HUDU

Brauchen Kinder Ängste?


€ 14,00
 
kartoniert
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Februar 2005

Beschreibung

Beschreibung

Kinder haben viel häufiger Angst als Erwachsene und fürchten sich vor anderen Dingen, zum Beispiel vor Gespenstern, vor der Schule, vor den Ansprüchen der Eltern oder vor Trennung. Doch Kinder finden überraschend viele Wege, um mit ihren Ängsten fertigzuwerden, und wenn dies gelingt, haben sie wieder ein Stück Welterfahrung gemacht. Beispiele aus der Praxis und der Literatur - Thomas Mann, Erich Kästner und Ulla Hahn - veranschaulichen, wie solche Entwicklungsschritte ablaufen, und zeigen auch, wie sich Eltern und Erzieher verhalten sollten.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Über dieses Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Ängste ändern sich im Laufe des Lebens . . . . . . . . . 13
Säuglinge und Kleinkinder erschrecken vor
Neuem und Unbekanntem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Vorschulkinder leben in ihrer eigenen Welt . . . . . . . . . . 21
Mit dem Schulalter beginnt der Ernst des Lebens . . . . . . 23
Bedrohung und Faszination - die beiden Gesichter der Angst . . . 25
Mit Hinlaufen und Weglaufen überwinden Kinder Ängste . 25
Die Lust an der Angst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Mit Phantasie und Magie gegen Ängste . . . . . . . . . 33
Unklare Ängste werden zur Furcht vor Hexen und Riesen . 33
?Heimliche Begleiter? helfen, wenn Kinder
allein nicht weiter wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Ängste werden ?weggespielt? oder mit
magischen Praktiken vertrieben . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Ängste bei Dunkelheit und in der Nacht . . . . . . . . . 52
In der Dunkelheit wird die Welt unheimlich . . . . . . . . . 52
Einschlafängste, nächtliches Aufschrecken
und Alpträume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
Die Angst vor Trennungen und Verlusten . . . . . . . . 84
Trennungsängste von Säuglingen und Kleinkindern . . . . . 84
Wort-Magie gegen die Angst vor dem
Allein-gelassen-Werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Wenn Kinder von den Eltern verlassen werden . . . . . . . 101
Ein Vorschulkind kämpft gegen seine
Verlassenheitsängste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Der Tod - eine endgültige Trennung . . . . . . . . . . . . . 109
Schulphobie als Trennungsangst . . . . . . . . . . . . . 117
Warum erbricht Katja jeden Morgen vor der Schule? . . . . 117
Schulphobie - eine Trennungsangst am falschen Ort . . . . 127
Wie Kinder ihre Schulphobie oder
Kindergartenphobie selbst bekämpfen . . . . . . . . . . . . 134
Im Teufelskreis der Leistungsangst . . . . . . . . . . . . 141
Wie Kinder ihre Leistungsängste erleben . . . . . . . . . . 141
Die besonderen Ängste von Kindern
mit Teilleistungsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Aggressionen oder Selbstaufgabe als Antwort
auf Leistungsängste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
Leistungsangst der Kinder und die Angst der Eltern . . 161
Wenn die Leistung der Kinder zum Lebensinhalt
der Eltern wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Wenn Eltern zu sehr lieben . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
Wie Kinder sich gegen Erwartungen und Ängste
ihrer Eltern wehren können . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
Mit dem Blick in den Spiegel gegen Schulängste . . . . 186
Ein Interview mit der Sonderschullehrerin
Karin Ziegenfuß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
Schüchternheit als soziale Angst . . . . . . . . . . . . . 198
Schüchterne Kinder sind lieb und oft unglücklich . . . . . . 198
Die Scham und die Angst vor dem Beschämtwerden . . . . 207
Wie Kinder es schaffen, ihre Schüchternheit
zu überwinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
Wie Erwachsene schüchternen Kindern helfen können . . . 224
Gott und die Angst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Ein strenger und strafender Gott macht Angst . . . . . . . . 230
Wie ein angstmachendes Gottesbild entsteht . . . . . . . . 237
Ein gütiger und liebender Gott nimmt die Angst . . . . . . . 240
Das Gebet als ?Rettungsring? im ?Meer der Ängste? . . . 243
Ängste in Büchern helfen bei der Angstbewältigung
im Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
Bücher als gedruckte Helfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
Soll man ängstlichen Kindern Märchen erzählen? . . . . . . 256
Hab keine Angst vor der Angst deiner Kinder! . . . . . 264
Zehn Regeln für den Umgang mit kindlichen Ängsten . . . 264
Angst und verwandte Gefühle . . . . . . . . . . . . . . . 274
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
Zur Autorin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282

Portrait

Gertraud Finger, Dipl.-Psych., war früher Lehrerin und hat in der Erziehungs- und Schulberatung gearbeitet, eine Frühförderstelle geleitet und war Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie hat mehrere Bücher über die Arbeit mit Kindern und Familien verfaßt und bietet Fortbildungen an. Die Autorin ist verheiratet, hat zwei Söhne und zwei Enkel.


Leseprobe

: Über dieses Buch

... jede wirklich durchlebte Angst stärkt uns um genau jene Kraft, die wir aufbringen mußten, um sie zu überstehen.
(Michel 1995, S. 98)

Der dreijährige Ben berichtet: ?Ich hab von Piraten geträumt. Das war sooo schrecklich!?

Die fünfjährige Maja meint: ?Ich heirate später einen Polizisten. Dann brauche ich nicht mehr so viel Angst zu haben!?

Der zehnjährige Frank sagt: ?Und immer wieder die Angst vor den schlechten Noten. Ich laufe noch mal weg!?

Alle drei Kinder leiden unter ihren Ängsten. Es ginge ihnen viel besser, wenn sie keine Angst hätten. Angst ist schwer zu ertragen. Deshalb wünschen wir uns ein Leben ohne Angst. Doch wäre ein solches Leben wirklich besser?
Ein Leben ohne Angst gibt es nicht, und es wäre auch nicht gut. Denn die Angst fordert Kinder heraus, Leistungen zu vollbringen und Entwicklungsschritte zu machen, die sie ohne Angst nicht in Angriff genommen hätten. So wird Angst zum Motor ihrer Entwicklung und hilft ihnen beim Großwerden. Dies gilt allerdings nur für normale Alltagsängste oder Entwicklungsängste. Ängste, die durch unkontrollierbare Umstände hervorgerufen werden, können von Kindern allein nicht bewältigt werden. Dann benötigen sie Hilfe aus ihrer Umgebung.
Wenn Angst im äußersten Fall zur Krankheit wird, brauchen Kinder Hilfe von Fachleuten. Angstkrankheiten werden in diesem Buch nicht besprochen. Es geht hier vielmehr um die ?gesunde Angst?. Auch sie ist schwer zu ertragen, doch Kinder zerbrechen nicht an ihr. Sie können sich gegen die Angst wehren und dabei ungeahnte Kräfte entfalten. In diesem Sinne ?brauchen? Kinder Ängste, um sich zu entwickeln.

Kinder finden ungewöhnliche Wege der Angstbewältigung

Was jedem einzelnen Kind weiterhilft, hätte kein Erwachsener für es ausdenken können:
Helma vertreibt Gespenster, indem sie laut schmatzend Apfelstücke kaut. Janet spielt mit alten Weinflaschen ?Schule?, um das gefürchtete Aufge
rufenwerden zu üben. Sascha überwindet seine Spinnenangst dadurch, daß er alles über diese Tiere herausfindet. Hildegard vertraut einer alten Handtasche die Angst vor dem eigenen Vater an, weil sonst niemand etwas davon wissen will. Jonathan hat seit der Geburt der Schwester Angst, daß die Eltern ihn weniger lieben. Er wird artig und angepaßt, erfindet aber gleichzeitig den ?bösen Emil?, der all das tut, was er sich selbst verbietet. Lea albert herum und provoziert sogar Mutters Schläge, um nicht von der Leistungsangst ihrer Mutter angesteckt zu werden.

Neben Fallbeispielen aus dem Alltag der Kinder und aus der Erziehungsberatung enthält dieses Buch auch Zitate aus den Werken bekannter Schriftsteller wie Erich Kästner, Ulla Hahn, Thomas Mann, Zsuzsa Bánk, Elias Canetti und andere. Sie erzählen von ihren eigenen Kinderängsten und von denjenigen ihrer Romanfiguren.
Nahezu alles im Leben eines Kindes kann Angst erzeugen. Dieses Buch behandelt bekannte Ängste, wie die Angst vor Trennungen, vor Dunkelheit, vor Gespenstern oder Fabelwesen, vor den Blicken anderer Menschen und vor der Schule. Es beschreibt jedoch auch Ängste, über die in der Fachliteratur seltener etwas zu finden ist: Angst, die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen zu können; Angst vor eigenen Gefühlen; Angst nach dem Tod eines geliebten Menschen; Angst vor Gott.

Über mich und meine Arbeit

Mit diesem Buch möchte ich einen Beitrag zur Verständigung zwischen Eltern und Kindern leisten. Dies gelingt, wenn Eltern sich anerkannt fühlen und den verborgenen Sinn hinter kindlichem Verhalten erkennen. Um diese Verständigung zu fördern, fing ich an, über meine Beratungstätigkeit zu schreiben. Daraus wurden Bücher, zuerst für Fachleute und dann für Eltern. Meine Bücher sollen Aufschluß darüber geben, wie und warum Kinder trauern, was auffällige Kinder uns sagen wollen und was die ungewohnten Äußerungen von behinderten Kindern bedeuten. Es geht aber auch um die Verunsicherung der
Eltern angesichts der Trauer ihrer Kinder, um ihre Hilflosigkeit beim Umgang mit einem auffälligen Kind und um ihre Einsamkeit und Verzweiflung als Eltern behinderter Kinder.
Angst ist ein Thema, das ich gut kenne, denn ich selbst war ein ängstliches Kind. Manches, was in diesem Buch steht, habe ich selbst erlebt. Vieles habe ich von Kindern in der Beratungsstelle erfahren. Eltern und Freunde haben mir von ihren kindlichen Ängsten erzählt. Während des Schreibens entdeckte ich, wie viele Wege Kinder finden, um mit ihrer Angst fertig zu werden. Das hat mich fasziniert.
Ich bin Lehrerin und Diplom-Psychologin. Zuerst unterrichtete ich an einer Grundschule, dann arbeitete ich dreißig Jahre in einer privaten Erziehungsberatung und fünfzehn Jahre in der Frühförderung des Caritasverbandes Freiburg Stadt. Als Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und bei Vorträgen und Fortbildungen konnte ich meine praktische Arbeit darstellen und mit anderen meine Erfahrungen austauschen.
Danken möchte ich allen, die mir - oft ohne es zu wissen - die Wege der Angstbewältigung gezeigt haben. Ich konnte nicht alle Kinder und Eltern fragen, ob ich ihre Geschichte aufschreiben darf. Doch die Namen der Kinder und ihre Lebensumstände sind so verändert worden, daß niemand sie erkennen kann. Ihre Aussprüche und der Ausdruck ihrer Gefühle sind jedoch übernommen worden. Allen Kindern herzlichen Dank dafür, daß ich lernen durfte, wie aus Ängsten neue Kräfte erwachsen.

Was dieses Buch will

Wissen vermitteln.
Es informiert über kindliches Denken und Handeln angesichts der Angst.

Mut machen.
Es ermutigt Eltern, die Ängste ihrer Kinder auszuhalten und nicht immer gleich helfend einzugreifen.

Freude bereiten.
Wie Kinder ihre Angst bewältigen, ist faszinierend zu lesen. Manche Erwachsene werden sich wieder an die Zeit erinnern, als sie selbst mit angehaltenem Atem und Herzklopfen in der gleichen Lage waren.
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br/> Ängste ändern sich im Laufe des Lebens

In jedem Alter sieht die Welt anders aus und andere Ängste bewegen das Kind. Auffallend ist, daß neue Entwicklungsschritte oft von Ängsten begleitet werden. Mit jedem Entwicklungsschritt wird das Kind offener für seine Umgebung, und es entdeckt vieles, was es bisher übersehen hat. Doch kann es all das Neue nicht immer einordnen. Deshalb reagiert es mit Ängsten. Angst ist ein Hinweis auf Neues und Unbekanntes, hinter dem sich mögliche Gefahren verbergen. Es können tatsächliche oder phantasierte Gefahren sein. So kann es geschehen, daß Kinder plötzlich Ängste vor Gegenständen und Situationen entwickeln, vor denen sie sich bisher nicht gefürchtet haben.

Der neun Monate alte Uwe ist mit seinen Eltern im Sommerurlaub am Meer. Er ist fasziniert vom Meer und krabbelt immer wieder auf allen Vieren ins Wasser. Auch als das Wasser immer tiefer wird, krabbelt er fröhlich weiter. Die Eltern müssen ihn jedes Mal aus dem Wasser retten und an Land tragen. Doch sobald sie ihn hingesetzt haben, geht seine Entdekkungsreise von neuem los. Es macht ihm nichts aus, wenn er dabei naßgespritzt wird. Er lacht vergnügt und protestiert, wenn die Eltern ihn wieder aus dem Wasser holen. Ein Jahr später machen die Eltern mit Uwe am gleichen Ort Ferien. Doch diesmal ist er wie ausgewechselt. Er hat Angst vor dem Wasser, klammert sich an die Mutter und geht nur an Mutters Hand so weit hinein, daß seine Füße etwas naß werden. Wird er naßgespritzt, läuft er schreiend weg.

Es scheint fast so, als ob aus dem mutigen Uwe ein Angsthase geworden ist. Doch Uwe war vor einem Jahr gar nicht mutig, sondern nur unerfahren. Er konnte sich noch nicht vorstellen, daß das Wasser für ihn gefährlich werden könnte. Doch in dem Jahr zwischen den beiden Urlauben hat Uwe sich weiterentwickelt. Er beobachtet jetzt genauer, macht sich Gedanken und stellt sich vor, was alles passieren könnte. Das erhöht seine Angstbereitschaft; Großwerden ist nich
t immer lustig. Uwe hat jetzt zwar mehr Angst als früher, aber auch mehr Möglichkeiten, mit seinen Ängsten fertig zu werden. Seine neu erwachte Phantasie hilft ihm, sich gefährliche Situationen auszumalen, sie erlaubt ihm aber auch, etwas gegen seine Angst zu unternehmen.
Die Lust an der Angst

Ich renne weg, und du erwischst mich, ich fliege in die Luft und lande an deiner Brust. Ich verstecke mich, und du suchst mich, zum Schein in der falschen Ecke, ich merke es und merke es nicht, mir stockt der Atem vor Angstlust, wenn du tapsend in meine Nähe kommst, und unser Geschrei mischt sich, wenn du mich mit einem Laut des Staunens und der Freude ergreifst.
(Moser 1983, S. 83/84)

Nervenkitzel für Säuglinge und Kleinkinder

Wir alle kennen Szenen, in denen der stolze Vater sein Kleinkind in die Luft wirft und das lachende und kreischende Kind wieder auffängt. Während das Kind durch die Luft fliegt, hat es Angst und genießt gleichzeitig die in ihm aufsteigende Erregung, denn es weiß, daß es in Vaters Armen sicher ist. Dieses Zusammenspiel von Angst und freudiger Erregung wird von Psychologen ?Angstlust? genannt. Oft suchen Kinder den Nervenkitzel, sie bitten darum, immer wieder in die Luft geworfen zu werden. Sie möchten ?Hoppe, hoppe Reiter? spielen, denn beim Fallenlassen erleben sie gleichzeitig Angst, Aufregung und Freude. Auch bei dem Spiel ?Jetzt krieg ich dich? läuft das Kind lachend weg und fordert durch sein Weglaufen die Eltern immer wieder auf, es zu fangen. Spiele voller Aufregung und Nervenkitzel helfen dem Kind, mutiger zu werden. Es setzt sich freiwillig seiner Angst aus, manchmal sucht es sie direkt. Es wird von der Angst nicht überwältigt, sondern baut sie schrittweise ab.

Manchmal sehen Erwachsene nur das Lachen der Kinder. Aber lassen wir uns nicht täuschen. Es kann sein, daß Kinder aufregende Erlebnisse nicht vollständig verarbeiten und nachts schreiend aufwachen.

Die zweijährige Susi besucht
gerne den Sohn der Nachbarin, weil dieser so wild mit ihr tobt. Beide Kinder lachen laut, Susi schreit fast vor Lachen und die Erwachsenen freuen sich an dem lebhaften Spiel der Kinder. Doch in den Nächten, nachdem Susi bei der Nachbarin war, schläft sie schlecht und wacht schreiend auf. Sie hat die aufregenden Spiele des Tages nicht verarbeiten können. Ein kleines Kind braucht immer wieder Zeiten, in denen es zur Ruhe kommt. Deshalb ist es nach aufregenden Tagen besonders wichtig, daß das Kind vor dem Einschlafen Zeit findet, um die Erlebnisse des Tages zu besprechen und zu verarbeiten.

Aufregende Mutproben für ältere Kinder

Manche Kinder fordern sich selbst heraus, indem sie waghalsige Dinge unternehmen. Sie klettern auf hohe Bäume, balancieren über wackelige Stege oder verlangen sich erfundene Mutproben ab. All diesen Unternehmen ist gemeinsam, daß die Kinder sich bewußt einer Angst aussetzen, dabei aber auch eine Art Glücksgefühl empfinden. Denn sie erleben sich selbst in dieser Situation ganz intensiv. Sie wissen um das Risiko, das sie eingehen, spüren ihre Ängste und erleben gleichzeitig, daß sie diese durch ihr mutiges Handeln in den Griff bekommen. Das ist ein sehr befriedigendes Erlebnis, denn es läßt die Kinder ihre Kraft erfahren. Auch der Besuch der Geisterbahn oder der Achterbahn auf der Kirmes läßt ein ähnliches Gefühl entstehen, denn dazu gehört Mut. Dort besteht der Mut nicht darin, Ängste durch ein geschicktes Verhalten zu überwinden, sondern allein darin, der Situation nicht auszuweichen, die Angst durchzustehen. Mut bedeutet ja nicht, keine Angst zu haben, sondern vielmehr trotz aller Ängste sich in die Situation zu begeben.

Von Erwachsenen, die Extremsport betreiben und gefährliche Abenteuer bestehen, wird ebenfalls berichtet, daß sie die Aufregung der Angst regelrecht suchen, um so das Gefühl der Langeweile, der inneren Leere oder der Wertlosigkeit zu überwinden.

Angstlust kann sich auch beim Fernsehen e
ntwickeln. Es gibt Kinder, die mit dem Videorecorder bestimmte Angstszenen aufnehmen und sie sich immer wieder ansehen. Dabei kennen sie die Handlung und wissen, daß es gut ausgehen wird. Sie sitzen beschützt auf dem Sofa und holen sich die Angst. Das Risiko ist gering, denn sie haben es in der Hand, den Apparat wieder auszustellen. Außerdem wissen sie, daß die Gefahr, die ihnen im Augenblick Bauchkribbeln verursacht, bald vorübergeht.

Was gehört zur Angstlust?
Die Kinder setzen sich freiwillig einer Angst machenden Situation aus. Sie wissen dabei, daß diese Situation meist gut ausgeht. Sie genießen die in ihnen aufsteigende Spannung und Erregung. Sie erleben ein Gefühl der Stärke, weil sie die Angst aushalten oder sogar selbst etwas dagegen tun können.

Gemeinsam ertragene Angst bereitet größere Lust

Elias Canetti verbrachte seine ersten Lebensjahre in Bulgarien. Dort war es üblich, daß die Bauernmädchen mit zehn oder zwölf Jahren in den großbürgerlichen städtischen Familien aufgenommen wurden und für kleinere Hausarbeiten zur Verfügung standen. In Canettis Elternhaus lebten fünf oder sechs bulgarische Bauernmädchen, die gleichzeitig Spielkameraden des Vorschulkindes Elias waren. Abends, wenn die Eltern ausgingen, blieb er mit den Mädchen zu Hause. Dann setzten sie sich auf dem Sofa zusammen, Elias in der Mitte, und erzählten sich Geschichten von Wölfen und Vampiren. Canetti schreibt: ?Kaum war eine zu Ende, begannen sie mit der nächsten, es war schaurig, und doch fühlte ich mich, auf allen Seiten fest an die Mädchen gepreßt, wohl. Wir hatten solche Angst, daß niemand aufzustehen wagte, und wenn die Eltern nach Hause kamen, fanden sie uns alle schlotternd auf einem Haufen.? (1980, S. 15) Trotz seiner Angst hatte Elias ein wohliges Gefühl, wenn er sich mit den anderen gruselte. Die Erregung verband alle miteinander. Gleichzeitig wußten alle, daß sie demnächst von den Eltern aus diesem Zustand erlöst würden.

Ältere Kind
er und Jugendliche bevorzugen eine Gruppe Gleichaltriger, um ihre Ängste zu bannen. Jugendliche verabreden sich zu einer ?Video-Session?, um gemeinsam aufregende Filme anzusehen. Das Treffen wird gestaltet wie eine Party, mit Essen und Trinken, gemeinsamem Gruseln und gemeinsamem Abstandnehmen. Dazu tauschen sich die Jugendlichen aus über bestimmte Effekte, über filmtechnische Tricks oder über Anspielungen auf frühere Filme. Dieser eher fachmännische Umgang läßt sie die Filme leichter ertragen. Auch werden Witze über den Film gemacht, und die Jugendlichen werden, je schlimmer der Film ist, um so alberner. Das gemeinsame Lachen schafft einen Abstand zu den Aufregungen des Films. So entwickeln Jugendliche gemeinsam eine Balance, bei der sie die Erregung und die Spannung genießen können, ohne die Angst und das Grauen zu nahe an sich herankommen zu lassen.

Pressestimmen

»Auch diese Veröffentlichung überzeugt durch die umfangreichen praktischen Erfahrungen, die den Ausführungen der Autorin, einer Lehrerin und Diplompsychologin, Erziehungs- und Schulberaterin zugrunde liegen. Das Buch richtet sich vor allem an Eltern und klärt in erster Linie über die produktiven Funktionen von Ängsten auf ... Am Beispiel von Ängsten vor Dunkelheit und Nacht, Trennungen und Verlusten, Leistungs- und Schulangst, sozialer Angst und Angst vor bestimm- ten religiösen Überzeugungen werden Grenzlinien zwischen unbedenklichen und pathologischen Formen erörtert und weiterführende Hinweise zu Erziehung und Behandlung gegeben.«
Katharina Sutter (PFAD, 4/2005)
»... Das Buch ist ein Lesevergnügen und dürfte vielen Eltern helfen, ihre Angst vor der Angst der Kinder zu bewältigen. Zumal es eine Menge Tipps enthält, wie sie damit umgehen können. Vielleicht der wichtigste: Dem Kind helfen, sich selbst zu mögen - auch wenn es nicht der große Held ist.«
Anita Rüffer (Badische Zeitung, 26.4.2005)
EAN: 9783608941012
ISBN: 3608941010
Untertitel: Wie Kinder an ihren Ängsten wachsen.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2005
Seitenanzahl: 281 Seiten
Format: kartoniert
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