HUDU

Träumen sie in Farbe?


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März 2003

Beschreibung

Beschreibung

Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 28. Mai 2003, zwischen Komponieren und Proben, erzählt der vielfach ausgezeichnete Komponist György Ligeti, der immer auch ein politischer Kopf war, dem Musikwissenschaftler Eckhard Roelcke seine abenteuerliche Lebensgeschichte und spricht über Musik und Politik, über Zeitgeschehen und Architektur, über Ideen und Begegnungen.

Portrait

György Sándor Ligeti, geboren am 28. Mai 1923 in Târnaveni, Rumänien und gestorben am 12. Juni 2006 in Wien, war ein österreichischer Komponist rumänisch-ungarisch-jüdischer Herkunft. Ligeti gilt als einer der bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde er durch die Verwendung seiner Musik als Filmmusik in 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick.

Leseprobe

Wie haben Sie den Aufstand 1956 erlebt?

Es herrschte eine surrealistische Atmosphäre. Am 23.Oktober kam es zu diesem spontanen Aufstand. Es fing an mit Demonstrationen, die einen Tag vorher durch Demonstrationen in Posen ausgelöst worden waren. In Polen kam Gomu=ka an die Macht, das kann man alles in den Geschichtsbüchern nachlesen. Die Demonstrationen in Budapest waren improvisiert. Man hatte problemlos telefonieren können. Die Gespräche wurden zwar abgehört, das hat aber niemanden gekümmert. Es wurde viel herumtelefoniert, um die vielen tausend Studenten zusammenzubringen. Es wurde ein großer Demonstrationszug. In der Früh wußte ich noch nicht, daß am Abend Revolution sein würde.

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Drei Tage lang wurde gekämpft. Es begann an einem Dienstag, am Wochenende war es still. In der folgenden Woche gab es unter der Leitung von Imre Nagy eine neue kommunistische Regierung, der auch Nichtkommunisten angehörten. Nagy hat mit den Sowjets verhandelt. Mitte dieser Woche zogen sich die sowjetischen Truppen aus Budapest zurück. Das war gegen Ende Oktober, Anfang November. Am 4.November schlugen die Sowjets zurück, was wir schon am 2.November wußten. Neue sowjetische Truppen strömten ins Land. Heute weiß man aus Archiven in Moskau, daß die Sowjets sofort beschlossen hatten, den Aufstand mit Gewalt zu unterdrücken. Dazu brauchten sie allerdings Truppen aus Mittelasien. Das dauerte zehn Tage. Diese zehn Tage waren Revolution plus eine Woche Frieden.
Die ganze Bevölkerung hat sich solidarisiert. Durch die Schießereien waren in vielen Geschäften die Scheiben kaputtgegangen, es wurde aber nicht geplündert. Niemand hat etwas angerührt! Es gab so eine Art moralischer Haltung. Allerdings herrschte große Angst vor antisemitischen Ausschreitungen von seiten der Rechtsradikalen, die es gab, weil der Kern der kommunistis
chen Führung aus vier Juden bestand. Deshalb gibt es auch heute in Ungarn einen virulenten Antisemitismus. Aber es kam zu keinen Ausschreitungen, weil das alles nicht zählte. Es gab auch keine Gewaltausbrüche gegen sowjetische Soldaten. Sie wurden nicht gehaßt, wohl aber die ungarische Staatssicherheit. Reihenweise wurden Staatssicherheitsleute an Laternen und Bäumen aufgehängt. Sie konnten sich nicht verstecken. Man konnte einen Staatssicherheitsmenschen auch in Zivil an seinem Regenmantel erkennen. Oft trugen die Leute der Staatssicherheit ein Maschinengewehr unter dem Regenmantel, und sie hatten ganz bestimmte Schuhe. Man konnte sie an ihren Schuhen erkennen! Schuhe waren sehr teuer und eine Seltenheit, eigentlich konnte man keine kaufen. Jeder hatte nur ein Paar Schuhe. Die Staatssicherheit hatte Schuhe bekommen, alle mit derselben Form. Bestimmt sind auch unschuldige Leute getötet worden, die solche Schuhe hatten.
Die sowjetischen Truppen kamen mit Tausenden Panzern, die mit der Eisenbahn nach Budapest transportiert wurden. Am 3.November wurden sie rund um Budapest in Position gebracht, das sprach sich schnell herum. Am 4.November in der Früh, ungefähr um fünf Uhr, begann die Attacke. Innerhalb weniger Stunden war Budapest besetzt.

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Ihre Flucht haben Sie nicht von langer Hand vorbereitet. Sie sind erst mit der Bahn und dann zu Fuß geflüchtet und konnten also nicht viel mitnehmen. Hatten Sie Ihre bis dahin komponierten Werke dabei?

Ich hatte eine Aktentasche mit meinen paar Kompositionen dabei, darunter auch»Víziók«. Das war die größte Partitur, ich hatte sie zusammengefaltet. Es war die erste Fassung des späteren Orchesterstücks »Apparitions«. Außerdem hatte ich eine Zahnbürste und Zahnpasta in der Tasche. Das war meine Vorstellung: Eine Zahnbürste muß man bei sich haben, sonst nichts. Einen
Bleistift habe ich nicht mitgenommen. Ich dachte, so etwas werde ich in Wien schon kriegen. Ich habe es auch gekriegt. Wir mußten stundenlang im Schnee auf dem Bauch liegen, weil wir von sowjetischen Militärpolizisten beobachtet wurden. Sie haben auch geschossen, aber nicht auf uns, sondern über unsere Köpfe. Die Flucht war also recht dramatisch, aber sie ist gelungen. Viele Leute waren schon vor uns über die Grenze geflohen- das ist wieder eine andere Geschichte.

Wenn Sie »wir« sagen, meinen Sie, Sie sind mit Ihrer Frau geflohen.

Ja, mit Vera, meiner Frau.

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Deutschland Ende der fünfziger Jahre, die Adenauer-Ära: Wie haben Sie Deutschland und den Westen als Flüchtling aus Ungarn empfunden?

Der Zeitgeist der Adenauer-Ära war sehr konservativ, Neue
Musik wurde wie seltene Tiere in einem Käfig betrachtet. Aber einige Leiter der Musikabteilungen der Rundfunkanstalten haben rührend dafür gesorgt, daß wir Komponisten Aufführungen unserer Werke bekamen.

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Darmstadt wirkte aber auch immer wie ein Priesterseminar. Es war im Sinne der seriellen Schule stark indoktrinierend.

Eine dogmatische Schulung für Fortgeschrittene?

Ich sagte indoktrinieren. Das ist nur eine Tendenz, die rechte Lehre zu akzeptieren. Einige Leute waren auch dogmatisch, am meisten Luigi Nono. Bei ihm mußte alles im Sinne von Schönberg sein. Adorno war dogmatisch. Er war großartig und lächerlich zugleich. Es waren starke Erlebnisse, weil man durch Leute wie Adorno vieles gelernt hat. In den Jahren, als Edgar Varèse und Olivier Messiaen in Darmstadt waren, war ich leider noch in Ungarn. Ich habe Varèse nie getroffen, er und seine Musik bedeuten mir sehr viel. Messiaen habe ich später sehr gut gekannt, ich habe ihn erst 1972 in Amerika getroffen. Die beiden kamen nicht mehr nach Darmstadt.
Es bildeten sich
merkwürdige Cliquen und Feindschaften, von denen man heute nicht spricht. 1957, bei meinem ersten Aufenthalt in Darmstadt, war ich naiv. Alles war neu. Stockhausen war da, Boulez sollte kommen, ist aber nicht gekommen. Ich habe ihn erst später kennengelernt. Maderna und Henri Pousseur und viele andere waren da. Stockhausen hat Darmstadt als seine eigene Veranstaltung betrachtet. Er wollte der Chef sein. Das war nicht so schön, ich habe es erst später durchschaut. Dann kam Kagel und wollte Chef sein. Ich mochte das nicht. Das hatte nichts mit Dogmatik, sondern mit Geltungssucht und Führungsanspruch zu tun. Wie in einer politischen Partei! Und Bruno Maderna, der nichts an Geltungssucht und Führungseigenschaft hatte, war der gute Geist.
Es gibt ein dickes Buch über diese Geschichte von Darmstadt, das der SWF-Redakteur Josef Häusler zusammengestellt hat. Es ist voll mit wertvollen Informationen, aber es gibt auch Dinge, die einfach ausgelassen wurden. Aus der Geschichte verschwunden ist zum Beispiel der unglaubliche Krieg zwischen Boulez und Stockhausen auf der einen und Nono auf der anderen Seite. Zusammen mit Heinz-Klaus Metzger hatten sie sich gegen Nono verschworen. Wer ist der gültige Hahn in diesem Hühnerhof? Alle haben deutsch gesprochen, nur Nonos Deutsch war schwächer. Sie haben Nono als Prügelknaben benutzt. Ich war dabei, als Metzger eine Rede gegen Nono gehalten hat. Ich war kein Freund von Nono, im Gegenteil. Ich habe ihn nicht geschätzt und schätze ihn bis heute nicht. Aber Metzgers Angriff war unfair. Seine Kritik war reine politische Propaganda.

 



EAN: 9783552052284
ISBN: 3552052283
Untertitel: Im Gespräch mit Eckhard Roelcke.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: März 2003
Seitenanzahl: 240 Seiten
Format: gebunden
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