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Eine Art Leben


€ 19,90
 
gebunden
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August 2004

Beschreibung

Beschreibung

Lautstark gepriesen und verteufelt als konservativ, progressiv, katholisch und marxistisch - bis heute wird Graham Greenes Leben von Verdächtigungen umrankt. Am 2. Oktober 2004 wäre er 100 Jahre alt geworden. "Eine Art Leben", 1971 zum ersten Mal erschienen, erzählt von Greenes Jahren als junger Mann und von seinem "Kampf gegen die Langeweile", der ihn zum britischen Geheimdienst brachte und in dessen Auftrag er zum Beobachter internationaler Krisenherde wurde.Das Buch ist eine Entdeckungsreise nach "Greeneland". Bizarr und faszinierend zugleich.

Portrait

Graham Greene, 1904 in Berkhamsted / England geboren, 1991 in Vevey / Schweiz gestorben. Sein Werk umfasst alle Gattungen der Literatur, viele seiner Romane wurden mit großem Erfolg verfilmt. Bei Zsolnay sind zuletzt Der stille Amerikaner und Eine Art Leben in neuer Übersetzung erschienen. Eine Neuübersetzung von Der dritte Mann wurde 2016 publiziert.

Leseprobe

Eine Autobiographie ist nur "eine Art Leben" - vielleicht mit weniger Irrtümern als eine Biographie, dafür aber zwangsläufig begrenzter: Sie beginnt später und endet früher. Wenn man seine Memoiren nicht gerade auf dem Sterbebett zu Ende führen kann, wirkt jeder Schluß willkürlich. Ich habe es vorgezogen, diesen Versuch mit den Jahren meiner Mißerfolge abzuschließen, die der Publikation meines ersten Romans folgten. Auch Mißerfolge sind eine Art Tod: wenn die Möbel verkauft, die Schubladen ausgeleert sind und draußen der Umzugstransporter, wie ein Leichenwagen, darauf wartet, uns zu einer weniger teuren Behausung zu bringen. Und noch in einem anderen Sinn kann ein Buch nur "eine Art Leben" sein: Denn im Laufe von 66 Jahren habe ich fast ebensoviel Zeit mit fiktiven Gestalten zugebracht wie mit Menschen von Fleisch und Blut, mit realen Männern und Frauen. Und obwohl ich auf meine vielen Freunde stolz sein kann, wollen mir zu den berühmten oder berüchtigten keine Anekdoten einfallen - die einzigen Geschichten, an die ich mich vage erinnere, sind die aus meinen Büchern.
Und was veranlaßt mich, diese Vergangenheitsfetzen aufzulesen? Wohl dasselbe Motiv, das mich hat Schriftsteller werden lassen: der Wunsch, ein Chaos von Erlebnissen in eine gewisse Ordnung zu bringen und eine unbändige Neugier. Wir können andere nicht lieben - sagen uns die Theologen -, wenn wir nicht bis zu einem gewissen Maß uns selber lieben; und auch die Neugier beginnt bei uns selbst.
Viele meiner Zeitgenossen gefallen sich heute darin, die Episoden ihrer Vergangenheit in Ironie zu tauchen. Das ist als Methode der Selbstverteidigung legitim: "Seht, wie verrückt ich als junger Mensch war!" Es nimmt der Kritik den Wind aus den Segeln, verfälscht aber die Geschichte. Wir waren keine Ritter ohne Fehl und Tadel. Aber unsere Gefühle waren echt, als wir sie durchlebten.
Warum sollten wir uns ihrer mehr schämen als der Abgebrühtheit unserer alten Tage? Ich habe mich, vielleicht ohne Erfolg, bemüht, den Verrücktheiten, Sentimentalitäten und Überspanntheiten einer fernen Zeit nachzuspüren und sie zu vergegenwärtigen, wie ich sie damals empfand, ohne Ironie.

Kapitel 1

1

Heute weiß ich es: Eigentlich war mein ganzes Leben schon auf den Straßen von Berkhamsted vorgezeichnet. Die High Street war so breit wie mancher Marktplatz, aber ihre ausladende Würde wurde gleich nach dem Ersten Weltkrieg durch ein neues Kino mit grüner maurischer Kuppel entstellt, die zwar eher klein war und uns damals doch als Inbegriff von falscher Pracht und schlechtem Geschmack erschien. Mein Vater, der damals Leiter der Internatsschule von Berkhamsted war, erlaubte es seinen Schülern ein einziges Mal, eine Sondervorstellung des ersten Tarzanfilms zu besuchen, weil er der irrigen Ansicht war, es handle sich um einen didaktischen Streifen von anthropologischem Wert; von da an betrachtete er das Kino nur noch mit einem Gefühl von Düpierung und Mißtrauen. An "unserem Ende" wartete die High Street mit einem zur Hälfte in Tudor-Fachwerk gehaltenen Fotografengeschäft auf (aus dessen Schaufenstern uns die Gesichter der Einheimischen auf den Hochzeitsbildern bekränzt und benebelt wie die Pfingstochsen anstrahlten) und der großen steinernen normannischen Kirche, wo der Helm irgendeines alten Herzogs von Cornwall unbeachtet auf einem Pfeiler ruhte wie ein Bowler auf einem Garderobenhaken.
Unten lag der Great Junction Kanal mit dem Grünzeug der Wasserkresse und den trägen bunten Kähnen und ihren Zigeunerkindern, die weit weg schienen; dann der trockene Burggraben voller Bärenklau, der sich um die Überreste der alten Burg zog (sie sei, so hieß es, von Chaucer erbaut und unter Henry III. von den Franzosen belagert und
eingenommen worden). Ein leichter, nicht unangenehmer Kohlenstaub wehte von der Eisenbahn her, und überall gab es diese seltsam eigenwilligen Berkhamsted-Gesichter, die ich heute wohl überall auf der Welt wiedererkennen würde: spitze Gesichter wie von Spielkartenbuben, mit Blicken voll Schläue und schaler List.
Und dann muß, wohl oder übel, ja auch noch die Schule auf meine persönliche Landkarte eingetragen sein - ein Gebäude teils aus rosa Tudorstein, teils aus ekelhaft modernem Backstein in der Farbe von Puppenküchenschinken -, wo das Elend meines Lebens begann. Dazu noch der Friedhof, längst nicht mehr benutzt, der gleich hinter unseren Fenstern lag und von den Blumenbeeten nur durch eine unsichtbare Grenze getrennt war, so daß der Gärtner jedes Jahr, wenn er die Rabatten umgrub, ein paar Knochenreste zutage förderte. Weiter nördlich, auf den grünen Flächen einer Karte, die sonst leer war wie Afrika, lag mit einer Wildnis von Stechginster und Farnkraut die ausgedehnte Common, die Stadtwiese, die sich bis nach Ashbridge Park hinzog, wo ich einst einen Jack in the Green sah, einen dieser mit Frühlingsgrün umhüllten Tänzer, der inmitten seiner Gefährten so schwerfällig umhertapste wie später die Teufel, die ich in Liberia sehen sollte.
Alles, was aus mir würde, zum Guten wie zum Schlechten, muß da schon vorgeprägt gewesen sein. Meine Zukunft hätte sich aus der Gestalt der Häuser genauso vorhersagen lassen wie aus den Linien einer Hand. Die Verschlagenheiten und Tricks formten sich nach dem Bild der anderen durchtriebenen Gesichter ebenso wie in den Verstecken im Garten, auf der Stadtwiese und in ihren Büschen. Hier in Berkhamsted gab es die Urform, aus der eine Figur unentwegt reproduziert wurde.
Zwanzig Jahre lang war dieser Ort einziger Schauplatz für Glück, Elend, erste Liebe und Schreibversuche
, und ich empfände es als verstörend, wenn ich, aus welchem Zufall immer, ob aus schlichter Unbedachtheit oder aus Torheit oder Weisheit, im Fall meines Todes nicht dorthin zurückgebracht werden sollte, wo ich zur Welt kam.
Weit hinten, am Ende der Highstreet, begann das Dorf Northchurch, wo es einen alten Gasthof gab, das Crooked Billet. Dieser Name hatte für mich einen düsteren Klang, wohl weil sich dort irgendetwas abgespielt hatte, das mir Angst machte, gerade weil die Erwachsenen nur in Andeutungen davon sprachen (ich war mir sicher, daß in dem Gasthof einmal Reisende umgebracht worden waren). Das gab der ganzen Ortschaft Northchurch die Atmosphäre des nicht ganz Geheuren: eines dunklen Bezirks, wo Albträume rasch Realität werden konnten. Wir machten auch nie Spaziergänge dorthin, obwohl das auch eine praktische Erklärung haben konnte, denn warum sollte ein Kindermädchen sich diesen mühseligen Weg zumuten, die drei Kilometer durch die High Street, vorbei an der Stadthalle und an der neuen King's Road (wo die Pendler mit ihren Aktentaschen zweimal am Tag zum Bahnhof hin und wieder zurückströmten); vorbei an den trüben Buntglasfenstern des Zahnarztes und dann an den Marktgärten, und immer mit dem rußigen Geruch, der von den Kohlefeldern und den Kohlewagen herwehte.
Und noch ein Spaziergang blieb uns verwehrt, wenn wir in der Obhut unserer alten verschrobenen Nurse oder ihrer Gehilfin waren, und zwar der Weg über den Treidelpfad neben dem Kanal. War das Crooked Billet für mich mit einer düsteren Atmosphäre verbunden, so der Kanal mit unmittelbarer Gefahr - da dro

Pressestimmen

"Dieses Buch ist ein einziges Lesevergnügen." Marko Martin, Die Welt, 02.10.2004§"Greenes Lebensbericht eignet sich hervorragend als Basislektüre für sein Hauptwerk und bietet einen unverzichtbaren Einblick in das Leben eines rastlosen Autors." Gregor Schuhen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2005


EAN: 9783552053113
ISBN: 3552053115
Untertitel: Originaltitel: A Sort of Life.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: August 2004
Seitenanzahl: 224 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Dieter Hildebrandt
Format: gebunden
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