HUDU

Studienziel Persönlichkeit


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November 2005

Beschreibung

Beschreibung

In der europäischen Bildungsdebatte, die nach dem Bologna-Abkommen entbrannt ist,geht es jenseits der reformtechnischen Aspekte auch um die Inhalte und Ziele des Universitätsstudiums. Vor allem stellt sich die Frage, wie eine praxisbezogene, fachspezifische Ausbildung mit einer humanistischen Werten verpflichteten Bildung der Persönlichkeit verbunden werden kann. Wissenschaftler, Künstler und Journalisten setzen sich in diesem Band zunächst mit dem Begriff von Person und Persönlichkeit auseinander, dann mit dem Wert klassischer Bildung und humanistischer Kenntnisse, mit den Möglichkeiten, an der Universität kulturelle und soziale Kompetenzen zu vermitteln, sowie mit der Frage, wie die Persönlichkeitsförderung im Studium praktisch umzusetzen ist und welche Konsequenzen sich daraus für die einzelnen Fachrichtungen sowie für gesellschaftliche Herausforderungen ergeben.

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort
Ernst Mohr, Rektor der Universität St. Gallen
Vorwort
Michael Göring, Vorstand der ZEIT-Stiftung
Peter Gomez, alt-Rektor der Universität St. Gallen
Sascha Spoun und Werner Wunderlich, Herausgeber
Einführung
Prolegomena zur akademischen Persönlichkeitsbildung:
Die Universität als Wertevermittlerin
Sascha Spoun und Werner Wunderlich
I. Person, Persönlichkeit, Persönlichkeitsbildung
Zur Einführung
Thomas S. Eberle
Persönlichkeitsbildung - die Erneuerung einer Tradition der Neuzeit
(Castigliones "Il Cortegiano")
Gerhart von Graevenitz
Drei Prinzipien und drei Phasen der "Humboldt-Kultur".
Erfindung, Krise und ein Leben nach dem Tod
Dieter Thomä
Erzeugt das Hochschulstudium messbare Persönlichkeitsveränderungen?
Daniel Preckel und Karl Frey +
II. Die Aktualität klassischer Bildung
für das Universitätsstudium
Zur Einführung
Bernhard Kytzler
Törichte Wissenschaft?
Klassische Bildung zwischen Selbstkritik und Wissenschaftsentfesselung
Achatz von Müller
Die Funktion von Bildung. Überlegungen zum Sinn "klassischer Bildung"
in einem modernen Curriculum
Therese Fuhrer
Klassische Bildung und die Kontingenz
der modernen Wissensgesellschaften
Henriette Harich-Schwarzbauer
Bildung ohne Verfallsdatum.
Zur Aktualität humanistischer Traditionen
aus Sicht der Universität St. Gallen
Sascha Spoun und Werner Wunderlich
Klassische Bildung und rechtswissenschaftliches Studium
Andreas Thier
III. Kulturelle Kompetenzen
Zur Einführung
Christel Brüggenbrock
"Kulturelle Kompetenz" oder: Die Analphabeten der Globalisierung
Hans N. Weiler
Interkulturelle Medienwissenschaft und Kulturkonflikt
Ernest W. B. Hess-Lüttich
Persönlichkeitsbildung und Kulturwissenschaften:
Selbstkritische Betrachtungen eines ehemaligen Franco-Romanisten
Vincent Kaufmann
IV. Bildung durch Wissenschaft
Zur Einführung:
Werner Wunderlich
Die Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Perspektive
Julian Nida-Rümelin
Die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Perspektive
Herbert Pietschmann
Die Bedeutung von Wissenschaft
für die fachliche und persönliche Bildung in der Humanmedizin
Ingolf Schedel und Friederich Mielke
Forschendes Lernen
Dieter Euler
Bildung durch Wissenschaft im Kontext schulischen Lernens:
ein Problemaufriss
Jürgen Oelkers
V. Persönlichkeitsförderung im Studium
Zur Einführung
Sascha Spoun
Kompetenzentwicklung in der Universität
Thomas Lang-von Wins und Lutz von Rosenstiel
Instrumente der Persönlichkeitsentwicklung
Jean-Paul Thommen und Daniela Peterhoff
Mentoring und Coaching an der Universität:
Legitimation - Ziele - Gestaltung
Sascha Spoun
Der Blick über den Tellerrand.
Das Studium generale als Element der Persönlichkeitsentwicklung
an der Bucerius Law School
Ulrike Pluschke
Kreativität als Entwicklungsfaktor
kultureller Kompetenz im Studium
Margarete Jarchow
Kunst und Persönlichkeit: Robert Wilsons Watermill Center
Holm Keller
VI. Gesellschaftliche Herausforderungen
Zur Einführung
Uwe Jean Heuser
Universität und Elite in Deutschland
Hans-Jörg Bullinger und Rolf Ilg
Zweckfreie und nutzenorientierte Wissenschaft.
Zwei unvereinbare Aufgaben der Universität?
Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich
Gender-sensible (Persönlichkeits-)Bildung
Stephanie Hrubesch-Millauer
Vertrauen schaffen - die Rolle der Führung
in Wirtschaft und Gesellschaft
Uwe Jean Heuser
Personenregister
Sachregister
Autorinnen und Autoren

Portrait

Werner Wunderlich ist Professor für das Kulturfach Medien, Leiter der Assessmentstufe und Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Sascha Spoun ist dort Dozent für BWL, programmverantwortlich für den Lehrbereich Handlungskompetenz und Delegierter des Rektors für Universitätsentwicklung.

Leseprobe

Zur Einführung (S. 87-88)

1. Ein Blick zurück

Am Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember 1443, schrieb ein im Vorjahr gekrönter poeta laureatus dem minderjährigen Prinzen Sigismund von Austria aus Graz einen Brief. Darin nahm der Verfasser, der Humanist Aeneas Silvio Piccolomini, bekannt als nachmaliger Papst Pius II, zu den Studien des hoffnungsvollen jungen Adligen detailliert Stellung. Er ließ ihn u. a. wissen, dass er später einmal, als regierender Fürst, aus seiner Studienzeit mancherlei Vorteile würde mitbringen können. Du wirst Dich mit einem Ungarn, einem Italiener, einem Franzosen gut verständigen können, weil du Latein sprichst, und du wirst das schon als junger Mann können, während ältere Männer stumm und dumm daneben stehen.

Nicht mehr als eine Stunde Studienzeit pro Tag genüge bereits, das gewünschte Niveau zu erreichen, meint der Humanist. Und wenn du dann das Mannesalter erreicht hast, wirst du sehen, dass deine Studien Dir Ehren und Vorteile bringen, dass Deine Kenntnisse Dich über die anderen hinausheben, dass man im Rat Deinen Worten gespannt folgt. Niemand wird Dich täuschen können; Deine Bildung wird es Dir ermöglichen, mit voller Überzeugungskraft zu Deinen Untertanen zu sprechen.

Piccolomini lässt dann eine Aufzählung der antiken Autoren und Texte folgen mit Hinweisen auf den jeweiligen Nutzen: für analytische Formulierungen von Lob und Tadel, von Zustimmung und Kritik geben Cicero und Quintilian das Rüstzeug; für die Kriegsführung Theoretiker und Historiker wie Vegetius und Livius; politische Führungsqualitäten vermittelt Aristoteles, ethisches Bewusstsein Cicero, moralische Einsichten Seneca. Es folgen weiterhin Bereiche wie Kindererziehung und Ehestandsregeln, Todesfurcht und Freundschaftspflege, aber auch Astronomie und Agrikultur, Menschenkenntnis und Standesbewusstsein. Alles Sprach- und Literaturstudium führt, so der Autor, unmittelbar ins öffentlich
e Leben: Was man im Studium lernt, wirkt ein auf die Leitung des Staates.

Es ist denkbar leicht, die Hinweise des Humanisten aus der Zeit vor fünfeinhalb Jahrhunderten ins Heutige zu übersetzen, auch ohne dass man deswegen wie einst Lateinisch sprechen muss: ebenso wie einst jener junge Prinz der Feudalgesellschaft, so wird auch der mündige Manager der Moderne leichter mit Ungarn, Franzosen und Italienern, mit Ausländern insgesamt auf dem internationalen Parkett verkehren können, wenn er die kulturellen Codes beherrscht; er wird leichter besondere Führungsqualitäten entwickeln können, wenn er im Besitze einer umfassenden Bildung seine Aufgaben angeht.

Freilich: Soll, was vor mehr als einem halben Jahrtausend galt, auch heutzutage gelten dürfen? Sind wir doch um so vieles weiter als zu jener Zeit, sind in Medizin und Psychologie, in Astronomie und Agrikultur, in Kommunikation, Transport und Technik insgesamt erheblich, ja erstaunlich fortgeschritten. Andererseits: Ethische Fragen stellen sich so wie einst; politische Probleme sind nach wie vor zu erkennen wichtig und zu lösen nötig; grundsätzliche gesellschaftliche Verhaltensmuster müssen ständig erarbeitet werden wie eh und je; moralische Entscheidungen werden nach wie vor eingefordert, für sie muss sich jeder von uns rüsten.

Was also ist in der Gegenwart zum Thema der Bildung zu sagen? Was zu ihren Inhalten und Methoden? Sind die Hinweise des Piccolomini überholt? Oder weiterhin gültig? Oder grundsätzlich gültig, aber im Detail zu modifizieren? Viele Fragen. Ob wir nach dem Blick zurück auch einen Blick voraus wagen dürfen?

Von den folgenden fünf Vorträgen verhandeln vier, laut ihrem jeweiligen Titel, den Standort von klassischer Bildung im Bildungsbetrieb der Gegenwart. Einer dieser Titel spricht hingegen von humanistischen Traditionen und erweitert so den Definitionsbedarf: Mögen uns ja lateinisch grundierte Ausdrücke aus dem Bildungsjargon, wie Aktualität und Traditionen, im Allge
meinen leichter zugänglich sein, so sind doch die drei Begriffe Klassik, Bildung und Humanismus durchaus umstritten und also jeweils besonders zu befragen.

2. Perspektiven

Vorab ein Blick auf die Perspektiven der einzelnen Beiträge: Im Mittelpunkt der Gruppe stehen die Ausführungen zum pädagogischen Programm der Universität St. Gallen (Spoun undWunderlich). Hier werden in gründlicher Überschau alle die Gesichtspunkte durchmustert, die dem neu gestalteten Lehrplan in der Spannung zwischen Theorie und Praxis zugrunde liegen. Gefolgt wird dieses Kernstück von einer Fallstudie: Andreas Thier diskutiert die Beziehung zwischen rechtswissenschaftlichem Studium und klassischer Bildung .
EAN: 9783593378527
ISBN: 3593378523
Untertitel: Beiträge zum Bildungsauftrag der Universität heute.
Verlag: Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: November 2005
Seitenanzahl: 464 Seiten
Format: kartoniert
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