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Die Torte und andere Erzählungen


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August 2004

Beschreibung

Beschreibung

Den Kaffee hat er bezahlt, jetzt steht er vor dem Restaurant auf der Paßhöhe, aber anstatt sich in sein Auto zu setzen und seinen nächsten Termin wahrzunehmen, schlägt er den Weg hinauf zu dem weiter oben gelegenen Denkmal ein. Eine kleine Wanderung wird ihm guttun - doch so beschwingt der Ausflug beginnt, dieser Mann wird nie mehr in seinen Alltag zurückfinden. Mit einem knapp einhundert Jahre alten Mann geht eine ebenso plötzlich einsetzende Veränderung vor, als er von der Bombe hört, die im Lago Maggiore gefunden wurde. Er muß wieder an seine Zeit als junger Mann bei den Kommunisten denken, denn bei dieser Bombe handelt es sich zweifellos um jene, mit der er in den 20er Jahren Europas Außenminister bei ihrem Treffen in Locarno in die Luft sprengen wollte - es bei der Absicht aber beließ. Keineswegs nur mit dem Schrecken kommt die Familie davon, als eines Tages eine asiatisch aussehende Frau in ihrer Waschküche steht und kein Wort redet. Der befreundete Parapsychologe ist ratlos, und auch der Ehemann sucht vergeblich sein Heil in der Philosophie: »Es gebe eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen«, liest er kopfschüttelnd, und ihm ergeht es, wenn er an die Fremde denkt, wie den anderen Figuren in Hohlers mit bewundernswerter Lust am Erzählen geschriebenen Geschichten. Er erlebt eine merkwürdige Rückeroberung: Eine unbekannte Welt macht der verbrauchten Rationalität ihren Platz streitig - und von dieser Welt geht ein gefährlich schöner Sog aus.

Portrait

Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Leseprobe

Die Torte
Wer vom Bahnhof in Locarno zur Altstadt hinuntergeht, kommt nach wenigen Schritten an einer Passage vorbei, in welcher junge Leute in farbigen M'tzen und T-Shirts sitzen, vor sich Kartonschachteln mit Pommes frites und Becher mit Coca-Cola. Die metallenen Tische und St'hle sind 'ber verschiedene Stufen verteilt, die nicht ganz zur Fast Food-Stimmung passen, und wer genauer hinsieht, merkt auch, warum. Es sind die Stufen, die zum Garten des alten Grand Hotels hinauff'hren, zum Grand Hotel Locarno, das wie der Traum einer andern Zeit im Hintergrund steht, umgeben von Zypressen, Palmen und 'ppigen Rhododendronb'schen, mit seiner m'tigen Mittelterrasse, auf der zwischen S'en mit Blumenschalen Figuren zu Stein erstarrt sind, als sei soeben die Tanzmusik eines Kurorchesters zu Ende gegangen.
Wollen Sie weitergehen zur Piazza Grande, oder haben Sie einen Moment Zeit, eine Geschichte zu h'ren, die in diesem Hotel ihren Anfang genommen hat?
Erfahren habe ich sie in einem Geb'e, das aus derselben Zeit stammt und dem Grand Hotel nicht einmal un'lich sieht, einem Altersheim in einem der T'r hinter Locarno. Etwas bescheidener der Bau, der Mitteltrakt hinter zwei Eckt'rme zur'ckversetzt, mit einem gro'n gepflasterten Platz davor, der in eine Glyzinienpergola m'ndet, aber oben, wo in Locarno der Name des Hotels in auswechselbaren Leuchtbuchstaben prangt, steht beim Altersheim in unverg'licher Mosaikschrift der Name des Stifters.
In dieses Altersheim f'hrte mich letztes Jahr eine private Angelegenheit. Der Kanton Tessin hatte begonnen, die Parzellierung der unz'igen Grundst'cke zu vereinfachen und den Besitzern Vorschl' zur Zusammenlegung oder zu Abt'chen zu machen, und da ich auf einer Alp ein kleines St'ck Land mit einem Stall besitze, in dem wir gerne ein paar Sommertage verbringen, kam auch an mich eine solche Anfrage, und ich beschlo' den Besitzer des Nachbargrundst'cks aufzusuchen. Der lebte seit kurzem in diesem Altersheim, wir kannten uns, und
er freute sich 'ber meinen Besuch, klagte 'ber sein abnehmendes Augenlicht und 'ber seine Zuckerkrankheit, die ihm in die Beine fahre, so da'er kaum mehr gehen k'nne, kurz, 'ber das ganze zusammenbrechende System seines K'rpers, f'r das man auch das einfache Wort Alter benutzen kann. Er war mit dem Landabtausch, den ich ihm vorschlug, ohne weiteres einverstanden, fragte nach dem Zustand der Quelle, des Baches und der alten Kastanienb'e und erz'te mir von den Zeiten seiner Kindheit, als es im Dorf noch 600 St'ck Vieh gab, von denen in unseren Tagen nicht einmal eine einzige Kuh 'brig geblieben ist.
W'end unseres Gespr's lag sein Zimmernachbar regungslos, mit halb ge'ffnetem Mund im Bett und lie'nur von Zeit zu Zeit ein leises St'hnen h'ren. Als ich ihn einmal fragte, wie es ihm gehe, reagierte er nicht.
'Er h'rt nichts mehr', sagte mein Bekannter, 'er ist bald hundert, und ich glaube, er will schon lange sterben, kann aber nicht.'
Wir fuhren mit unserm Gespr' fort, und ich fragte, ob es fr'her auch schon Wildschweine gegeben habe am Hang oben, da hob sein Bettnachbar den Kopf und sagte: 'Un giorno vanno trovare la torta.' 'Eines Tages werden sie die Torte finden', und lie'seinen Kopf wieder sinken.
Mein Bekannter l'elte und sagte, das sei das einzige, was der arme Kerl noch sage, und sie nennten ihn deswegen nur 'la torta', ein Spitzname, mit dem er bereits ins Pflegeheim gekommen sei und den er offenbar in seinem Dorf ein Leben lang getragen habe. Aber was der Grund daf'r sei, wisse niemand, und es k'n auch keine Familienangeh'rigen zu Besuch, die man fragen k'nne.
Ich trat zum Bett des Alten, beugte mich 'ber ihn und fragte: 'Dove vanno trovare la torta?' 'Wo werden sie die Torte finden?'
Ohne die Augen zu 'ffnen, sagte er: 'Nel lago.' 'Im See.'
Ich fragte meinen Bekannten, ob er auch gelesen habe, da'die Seepolizei k'rzlich im Lago Maggiore bei einer Suchaktion nach einem Ertrunkenen im Bodenschlamm eine gro' Blechschachtel mit d
er Aufschrift 'Grand Hotel Locarno' gefunden habe, in welcher verrostete Z'nder gewesen seien, die zu einer Ladung Dynamit geh'rt haben k'nnten, und da'ein R'elraten um diesen Fund entstanden sei.
Kaum hatte ich dies gesagt, fuhr der Alte in seinem Bett hoch, ri'die Augen weit auf und rief: 'L'hanno finalmente trovata!' 'Endlich haben sie sie gefunden!'
'Die Torte?' fragte ich und f'gte hinzu: 'Es war aber Dynamit drin.'
Nun erschien die Pflegerin mit dem Mittagessen und war ganz erstaunt, den Alten aufrecht im Bett sitzen zu sehen, und sie staunte noch mehr, als dieser mit klarer Stimme zu mir sagte, ich solle jetzt gehen und am Nachmittag wieder kommen, dann werde er mir die Geschichte mit der Torte erz'en.
Ich suchte eine Osteria auf, wo man mir eine wunderbare Polenta mit einem Kaninchenschenkel servierte, und als ich am Nachmittag wieder das Altersheim aufsuchte, war mit dem Alten eine eigenartige Ver'erung geschehen. Er sa'im Lehnstuhl am Fenster und trug ein blaues Jackett mit Brusttressen und eine M'tze mit der Aufschrift 'Grand Hotel Locarno', und so wie er dasa' h'e man ihn ohne weiteres gerufen, um einen Koffer ins Zimmer tragen zu lassen. Was er nun erz'te, trug er ohne zu stocken vor, so da'ich fast nicht glauben konnte, da'es sich um denselben r'chelnden Menschen handelte, den ich heute morgen gesehen hatte.


'Nehmen Sie Platz', sagte er zu mir und wies auf den Besucherstuhl, 'ich kenne Sie zwar nicht, aber weil Sie mir die Nachricht von der gefundenen Schachtel gebracht haben, will ich Ihnen meine Geschichte erz'en. Mit Righetti' ' er wies mit dem Kopf auf seinen zuckerkranken Zimmernachbarn ' 'hab ich schon gesprochen, er will auch zuh'ren.
Ich hei' Ernesto Tonini, ich bin 1904 in diesem Tal geboren, und ich wei'nicht, ob Sie sich eine Vorstellung davon machen k'nnen ' Sie sind Deutschschweizer, nicht? ' wie man damals gelebt hat. Es war ein einziger Kampf ums 'erleben, der vom Talboden bis zur Waldgrenze hinauf
gef'hrt wurde, jeder Quadratmeter, den man bewirtschaften konnte, z'te, jeder Kastanienbaum bedeutete so und soviel Mahlzeiten f'r hungrige M'n, oft mu'en die Kinder den ganzen Sommer lang auf die oberste Alp mit den Ziegen und Schafen und hatten als einzige Nahrung drei bis vier Liter Ziegenmilch am Tag, alle Familien hatten zu viele Kinder, und wenn die Mutter bei der Geburt des siebten Kindes starb und der Vater beim M'n von einer Kreuzotter gebissen wurde und kein Gegengift da war, wurden die Kinder zu Verwandten gegeben, wo sie sich gew'hnlich vom ersten Hahnenschrei bis nach Sonnenuntergang abrackern mu'en, oder sie kamen ins Waisenhaus. Ich hatte Gl'ck und kam ins Waisenhaus, und ich hatte nochmals Gl'ck und bekam nach der Schule eine Stelle als Laufbursche im Grand Hotel Locarno.
Nat'rlich versuchte man auch dort, das Letzte aus uns herauszuholen. Um 5 Uhr war Tagwacht, dann mu'en wir die gro' Terrasse und den Vorplatz wischen, wir mu'en die Br'tchen beim B'er holen, und wehe, man wurde erwischt, wenn man eins gegessen hatte, der K'chenmeister z'te sie ab und zog es dir vom Lohn ab, falls man das Lohn nennen konnte, 50 Rappen am Tag, und ein Br'tchen kostete 10 Rappen. Ich will euch nicht weiter langweilen mit dem, was wir zu tun hatten, sondern sage nur noch, da'man als J'ngster alles zugeschoben bekam, worum sich die 'teren zu dr'cken versuchten. Wir wohnten zu viert in Zimmern mit zwei Betten 'bereinander, zwischen denen gerade ein Mensch stehend Platz hatte, und f'r die andern, die alle von Locarno, Ascona oder Tenero kamen, war ich der T'lpel aus dem Tal, ich hatte auch keine Gelegenheit, meine Geschwister zu sehen, kurz, ich war einsam, elend und arm, und ich war t'ich um Leute herum, die gesellig, fr'hlich und reich waren, und so wurde ich Kommunist.'


Ernesto Tonini l'elte und schaute vom einen zum andern. Wir mu'en ziemlich 'berraschte Gesichter gemacht haben.
'Das h'et ihr nicht gedacht, stimmt's oder hab ich Recht?'
W
ir zwei Zuh'rer nickten, und er fuhr weiter.


'Der B'erjunge, der mir jeweils die Br'tchen 'bergab, nahm mich an einem meiner wenigen freien Abende an eine Versammlung mit, die in einer kleinen Druckerei in Muralto abgehalten wurde, was hei' Versammlung, es war eher eine Verschw'rung, sechs oder sieben M'er waren da, und manchmal noch Giulietta, die Tochter des Druckers, und dieser erz'te uns, wie sich Marx eine Welt ausgedacht hatte, in der es keine Armen und Reichen mehr gibt, sondern in der allen alles geh'rt, und wie unser gro'r Genosse Lenin von der Schweiz nach Ru'and gefahren war und dort den Zar gest'rzt hatte, um diese Welt aufzubauen, und wie es aber besser sei, dort, wo man arbeite, vorl'ig nichts von diesen Ideen zu sagen, weil bei uns noch die Reichen regierten und wir dann sofort rausfl'gen, z. B. aus dem Grand Hotel Locarno.
Daran hielt ich mich, aber von dem Moment an, wo ich bei den Kommunisten war, sah die Welt ganz anders aus f'r mich. Ich wurde gelassener und machte meine Arbeit besser, denn ich wu'e nun, da'dies alles nicht so bleiben w'rde und da'ich eines Tages meine Geschwister, die als M'e, Knechte oder Steinbrecher arbeiteten oder noch im Waisenhaus waren, ins Grand Hotel w'rde einladen k'nnen, in die Zimmer mit Seesicht.
Da ich ganz adrett aussah, bekam ich ab und zu ein Trinkgeld, und ich kaufte mir kleine Lehrb'cher f'r Deutsch, Franz'sisch und Englisch, die ich mir in die Tasche steckte und w'end meiner Boteng'e hervorzog, um mich mit diesen Sprachen vertraut zu machen. Wir seien, sagte uns der Drucker immer wieder, eine Zelle, und es sei gut m'glich, da'man einen von uns einmal ins Ausland schicke, wo die Weltgeschichte gemacht werde.
Wenn ich den fremden G'en die Koffer ins Zimmer trug, versuchte ich immer, etwas in ihrer Sprache zu sagen und von ihnen zu lernen. Das machte mich beliebt, und 'fters verlangten die G'e, da'sie der kleine Ernesto an den Bahnhof begleite oder ihnen den Tee aufs Zimmer bringe.
Dies blieb im Hotel nicht unbemerkt, und nach drei Jahren teilte man mich zum Etagendienst ein und stellte mich von Zeit zu Zeit sogar als Aushilfskellner an. Und an zwei Abenden im Monat h'rte ich an unsern Versammlungen, wie Genosse Lenin Ru'and umkrempelte, wie aber in M'nchen die R'republik gescheitert sei und da'uns das eine Warnung sein solle, wie schwer es die Revolution bei uns habe.
Und dann, auf einmal, kam die Weltgeschichte nach Locarno. Im Herbst 1925 versammelten sich die Ministerpr'denten von halb Europa ausgerechnet hier, im Tessin, um 'ber die Folgen des 1. Weltkriegs zu diskutieren. Soviel ich verstand, ging es vor allem darum, Deutschland wieder zu einem normalen Mitglied Europas zu machen. Da'Deutschland dies noch nicht war, merkten wir daran, da'alle Delegationen au'r der deutschen bei uns im Grand Hotel logierten, die Engl'er, die Franzosen, die Italiener, die Belgier und, warten Sie, ja, die Tschechen waren auch da, die kamen etwas sp'r, Herr Benesch und seine Frau, die immer einen Strohhut trug, und die Polen.
Ganz Locarno war aus dem H'chen in diesen vierzehn Tagen. Zwei- bis dreihundert Journalisten rannten jeden Tag zum Palazzo di Giustizia, wo die Sitzungen stattfanden und wo sie nicht hineindurften, und dann ins Grand Hotel zu den Pressekonferenzen, wo sie auch nichts erfuhren, und dann zum 'Bankverein', wo sie telephonieren und telegraphieren konnten. Politiker, deren Namen man nur aus der Zeitung kannte, waren pl'tzlich leibhaftig zu sehen, der deutsche Stresemann mit seiner leuchtenden Glatze trank abends auf der Piazza Grande sein Bier, der Franzose Briand, klein und etwas gebeugt, ging einmal ins Kino, Chamberlain, den Briten, sah man mit seiner Frau am Lido spazieren, und wir im Grand Hotel hatten sie nat'rlich alle von ganz nahe, am Fr'hst'ckstisch oder beim Diner, und das Personal schuftete von morgens fr'h bis abends sp' und keiner durfte fehlen. Einmal fing mich der K'chenchef kurz vor zw'lf auf der Hintertreppe ab, a
ls ich todm'de in mein Zimmer gehen wollte, und ich mu'e ihm helfen, Br'tchen zu streichen, die ich dann zu einer mittern'tlichen Pressekonferenz bringen mu'e, und ich bekam mit, wie Grandi, die rechte Hand Mussolinis, allen italienischen Journalisten drohte, wenn morgen auch nur ein Wort vom Vertragsentwurf in einer ihrer Zeitungen stehe, werde diese sofort verboten. Und dann durfte ich den Journalisten meine Br'tchen servieren, und Luigi, ein zweiter Aushilfskellner, schenkte ihnen Champagner ein. So lernte ich, was Pressefreiheit hei', und es wurde mir auch klar, weshalb der Drucker mit Emp'rung von den Faschisten sprach.
Nicht nur ganz Locarno war in Aufruhr, auch unsere kleine Zelle. Die Kommunisten, belehrte uns unser Drucker, seien strikte gegen diese Verhandlungen. Ein Deutschland, das wieder funktioniere, st'e die rechten und b'rgerlichen M'te in Europa, und dadurch werde der revolution' Umsturz erschwert. Diese Konferenz, so war die Meinung der Kommunisten, m'sse deshalb sabotiert werden.
Wie ernst es ihnen damit war, erfuhr ich, als mich der Drucker nach unserer Versammlung kurz vor Beginn der Konferenz zur'ckbehielt und mir sagte, da ich im Grand Hotel arbeite, k' ich am n'sten an die Politiker heran, ohne Verdacht zu erwecken, und alle Genossen erwarteten von mir eine gro' Tat f'r die Weltrevolution. 'Was f'r eine Tat', fragte ich, und er 'ffnete eine Mappe, in der einige Stangen Dynamit lagen, und zeigte mir, wie man die Z'ndschnur entflammen mu'e. 'Sie ist auf 10 Sekunden berechnet', sagte er, 'damit niemand Zeit hat, zu fliehen.'
Ich erbleichte. 'Das hei' ''
'Ja, Ernesto, das hei', da'dein Name in allen Geschichtsb'chern stehen wird. Die Piazza Grande wird Piazza Ernesto Tonini hei'n. Klar?'
'Klar, Chef.'
'Proletarier aller L'er ''
'' vereinigt euch', murmelte ich und machte mich auf den Heimweg, mit der Mappe unter dem Arm, und da ich mittlerweile ein Einzelzimmer hatte, so gro'wie eine bessere Besenkammer, versorg
te ich sie einfach in meinem Koffer, den ich unter dem Bett verwahrte.
Ich hatte meinen Entschlu'schnell gefa'. Mein Leben bis jetzt war hart und freudlos gewesen, Freunde au'rhalb der Zelle hatte ich kaum, gro' Chancen, im Hotelbetrieb aufzusteigen, konnte ich mir nicht ausrechnen, vermissen w'rde mich niemand, daf'r w'rde mein Name um die Welt gehen, und meine Geschwister w'rden sp'r auf einem Platz mit dem Namen ihres Bruders eine Limonade trinken k'nnen.'


Ernesto Tonini hielt inne und fragte mich, ob ich ihm das Teeglas vom Nachttischchen reichen k'nne, und als er es in der Hand hatte, trank er es in wenigen Schlukken leer und fuhr sich mit der Zunge 'ber die vertrockneten Lippen.
Ich schenkte ihm aus dem Teekrug noch ein zweites Glas ein, aber er winkte ab und fuhr in seiner Erz'ung fort.


'Die Konferenz begann, und die Frage war, wo ich m'glichst viele Teilnehmer aufs mal treffen k'nnte. Eine der wenigen Sicherheitsma'ahmen im Hotel war, au'r da'man die Befestigung des Kronleuchters gepr'ft hatte, der in der Eingangshalle 'ber die vier Stockwerke hinunterh't, da'die Delegationen beim Diner m'glichst weit voneinander entfernt sa'n, also mu'e ich mir 'berlegen, auf welche der Delegationen ich das Attentat ver'ben wollte. Die wichtigsten in meiner Reichweite waren zweifellos die englische und die franz'sische. Ich hatte mich schon f'r die englische entschieden, da Chamberlain der Vorsitzende der Konferenz war und da mir Madame Briand ein Trinkgeld gegeben hatte, als ich ihr einen Blumenstrau'vom Sindaco aufs Hotelzimmer gebracht hatte.
Da bot mir der Zufall eine Gelegenheit, um die mich die Geschichte beneiden mu'e.
Einer der wichtigsten G'e, der in unserm Hotel ein- und ausging und vor dem alle stramm zu stehen hatten, war ein Franzose namens Loucheur. Er war ein Kapitalist aus dem Lehrbuch, der Drucker sprach seinen Namen mit Ha'aus, wenn er von den Hungerl'hnen der Dampfschiffgesellschaft und der Centovallibahn
sprach, denn beide geh'rten Herrn Loucheur, und es hie'auch, es sei eigentlich sein Verdienst gewesen, da'die Konferenz gerade nach Locarno gekommen war. Nun lie'Monsieur Loucheur beim Confiseur des Hotels eine gro' Torte bestellen, die am n'sten Mittag auf sein Motorschiff 'Fior d'arancia' gebracht werden mu'e. Auf diesem Motorschiff, so sickerte bald durch, sollten die Spitzenm'er der Konferenz zu einer Rundfahrt eingeladen werden, so da'sie in einer sch'neren Atmosph' miteinander diskutieren konnten.
Eine reiche Tessiner Platte mit Merlot und gr'nem Veltliner sollte auf dem Tisch f'r 12 Personen bereitstehen, und sp'r auf der Rundfahrt sollte dann zum Kaffee die gro' Torte serviert werden. Zu meiner 'erraschung wurde ich dazu auserkoren, die Torte aufs Schiff zu bringen und dort dem Hauptkellner mit der Bedienung zur Hand zu gehen. Dies hatte einerseits mit einem gro'n Bankett am Abend zu tun, zu dessen Vorbereitung wieder einmal alle verf'gbaren Kr'e mobilisiert wurden, andererseits spielte wohl auch eine Rolle, da'ich mich auf deutsch, englisch und franz'sisch einigerma'n verst'igen konnte.
Ihr k'nnt euch vorstellen, da'ich wenig schlief in dieser Nacht, und ihr k'nnt euch vielleicht auch vorstellen, wie ich am andern Nachmittag das Dynamit auf das Schiff brachte. Die Torte war zweist'ckig, und der Confiseur hatte mit Schlagsahne 'Pace' und 'Locarno' darauf geschrieben. Sie wurde in eine gro' Blechschachtel gestellt, die man mit Klammern verschlo' und als ich sie aus der K'che trug, ging ich damit zuerst in mein Zimmer, 'ffnete sie und schob die Dynamitstangen so weit in die Kuchenmasse, da'die Z'ndschnur noch herausschaute. Dann schlo'ich die Schachtel wieder und trug sie wie eine Monstranz den kurzen Weg zur Anlegestelle hinunter, wo mich der Hauptkellner schon erwartete. Da der Raum im kleinen Schiffssalon sehr knapp war, hatte er f'r die Torte einen Platz unter einem Sitz des Hinterdecks vorgesehen, was auch den Vorteil hatte, da'sie k'hler blieb,
es war immerhin schon Mitte Oktober. Ich verstaute sie also dort und nahm nachher mit halbem Ohr seine Anweisungen f'r die Bedienung entgegen. Hauptsache, ich sp'rte die Streichh'lzer in meiner Tasche. Ich war bereit, die Weltgeschichte sollte kommen.
Und als die Minister und hohen Sekret' nun einer nach dem andern nichtsahnend das Schiff betraten, das sie in den Tod f'hren sollte, und von Herrn Loucheur begr'' wurden, Chamberlain, Briand, Stresemann, Luther, Sciaiola und wie sie alle hie'n, und das Schiff dann ablegte und in Richtung Luino fuhr und sie nach ihren Broten und der Coppa und den Salamischeiben griffen und mit ihren Wei'eingl'rn anstie'n und immer wieder das Wort 'V'lkerbund' h'ren lie'n, geschah etwas Eigenartiges.
Ihr werdet begreifen, da'ich angesichts dessen, was bevorstand, ziemlich nerv's war, und so sch'ttete ich ausgerechnet der einzigen Dame an Bord, Lady Chamberlain, etwas Wei'ein 'ber ihr Kleid, was mir einen zornigen Blick des Hauptkellners eintrug, w'end mich Lady Chamberlain nachsichtig anschaute und fragte: 'Are you in love, young man?'
Und in diesem Moment wurde mir klar, da'ich wirklich verliebt war, und zwar in Giulietta, die Tochter des Druckers, der ich so gerne nachschaute, wenn sie uns Verschw'rern etwas zu trinken brachte und dann wieder ging, und ich merkte, da'ich schon lange auf eine Gelegenheit wartete, sie allein zu sehen, sie einzuladen, mit mir spazieren zu gehen, und da'ich mit diesem Gedanken nicht einfach spielte, sondern da'ich darauf brannte, sie zu k'ssen und zu umarmen, und da'ich auf keinen Fall in die Weltgeschichte eingehen wollte, bevor ich nicht mit einem M'hen ausgegangen war, und zu meinem gro'n Erstaunen h'rte ich mich antworten: 'Yes, I am, Madame, and I beg your pardon.''


Pressestimmen

"Die Torte" zeigt Hohler 2004 auf dem Höhepunkt seines Könnens als Erzähler." Der Bund, Bern


EAN: 9783630871516
ISBN: 3630871518
Verlag: Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum: August 2004
Seitenanzahl: 160 Seiten
Format: gebunden
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