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Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche


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März 2006

Beschreibung

Beschreibung

Franz Schuh ist Essayist, Philosoph und glänzender Interpret eigener Texte. Er gehört zu den wichtigsten österreichischen Schriftstellern. Nach einer Hand voll Büchern, darunter ein Wien-Roman und Aufsätze zur Literatur, erscheint nun, was Franz Schuh als sein Hauptwerk bezeichnet: "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" besteht aus einem bunten Gemisch von Selbstgesprächen, Erzählungen, Notaten und dokumentarischen Skizzen, von echten und fingierten Bekenntnissen, von phantasierten Visionen und skurrilen bis rührenden Reflexionen über Liebe, Glück und Sinnlosigkeit.Franz Schuhs Aufzeichnungen sind euphorisch-melancholische Grenzgänge, die das Durcheinander der Welt nicht beseitigen, sondern ihm auf einzigartige Weise Glanz verleihen.

Portrait

Franz Schuh, 1947 in Wien geboren, lebt und arbeitet in Wien/Österreich. Stationen u.a.: Studium der Philosophie, Geschichte, Germanistik in Wien. Promotion zum Dr. phil. 1976 - 80 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Redakteur der Zeitschrift "Wespennest". Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst. Arbeitsgebiete: Essay, Erzählung, Roman, Rezension. Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Österreichischer Staatspreis des BMfUK für Kulturpublizistik (1985). Jean-Améry-Preis (2000). Preis der Leipziger Buchmesse für Essayistik/Sachbuch (2006). Schweizer Medienpreis, Davos (2006). - Mitglied der Grazer Autorenversammlung. Im Jahr 2012 folgte der Österreichische Kunstpreis in der Sparte Literatur.

Leseprobe

Das Beisl im Eck. Als ich damals den berühmten französischen Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacan durch Wien führte (ich zeigte ihm alle wichtigen Freud-Gedenkstätten, einschließlich des Wohnhauses von Leupold-Löwenthal und etwas vom Rest, den es darüber hinaus in Wien noch zu sehen gibt), da ereignete sich Seltsames mit dem berühmten Mann aus Frankreich. Kurz vor seinem Abflug - Kapitäne exotischer Linien, heimisches Bodenpersonal, Passagiere aus aller Herren Länder eilten an uns vorüber - nahmen wir im Flughafenrestaurant einen heißen Tee. Der Beutel schwabbelte übel in der braunen Brühe. War ein Teebeutel das Motiv der Inspiration? Jedenfalls schnellte der Analytiker plötzlich hoch und rief, wie vom Schicksal gebeutelt oder vom Schlag getroffen: Le Beisl n'existe pas!
Ich war peinlich berührt, wie ich es immer bin, wenn jemand aus sich herausgeht. Ich achte darauf, daß die Menschen bei sich bleiben und mich vor ihrem wahren Wesen, vor ihren Einfällen und Eruptionen beschützen. Aber wenn ein geistiger Mensch, ein Psychiater, sich so weit vergißt, daß er einen Satz unvermutet herausbrüllt, dann ist es unmöglich, diesem Satz gegenüber Widerstand zu leisten. Er blieb mir im Gedächtnis, und noch im Flughafenschallplattengeschäft erstand ich eine Kassette, auf der Peter Alexander sang: Das kleine Beisl in unserer Straße, ein Chanson, das es auch in gesamtdeutscher Sprache gibt: Die kleine Kneipe in unserer Straße.
Die Kassette schickte ich gleich vom Flughafenpostamt an Jacques Lacan, und ich gebe zu, daß ich damit dem großen Mann, wie man bei uns sagt, eins auswischen wollte. Ich stellte mir Lacan, dem wir immerhin eine neue Grundlegung der Psychoanalyse zu verdanken haben, vor, wie er in seinem Pariser Domizil diese zutiefst deutsch-österreichischen Klänge eines Peter Alexander auf sich einwirken ließ. Das konnte ihm, auch wenn ihm die schreckliche Rhetorik des Unbewußten kein Geheimnis mehr bot, nicht gut tun. Diese ungesund triefenden Töne,
dieses schmierige Schmalz, mit dem sich Peter der Große, wie er hier genannt wird, die Butter aufs Brot verdient, mußte sogar einen Lacan entsetzen.
Aber ich hatte gleichsam die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lacans Antwort erfolgte postwendend. An einem dieser strahlenden Morgen, an denen die Sonne den Flur meines Gemeindebaus paradiesisch erhellt, zog ich aus meinem Postkasten eine Pariser Ansichtskarte. Darauf war der Eiffelturm in voller, glänzender Banalität zu erkennen, auch wenn ihn der Absender mit zwei einander überkreuzenden Filzstiftstrichen unsichtbar machen wollte. Am Textteil der Karte stand in der mir gut bekannten Schrift: Le Beisl n'existe pas. Jacques Lacan.
Also sollte ich selber darauf kommen, der Mann gab den Schwarzen Peter an mich weiter. Es ist aber unerträglich, wenn jemand, den man für überlegen hält, sich weigert, Aufschluß zu geben. Ich gestehe, darunter hat mein gutes Verhältnis zu dem mittlerweile schon Seligen sehr gelitten. Es kam zum Bruch. Nur schwer kann ich heute ohne Verachtung Sätze wie Je pense oø je ne suis pas, donc je suis oø je ne pense pas lesen, obwohl es mir, und das ist doch merkwürdig, tatsächlich so geht: Ich denke da, wo ich nicht bin, also bin ich da, wo ich nicht denke.
Mein Vater war Ringer, das heißt, er ging am Sonntag immer ringen, und zwar ins Gasthaus Maderl. Mein Vater hielt mich an der Hand, stellte sich an die Theke, trank ein wenig vom Seidel, während Maderl, der Wirt, bereits unruhig wurde; er wußte ja von vielen Sonntagen her, was kommen mußte. Da ich noch klein war, hatte ich nicht den Überblick, aber wenn mein Vater meine Hand losließ, war es wieder soweit. Gleich rang er irgendeinen Gast nieder, der frech geworden war. Soll ich mir ein altes Gwand anziehen, hatte zum Beispiel einer einmal gesagt, nachdem ihn mein Vater eindringlich gemustert, also auf seine Eignung für den Kampf geprüft hatte. Der Mann hatte danach immer noch sein neues Gewand an, das aber so gut war wie ein altes, wie
ein sehr altes, in Fetzen hängendes. Soll ich mir ein altes Gewand anziehen, bedeutet nämlich, daß einer sich erst umziehen muß, bevor er einen anderen anrührt und sich an ihm dreckig macht. So dialektisch formulierte man damals, als ich noch klein war.
Ich bin im Beisl aufgewachsen. Allmählich, mit den Jahren, wuchs ich dort zur nötigen Größe heran, um alles zu durchschauen: den abgetretenen, ölig schwarzen Fußboden, die dunkelgelben Tische, die verchromten Wasserhähne, den großen Kasten hinter dem Rücken des Wirtes. In solchen Kästen, stelle ich mir vor, lagen früher vom Eismann gebrachte Eisstücke, die die besten Waren des Hauses kühl hielten. Die Weinflaschen hatte der Wirt ins Wasser gestellt, und mit der unnachahmlichen Eleganz einer zur Gewohnheit gewordenen Pflicht schenkte er aus: Er faßte dabei die schweren Flaschen am Hals und schwenkte sie mit einem gemessenen Ruck zu dem wartenden Glas hin. In der Luft lag vor allem ein matter Biergeruch, vermischt mit dem Dunst servierter Speisen. Das setzt sich gut in den Kleidern fest. Ich höre noch genau dieses leicht in Kreischen ausartende Gemurmel der Angetrunkenen, das Schnalzen triumphierend ausgespielter Karten und ein immer wiederkehrendes Wos-liegt-des-pickt-Rufen.
Seit Lacans Ausspruch habe ich viele Monate in Beisln verbracht, forschend, ob sie nun existieren oder nicht. Ich finde schwer eine Antwort. Oft muß ich an den unglücklichsten Wirt denken, den ich jemals sah: Er war ein kleiner Mann mit einem großen Kopf, der ihm wie von fremden Mächten aufgesetzt schien. Wenn er an den Tisch trat, um eine Bestellung aufzunehmen, trug er steif seinen Kopf auf den hängendsten Schultern der Welt. Bevor er Wirt wurde, war er Computertechniker gewesen, perfekt in der Hard- und in der Software. Über all die Jahre sah er aber als Wirt kaum Kundschaft; es war ungerecht, denn er führte beste Speisen, mundende Weine und Schnäpse. Manchmal blieb der Briefträger, der ihm Rechnungen und Mahnungen gebracht hatte, auf e
in Stehachterl, und manchmal kamen, in alphabetischer Reihenfolge angeführt, die beiden Autoren Gustav Ernst und Karin Fleischanderl.
Mir kochte die Frau des Wirts, die Köchin, sogar am Ruhetag auf: Als ich klopfte, öffnete er, ließ mich herein und sagte dialektisch: Is eh Wurscht; es kommt ja auch sonst keiner. Das bedeutet, er hatte eigentlich immer Ruhetag und konnte daher ruhig an seinem Ruhetag aufmachen. Gustav Ernst stellte einmal fest: Das ist ja kein Beisl, es ist ein Wohnzimmer mit Wirt. Heute ist es überhaupt nicht mehr, das Beisl ist zugrunde gegangen; an seiner Stelle hat man ein gut besuchtes China-Restaurant errichtet.
Was es noch gibt, ist das andere Extrem: das überbordende Beisl. Knapp nach elf dringen dort die Massen ein. Es ist eine Springflut aus Gästen. Immer neue kommen und besetzen die Plätze der Gesättigten. Aber Platz ist keiner, es ist gesteckt voll. Die Kellner bahnen sich ihren Weg mit Ellenbogentechnik, sie praktizieren eine, in Großbritannien wegen ihrer Brutalität ausdrücklich verbotene Form von Rugby: Gepunktet wird, wenn es gelingt, ein paar Teller und Gläser den eingezwängten Gästen vorzuwerfen. Wer am Tisch nach einer Semmel greift, stößt das Glas des einen Nachbarn um und faßt in den Zwiebelrostbraten des anderen. Das wichtigste Hilfsmittel ist daher die Serviette; alle sind in der kürzesten Zeit bekleckert. Die Kellner rufen die Bestellungen dem Schankburschen in Abkürzungen zu, es herrscht die Stimmung einer Börse: Ein Bier klein/klein Braun/groß Weiß/ Manner Schnitten.
Wer zu spät kommt, den bestraft die Küche: Kältliches Zeug schwimmt dann auf gelblichem Saft. Dafür wird Bier immer zu schnell gezapft: Schnell gezapft, ist halb gesoffen, denkt der fixe Bursche hinter der Schank und mustert zufrieden die dünne Schaumsuppe an der Oberfläche des Krügels. Gäste stürzen vorbei, Gäste fallen herein. Der Wein ist echt vom Hauer, aber zufällig besitzt der Hauer eine kleine chemische Fabrik, die sein Sohn führt. Alles

EAN: 9783552053700
ISBN: 3552053700
Untertitel: Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Sachbuch und Essayistik 2006. 3. Auflage.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: März 2006
Seitenanzahl: 416 Seiten
Format: gebunden
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