HUDU

Was werd ich tun, wenn alles brennt?


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September 2003

Beschreibung

Beschreibung

Als Paulo seinen Vater Carlos im Sarg sieht, ordentlich zurechtgemacht in Anzug und Krawatte, bekommt er einen hysterischen Lachanfall. Jahrelang kannte er ihn nur als Drag Queen, als Star der Lissabonner Nachtclubszene, und nur allzugern ließ er sich in diese zwielichtige Welt am Rande der Gesellschaft hineinziehen. Vor allem Carlos' große Liebe, der jugendliche Draufgänger und Junkie Rui, faszinierte ihn, er führte ihn in die Unterwelt ein, brachte ihn zum Heroin. Jetzt ist auch Rui tot, wird zusammen mit Carlos begraben.

In einem halluzinatorischen Furor rekapituliert Paulo sein Leben, die gescheiterte Ehe seiner Eltern, die Frage, ob Carlos wirklich sein Vater ist, die spießige Welt seiner Pflegeeltern, seine Entziehungskur, die noch nicht abgeschlossen zu sein scheint ... Aber nicht nur aus Paulos Perspektive werden die verschiedenen Leben und Schicksale beleuchtet, Lobo Antunes flicht die Stimmen der anderen Protagonisten kunstvoll mit ein. So kreist die Geschichte um die Identitätssuche Carlos', der inmitten der Gebeutelten und Getriebenen als einziger seinen Weg zu gehen scheint, während er die anderen in tiefe Selbstzweifel, ja zur Selbstzerstörung treibt.

Das neue Meisterwerk von Lobo Antunes schickt den Leser auf »eine faszinierende Reise in die gedankenschwere, derbe und meist fugendicht verschlossene Welt unter der Schädeldecke, eine Expedition in jene gefährlichen Bewußtseinsgegenden, wo die Sinne und der Geist sich kreuzen« (Süddeutsche Zeitung).

Portrait

António Lobo Antunes, geb. 1942 in Lissabon, studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile zwanzig Titel umfasst und in über dreißig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den 'Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes', den 'Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur', den 'Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft' und zuletzt 2007 den Camões-Preis.

Leseprobe

Ich war mir sicher, daß ich diesen Traum am Vortag geträumt hatte oder an einem Tag davor
am Vortag
und gerade deshalb dachte ich, ohne aufzuwachen
-Es lohnt nicht sich darüber den Kopf zu zerbrechen das kenne ich schon
denn ich war nicht an Geschehnissen interessiert, von denen ich wußte, daß sie nicht stimmten
-Ich schlafe
gestern hatten sie mich erschreckt, aber sie erschreckten mich nicht mehr
-Warum soll ich mich aufregen alles gelogen
war mir der Lage meines Körpers im Bett bewußt, einer Falte im Bettlaken, die mir am Bein weh tat, des Kopfkissens, das
wie immer
zwischen die Matratze und die Wand gerutscht war, die Finger
selbständig, allein
suchten es, packten es, holten es zurück, falteten es unter der Wange, die sich ihrerseits hineinfaltete, so daß ein Teil von mir das Kissen und ein Teil die Wange war, die Arme umfaßten den Bezug, und ich half den Armen
-Es sind meine
verblüfft darüber, daß sie mir gehören, war mir einer der Platanen am Zaun bewußt, nachts ein Fleck an der Scheibe, aber jetzt deutlich, trat sie in meinen Traum und hob meinen Kopf an
nur den Kopf, da die Bettlakenfalte mir immer noch weh tat
zum Fenster neben dem Büro, in dem der Arzt eine Information oder einen Bericht schrieb
der Schreibtisch, der Stuhl und der Tisch alt, die Tür immer offen, durch die die Kranken hineinspähten und bartstoppeldreckig und mit toten Augen um Zigaretten bettelten
ich war immer außerstande gewesen, im Restaurant die Fischaugen zu essen, mein Onkel stach mit der Gabel hinein, und ich schrie blind
mich nimmt niemand wahr, niemals hat mich jemand wahrgenommen, die Krankenpfleger begnügten sich damit, mich rauszuschieben
-Ist ja gut ist ja gut
und die Fische saßen mit ausgestreckten Händen auf Bänken, bettelten um Zigaretten, der Onkel hielt mit der Gabel inne
-Magst du die Augen nicht Paulo?
der Schreibtisch, der Stuhl, der Schrank, der Arzt, der irgend etwas unterschre
ibt, mich anstarrt, schnell die Gabel packt, sie der Meerbrasse, der Dorade nähert, ich mag Augen, Onkel
-Morgen kannst du nach Hause
und während ich wach wurde und sich eine Taube auf einem Platanenzweig auf und nieder wiegte, die Bettlakenfalte aufhörte, mir weh zu tun, der Fisch sich vom Kopfkissen löste, das ich nun doch nicht bin, und der Onkel vergnügt in diesen Traum vom Vortag zurückwich, in dem riesige Meeraale, von den Tabletten in Aufziehpuppen verwandelt, mich um Zigaretten anbettelten
-Magst du keine Augen Paulo?
beispielsweise der Ertrunkene links von mir, der gezeitenlangsam zur Oberfläche der Matratze aufstieg, seine Frau besuchte ihn immer sonntags mit einem Päckchen Pfirsiche, und er lehnte die Pfirsiche mühsam, wie aufgezogen ab, ohne die Geste zu beenden
-Hast du Zigaretten mitgebracht Ivone?
meine Mutter Judite, mein Vater Carlos, der Arzt, nicht dieser, aber ein dicker
ich erinnerte mich an die rote Krawatte, als ich eingeliefert wurde, an eine Zigeunerin, die schrie
oder war ich es, der schrie?
der Arzt
-Wie heißt deine Mutter?
und ich erinnerte mich auch an die Feuerwehrleute, die von Dona Helena gerufen worden waren, um meine Handgelenke festzuhalten
-Schön ruhig Junge
so viele Untertassen in der Küche, die zerschlagen werden mußten, die Vase unversehrt, die Zeiger der Uhr, die den Eintopf überwachten
-Zerstör uns
wenn die Feuerwehrleute mir anstelle des dicken Arztes mit der roten Krawatte helfen würden, nicht in diesem Büro, in einem Raum ohne Fenster oder Schrank, wo die Zigeunerin oder ich schrien, oder aber keiner von uns beiden, das Zerschellen des Geschirrs
-Wie heißt deine Mutter?
meine Mutter Judite mein Vater Carlos
-Hast du Zigaretten mitgebracht Ivone?
samstags fünf Zigaretten, aber die Zigaretten gehen aus, ein Bon für ein Glas Milch im Café, aber die Milch, die sich nicht halten kann, ergießt sich auf den Tresen, sobald man sie berührt, der Krankenpfleg
er wischt den Tresen ab, wischt uns die Jacke und das Kinn mit einem zerlöcherten Stück Stoff ab, dem Fossil eines Handtuchs, auf einem hoch oben angebrachten Brett schimpft der Fernseher
-Schmutzfinken
Kuchen, die zerbröseln, wenn man sie ißt, belegte Brote, deren Schinken Widerstand leistet, Zigaretten, die beim zehnten Streichholz am Filterende brennen, und eine kleine Flamme verschlingt die Watte
-Sie merken es nicht einmal die Armen
das Streichholz geht zu früh aus oder weigert sich auszugehen, verbrennt uns die Haut, die Gewißheit, daß ich dieser Tage, am Vortag oder am Tag vor dem Vortag geträumt habe, und warum sollte ich mir den Kopf zerbrechen, wo ich mich außer an vorgestern nur an eine Zigeunerin erinnere, die schrie, und daß sie mich mit Verbandmullknoten ans Bett fesselten, vielleicht an die Feuerwehrleute
-Schön ruhig schön ruhig
der Krug, den ich der Spüle gestohlen hatte, zerschellte auf dem Boden, Dona Helena in Tränen, ich muß diese Untertassen zerschlagen, die Vase unversehrt, beleidigt
wie sehr ich diese Vase gemocht hatte
die fragte
-Und ich?
der Arzt mit zwei oder drei Psychologen oder Studenten oder Kunden der Diskothek, in der mein Vater arbeitete, und der Platanenzweig hielt endlich still wie immer am Mittag, den Ellenbogen auf das Fenstersims gestützt, hielt er die Haarsträhnenspatzen seiner Stirn, Katzen in einer Dornenhecke oder bei den Resten des Speisesaals, wo ein Mädchen mit Haube Eimer ausschüttete, der Arzt zu den Studenten
-Sie leben in sich selber und fühlen fast gar nichts schwer ihnen zu helfen wieder etwas zu fühlen
schenkt mir ein Körbchen mit Pfirsichen, nein, schenkt mir eine Zigarette, das Streichholz ging an, als es angehen sollte, ging aus, als es ausgehen sollte, im Aschenbecher ist Asche, und da es so ist, tu ich meine Asche dort hinein, ich glaube, der Mann von Dona Helena hat die Feuerwehrleute begleitet, auf die Auslegeware gezeigt, den Fußboden
-Er macht alles vol
ler Asche
ich glaube, der Arzt
-Sie leben in sich selber erkennen nicht einmal ihre Familienangehörigen
und die Psychologen oder Studenten oder Kunden der Diskothek, die sich über meinen Vater lustig machten, wiederholten es gehorsam in Heften, sie leben in sich selber, erkennen nicht einmal ihre Familienangehörigen, der Ehering des Arztes bewegte sich auf dem Schreibtisch nach vorn
-Schauen Sie
der Kugelschreiber schlug auf die Tischplatte, weckte mich auf, ich war mir der Lage meines Körpers im Bett bewußt, einer Bettlakenfalte unter dem Bein
-Paulo
den Kugelschreiber kaputtmachen und die Untertassen in der Küche, Dona Helena nahm mir die Vase mit der Bruchlinie an der Stelle, an der sie sie geklebt hatten, ab, der Kugelschreiber beharrlich auf der Tischplatte, verbot mir zu rauchen
-Paulo
der zweite Sarg, und ich tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen
-Wie heißt deine Mutter?
und da, ich merkte es fast nicht, begann ich zu lachen, als mein Vater gestorben ist, habe ich auch angefangen zu lachen, Leute auf langen Bänken, ein Alter mit geschminktem Mund mit einem Pudel auf dem Schoß, der zweite Sarg, den ich nicht zu sehen vorgab, der Priester kam hinter einem Vorhang hervor, und ich, an den Sarg gelehnt, lachte
-Wie heißt Ihre Mutter können Sie sagen wie Ihre Mutter heißt wie heißt Ihre Mutter können Sie das sagen?
hinderte die Psychologen oder die Studenten oder die Kunden der Diskothek daran, die Leiche zu bemerken und sie zu verspotten, mein Vater ist ein Clown mit Federn und Pailletten und Perücke, Polstern an den Hüften, an der Brust, der geschminkte Mund des Alten mit dem Pudel, der sich bellend gegen mich sträubt, einmal habe ich den Köter mit der Schleife, der meinem Vater gehörte, in den Park am Príncipe Real gebracht, wo sie nie mit mir auf der Schaukel spielten, im Teich waren Fische, ich habe den Fischen keine Kekskrümel gegeben
-Iß den Keks Paulo
ich habe die Leine vom Halsband gehakt
-H
au ab
und das Tier unentschlossen, verkroch sich, Urin auf den Teppich tropfend, unter den Möbeln, würde man ihm ein Glas Milch im Café des Krankenhauses bezahlen, würde es sie auf dem Tresen verschütten, mein Vater wischte ihm die Schnauze mit einem zerlöcherten Stück Stoff ab, dem Fossil eines Handtuchs, ich habe Steine nach ihm geworfen, bis er endlich an einer Ecke verschwand, erschrocken, dumm, die Schleife löste sich, verhedderte sich in den Pfoten, wenn ich ihn mit Steinen bewerfen würde, meinen Vater
-Hau ab
bis er endlich an einer Ecke verschwand, die Federn, die Pailletten, die Perücke, wenn ich aufhören könnte zu lachen
-Sie leben in sich selber erkennen nicht einmal ihre Familienangehörigen
ohne daß eine einzige Träne den Sarg verbarg, die Musik, der Lichtkegel, der auf der Bühne anging, und mein Vater, der sang
nicht mein Vater, ein Clown mit Federn und Pailletten und Perücke
nicht der Clown, eine Frau, so viele Untertassen in der Küche, die zerschlagen werden mußten, in seinem Zimmer die Parfümflakons, die Nagellackfläschchen, die Lippenstifte, das Messer zum Bartverhehlen, Röcke über Röcke an einer Wäscheleine, wenn ich ihn mit Steinen bewerfen könnte, den Psy
-Wie heißt deine Mutter?
chiater, meine Mutter wohnt in Bico da Areia auf der anderen Seite des Tejo, ein Bus, noch ein Bus, Lissabon auf den Kopf gestellt im Wasser, wenn ich an ihre Tür klopfe, hakt sie die Leine von meinem Halsband, und ein Mann auf der Stufe zum Tor, meine Mutter
-Hau ab
das brennende Licht anschauen, die Häuser nur Dächer aus Holz und Wellblech, Negerhütten, Beete mit vertrockneten Blumen, Kastanien, bei meinem Vater würden Blumen nicht so enden
-Schau mal nach ob der Sohn von der Schwuchtel noch immer da draußen ist
immer frische Blumen im Wohnzimmer, warum sind Ihre Nägel lila, Vater, der Tintenstrich, der Augenbrauen erfand, der Mann erschien kauend auf der Stufe, um den Hals die Serviette, und die vertrockneten Blumen<
br/>-Schau da ist der Sohn von der Schwuchtel
der Tejo kam und ging, legte den Ponton frei, das heißt, er kam und ging und blieb zugleich dort, die Pferde der Zigeuner weideten das Dünengras ab, ich hatte das Gefühl, da war eine Grille oder ein Nachtvogel am Straßenrand, der Mann mit der Serviette um den Hals schrappte mit den Pantoffeln auf der Stufe und kehrte kauend an den Tisch zurück
-Da draußen ist niemand
Rüschengardinen, Magnolien aus Pappe, meine Mutter wusch Töpfe in einer Schüssel im Garten ab, nicht als Braut gekleidet, barfuß, ohne Perlenkette an der Stirn, mein Vater und sie schnitten eine Torte an, und oben auf der Torte ein Paar, kleine Wachsfiguren, ich wachte auf der Matratze in der Küche auf, weil mich ihr Streit aus der Überdecke herauszog, und brachte das Gummikrokodil mit, meine Mutter jetzt nicht mehr Braut, aber auch nicht barfuß und auch nicht dabei, Töpfe in einer Schüssel zu waschen und die Schüssel in das Beet auszugießen, zeigte meinem Vater einen Büstenhalter
sie hatte die Perlen in einer Schachtel für Knöpfe verwahrt, und die Figürchen von der Torte zierten das Radio
-Trägst du das Carlos?
meine Mutter hieß Judite, seither habe ich gelobt, nichts zu sagen
wenn die Augen meiner Mutter merkwürdig wurden und mein Onkel mit der Gabel auf uns zeigte
-Magst du keine Augen Paulo?
das Krokodil entwich mir und wickelte sich um ihre Beine
-Mutter
während ich dachte, hoffentlich merken es die Psychologen oder die Studenten oder die Kunden der Diskothek nicht, wo sind wohl die Figürchen von der Torte geblieben, wo wird die Kette sein, einer der Zigeuner tauchte mit einer kleinen Gerte auf und trieb die Pferde zum Kiefernwäldchen, mich unter den Möbeln zusammenkauern wie der Hund, dabei Stichelhaare und Urin tropfen, trägst du das, Carlos, und mein Vater schwieg, Steine nach ihm werfen, bis er endlich an einer Ecke verschwindet, während das Krokodil
-Mutter
laßt nicht zu, daß ich allein bleibe, w
enn die Rolläden heruntergelassen werden, und der Mann mit der Serviette
-Judite
kein Mann, Scheiben eines Mannes in den Zwischenräumen des Rolladens, treibt mich wie die Pferde zum Kiefernwäldchen, das Krokodil beharrlich am Tor
-Laßt mich bei euch bleiben
ihnen erklären, daß ich nicht ich bin, ich keine Schuld habe, wenn ich mich an ihren Beinen festklammere, die Scheiben meiner Mutter werden größer, die Hälfte der Brille forschend von den Holzleisten her
-Hast du die Türangeln gehört?
ich glaubte, die Scheiben einer Flasche zu sehen, die wieder auf Scheiben einer Anrichte zurückgestellt wurden, man hörte die Nadeln der Kiefern und den Fluß am Ponton, wie er die Zähne mit der Zunge absaugte, die Scheiben der Flasche wurden hochgehoben, und der Mann mit der Serviette erschien, nunmehr vollständig, zusammen mit ihr ärgerlich auf der Stufe, kratzte sich
der Kühlschrank mit dem Zwerg aus Schneewittchen obendrauf, der mit der Hacke über der Schulter, der die Kollegen befehligt, der Zwerg zu meiner Mutter
-Man hört nichts Judite das müssen die Pferde gewesen sein
die in einer Bodensenke herumtrabten, in der Zelte, zweirädrige Karren standen, die Flasche zerteilte sich auf der Anrichte erneut in kleine Streifen, jetzt fast ausschließlich Glas, ein anderer Büstenhalter, Cremetiegel, ein Stiefelchen auf dem höchsten Bord der Speisekammer, die mit einer Muße der Verachtung gegen meinen Vater geschleudert werden, mit einer Langsamkeit wie unter Wasser die Algen und die Kiesel, ich weiß nicht, ob sie sich überhaupt bewegen oder ob es die Schatten sind
-Trägst du das Carlos?
die mit der Handfläche über die Dinge streichen, so wie der Bahnsteig sich nach hinten bewegt, nicht der Zug, die Leute ziehen vorbei, und da, ein Seufzer aus Dampf und Metall, der Bahnsteig entfernt sich, genau wie bei der Zeit, wie beim Tod, die Gesichter der Verstorbenen in Reichweite und dennoch unendlich weit weg, ernster, würdiger, wenn meine Mutter
-Tr
ägst du das Carlos?
antwortet mein Vater im Sarg nicht, und ich verteidige ihn, indem ich lache, sie haben ihm eine Krawatte umgebunden, ein Hemd ohne Spitzen angezogen, eine Weste, die er hassen würde, sie haben ihn gekämmt wie vor den Federn, den Pailletten und der Perücke, das Figürchen schneidet auf dem Foto die Hochzeitstorte an, die Wange an die Wange meiner Mutter geschmiegt, während meine Wange an das Kopfkissen geschmiegt ist und die Platane mich aus dem Schlaf herauszieht, ich mir der Lage meines Körpers im Bett bewußt bin, dem Geruch nach Desinfektionsmittel, mit dem der Boden gewischt wird
-Morgen kannst du nach Hause gehen
und beim Haus wartet die Schüssel im Garten auf den Morgen
-Schau mal nach ob der Sohn von der Schwuchtel immer noch da draußen ist
und im Haus
-Hast du die Türangeln gehört?
das andere Haus, das verlassene an der Praça do Príncipe Real, der Sarg von Rui links von dem meines Vaters, eine Krawatte, ein Hemd ohne Spitzen und die gleiche Weste, er ist nicht wie ein Clown gestorben
die Schuhe der beiden weisen, von den Hosen gelöst, zur Decke
sie haben ihn am Strand gefunden, der Köter mit der Schleife schnüffelte an ihm herum oder bellte die Wellen an
er schnüffelte weder an ihm herum, noch bellte er die Wellen an, im Kreis, aufgeregt wegen eines Stücks Schilfrohr oder eines Flaschenhalses, im Haus meines Vaters interessierten ihn die Muster auf dem Teppich, stundenlang starrte er die Rhomben an
-Hau ab
der Polizist zu mir
-Weißt du wer das ist kennst du den?
vier Pfähle und ein Seil um den Körper von Rui, die Scheinwerfer der Wagen zeigten wie im Theater auf ihn, in wenigen Augenblicken auch Trommeln, dann Musik, dann die Stille, da die Musik ausfiel, dann unsichtbares Gerenne, dann
-Du lernst das nie Idiot
dann
-Das ist nicht meine Schuld jemand hat den Stecker rausgezogen
dann laute Musik, ein Lichtoval auf dem Vorhang mit Brandflecken, mein Vater mit nackten Bein
en und einem Diadem, das ihm aufs Ohr rutschte, und er sang, die Arme zu einem Kreuz ausgebreitet, die Vergebung der Sünden, meine Mutter, die das Diadem, dem Diamanten fehlten, von allen Seiten betrachtete
-Trägst du das Carlos?
wenn ich in Bico da Areia wohnen würde, würde ich im Kiefernwäldchen umhertraben oder am Strand oder da, wo die Zelte, die zweirädrigen Karren, ein Kleinlaster ohne Reifen standen, die Zigeuner würden mir die Augen verbinden, wie sie es mit den Pferden taten, bevor sie den Schuß abgaben, und ich auf Knien, ich ausgestreckt, ich in einem Sarg in der Kirche, wenn wir im Dorf ankamen, hat meine blinde Großmutter immer meine Gesichtszüge mit den Fingern abgetastet, sie mit Töpferbewegungen verändert, sie veränderte meine Nase, die Wangenknochen, das Kinn, ich habe mich verändert, ich erkenne mich in den Spiegeln nicht wieder
-Ihr Enkel Mama
meine Großmutter im Dunkeln in dem kleinen, mit Bildern und Kerzen gekrönten Zimmer verlängerte meine Ohren und vergrößerte meine Zähne, sie wird mich verschlingen und mich auf der Erde verteilen, wie es Schweine tun, die Finger ließen ab, lagen verwirrt im Schoß, eine staubige Frage bahnte sich den Weg durch die schwarzen Tücher
bis in die Seele in Trauer gekleidet
-Welcher Enkel Töchterchen?




Pressestimmen

"Das neue Meisterwerk von Lobo Antunes schickt den Leser auf »eine faszinierende Reise in die gedankenschwere, derbe und meist fugendicht verschlossene Welt unter der Schädeldecke, eine Expedition in jene gefährlichen Bewußtseinsgegenden, wo die Sinne und der Geist sich kreuzen." (Süddeutsche Zeitung) "Wäre es eine Symphonie, dann wäre es ein Bruckner-Adagio, endlos ersterbend und von dunkler Großartigkeit." (Literaturen)
EAN: 9783630871462
ISBN: 3630871461
Untertitel: Roman. Originaltitel: Que Farei Quando Tudo Arde?. 0 schwarz-weiße Abbildungen.
Verlag: Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum: September 2003
Seitenanzahl: 704 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann
Format: gebunden
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