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Die Deutschen und das europäische Mittelalter 2. Das östliche Europa


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März 2004

Beschreibung

Beschreibung

Der Osten - die neue Dimension Europas

Mit der Wende von 1989 ist die ursprüngliche Vielgestaltigkeit des ehemals grauen »Ostblocks« wieder hervorgetreten, dessen Geschichtsraum nicht zuletzt durch seinen deutschen Anteil geprägt wurde. Weit jenseits der älteren Geringschätzung der slawischen Völker durch ihre deutschen Nachbarn und zugleich bahnbrechend in der Überwindung national begrenzter Geschichtsschreibung unternimmt der Band eine Gesamtschau, in der sich die Wurzeln der heutigen Völker und Staaten des östlichen Europa im Mittelalter offenbaren, als vor allem im zehnten Jahrhundert Polen, Tschechen und Ungarn wie auch Alt-Russland ihre Identitäten als Fürstenstaaten und Kulturen gewannen.
Die mittelalterliche Geschichte des weiten Landes im Osten Europas ist eine Geschichte der Bildung von Stämmen, Völkern und Nationen und ihrer Europäisierung. Es ist eine Geschichte, an der Kaiser und Päpste mitwirkten, kriegerische Wikinger und Tataren, christliche Missionare und Kreuzritter, wagemutige Fernhändler, Städtegründer und bäuerliche Kolonisten. Tapfere Fürsten und demütige Märtyrer, glorreiche Siege und vernichtende Niederlagen lieferten den Stoff für Legenden, die bis heute die historische Erinnerung der slawischen und baltischen Völker und der Ungarn prägen.
Reichhaltig mit Abbildungen und Karten versehen, zeichnet der Band die Geschichte des gesamten Raumes zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Donau und Wolga nach.

Portrait

Christian Lübke, 1953 in Langenhain/Hessen geboren, studierte Osteuropäische Geschichte und Slavistik und promovierte 1980 in Gießen. Habilitation 1996 an der Freien Universität zu Berlin. Sein Schwerpunkt sind die deutsch-slawischen Beziehungen. Christian Lübke leitet das Arbeitsgebiet "Germania Slavica" im Leipziger "Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas" und hat seit 1998 den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Greifswald inne.


Leseprobe

Beginn der Wahrnehmung


Im bei weitem gr''en Teil des 'stlichen Europa wohnen Menschen, die eine slawische Sprache sprechen. Aber woher die Slawen eigentlich gekommen sind, ist bis heute ungekl'. Die Lokalisierung ihrer 'Urheimat' ist umstritten, und auch 'ber Zeitpunkt und Verlauf ihrer Wanderungen diskutieren Historiker, Arch'ogen und Linguisten. Neue arch'ogische Funde und Methoden wie die Analyse der Jahresringe von Baumst'en (Dendrochronologie), die vor Jahrhunderten verarbeitet wurden, haben zu neuen Theorien gef'hrt. Hinzu kommt, da'Slawen ' der Begriff taucht im 6. Jahrhundert zum ersten Mal in den schriftlichen Quellen auf ' nicht die alleinigen Bewohner dieser europ'chen Gro'egion waren. Neben ihnen lebten baltische und finno-ugrische St'e im Nordosten, iranische und turksprachige V'lker im S'den sowie germanische und romanische Restgruppen seit der V'lkerwanderung in Mitteleuropa und auf dem Balkan ' eine schwer zu ordnende oder zu analysierende Vielfalt, von der wir bisher nur einzelne Puzzlest'cke kennen. Gl'cklicherweise steht der Forschung ein Dokument zur Verf'gung, das zwar zahlreiche R'el birgt, aber immerhin eine Ahnung davon vermittelt, wie vielf'ig und gro'die Welt des Ostens war. Es entstand etwa in der Mitte des 9. Jahrhunderts, als ein der lateinischen Sprache m'tiger und schriftkundiger Mann, der als der anonyme Bayerische Geograph in die Forschung eingegangen ist, es f'r notwendig und n'tzlich hielt, eine merkw'rdig anmutende Namenliste zu verfassen, die mit den Worten beginnt: Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii ' Beschreibung der Burgen und L'er am n'rdlichen Ufer der Donau. Diese Liste beschr't sich keineswegs auf den Donauraum, sondern erfa' den gesamten europ'chen Osten zwischen Donau, Elbe und Wolga sowie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Dieses sp'r von anderer Hand erg'te 'este Zeugnis der Wahrnehmung des gesamten Ostens ist vermutlich am Hof der ostfr'ischen Herrscher in Regensburg zusa
mmengetragen worden. Das Dokument gibt zu erkennen, da'die Franken, die mit Karl dem Gro'n den r'mischen Kaisertitel errungen hatten und seitdem in Konkurrenz zu den byzantinischen, ostr'mischen Kaisern in Konstantinopel standen, Interesse hatten an der Gestaltung dieses Raumes, der seit der Antike als Land der Barbaren gegolten hatte, in den nun aber das Christentum getragen werden sollte, denn dessen Verbreitung galt als die vornehmste Aufgabe des r'mischen Kaisers. Freilich lie'n sich unter dem Deckmantel der Mission auch machtpolitische Ziele verfolgen. Die Liste des Bayerischen Geographen ist wenig beredsam, denn sie beschr't sich im wesentlichen darauf, die osteurop'chen Regionen und die jeweilige Zahl ihrer Burgen mit den sie umgebenden Siedlungsgefilden zu benennen. So spr'de der Text auch wirkt, f'r die Historiker Osteuropas und f'r die Namenkundler stellt er eine wahre Schatztruhe dar, denn er ist von unerme'ichem Wert f'r die Rekonstruktion der ethnischen und politischen Verh'nisse am Vorabend einer Epoche, in der die 'Grauzone' (Alexander Gieysztor) im Osten Europas innerhalb weniger Jahrzehnte m'tige Herrschaftsgebilde und F'rstenstaaten hervorbringen sollte. Der Bayerische Geograph eignet sich aber auch hervorragend als Leitfaden f'r eine erste Bestandsaufnahme des Ostens, f'r eine schlaglichtartige Beleuchtung einzelner Siedlungspl'e und Regionen, zu denen die Wissenschaftler inzwischen Informationen zusammengetragen haben, die vielleicht auch schon dem Bayerischen Geographen zur Verf'gung standen, die aber in der Niederschrift nicht festgehalten sind. Die 'erlieferung umfa' ein Gebiet, dessen Grenze von der unteren Elbe an der s'dlichen und 'stlichen K'ste der Ostsee folgt, bis sie im Osten die Wolga erreicht und mit deren Lauf an das Kaspische Meer und ins Vorland des Kaukasus gelangt; sie schlie' die Steppengebiete n'rdlich des Schwarzen Meeres bis zum M'ndungsdelta der Donau ein, der sie flu'ufw's bis an die damalige Grenze des Frankenreichs folgt
. Entlang dieser Scheidelinie gelangt sie an den Fl'ssen Saale und Elbe in n'rdlicher Richtung zu ihrem Ausgangspunkt zur'ck.
Die Bestandsaufnahme beginnt in finibus Danorum ' an der Grenze des Frankenreichs zu D'mark ' und damit in einer Region, die an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert zum Aufmarschgebiet Kaiser Karls des Gro'n geworden war, der nach der Unterwerfung der Sachsen die Verh'nisse auch in den nach Norden und Osten anschlie'nden L'ern zu stabilisieren suchte. Hier lebten die slawischen Abodriten (nortabtrezi) und weiter 'stlich die mit ihnen verfeindeten Wilzen (Vuilzi). Auf deren politische und milit'sche Verh'nisse haben die Franken erheblichen Einflu'genommen, weshalb diese V'lker in den fr'ischen Chroniken jener Zeit auch mehrfach genannt sind. An der Spitze der Abodriten, die sich aus zwei Teilst'en zusammensetzten, stand ein Ober- oder Samtherrscher, der seine Stellung aber nur mit Unterst'tzung der Franken behaupten konnte. Am Ende des 10. Jahrhunderts wird erw't, da'dieser Herrscher in der Michelenburg (= Mecklenburg, eigentlich 'm'tige Burg') residierte. Eine f'rstliche Herrschaft von 'berregionaler Bedeutung gab es ferner im ostholsteinischen Starigard ('Alte Burg', heute Oldenburg) im Land der Wagrier, die einen der beiden Teilst'e der Abodriten bildeten. Mit den Gegnern der Franken ' den Sachsen und sp'r den D'n ' waren die Wilzen verb'ndet, ein aus vier Teilst'en (regiones) und 115 Siedlungsgefilden (civitates) bestehender Verband, dessen gew'te 'K'nige' im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts ebenfalls von den fr'ischen Herrschern abhingen. Die Franken hatten ihre Macht hier zum ersten Mal im Jahr 789 zur Geltung gebracht, als Karl der Gro' mit seinem Heer vor die Burg des durch Herkunft und Alter ausgezeichneten F'rsten Dragovit gezogen war, der sich ihm schlie'ich unterworfen hatte. Damals waren, wie Karls Biograph Einhard zu berichten wei' zahlreiche slawische F'hrer Dragovits Beispiel gefolgt. Zog man zu Beginn des 9. Jahrhunderts
entlang der von den Abodriten beherrschten K'ste der Ostsee nach Osten, dann gelangte man an den Handelsort Reric. Dieser findet in den fr'ischen Reichsannalen zum Jahr 808 zum ersten Mal Erw'ung. Reric, bei dem heutigen Ort Gro'Str'mkendorf an der Wismarer Bucht unweit der Mecklenburg gelegen, war ein k'stennaher Handelsplatz wie viele andere rings um die Ostsee. Funde belegen, da'die Bewohner, unter denen die erfahrenen Ostseekaufleute wohl die wichtigste Gruppe stellten, eine ethnisch gemischte Gemeinschaft bildeten. Einen weiteren multiethnischen Seehandelsplatz dieser Art, der dank zahlreicher arch'ogischer Funde bezeugt ist, gab es seit der zweiten H'te des 8. Jahrhunderts bei Ralswiek auf der Insel R'gen. Die skandinavischen H'ler, die sich hier einen Hafen gebaut hatten, unterhielten ebenso wie die fremden Kaufleute auf der Insel Wollin (in Wollin an der Dievenow, einem Zuflu'der Oder in die Ostsee) lebhafte Kontakte zur slawischen Bev'lkerung im Hinterland. Wie die Oder diente weiter im Osten die Weichsel dem Warentransport weit ins Binnenland. Unweit der Weichselm'ndung, an der f'r den Austausch besonders g'nstigen Grenze zwischen Slawen und baltischen Pruzzen, befand sich der Handelsort Truso (beim heutigen Jan'omorski nahe Elbing). In das Gebiet der Pruzzen sowie in das n'rdlich angrenzende Land der Kuren waren nach Ausweis der arch'ogischen Funde schon im 7. und 8. Jahrhundert Skandinavier aus Mittelschweden und von der Insel Gotland gekommen, die f'r einige Zeit eine schwedische Tributherrschaft in Kurland errichtet hatten. Lebhafte Handelskontakte entwickelten sich auch im Gebiet der Semgallen, wo sich 'ber die westliche D'na der Wasserweg in die zun'st ebenfalls von Balten besiedelte Region des oberen Dnjepr 'ffnete, in die aber sp'stens seit Beginn des 9. Jahrhunderts von S'den her Slawen einwanderten. Gro' Gr'rfelder bei Gnesdowo (nahe Smolensk) bezeugen hier eine hohe Siedlungsdichte und die allm'iche 'erschichtung des baltischen Elements durch di
e zuwandernden Slawen.
Folgte man, in den Finnischen Meerbusen einbiegend, der K'ste nach Norden und Osten, gelangte man zu den ostseefinnischen St'en der Liven, Tschuden und Wesen. Wesen und Tschuden sowie die slawischen Kriwitschen und Slowenen (am Ilmensee) und die ugrischen Merier an der oberen Wolga bildeten eine Reihe von St'en, die um die Mitte des 9. Jahrhunderts einen Tribut an die War'r (Varjagi) oder Rus zahlten. Mit den Rus, die 'von jenseits des Meeres' kamen und im Zusammenhang mit der Herrschaftsbildung im Gebiet um Kiew wieder auftauchen, waren zweifellos Skandinavier gemeint. Die finno-ugrischen und slawischen St'e siedelten entlang dem Handelsweg zum oberen Lauf der Wolga. Dorthin gelangte man entweder in direkter Linie auf dem Landweg oder per Schiff von der Ostsee 'ber die Newa, den Ladogasee, den Wolchow, den Ilmensee und dann 'ber kleinere Wolgazufl'sse. Die Wolga reiste man dann flu'bw's bis ins Kaspische Meer. Dort lag das Reich der Khasaren, die ihre Hauptstadt in der zweiten H'te des 8. Jahrhunderts aus dem Kaukasus (Daghestan) nach Itil an der Wolga verlegt hatten. Da'der Handelsweg zwischen der Ostsee und dem Kaspischen Meer schon sehr fr'h erschlossen war, beweisen Silberm'nzen aus dem islamischen Raum, die in Alt Ladoga an der M'ndung des Wolchow in den Ladogasee gefunden wurden. Die j'ngste dieser M'nzen wurde um 787/88 gepr'. Das pa' gut zur Stabilisierung der politischen Verh'nisse im kaukasischen Raum in der zweiten H'te des 8. Jahrhunderts, als die K'fe zwischen den Khasaren und dem von S'den her vordringenden Kalifen von Bagdad abflauten und die Entwicklung stabiler Fernhandelsbeziehungen m'glich wurde. Nach Westen hin, zu den Byzantinern, standen die Khasaren, die seit der Mitte des 7. Jahrhunderts ein eigenst'iges Khaganat bildeten, schon l'er in lebhaftem Kontakt, was nicht zuletzt durch eine f'rstliche Heirat bezeugt ist: Die Mutter Kaiser Leons IV., der den Beinamen 'der Khasare' trug, war eine khasarische Prinzessin. In
Friedenszeiten nahmen die khasarischen Kontakte in den islamischen Raum zu. Muslimische Kriegergruppen wurden in die milit'sche Gefolgschaft des Khagans aufgenommen, und nach und nach traten zahlreiche Mitglieder der Oberschicht zum Islam 'ber. Aber auch das Christentum, das 'ber die griechischen Kolonien auf der Krim und entlang der Schwarzmeerk'ste ins Kaukasusvorland gelangt war, spielte eine nicht unbedeutende Rolle, und selbst die alten Glaubensvorstellungen der Turkv'lker blieben lebendig. Um 800 traten die Khagane des Khasarenreiches aber nominell zum j'dischen Glauben 'ber, worin ihnen der gr''e Teil der Oberschicht gefolgt sein soll. Es scheint so, als habe man in der khasarischen Hauptstadt ernsthaft danach gestrebt, die Rolle einer eigenst'igen Gro'acht zwischen Byzanz und Bagdad durch die Annahme einer dritten, unabh'igen monotheistischen Religion zu unterstreichen. Von der Konversion zum Judentum wei'man allerdings nur aus einem Briefwechsel, der in der Mitte des 10. Jahrhunderts zwischen Chasdai ibn Schaprut, einem j'dischen Beamten des Kalifen von C'ba, und dem khasarischen Khagan Josef gef'hrt wurde; 'ber das j'dische Leben in der khasarischen Gesellschaft ist dagegen kaum etwas bekannt.
Als der Bayerische Geograph seine V'lkerliste verfa'e, war das Reich der Khasaren jedenfalls eine Gro'acht ersten Ranges. Dazu trugen in erheblichem Ma' die Eink'nfte aus dem Handel 'ber das Kaspische Meer und 'ber den Kaukasus ins Kalifat bei. Im weiten Umkreis kontrollierten die Khasaren die V'lker und forderten von ihnen Tribut. Auch die ostslawischen St'e am mittleren Dnjepr brachten sie unter ihre Tributherrschaft, wovon die altrussische Chronik zum Jahr 859 berichtet. Dies ist die Region, in der der Bayerische Geograph die Ruzzi, Forsderen liudi und Fresiti ansiedelt, was f'r die Interpretation der politischen und ethnischen Verh'nisse an den Anf'en Altru'ands von einiger Bedeutung ist. Bei den Ruzzi handelt es sich zweifellos um jene namengebenden Rus, die
nach Ausweis der altrussischen Chronik 'von jenseits des Meeres' zu den St'en im Norden gerufen worden waren. Die beiden anderen Namen fallen durch eine besondere Lautung auf, die auf eine germanische Herkunft hindeutet. Offenbar handelte es sich nicht um drei ethnisch verschiedene Gruppen, sondern um eine soziale Differenzierung (Forsderen liudi = 'vornehme Leute') oder eine n're Kennzeichnung der Ruzzi, die an anderer Stelle 'von sich, das hei' von ihrem Volk, sagen, da'sie Rhos hei'n'. Im Jahr 839 traten diese mit einer byzantischen Gesandtschaft in Ingelheim vor Kaiser Ludwig den Frommen und baten ihn um Hilfe, da sie ihre Heimat auf direktem Weg nicht erreichen konnten. Der fr'ische Annalist der Jahrb'cher von Saint Bertin, der dar'ber berichtet, wu'e, da'es sich um Schweden handelte und da'ihr K'nig, der chaganus genannt wurde, sie zu den Byzantinern geschickt habe. Vieles spricht daf'r, da'damit der Khagan der Khasaren gemeint war, dem die schwedischen Rus Milit'ienst leisteten und f'r den sie Tribute eintrieben. In der westlichen Hegemonialzone der Khasaren lebten in den Steppen n'rdlich des Schwarzen Meeres die nomadischen Alt-Ungarn, die Vorfahren der sp'r ins Karpatenbecken abgewanderten Ungarn. Nicht unter ihrer Eigenbezeichnung magyar, die aus dem Finno-Ugrischen stammt, sondern unter den auch f'r andere Steppenv'lker gel'igen Bezeichnungen 'Hunnen', 'Skythen' oder 'T'rken' tauchten sie seit 827 im Blickfeld der Byzantiner und Ostfranken auf. Ihre Wohngebiete bezeichneten sie als 'Land zwischen den Str'men' (Etelk'z), was sich auf die Fl'sse Don und Dnjepr oder Dnjepr und untere Donau beziehen k'nnte. Nach S'dwesten schlo'sich das Gebiet der Bulgaren (Vulgarii regio) oder besser der Protobulgaren (im Sinne ihrer Unterscheidung von den sp'ren slawischen Bulgaren) an. Urspr'nglich waren diese ein mittelasiatisches Turkvolk, das unter dem Khagan Kubrat (Kuvrat) zwischen Kuban und Asowschem Meer ein Gro'eich gebildet hatte, das aber nach dem Tod des Khagan
(642) zerfiel und von den Khasaren endg'ltig zerst'rt wurde. Unter dem Druck der Khasaren floh ein Teil der Bulgaren unter Kubrats Sohn Asparuch nach Westen und erschien um 678/79 an der unteren Donau; ein anderer Teil wanderte entlang der Wolga nach Norden, wo sp'r das wolgabulgarische Reich um das Handelszentrum Bolgar entstand.
Die westlichen, nach Ausweis ihrer wenigen Schriftzeugnisse noch turksprachigen Bulgaren besetzten gegen byzantinischen Widerstand Provinzen des Reiches und unterwarfen die dort lebenden slawischen Gruppen, wobei ' unter Beibehaltung des Namens der nomadisch-kriegerischen Oberschicht ' ein Proze'der Slawisierung einsetzte. Auf die Fortdauer der nomadischen Lebensweise d'rfte sich die lapidare Feststellung des Bayerischen Geographen beziehen, ihr Land sei gro'und zahlreich bev'lkert, aber es habe nur f'nf Burgen, weil es nicht Sache der Bulgaren sei, feste Siedlungen zu haben. Dennoch erwuchs den Byzantinern im 9. Jahrhundert in ihnen ein gef'licher Gegner, der auch f'r die gro''ige, von Franken und Byzantinern bestimmte M'tekonstellation im Donauraum von Bedeutung war. Den Bulgaren folgen in der Liste des Bayerischen Geographen die Osterabtrezi. Wahrscheinlich sind diese mit einem in anderen Quellen als Abodriti bezeichneten slawischen Stamm an der Donau identisch, der seit 818 durch die bulgarische Expansion bedroht war und infolgedessen bei den Franken Schutz suchte. Da es auch an der Ostsee Abodriten gab, sah sich der Geograph zu der Kennzeichnung 'Nort-' und 'Oster-' veranla'. Das Beispiel der Abodritenst'e macht deutlich, da'manche Gruppen in ihrer 'eren Heimat einen gemeinsamen Namen getragen hatten, bevor sie durch die Wanderungen weit auseinandergerissen wurden.
Donauaufw's schlossen sich die M'er an, die 822 erstmals bei Kaiser Ludwig dem Frommen vorstellig geworden waren. An diese grenzten wiederum die B'hmen, gegen die sich in den Jahren 805 und 806 fr'ische Kriegsz'ge gerichtet hatten. Im Jahr 805 war auch ein f'r die
Erforschung der Verh'nisse an der fr'ischen Ostgrenze bedeutendes Dokument verfa' worden, das 'Kapitular von Diedenhofen', das den Handelsverkehr in die L'er der 'Slawen und Awaren' regelte und dabei einen V'lkernamen gebrauchte, der beim Bayerischen Geographen einige Jahrzehnte sp'r gar nicht mehr auftaucht, da die zwischen Donau und Thei'gelegenen letzten Reste des einstmals gro'n Awarischen Reiches Ende des 8. Jahrhunderts den Angriffen der Karolinger zum Opfer gefallen waren. Der Name Avaria haftete zwar noch eine Zeitlang der Landschaft zwischen Enns und Wienerwald an, bezeichnete aber keinen eigenst'igen politischen Organismus mehr.


Pressestimmen

"Der eminent schwierigen Herausforderung, eine Geschichte ohne Zentrum zu schreiben, wie es das östliche Europa verlangt, hat sich der Greifswalder Historiker Christian Lübke mit Mut, Sachverstand und Augenmaß gestellt."
EAN: 9783886807604
ISBN: 3886807606
Untertitel: 100 Abbildungen.
Verlag: Siedler Verlag
Erscheinungsdatum: März 2004
Seitenanzahl: 544 Seiten
Format: gebunden
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