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Die Schleife an Stalins Bart


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September 2002

Beschreibung

Beschreibung

Die Geschichte einer gestohlenen Jugend und einer Befreiung aus den Mauern des Schweigens. "Ich hatte immer das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen", sagte Erika Riemann in einem 1991 in der Frankfurter Rundschau erschienenen Porträt. Erst heute hat sie die Sprache gefunden, um über ihre Erlebnisse zu berichten. Sommer 1945 im thüringischen Mühlhausen: Erika Riemann ist vierzehn Jahre alt, als sie eines Tages mit ein paar anderen Jugendlichen ihre gerade wieder hergerichtete Schule besichtigt. Ihr Blick fällt auf ein Stalin-Bild genau an jener Stelle, an der bis vor kurzem ein Hitler-Porträt hing. "Mit dem Spruch ,Du siehst ja ziemlich traurig aus'", schreibt sie, "trat ich an das Bild heran und malte mit dem Lippenstift eine kecke Schleife um den Schnauzbart." Jemand muss sie verpfiffen haben, denn schon kurze Zeit später beginnt für Erika Riemann eine achtjährige Odyssee durch ostdeutsche Zuchthäuser und Lager mit Stationen wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Was es für sie bedeutete, eine ganze Jugend hinter Mauern zu verbringen, Prügel, Schikane, Hunger und Depression durchzustehen und nach der Entlassung zutiefst traumatisiert im bundesdeutschen Wirtschaftswunder ihre Frau zu stehen - darüber kann sie erst heute, fünfzig Jahre später, berichten. Fünfzig Jahre hat sie gebraucht, um ihre Nachkriegsjahre zu verarbeiten. Ein erschütternder Lebensbericht aus der jüngsten deutschen Vergangenheit.

Portrait

Erika Riemann hat nach der Haftzeit in vielen Jobs gearbeitet, zwei Ehen geführt und drei Kinder zur Welt gebracht. Sie lebt in Hamburg und arbeitet ehrenamtlich mit Organisationen zusammen, die sich mit der Dokumentation ähnlicher Fälle wie ihrem befassen.

Pressestimmen

Acht Jahre Gefängnis für einen Kinderstreich

Erika Riemann bemalt 1945 ein Stalinfoto. Sie wird von der russischen Besatzungsmacht verhaftet, zu fünfzehn Jahren Sibirien verurteilt. Sie ist eines der deutschen Opfer, über die erst heute, fünf Jahrzehnte nach der Eroberung Ostdeutschlands durch die Sowjetarmee, gesprochen wird. Ihr Buch stand schon kurz nach dem Erscheinen auf den Bestsellerlisten.

Das Mädchen ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie von sowjetischen Soldaten verhaftet wird. Wegen der titelgebenden Schleife, die sie auf ein Stalinfoto gemalt hat. Ein Leidensweg durch Gefängnisse und Hungerlager beginnt. Erika Riemann überlebt, aber ihre grauenvollen Erlebnisse - als Sexspielzeit für die Wächter, die Operation eines entzündeten Blinddarms ohne Narkosemittel, Jahre langer Hunger - quälen sie über die Gefängniszeit hinaus. Erst als alte Frau wagt sie den Schritt in die Öffentlichkeit.

"Die Schleife an Stalins Bart" gehört zu den vielen Büchern, in denen Deutsche seit der Jahrtausendwende daran erinnern wollen, dass sie nicht nur die Mörder von Millionen von Juden waren, sondern auch Opfer. Unschuldige zumeist. Die Versenkung der Flüchtlingsschiffe in der Ostsee, die Günther Grass schilderte, die Feuerstürme in den deutschen Großstädten, die Vergewaltigung deutscher Frauen 1945 in Berlin - Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit werden spontan zu Bestsellern. Als Romane wie als persönliche Autobiographien oder als Tagebuch.

Erika Riemann konnte nach der Entlassung aus den DDR-Gefängnissen mit keinem über ihre entsetzlichen Erlebnisse reden. Selbst wenn sie es versuchte - niemand, so schreibt sie, wollte etwas davon wissen. Erst in den 1990er Jahren findet sie professionelle Hilfe bei den Formulierung ihrer Erinnerungen. Entstanden ist ein schonungsloser Bericht über die Leiden einer Frau in den Lagern der Sowjets und der späteren DDR. Zurückbleibt nach dem Lesen ein Zwiespalt:

Das Mitleid mit der Vierzehnjährigen, die nur wegen eines Kinderstreichs zu 15 Jahre Sibirien verurteilt wird, überwiegt, aber wirklich sympathisch wird Erika Riemann dem Leser nicht. Sie denkt als Jugendliche wie als erwachsene Frau, während der Zeit mit Mutter und Schwestern, in den Lagern und - freigelassen - als Bardame und Tänzerin in den Nachclubs von St. Pauli nur an sich. Sie nimmt die Freundschaft und Hilfe von Mitgefangenen, die Liebe ihrer drei Ehemänner, aber sie selbst gibt kaum je etwas zurück. Und sie merkt gar nicht, wie kalt sie bleibt, denn sie hält ihre Ichbezogenheit für normal und richtig, reflektiert sie nie, lernt nichts aus ihrer Einsamkeit als älter werdende Frau. Sie klagt nur darüber.

Wer es richtig findet, dass endlich auch ausführlich über die Leiden der Deutschen in der Kriegs- und Nachkriegszeit berichtet wird, bekommt mit der "Schleife in Stalins Bart" ein bestsellerwürdig klares, informatives Erinnerungsbuch. Wer Biographien über Menschen sucht, die er für ihren Mut, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Zuwendung zu anderen bewundern, aus denen er etwas fürs eigene Leben übernehmen kann, wird enttäuscht.

© Anne von Blomberg, www.readme.de

EAN: 9783455093773
ISBN: 3455093779
Untertitel: Ein Mädchenstreich, acht Jahre Haft und die Zeit danach. Mit Abbildungen.
Verlag: Hoffmann u Campe Vlg GmbH
Erscheinungsdatum: September 2002
Seitenanzahl: 253 Seiten
Format: gebunden
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