen: Die Erinnerungen müssen einen Ich-Bezug haben, um sinnvoll genutzt werden zu können - das Kind scheut das Feuer nur dann, wenn es sich selbst verbrannt hat. Damit hängt zweitens zusammen, daß autobiographische Erinnerungen einen emotionalen Index haben, also jeweils mit einem positiv oder negativ bewerteten Gefühl verknüpft sind, das uns anzeigt, welche Schlußfolgerungen aus dem Erinnern oder Wiedererkennen einer Situation sinnvollerweise zu ziehen sind. Und drittens sind autobiographische Erinnerungen autonoetisch, das heißt, wir erinnern uns nicht nur, sondern können uns auch dessen bewußt sein, daß wir uns erinnern. Dieses Vermögen zur autonoetischen Erinnerung liefert den unschätzbaren Vorteil eines bewußten, expliziten Abrufs von Erinnerungen. Das bedeutet, daß man sich willentlich in längst vergangene Situationen zurückversetzen kann, zum Beispiel, um sich eine Handlung und ihre nicht wahr
genommenen Alternativen vor Augen zu führen, weil man in einer analogen Situation in der Gegenwart ein breiteres Handlungsspektrum nutzen und eine begründete Entscheidung treffen möchte.
Über ein autobiographisches Gedächtnis zu verfügen, bedeutet in evolutionärer Perspektive einen enormen Anpassungsvorteil: Es schafft die Möglichkeit, sich bewußt und reflexiv zu dem zu verhalten, was einem widerfahren ist und wie man darauf reagiert hat. In begrenztem Umfang verfügen auch Tiere über diese Fähigkeit, indem sie sich etwa an Fundstellen von Nahrung erinnern, sich Freßfeinde und Gefahrensituationen merken. Insofern ist Gedächtnis in einem außerordentlich weitgehenden Sinn konstitutiv für Leben überhaupt: Selbst die einfachsten Lebewesen existieren in einer Umwelt und können in dieser nur dann erfolgreich bestehen, wenn sie bestimmte Anforderungen dieser ihrer Umwelt in ihr Reaktionssystem einbauen. Tatsächlich sind viele entscheidende Erkenntnisfortschritte der Gedächtnisforschung an Untersuchungen darüber gewonnen worden, wie sich die neuronalen Verschaltungsstrukturen sehr einfacher Organismen (z. B. der Meeresschnecke Aplysia, vgl. Bailey & Kandel, 1995) aufgrund von Umwelterfahrungen entwickeln und verändern. Auf dieser Ebene ist Gedächtnis zunächst ein Mechanismus, der die Erfahrung mit einer Umwelt in die Struktur des Nervensystems des entsprechenden Organismus umsetzt. So betrachtet, hat Gedächtnis prinzipiell einen Bezug auf die Entwicklung eines Lebewesens in einer spezifischen Umwelt, und diese Entwicklung verläuft erfahrungs- oder nutzungsabhängig.
Die basalen Funktionen von Gedächtnis sind im Grundsatz bei Menschen dieselben wie bei anderen Organismen. Wie wir im Verlauf dieses Buches zeigen werden, entwickeln Menschen neben den Gedächtnisfunktionen, die sie mit anderen Säugetieren und besonders mit anderen Primaten teilen, sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch ein besonderes Gedächtnissystem, das ihnen offenbar einen entscheidenden evolution
ären Vorteil verschafft - dieser Vorteil besteht darin, daß sie ihre Erinnerungen in zwei Hinsichten auf eine funktional effizientere Ebene heben. Die Fähigkeit, sich selbst in einem Raum-Zeit-Kontinuum situieren zu können, bedeutet, daß die eigene Umwelt planmäßig erschlossen und ausgewertet werden kann: Während ohne reflexives Gedächtnis Reize und Reaktionen, Anforderungen und Antworten unmittelbar aufeinander folgen, eröffnet die Fähigkeit zum bewußten Erinnern einen prinzipiell unendlichen Raum von Aufschüben zwischen den jeweiligen Anforderungen und den möglichen Reaktionen darauf. Ein reflexives Gedächtnis ermöglicht das Warten auf bessere Gelegenheiten, das Überstehen problematischer Situationen, das Entwickeln effizienterer Lösungen, kurz: Es erlaubt Handeln, das auf Auswahl und Timing beruht. Ein solches Gedächtnis schafft Raum zum Handeln und entbindet vom unmittelbaren Handlungsdruck; es schafft genaugenommen erst jenen Unterschied zum Agieren und Reagieren, den wir als Handeln bezeichnen.
Zweitens, und damit zusammenhängend, schafft ein reflexives Gedächtnis die Möglichkeit, Gedächtnisinhalte zu externalisieren, aus dem Organismus herauszuverlagern: Angefangen bei der einfachen Markierung eines Nahrungsverstecks über die Entwicklung symbolischer Austauschformen durch sprachliche Kommunikation bis hin zur Herausbildung von Schriftsprachen haben Menschen ganz einzigartige Formen der Repräsentation von Gedächtnisinhalten geschaffen, die wiederum zum einen Entlastung von Handlungsdruck, zum anderen die soziale Weitergabe von Erinnertem erlauben. Menschen können Informationen aufbewahren und kommunizieren; sie können sie mit der Erfindung von Schrift schließlich sogar an Menschen weitergeben, mit denen sie räumlich oder zeitlich überhaupt nichts verbindet, womit sich ein Fundus von gespeichertem Wissen auftut, der die Beschränkungen der direkten Kommunikationen radikal überwindet. Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello (2002) hat auf der Basis vergl
eichender Säuglings- und Primatenforschung die Theorie aufgestellt, daß die Entwicklung symbolischer Kommunikation einen evolutionären Fortschritt ums Ganze bedeutet: Die Schaffung einer Möglichkeit der kulturellen Weitergabe von Erfahrungen im Medium der sprachlichen Kommunikation, so argumentiert Tomasello, beschleunigt die langsame biologische Evolution mit den Mitteln des Sozialen. Darauf geht die atemberaubende und sich permanent steigernde Entwicklungsgeschwindigkeit der Evolution menschlicher Existenzformen zurück: Menschen können ihre Erkenntnisfortschritte in der Bewältigung von Umweltanforderungen über Zeiten und Räume hinweg weitergeben, so daß die jeweils folgenden Generationen auf der Basis der gemachten, in soziale Praktiken überführten Bewältigungserfahrungen ihre Entwicklungsmöglichkeiten auf jeweils höheren Erfahrungsniveaus entfalten können.
Diese ungeheure Steigerung von Entwicklungsmöglichkeiten geht zentral auf die Technik zurück, Gedächtnis zu externalisieren und im sozialen Raum verfügbar zu machen. Deshalb spielen sich in den evolutionär extrem kurzen 200 000 Jahren der Existenz des Homo sapiens sapiens die rasanten technologischen und kulturellen Fortschritte ab, die wir bei sich immer noch beschleunigender Weitergabegeschwindigkeit buchstäblich Tag für Tag erleben. Alles dieses geht auf jenen Entwicklungssprung zurück, den ein reflexives Gedächtnissystem ermöglicht, und dieses Buch wird sich im Detail mit der Frage beschäftigen, wie dieses Gedächtnis ontogenetisch entsteht. Denn auch wenn sich Menschen nicht nur in einem räumlich und zeitlich, sondern auch in einem sozial bestimmten Universum bewegen, sind sie gleichwohl Organismen mit einer spezifischen biologischen Grundausstattung, die ihre Entwicklungszeiten und -potentiale determiniert. Eine Schwangerschaft dauert nach wie vor meist neun Monate, und die menschliche Entwicklung findet in bestimmten Phasenverläufen statt, die weder historisch noch interkulturell grundlegende Abweichu
ngen voneinander aufweisen. Zwar haben schon Föten ein Gedächtnis, aber das autobiographische Gedächtnis, das distinkte Zonen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheidet und die eigene Person dazu in Relation setzt, entwickelt sich ontogenetisch erst recht spät.
Erste Anzeichen autobiographischen Erinnerns - die Verwendung von Personalpronomen und ein erstes Selbst-Erkennen im Spiegel - zeigen sich zwar schon in einem Lebensalter von etwa zwei Jahren; der eigentliche Beginn des autobiographischen Gedächtnisses liegt aber irgendwo zwischen drei und fünf Jahren, in jenem Alter also, aus dem unsere frühesten Kindheitserinnerungen stammen. Die davorliegenden Monate und Jahre sind uns nicht erinnerlich, was man kindliche Amnesie nennt (was eigentlich nicht die Amnesie kleiner Kinder bezeichnet, die sich ja durchaus an einiges erinnern können, sondern das Unvermögen von Erwachsenen, sich an die frühen Jahre ihrer Kindheit erinnern zu können). Das Entwicklungsalter des autobiographischen Gedächtnisses fällt mit dem Alter des Spracherwerbs zusammen, und für den Spracherwerb müssen offenbar bestimmte Niveaus der Gehirnreifung erreicht sein - diese Zusammenhänge werden uns in den folgenden Abschnitten dieses Buches eingehend beschäftigen. Aber die Bildung des autobiographischen Gedächtnisses ist eine Entwicklungsaufgabe, die bis in die späte Adoleszenz und in das junge Erwachsenenalter hineinreicht. Gedächtnis erfordert also eine außerordentlich lange Entwicklungszeit, was darauf hindeutet, daß es sich dabei um einen sehr komplexen Vorgang handelt, der von biologischen und soziokulturellen Bedingungen gleichermaßen bestimmt ist.
So alltagspraktisch fraglos es uns erscheint, daß wir eine Autobiographie besitzen und Episodisches oder Episches über unser Leben erzählen können, sowenig selbstverständlich ist das in ontogenetischer Perspektive (und noch weniger selbstverständlich ist es phylogenetisch). Tatsächlich bedürfen fast alle Formen des Gedächtnisses, vo
n denen in diesem Buch die Rede sein wird, einer gewissen Entwicklungszeit; sie stellen erworbene Kompetenzen dar, und die Fähigkeit zum autobiographischen Erinnern und zum Erzählen einer Lebensgeschichte ist die am längsten reifende und zuletzt erreichte dieser Kompetenzen. Wahrscheinlich ist sie die komplexeste Form des Gedächtnisses, weil sie nicht nur individuelle und organismusinterne Funktionen hat, sondern sich zugleich im Zusammensein mit anderen heranbildet und jene Suggestion einer lebenslangen Kontinuität des Ich bin ich bereitstellt, die in individualisierten Gesellschaften überhaupt erst Synchronizität, Kommunikation und Verläßlichkeit ermöglicht.
Das autobiographische Gedächtnis in seiner gegenwärtigen Gestalt ist selbst ein Produkt der Moderne: Unter gesellschaftlichen Verhältnissen, die von einem statischen Machtgefüge und einer unumstößlich scheinenden Ordnung geprägt sind, ist die Autobiographisierung ebenso wie die Individualität geringer ausgeprägt. Das liegt daran, daß es weniger an den Ambitionen und Leistungen des einzelnen liegt, wo er seinen gesellschaftlichen Platz einnimmt; dieser Platz hängt ganz einfach davon ab, in welche Situation und gesellschaftliche Lage er hineingeboren wird. Die Dynamisierung und Individualisierung des Lebenslaufs im Zuge der Etablierung moderner Gesellschaften ist also eine Voraussetzung für jene Form des autobiographischen Gedächtnisses, wie wir sie für natürlich halten. Soziologische Theorien, besonders die Zivilisationstheorie von Norbert Elias (1969), können zeigen, wie sich historische Veränderungsprozesse in Modifikationen auf der individuellen Verhaltensebene niederschlagen - wie also Veränderungen im Großen, in der Herrschaftsorganisation, der Ökonomie etc., mit Veränderungen im Individuum, seinem Habitus, seiner Subjektivität zusammenhängen. Elias? Theorie geht, in kurzen Worten, davon aus, daß im Zuge der Gesellschaftsentwicklung die Handlungsketten durch Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung von Fu
nktionen immer länger werden, was bedeutet, daß die Interdependenzen zwischen den Menschen sowohl qualitativ als auch quantitativ immer weiter anwachsen.
Elias illustriert das zum Beispiel an der sich in der höfischen Gesellschaft ausbildenden Strategie, langfristige Folgen des eigenen Handelns zu antizipieren, woraus eine Verlängerung der Handlungsketten und ein Zurückdrängen direkter Aktions-Reaktions-Intervalle resultierte. Die dafür erforderliche Langsicht erzeugte ein anderes, zurückhaltenderes und kalkulierteres Kommunikationsmuster als zuvor (wovon bis heute der Begriff Höflichkeit zeugt). Das zugrundeliegende Prinzip wird so beschrieben: Das Verhalten von immer mehr Menschen muß aufeinander abgestimmt, das Gewebe der Aktionen immer genauer und straffer durchorganisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt. Der einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und immer stabiler zu regulieren (Elias, 1969, S. 317).
Natürlich ist dieser Vorgang dem einzelnen, der an ihm teilhat, nicht bewußt - diese Regulierungen sind Aspekte von Praxis, nicht von Intention, aber sie äußern sich langfristig in Habitusveränderungen, die auch einen Umbau der inneren Verfassung, der Psychologie der Menschen im Zuge des Zivilisierungsprozesses anzeigen. Elias? Theorie beschreibt eine fortschreitende Veränderung des Verhältnisses, in dem Selbst- und Fremdzwänge zueinander stehen. Wird etwa unter feudalen Verhältnissen gesellschaftliche Macht durch Androhung und Ausübung direkter Gewalt sichergestellt, zeichnen sich moderne Gesellschaften durch ein beständiges Absinken des direkten Gewaltniveaus aus, also durch ein Schwinden von Fremdzwängen. Im selben Zug wachsen aber die Selbstzwänge an, also die Regulierungen, denen jemand folgt, ohne daß er einer direkten Macht unterworfen wäre. Das kann man zum Beispiel mit der Durchsetzung des industriellen Arbeitstags illustrieren: Während, wie von Edward P. Thompso
n (1987) klassisch beschrieben, die Arbeiter in der Frühphase der Industrialisierung mit Gewalt, also mit Knebel und Peitsche, dazu angehalten wurden, ihre 12 Stunden in der Fabrik zu verbringen, insbesondere montags nicht zur Arbeit erschienen und nicht selten regelrecht dahin geprügelt wurden, wird später der industrielle Arbeitstag in seiner langsam erkämpften 8-Stunden-Rhythmisierung zur scheinbar natürlichen und selbstverständlichen Norm, in deren Synchrontakt die Wach-, Schlaf- und Rekreationsrhythmen aller Gesellschaftsmitglieder, vom Kleinkind bis zur Rentnerin, eingebunden sind. Aus Fremdzwang ist Selbstzwang geworden, und das ist die eigentliche Pointe der Eliasschen Theorie: daß Soziogenese und Psychogenese zwei Seiten desselben Vorgangs sind. Veränderungen im Gesellschaftsgefüge bringen psychisch andere Menschen hervor, bei denen etwa das Anwachsen von Schamgefühlen oder solchen der Peinlichkeit die Entwicklung einer Ich-Identität anzeigt, die sich in hohem Maße dessen bewußt ist, daß ihr eigenes Wohlergehen und ihr Erfolg nicht von fremden oder göttlichen Mächten abhängig ist, sondern besonders auch von ihr selbst.
Solche in hohem Maße innengeleiteten Menschen prägen natürlich auch entsprechende Erziehungsstile aus und fördern bei ihren Nachkommen etwa Selbstdisziplin, Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen usw. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, daß Disziplinierungspraktiken, die unmittelbar mit der skizzierten Habitusprägung zusammenhängen - wie eine frühe und rigide Sauberkeitserziehung -, direkt im Säuglingsalter, also in frühen Entwicklungsprozessen ansetzen, mag einem klarwerden, wie eng der Zusammenhang zwischen sozialen, psychologischen und biologischen Aspekten der Ontogenese ist.
Übrigens wird mit der wachsenden Interdependenz der Menschen der Justierungsbedarf ihrer komplexen Sozial- und Kommunikationsbeziehungen zu einer immer dauerhafteren Aufgabe, weshalb sich historisch eine Ausdifferenzierung zwischen Kindheits-, Jugend- und Erwachsene
nalter mit je unterschiedlichen Verhaltensstandards verzeichnen läßt. Die Phasen vor dem Erreichen des Erwachsenenstatus werden, zumindest in den westlichen Gesellschaften, deshalb immer länger, weil die Einübung in die qualifikatorischen und habituellen Standards der sozialen Umwelt immer mehr Entwicklungszeit erfordert.
Für Elias liegt das auch daran, daß die Kinder in verhältnismäßig wenig Jahren den vorgerückten Stand der Scham- und Peinlichkeitsgefühle erreichen, der sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat. Ihr Triebleben muß noch jener strengen Regelung und jener spezifischen Modellierung unterworfen werden, die unseren Gesellschaften das Gepräge gibt, und die sich in der geschichtlichen Entwicklung ganz langsam entwickelten. Die Eltern sind dabei nur die - oft unzulänglichen - Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung, aber durch sie, durch tausend andere Instrumente ist es immer die Gesellschaft als Ganzes, das gesamte Geflecht der Menschen, das seinen Druck auf den Heranwachsenden ausübt und sich ihn vollkommen oder unvollkommen zurechtformt (Elias, 1969, S. 198 f.).
Hier deutet sich an, daß Elias, der seine Theorie schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte, ein Anhänger des biogenetischen Grundgesetzes war, das davon ausgeht, daß die ontogenetische Entwicklung die phylogenetische wie in einem Zeitraffer nachbildet. Schon Julian Huxley hat aber darauf hingewiesen, daß dieses Gesetz keineswegs die vollständige Entwicklung umfaßt, sondern lediglich Anfangsniveaus, die dann in differenzierten erfahrungs- und umweltabhängigen Gestalten weiterentwickelt werden. Genau diesen Befund kann man mit dem, was wir eingangs über die kulturelle Beschleunigung der biologischen Evolution gesagt haben, illustrieren: Die ontogenetische Entwicklung findet bei Menschen in einem soziokulturellen Raum statt, der durch den jeweils erreichten Entwicklungsstand der Vorgängergenerationen gestaltet ist. Jede Generation beginnt, w
enn man so will, ihre Entwicklung auf einem jeweils höheren Gesamtniveau als ihre Vorgängergeneration. Dieser Vorgang, neuerdings plastisch als Wagenhebereffekt (ratchet effect) bezeichnet, kommt allerdings nicht daran vorbei, daß es basale biologische Entwicklungsvoraussetzungen gibt, die - jedenfalls bislang - auch durch noch so beeindruckende kulturelle Innovationen nicht übersprungen werden können.
Ermöglicht wird der Wagenhebereffekt durch den Umstand, daß das menschliche Gehirn auf einzigartige Weise plastisch ist. Seine Entwicklung, Reifung und Formung hängt in - im Vergleich zu anderen Säugetieren - großem Ausmaß von Einflüssen aus der Umwelt des sich entwickelnden Menschen ab. Dieser Umstand ist schon vor mehr als einem halben Jahrhundert von dem Zoologen Adolf Portmann erkannt worden. Er hat das erste Entwicklungsjahr des Säuglings als extrauterines Frühjahr bezeichnet und damit gemeint, daß Menschen - im Unterschied wiederum zu anderen Säugetieren - in dem Sinne zu früh geboren werden, als ihr Entwicklungsstand noch keineswegs ausreicht, um aus eigener Kraft zu überleben. Säuglinge sind - das ist trivial - weder in der Lage, sich Nahrung zu beschaffen noch sich zu verteidigen oder davonzulaufen - sie bedürfen über einen vergleichsweise sehr langen Entwicklungszeitraum hinweg des Schutzes und der von außen kommenden Sicherstellung ihrer elementaren Lebensnotwendigkeiten. Und zwar so lange, bis ihre organische Reifung so weit fortgeschritten ist, daß sie - theoretisch - allein überleben könnten.
Der Umstand, daß Menschen organisch zu früh, also unfertig auf die Welt kommen, bedeutet nichts anderes, als daß in ihrer Entwicklung genetisch angelegte Ausreifungsprozesse mit sozialen Ausformungsprozessen zusammenfallen: Die organische und die soziale Entwicklung laufen gemeinsam ab - schon vorgeburtlich, deutlicher aber postnatal. Genau darauf ist die menschliche Gehirnentwicklung ausgelegt: Kein anderes Lebewesen verfügt über eine vergleichbare Neuropla
stizität, kein Gehirn ist bei der Geburt so unfertig wie das des Menschen, keines besitzt ein vergleichbar großes Entwicklungspotential für die Adaptierung an verschiedene und sich verändernde Umweltbedingungen.
Es ist eingangs schon darauf hingewiesen worden, daß Gedächtnis basal nichts anderes ist, als die Umsetzung von Umwelterfahrungen in die sich organisierende neuronale Struktur des sich entwickelnden Lebewesens selbst, und dieses Prinzip gilt auch für das Lebewesen, das mit der komplexesten Struktur von allen ausgestattet ist, den Menschen. Das Zentralorgan der Weltbewältigung, das menschliche Gehirn, ist zum Zeitpunkt der Geburt zwar in vielerlei Hinsicht außerordentlich weit entwickelt - Säuglinge können zum Beispiel hören, sehen, riechen, fühlen, schmecken und kommunizieren -, aber es ist, gemessen am erwachsenen Reifezustand und auch im Vergleich etwa zu Primatengehirnen, ausgesprochen unreif.
Ein menschliches Gehirn wiegt bei der Geburt nur rund ein Viertel des Gehirns eines Erwachsenen (Abb. 1.1). Beim Schimpansen, dem genetisch nächsten Verwandten, sind es immerhin 60 %. Die Anzahl der neuronalen Verschaltungen wächst ausschließlich beim Menschen noch nach der Geburt in fötaler Geschwindigkeit und Größenordnung weiter. In jeder Sekunde entstehen unter jedem Quadratzentimeter der Gehirnoberfläche ca. 30 000 Synapsen (Rose, 1998, S. 17) - und zwar bis etwa zum sechsten Lebensjahr. Zugleich finden wir in der kindlichen Entwicklung Phasen rapider Verringerung der Synapsen - ein höchst faszinierender Vorgang, der damit zu tun hat, daß nur jene Synapsen erhalten bleiben, die Teil bestimmter Verschaltungsmuster geworden sind. Diese Verschaltungen entstehen durch die Verarbeitung von Reizen und Informationen; was an Synapsen in bestimmten Zeitfenstern der Entwicklung nicht genutzt wurde, verschwindet. Dieser Vorgang wird als Pruning bezeichnet.
Aber nicht nur auf der Ebene von Synaptogenese und Pruning finden lange Zeit Veränderungen statt. Auch ei
nzelne Gehirnareale und -organe kommen erst mit der Pubertät zur endgültigen Ausreifung (wie das Stirnhirn), andere (wie die Schläfenlappen) erst mit Abschluß der Adoleszenz (Welzer & Markowitsch, 2001). Gerade diese so erstaunlich spät abgeschlossenen Entwicklungsprozesse sind offenbar notwendig für die Persönlichkeitsentwicklung, die Ausformung sicherer Selbst- und Fremddifferenzierungen und für die Entwicklung eines autobiographischen Gedächtnisses. Im übrigen finden sich zunehmend (allerdings umstrittene) Belege dafür, daß sich Neuronen lebenslang neu bilden - eine Erkenntnis, die bis vor kurzem für unmöglich gehalten wurde. Kurz: Wir haben es beim menschlichen Gehirn mit einem außergewöhnlich lange außergewöhnlich unfertigen Organ zu tun. Was Menschen lange schon vor der endgültigen Ausreifung zu tun in der Lage sind, ja, was sie schon vom Tag der Geburt an können, verdeutlicht einmal mehr die Vollkommenheit dieses Organs, des geschmeidigsten und entwicklungsfähigsten Wandlungskontinuums, das die Evolution hervorgebracht hat.
In seinem Entwicklungspotential und seiner Offenheit für die formenden Ein- flüsse naturaler und sozialer Umwelten liegt der Grund für den Überlebensvorteil der menschlichen Spezies - kein anderes Lebewesen kann sich unterschiedlichen und sich verändernden Umweltbedingungen so gut anpassen wie der Mensch. Genauer kann man sagen: Menschen schaffen erst die Umwelt, in der sie sich entwickeln und existieren können. Gattungsgeschichtlich ist das ein Kennzeichen äußerster Robustheit, aber bezogen auf das Individuum gibt es kein Lebewesen, das weniger robust und überlebensunfähiger wäre als ein kleiner Mensch. Diese Verletzlichkeit ist der Preis dafür, daß das menschliche Gehirn Kapazitäten lebenslang ausbauen und erweitern kann, weil es seiner Struktur und seinen Organisationsprinzipien nach auf Potentialität angelegt ist und nur von dieser Ausgangsstruktur her genetisch determiniert ist. Wir können als Neugeborene so wenig, weil wir später
soviel können müssen.
Die epigenetisch geformten menschlichen Fähigkeiten brauchen jede für sich eine bestimmte Entwicklungszeit, und für das Erlernen grundlegender Kompetenzen wie Sehen, Sprechen etc. stehen - worauf wir noch genauer eingehen werden - bestimmte Zeitfenster zur Verfügung, innerhalb derer die Entwicklung sich vollziehen muß. Das Versäumen der Nutzung dieser Fenster ist irreversibel. Wenn etwa, wie ein trauriges historisches Beispiel zeigt, wegen bestimmter Defekte blindgeborene Menschen später operiert werden und sie, technisch betrachtet, ein vollständiges visuelles System haben, stellt sich heraus, daß sie unfähig sind, die nunmehr verfügbaren visuellen Informationen zu sortieren, zu strukturieren, Vorder- und Hintergründe zu differenzieren, kurz: zu verarbeiten, was sie sehen. Das Fenster, das ein kleines Kind bis zum Alter von etwa zwei Jahren nutzt, um seine Sehfähigkeit qua Erfahrung auszubilden und dabei die jeweilige neuronale Verschaltungsstruktur in seinem Gehirn entsprechend anzulegen, hatte sich bei diesen Patienten längst schon geschlossen.
Ähnliches gilt für die Sprachentwicklung, für die sich ebenfalls kritische Phasen identifizieren lassen. Sprache ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung eines autobiographischen Gedächtnisses, weil sie das Medium ist, das symbolischen Austausch und die Externalisierung von Erfahrung erlaubt und damit die Möglichkeit schafft , daß man sich selbst relativ zu anderen setzen kann. Die Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses beruht darauf, daß ein Kind zunächst passiv, später aktiv über eine repräsentationale Sprache zu verfügen lernt, die es ihm erlaubt, sich jenseits der unmittelbaren Gegenwart zu imaginieren - z. B. als jemand, dem letzte Woche im Kindergarten ein Mißgeschick passiert ist. Diese Stufe, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderfallen, wird in der Regel irgendwann zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr erreicht, also in einem Zeitraum, der
- in den westlichen Kulturen - mit dem Ende der sogenannten kindlichen Amnesie zusammenfällt.
Die Fähigkeit zur autobiographischen Erinnerung ist insofern eine eindeutig soziale Kompetenz, als sie in der sozialen Kommunikation im Zusammensein mit anderen mittels memory talk (Katherine Nelson) und conversational remembering (David Middleton) herangebildet wird. Aber sie ist auch deswegen sozial, weil die Autobiographie jenen Fixpunkt im Fluktuieren der Rollen und Situationen bereitstellt, der einem selbst und anderen die Vergewisserung bietet, daß man es über Zeiten und Räume und Geschichten hinweg stets mit ein und demselben Ich zu tun hat und daß dieses auch in Zukunft noch dasselbe sein wird.
Das autobiographische Gedächtnis gehört mithin nicht dem Individuum allein, sondern ist zugleich eine soziale Institution, die die Synchronisierungserfordernisse moderner Gesellschaften sicherstellt. Der bereits erwähnte Umstand, daß funktional differenzierte Gesellschaften im historischen Vergleich immer längere Entwicklungs- und Ausbildungszeiten für ihre nachwachsenden Mitglieder vorsehen, verweist darauf, daß die zu erreichenden Entwicklungsniveaus immer vielfältiger und geschmeidiger werden, womit das autobiographische Projekt des einzelnen über immer weniger Fixpunkte verfügt, d. h. als Leistung komplexer wird. Deshalb kann erst im jungen Erwachsenenalter jene autobiographische Position eingenommen werden, die einem selbst und anderen anzeigt, daß man übertemporal ein und derselbe war, ist und bleiben wird.
[...]

Pressestimmen

»Markowitsch und Welzer haben ein in jeder Hinsicht spannendes Buch vorgelegt ...«
H. J. Freyberger (Psychodynamische Psychotherapie, 12/2008)
»... Mit ihrem "biosozialen" Ansatz wollen sich die Autoren von vornherein über die leidige Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften hinwegsetzen. Wer erst das fertig ausgereifte erwachsene Gehirn untersucht, argumentieren sie, der kommt zu spät und landet vor der notorischen Erklärungslücke - vor dem Problem, wie aus hirnpsychologischen Daten der sinnliche Reichtum unserer Erfahrungen und Erinnerungen hervorgehen soll. Wer hingegen der Entwicklung des Menschenhirns vom Fötus bis zur Adoleszenz nachspürt, erforscht einen biologischen Prozess in seinem sozialen, kulturellen, historischen Kontext. ...«
Michael Springer (Spektrum der Wissenschaft, November 2006)
»Markowitsch und Welzer haben ein anspruchsvolles Sachbuch über die Entwicklungsneuropsychologie des autobiographischen Gedächtnisses vorgelegt. ... detailreich und dennoch übersichtlich.«
Martin Kurthen (Psyche, 07/2007, www.psyche.de)
»...[E]s ist das autobiographische Gedächtnis, was den Menschen zum Menschen macht. Es handelt sich um das Vermögen, "Ich" sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewusste Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat. ... Die Autoren zeigen, dass die unfruchtbaren Dualismen von Gehirn und Geist, Natur und Kultur in interdisziplinärer Forschungsarbeit überwunden werden können. Sie liefern zugleich einen aktuellen Überblick über die Entstehung des menschlichen Gedächtnisses und einen Einstieg in ein neues Feld der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung.«
(Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, April 2006)
»Hans J. Markowitsch und Harald Welzer haben ein aufregendes Buch über hirnorganische Grundlagen und die biosoziale Entwicklung des autobiografischen Gedächtnisses geschrieben.«
Michael Saager (Jungle World, Februar 2006)
»Noch immer sucht die Wissenschaft nach der Verstehensformel, die den Menschen und das Tier zueinander in die notwendige Nähe setzt, sie aber doch nicht miteinander verschwistert. Der Physiologe Hans J. Markowitsch und der Psychologe Harald Welzer warten nun mit einem hirnorganischen Erklärungsansatz auf. Es sei das Gedächtnis, das den menschlichen Geist von dem anderer Primaten und anderer Säugetiere überhaupt unterscheidet. Nur der Mensch verfüge über ein Erinnerungsvermögen, das in der Lage ist, "Ich" zu sagen und autobiografischen Aussagen zu machen ... Für die beiden Wissenschaftler ist die evolutionäre Erfolgsgeschichte des homo sapiens sapiens elementar mit seinem reflexiven Gedächtnis verbunden; nur der Mensch könne langfristige Folgen seines Handelns antizipieren. Das mag alles nicht sehr neu klingen, doch die beiden Autoren unterlegen ihre Thesen mit Forschungsergebnissen aus der neueren Hirnphysiologie.«
(Neue Zürcher Zeitung, 3./4.12.2005)
»... Gleich im Titel beantworten Hans Markowitsch und Harald Welzer eine oft gestellte Frage: Was macht den Menschen zum Menschen, was unterscheidet ihn von anderen Primaten? Es ist das »autobiographische Gedächtnis«, die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in seiner Lebensgeschichte zu verorten... Die Autoren verfolgen einen transdisziplinären Ansatz aus Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie und Physiologischer Psychologie; die hirnorganischen Grundlagen, vor allem die Reifung und Veränderung des Gehirns in der frühen Kindheit, werden ausführlich vermittelt, teilweise in separaten, grau unterlegten Kästen, sodass der weniger interessierte Leser einige dieser Abschnitte überspringen kann. Selbstverständlich berücksichtigen Markowitsch und Welzer die Erkenntnisse der neueren Neurowissenschaften, zeigen aber auch deren Grenzen auf. Der wohl zentralste Kritikpunkt ist, dass die Neurowissenschaften sich mit einzelnen Gehirnen befassen, ihre Theoriebildung also individualistisch, nicht sozial ist; Bewusstsein entsteht aber im Rahmen sozialer Interaktion. ...«
Eva Lacour (www.wissenschaft-online.de, Januar 2006) (ansehen)
»Hirnforschung und Geisteswissenschaft können auf fruchtbare Weise kooperieren. ...
Markowitsch und Welzer ... entwickeln eine Theorie des autobiografischen Gedächtnisses, die den aktuellen Kenntnisstand der Neurowissenschaften widerspiegelt, gleichzeitig aber auf der Höhe der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung ist. ...
Markowitsch und Welzer gelingt eine Zusammenführung von sozialwissenschaftlichen, psychologischen und neurobiologischen Perspektiven, die in dieser Form selten ist. Das Ergebnis dient keineswegs nur der Befriedigung unserer Neugier. Wenn wir die Grundlagen unserer geistigen Fähigkeiten besser verstehen, dann vergrößern sich auch unsere Möglichkeiten, die Entstehung dieser Fähgikeiten zu fördern und Defizite zu korrigieren. Natürlich liefern die Autoren keine konkreten Handlungsanweisungen, doch aus ihren Erkenntnissen ergeben sich Ansatzpunkte für mögliche Strategien. ...«
Michael Pauen (Die Zeit, Zeit-Literatur, Dezember 2005) (ansehen)
»Das Buch ist so spannend wie ein anspruchsvoller Krimi.«
Helga Levond, Saarländischer Rundfunk
EAN: 9783608944068
ISBN: 3608944060
Untertitel: Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. 2. , Aufl. 70 Abbildungen, zahlreiche Tabellen.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2005
Seitenanzahl: 301 Seiten
Format: gebunden
Es gibt zu diesem Artikel noch keine Bewertungen.Kundenbewertung schreiben