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Erfülltes Leben - würdiges Sterben


€ 14,95
 
gebunden
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Januar 2004

Beschreibung

Beschreibung

Ein berührendes Buch der großen Sterbeforscherin

- So lebenswichtig ist der Tod
- Mit vielen Fallbeispielen

Elisabeth Kübler-Ross, Ärztin und Wissenschaftlerin, hat durch ihre Arbeit in Amerika und ihre zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema »Tod und Sterben« Weltruhm erlangt. Sie gilt als die große Sterbeforscherin und vermittelt in diesem Buch ihre Forschungs- und Arbeitsergebnisse in einfühlsamer Weise einem großen Publikum: Wenn der Tod auf selbstverständliche Weise das Leben begleitet, dann verliert er seinen Schrecken und bietet die Chance, sich den Fragen nach einem würdigen, erfüllten und selbstverantworteten Leben zu stellen.
Ein spannendes und berührendes Buch, das zum Erlebnis wird und die Leserin, den Leser gefangen nimmt.

Portrait

Dr. med. Elisabeth Kübler-Ross, geboren am 8. Juli 1926 in Zürich, verstorben am 24. August 2004 in Scottsdale, Arizona, war Professorin an der Universität in Chicago. Als Psychiaterin befasste sie sich mit dem Tod und dem Umgang mit Sterbenden, mit Trauer und Trauerarbeit. Sie gilt als Begründerin der Sterbeforschung.

Leseprobe

Erfülltes Leben - würdiges Sterben


Erster Stockholmer Vortrag, 1980


Ich bin in der Schweiz geboren, in eine typisch schweizerische Familie hinein - äußerst sparsam wie die meisten Schweizer, äußerst autoritär wie die meisten Schweizer, ziemlich . spießig, könnte man sagen. Wir Kinder hatten in materieller Hinsicht alles, was man sich nur wünschen konnte, und wir hatten Eltern, die uns wirklich liebten.
Trotzdem war ich in gewisser Weise ein "ungewolltes" Kind. Nicht, dass meine Eltern kein Kind haben wollten. Sie wünschten sich sogar sehnlichst ein kleines Mädchen, aber es sollte ein niedliches kleines Geschöpf sein, das mindestens zehn Pfund wog. Sie hatten nicht im Traum mit Drillingen gerechnet, und als ich auf die Welt kam, wog ich ganze zwei Pfund. Ich war ungeheuer hässlich, hatte kein Haar und war eine riesengroße Enttäuschung für meine Eltern.
Fünfzehn Minuten später kam das nächste Baby, und nach weiteren zwanzig Minuten kam noch eines. Dieses letzte wog sechseinhalb Pfund, und über das waren sie dann endlich wirklich glücklich. Die beiden ersten hätten sie wohl am liebsten zurückgegeben.
So war es mir also bestimmt, als Drilling aufzuwachsen - ein wahrhaft schweres Schicksal, das ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünsche. Ein eineiiger Drilling zu sein, hat etwas geradezu Absonderliches, denn man kann sozusagen tot umfallen, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt. Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben lang allen Menschen beweisen zu müssen, dass auch ich, ein Nichts von zwei Pfund, etwas wert war. Ich musste mir alles hart erkämpfen, und es ging mir ähnlich wie manchen blinden Menschen, die überzeugt sind, dass sie zehnmal so schwer arbeiten müssen wie jeder andere, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Ich musste erst beweisen, dass ich es wert war zu leben.
Dabei erwiesen sich gerade diese Umstände meiner Geburt und meiner Kindheit als ganz entscheidend für meinen jetzigen Beruf. Ich brauchte fünfzig Jahr
e, bis ich das begriff. Es mussten fünfzig Jahre vergehen, bis ich einsah, dass es im Leben keine Zufälle gibt, dass nicht einmal die Umstände der Geburt zufällig sind und dass Dinge, die wir für Tragödien halten, nur dann wirklich Tragödien sind, wenn wir sie dazu machen. Wir können uns genauso gut dazu entschließen, sie als Chancen zu sehen, als Möglichkeit zu reifen. Dann wird uns sehr rasch klar, dass die angeblichen Tragödien in Wirklichkeit Herausforderungen sind, Winke, die wir brauchen, um unser Leben zu ändern.
Wenn Sie am Ende Ihres Lebens stehen und zurückblicken - nicht auf die schönen Zeiten, sondern auf die stürmischen Tage, dann werden Sie feststellen, dass es die Stürme sind, die Sie zu dem gemacht haben, was Sie heute sind. Es stimmt, was irgendjemand einmal gesagt hat: "Im Grunde genommen ist es dasselbe, wie wenn jemand einen Stein in eine Zentrifuge legt - entweder geht er kaputt oder aber er kommt poliert wieder heraus."
Als Drilling aufzuwachsen ist eine solche Herausforderung: Endlose Jahre in dem glasklaren Wissen, dass meine eigene Mutter und mein eigener Vater nicht wussten, ob sie gerade mit mir oder mit meiner Schwester sprachen, endlose Jahre in dem Bewusstsein, dass meine Lehrer nie wussten, ob ich eine Eins oder eine Sechs verdiente, und deshalb immer uns allen eine Drei gaben.
Eines Tages hatte meine Schwester ihre erste Verabredung. Sie war so verliebt wie jeder andere Teenager, den es zum ersten Mal so richtig "erwischt" hat. Doch als der Junge sie dann erneut einlud, wurde sie krank und konnte nicht hingehen. Sie war untröstlich. Schließlich sagte ich zu ihr: "Reg' dich nicht auf. Wenn du wirklich nicht gehen kannst und es so schlimm für dich ist, weil du Angst hast, dass du ihn verlierst, kann ich ja für dich hingehen. (Heiterkeit im Auditorium) Du wirst sehen, er wird den Unterschied gar nicht merken."
Ich ließ mich genau von ihr instruieren und ging dann an ihrer Stelle zu der Verabredung. Der Junge merkte tatsäc
hlich nicht das Geringste. (Erneute Heiterkeit im Auditorium)
Heute, im Rückblick, finden Sie diese Geschichte vielleicht lustig, doch für das junge Mädchen, das ich damals war, war der Gedanke, dass man in jemanden verliebt sein und mit ihm ausgehen konnte und dabei gleichzeitig vollkommen, absolut, in jeder Hinsicht einfach austauschbar war, schrecklich. Manchmal fragte ich mich sogar, ob ich nicht vielleicht wirklich meine Schwester sei.
Es hatte offenbar einen Sinn, dass ich diese Lektion schon so früh im Leben lernte, denn nach diesem Vorfall, als ich gesehen hatte, dass der Freund meiner Schwester nicht merkte, ob er mit ihr oder mit mir zusammen war, traf ich die vielleicht schwerste Entscheidung meines ganzen Lebens: Ich verließ die Schweiz, verließ meine Familie und die Sicherheit meines Zuhauses. Ich unternahm eine Reise durch das Nachkriegseuropa. Dabei kam ich auch nach Schweden, wo ich einen Workshop abhielt.


Schließlich kam ich nach Maidanek in Polen - ein Konzentrationslager, wo ich ganze Waggonladungen kleiner Schuhe von ermordeten Kindern und Waggonladungen menschlichen Haares sah. Wenn man so etwas in einem Buch liest, ist das eine Sache, aber wirklich dort zu stehen, die Krematorien vor Augen zu haben und ihren Geruch in der Nase zu spüren - das ist etwas völlig anderes.
Ich war damals neunzehn und kam aus einem Land, das keine Erschütterungen kannte. Wir hatten keine Rassenprobleme und keine Armut, und wir hatten seit 760 Jahren keinen Krieg mehr. Damals kannte ich das Leben nicht. Doch als ich an diesem Ort, in Maidanek, stand, überfielen mich plötzlich die Schrecken der ganzen Welt. Nach einer solchen Erfahrung kann man nie mehr derselbe Mensch sein wie zuvor. Für mich war dieser Tag ein gesegneter Tag. Ohne die Erfahrung von Maidanek würde ich heute nicht das tun, was ich tue.
Ich fragte mich: Wie können Erwachsene, Männer und Frauen wie du und ich, 960 000 unschuldige Kinder ermorden und sich gleichzeitig um ihre
eigenen Kinder zu Hause sorgen, die die Windpocken haben?
Und dann ging ich hinüber zu den Baracken, wo die Kinder die letzte Nacht ihres Lebens verbracht hatten. Ich wusste nicht, warum ich das tat, aber ich glaube, ich suchte nach Botschaften, nach Spuren, wie diese Kinder dem Tod entgegengegangen waren.


EAN: 9783579022000
ISBN: 3579022008
Untertitel: Originaltitel: Titel der schwedischen Welt-Erstausgabe: Döden är livsviktig. Om livet, döden och livet efter döden. Mit Abbildungen.
Verlag: Guetersloher Verlagshaus
Erscheinungsdatum: Januar 2004
Seitenanzahl: 158 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Sieglinde Denzel, Susanne Naumann
Format: gebunden
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