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Morbus Kitahara


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September 1995

Beschreibung

Beschreibung

Christoph Ransmayrs gewaltiger Roman über die Zeit nach dem großen Krieg und die allmähliche Verfinsterung des Blicks.
Moor, ein verwüstetes Kaff im Schatten des Hochgebirges. Zwischen Ruinen, Geröll und Eis begegnen sich drei Menschen: Bering, der »Schreier von Moor«, Ambras, der »Hundekönig« und Lily, die »Brasilianerin« - drei in ihrer Zeit Gefangene, die versuchen, aus dem Labyrinth einer mörderischen Nachkriegswelt zu fliehen.
»Der Friede von Oranienburg« ist der Name für die Jahre und Jahrzehnte nach einem großen Krieg. Aber dieser Name bezeichnet keine Epoche des Wiederaufbaus, sondern eine der Sühne, der Vergeltung und Rache. Nach dem Willen der Sieger sollen die geschlagenen Feinde aus den Ruinen ihrer Städte und Industrien zurückkehren auf die Rübenfelder und Schafweiden eines vergangenen Jahrhunderts. Drei Menschen begegnen sich im Moor, einem verwüsteten Kaff an einem See im Schatten des Hochgebirges. Ambras, der »Hundekönig« und ehemaliger Lagerhäftling, wird Jahre nach seiner Befreiung Verwalter jenes Steinbruchs, in dem er als Gefangener gelitten hat. Verhasst und gefürchtet haust er mit einem Rudel verwilderter Hunde im zerschlissenen Prunk der Villa Flora. Lily, die »Brasilianerin«, die Grenzgängerin zwischen den Besatzungszonen, die vom Frieden an der Küste des fernen Landes träumt, lebt zurückgezogen in den Ruinen eines Strandbades. An manchen Tagen aber steigt sie ins Gebirge zu einem versteckten Waffenlager aus dem Krieg, verwandelt sich dort in eine Scharfschützin und macht Jagd auf ihre Feine. Und Bering, der »Vogelmensch«, der Schmied von Moor: Er verlässt sein Haus, einen wuchernden Eisengarten, um zunächst Fahrer des Hundekönigs zu werden, dann aber dessen bewaffneter, zum Äußeren entschlossener Leibwächter. Doch in diesem zweiten Leben schlägt ihn ein Gebrechen, ein rätselhaftes Leiden am Auge, dessen Namen er in einem Lazarett erfahren soll: »Morbus Kitahara», die allmähliche Verfinsterung des Blicks.

Portrait

Christoph Ransmayr wurde am 20. März 1954 in Wels, Oberösterreich geboren. Er wuchs in der Nähe von Gmunden am Traunsee auf. Er studierte von 1972 bis 1978 Philosophie und Ethnologie in Wien und arbeitete danach als Kulturredakteur und freier Autor für verschieden Zeitschriften. Ab 1982 lebte er dort als freier Schriftsteller. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Asien, Nord- und Südamerika und Irland. 1994 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach West Cork in Irland. Er verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen. Christoph Ransmayr erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1988 den Anton-Wildgans-Preis, 1992 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1995 den Franz-Nabl-Preis sowie den den Franz-Kafka-Preis, 1996 den Prix Aristeion, 1997 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich und den Solothurner Literaturpreis, 1998 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, 2001 den Nestroy-Theaterpreis und 2004 den Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg. Im Jahr 2014 wurde er mit dem Donauland Sachbuchpreis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet.

Leseprobe

Der Schreier von Moor



Bering war ein Kind des Kriegs und kannte nur den Frieden. Wann immer die Rede von der Stunde seiner Geburt war, sollte er daran erinnert werden, daß er seinen ersten Schrei in der einzigen Bombernacht von Moor getan hatte. Es war eine regnerische Aprilnacht kurz vor der Unterzeichnung jenes Waffenstillstandes, der in den Schulstunden der Nachkriegszeit nur noch Der Friede von Oranienburg hieß.

Ein Bombergeschwader zog damals nach der adriatischen Küste ab und warf den Rest seiner Feuerlast über dem See von Moor in die Finsternis. Berings Mutter, eine Schwangere mit geschwollenen Beinen, trug eben einen Sack Pferdefleisch vom Anwesen eines Schwarzschlachters. Das weiche, kaum ausgeblutete Fleisch lag schwer in ihren Armen und zwang sie zu einer Erinnerung an den Bauch ihres Mannes - als sie über den Platanen am Seeufer eine ungeheure Faust aus Feuer zum Himmel steigen sah, und noch eine... und ließ den Sack auf dem Feldweg zurück und begann wie von Sinnen auf das lodernde Dorf zuzulaufen.

Die Hitze des größten Brandes, den sie je gesehen hatte, versengte ihr schon Augenbrauen und Haare, als aus einem schwarzen Haus plötzlich zwei Arme nach ihr griffen und sie in die Tiefe eines Kellers zerrten. Dort weinte sie, bis ihr ein Krampf den Atem nahm.

Zwischen schimmeligen Fässern brachte sie dann ihren zweiten Sohn um Wochen zu früh in eine Welt, die in das Zeitalter der Vulkane zurückzufallen schien: In den Nächten flackerte das Land unter einem roten Himmel. Am Tag verfinsterten Phosphorwolken die Sonne, und in Schuttwüsten machten die Bewohner von Höhlen Jagd auf Tauben, Eidechsen und Ratten. Aschenregen fiel. Und Berings Vater, der Schmied von Moor, war fern.

Noch Jahre später sollte dieser Vater, taub für die Schrecken der Geburtsnacht seines Sohnes, seine Familie mit der Beschreibung jener Leiden ängstigen, die er, er in diesem Krieg ertragen hatte. So trocknete Bering jedesmal die Kehle au
s, und seine Augen brannten, wenn er wieder und wieder hörte, sein Vater habe als Soldat solchen Durst gelitten, daß er am zwölften Tag einer Schlacht sein eigenes Blut trank. Es war in der libyschen Wüste. Es war am Paß von Halfayah. Dort hatte die Druckwelle einer Panzergranate den Vater ins Geröll geworfen. Und als ihm in der Glut dieser Wüste plötzlich ein rotes, seltsames kühles Rinnsal über das Gesicht lief, schob der Vater den Unterkiefer vor wie ein Affe, schürzte die Lippen und begann zu schlürfen, verstört und voll Ekel zuerst, dann aber mit wachsender Gier: Diese Quelle würde ihn retten. Er kehrte mit einer breiten Narbe auf der Stirn aus der Wüste zurück.

Berings Mutter betete viel. Auch als der Krieg mit seinen Toten von Jahr zu Jahr tiefer in die Erde sank und schließlich unter Rübenfeldern und Lupinen verschwand, hörte sie in Sommergewittern noch immer das Donnern der Artillerie. Und in manchen Nächten erschien ihr die Heilige Maria wie damals und flüsterte ihr Prophezeiungen und Nachrichten aus dem Paradies zu. Wenn Berings Mutter nach dem Erlöschen Mariens ans Fenster trat, um das Fieber der Erscheinung zu lindern, sah sie das lichtlose Ufer des Sees und sein hügeliges Brachland, das in schwarzen Wogen auf noch schwärzere Bergketten zurollte.

Berings Brüder waren beide verloren; tot der eine, der jüngere, ertrunken im See von Moor, als er im eisigen Wasser einer Bucht nach Zähnen tauchte, nach der versenkten, von Rotalgen und Süßwassermuscheln überwachsenen Munition einer versprengten Armee, nach kupfernen Projektilen, die er mit Steinen von den Patronenhülsen geklopft, durchbohrt und wie Fangzähne an einer Schnur um den Hals getragen hatte. Verloren auch der andere, der ältere, ein Auswanderer irgendwo in den Wäldern des Staates New York. Die letzte, Jahre zurückliegende Nachricht von ihm, eine Ansichtskarte, zeigte den Hudson River, dessen graue Flut immer auch die Trauer über den Ertrunkenen wieder wachrief.

Wenn Bering
s Mutter am Todestag ihres ertrunkenen Sohnes ein Gebinde blauer Anemonen und in Holznäpfe eingegossene Wachslichter im See aussetzte, dann trieb stets auch ein Licht für die Polin Celina davon, die ihr in der Bombennacht beigestanden war.

Celina, eine aus Podolien verschleppte Zwangsarbeiterin, hatte sich damals in den Erdkeller eines brennenden Weingutes geflüchtet und Berings Mutter mit in die Sicherheit gezerrt. Sie hatte der schreienden, von plötzlichen Wehen überfallenen Schmiedin zwischen Eichenfässern ein Lager aus Säcken und feuchter Pappe bereitet und dann das Neugeborene mit einem Schürzenband und ihren Zähnen abgenabelt und mit Wein gewaschen.

Während aus der Oberwelt allein das Krachen und die Erschütterungen der Einschläge in die von Unschlittkerzen kaum erhellte Tiefe drangen, hielt die Polin Mutter und Kind in ihren Armen, betete laut zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau und trank dazu mehr und mehr schlecht vergorenen Wein, bis sie zwischen Stoßgebeten und Litaneien Gericht zu halten begann über die vergangenen Jahre:

Der Feuersturm dieser Nacht sei die Strafe der Madonna, daß Moor seine Männer in den Krieg geworfen und in schrecklichen Armeen nach Szonowice, ja bis an das Schwarze Meer und nach Ägypten habe ziehen lassen, Vergeltung dafür, daß ihr Bräutigam Jerzy an den Ufern des Bug als Lanzenreiter gegen Panzer stürmen mußte und dann von den Laufketten ... seine schönen Hände ... sein schönes Gesicht ...

Fürstin des Himmels!

Strafe für das verglühte Warschau und für den Steinmetz Bugaj, der mit seiner ganzen Familie und Nachbarschaft auf den Holzplatz der Köhlerei von Szonowice getrieben wurde; ihr eigenes Grab mußten sie dort schaufeln,

Madonna, Trösterin der Betrübten!

Rache für die entehrte Schwägerin Krystyna,

Du Zuflucht der Sünder!

und für den Kürschner Silberschatz aus Ozenna ... Zwei Jahre hatte sich der Unglückliche in einer Kalkgrube versteckt gehalten,
bis man ihn verriet und fand und in Treblinka für alle Ewigkeit in den Kalk warf,

Königin der Barmherzigkeit!

Sühne! für die Asche auf der polnischen Erde und für die zerstampften Wiesen Podoliens ...

So klagte und weinte die Polin Celina noch, als es in der Oberwelt längst totenstill geworden und Berings Mutter vor Erschöpfung eingeschlafen war.

Die Männer von Moor, flüsterte Celina in die winzigen Fäuste des Säuglings, die sie wieder und wieder an ihren Mund drückte und küßte, die Männer von Moor hätten sich gegen die ganze Welt erhoben - und diese Welt werde nun in ihrer Wut wie das Jüngste Gericht mit allen Lebenden und Toten über die Felder heranstürmen, Engel mit Flammenschwertern, Kalmücken aus den Steppen Rußlands, Horden friedloser Seelen, die ohne den Trost der Kirche aus ihren sterblichen Hüllen geschlagen worden waren, Gespenster...! Und polnische Ulanen, rasend auf ihren Pferden, und von Patronengurten und Bajonetten klirrende Juden aus dem Heiligen Land und alle, die nichts mehr zu verlieren und keinen anderen Glauben zu gewinnen hatten als den an die Rache.

Amen.

Die Zwangsarbeiterin Celina Kobro aus Szonowice in Podolien war schließlich das erste Opfer in Moor, das vier Tage später unter den Kugeln eines siegreichen, über das Dorf hereinreichenden Bataillons starb. Es war ein Mißverständnis. Ein schreckhafter Infanterist verwechselte die vermummte Gestalt der Polin, die ein Pferd durch die Dunkelheit führte, mit einem Heckenschützen, einem flüchtenden Feind, schrie zweimal vergeblich in einer unverständlichen Sprache Halt und Alarm - und schoß.

Schon der erste Feuerstoß traf Celina in Brust und Hals und verwundete das Pferd. Celina hatte dem Ackergaul die Nüstern zugebunden und seine Hufe mit Putzlappen umwickelt, um das herrenlose Tier in aller Stille aus dem überrannten Dorf ins Versteck einer Fichtenschonung zu führen und so vor der Beschlagnahme oder Schlachtung zu retten; der Gaul wa
r ihre Beute. Er sprang lahmend in die Nacht davon, während Celina auf moosigen Steinen lag und die näherkommenden Sturmschritte des Infanteristen nur noch als den fernen, seltsam feierlichen Lärm ihres Todes wahrnahm: ein Blätterrauschen, ein Brechen von Zweigen, ein tiefes, abgrundtiefes Atmen - und endlich jenen unterdrückten Schrei, einen Fluch des Schützen, nach dem jedes Geräusch erstarb und für immer an die Stille zurückfiel.

Celina wurde am nächsten Morgen unter den verkohlten Akazien der Bahnstation neben einem Mineur aus dem Moorer Steinbruch begraben, einem kriegsgefangenen Georgier, der wenige Stunden nach dem Einmarsch der Sieger an seinem Hunger gestorben war.

EAN: 9783100629081
ISBN: 3100629086
Verlag: FISCHER, S.
Erscheinungsdatum: September 1995
Seitenanzahl: 439 Seiten
Format: gebunden
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