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Stasiland


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März 2004

Beschreibung

Beschreibung

"Suche ehemalige Stasioffiziere und Inoffizielle Mitarbeiter für Interview. Anonymität und Diskretion garantiert." Mit dieser Anzeige in der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" suchte Anna Funder im März 1997 Menschen, die bereit waren, über ihr Leben in der DDR zu berichten - sie sprach mit Tätern und Opfern, mit Kollaborateuren und Widerstandskämpfern, mit Mitläufern und Helden. Anna Funder, als Australierin unvoreingenommen und unbelastet, leiht den Menschen ihre Stimme und zeichnet ein authentisches Bild des Staates und der Gesellschaft der DDR von Innen. Zum ersten Mal 1987 in Berlin, erlag Funder - wie alle - der Faszination dieser zweigeteilten Stadt. Bei ihrem zweiten Besuch, 1995, erlebt sie Ostberlin, findet alte Freunde wieder und hört neue Geschichten, wie die von Miriam, die als 16jährige in die Fänge der Stasi geriet, der die Flucht über Mauer, Todesstreifen und an Suchhunden vorbei nur knapp mißlang, und die nach ihrer Entlassung aus der Haft noch wenige Wochen vor dem Mauerfall nach Westdeutschland abgeschoben wird. Diese Schicksale sind es, die Anna Funder interessieren. Aus ihren Gesprächen mit Tätern, Opfern, Kollaborateuren, Agenten, Verrätern und Helden entstand 'Stasiland' - eines der mutigsten und erstaunlichsten Bücher zum Thema deutsche Wiedervereinigung - geschrieben von einer Australierin!

Portrait

Anna Funder wurde 1966 in Melbourne geboren und wuchs dort und in Paris auf. Sie studierte in Melbourne und an der FU Berlin, arbeitete als Rechtsanwältin (Schwerpunkt Internationales Recht) und als Dokumentarfilmerin. 1997 war sie 'Writer in Residence' beim Australian Center in Potsdam. Für 'Stasiland' wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem 'Felix Meyer Creative Writing Award', dem 'Arts Victoria New Work'-Stipendium und dem 'Australia Council Award'; sie war u.a. für den Guardian First Book Award und den South Australien Premiers Price for Innovation in Writing nominiert. Anna Funder lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Sydney.

Pressestimmen

Anna im Stasiland
Die Australierin Anna Funder guckte sich im alten und neuen Berlin um und bietet nun ihre Deutung
Von Cosima Lutz Australierin besucht Berlin. Sie wandert durch den vermauerten Osten, betrachtet die neue Mitte und die zwiespältige Gegenwart. Vier Mal, von 1987 bis 2000, suchte und fand die Schriftstellerin Anna Funder hier die Spuren eines Überwachungsstaates, Bruchstücke von Liebesgeschichten, demontierte Denkmäler. Sie traf Täter und Opfer, und sie fand schöne Vokabeln. Hob sie auf wie Kieselsteine von einem lieb gewonnenen Strand. Worte wie "Weltanschauung, Schadenfreude, Sippenhaft" oder wie "Sonderweg, Scheißfreundlichkeit, Vergangenheitsbewältigung". Jetzt stellte sie im Australia Centre "Stasiland" vor - ihr erstes Buch.
Uber die Kieselsteine "literarische Vergangenheitsbewältigung" und "Stasi-Buch" wurde in Berlin schon viel gestolpert und gestritten. Die frühere Gauck-Behörde und der Historiker Hubertus Knabe entzweiten sich über dessen Buch "Der diskrete Charme der DDR", das im vergangenen Sommer heraus kam. Knabe, ehemaliger Gauck-Mitarbeiter, musste einige Passagen, in denen es auch um Stasi-Spitzel ging, streichen. Und erst in diesem Jahr erschien "Die Sicherheit: Zur Abwehrarbeit des MfS": Zwölf Jahre nach dem Ende der DDR äußerten sich erstmals 20 Stasi-Generäle und Oberste, darunter Stellvertreter Mielkes, zu ihrer Geheimdiensttätigkeit.
Ehemalige DDR-Bürgerrechtler reagierten empört auf die Veröffentlichung, auch die Stasi-Akten-Behörde sprach von einem nachträglichen Rechtfertigungsversuch der Unterdrückung durch den Mielke-Apparat. Joachim Walther, Verfasser des 1999 erschienenen Standardwerks "Sicherungsbereich Literatur', nannte das Buch schlichtweg "zynisch".

Und dann kommt eine 35-jährige Blondine aus dem femen Australien, sieht sich in der Hauptstadt um und schaltet in der "Märkischen Allgemeinen" frech eine Anzeige: "Suche: ehemalige Stasi-Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter zwecks Interview. Veröffentlichung auf Englisch, Anonymität und Diskretion garantiert." Sie trifft sich mit Stasi- Opfern und -Helfem, Prominenten und namenlosen Verlierem und bietet dem englischsprachigen Publikum ihre ganz eigene Deutung von diesem "StasiLand" an.

Frechheit siegt, möchte man sagen. Aber ganz so einfach hat es sich die in Melbourne geborene Juristin, die Deutsch studierte und an der FU Stipendiatin war, denn doch nicht gemacht. Sie würde es wohl nicht wagen, ihr von berührenden wie gewitzten Episoden durchzogenes, .dabei wie ein Roman durchkomponiertes Buch als "Sachbuch" zu bezeichnen, hätte sie nicht gründlich recherchiert und ihre Quellen ausführlich dargelegt. Dennoch genehmigt sie sich die Subjektivität einer Reporterin, vertraut vielsagenden Details und simplen Alice-im- Wunderland-Fragen wie "warum?" oder "warum nicht?", mit denen sie etwa Karl-Eduard von SchnitzIer zur Selbstdemontage reizt.

Zu allgemeinen Mentalitäts-Kollisionen sei es aber nicht gekommen. "Im Gegenteir', sagt Anna Funder in akzentfreiem Deutsch. "Australien und Ost-Beriin haben vieles gemeinsam. In Australien haben wir auch immer das Gefühl, am Rande von etwas viel Wichtigerem zu sein. Dass das wahre Leben ganz woanders stattfindet." An Rande der Welt also, dort, wo die Menschen im Mittelalter einst die Monster wähnten, mit einem Kopf oder einer Lüge zuviel.

Gegen eine Veröffentlichung auf Deutsch habe sie gar nichts. Der Kontakt zu renommierten Verlagen sei vorhanden, jedoch begegne man dem Werk noch mit Vorbehalten. 'Verstehen kann ich das nicht", sagt sie. "Zumal gleichzeitig betont wird, dass ,Stasiland' das beste ausländische Berlin-Buch sei." Dabei dürfte ihr ungetrübter und zugleich nie sensationsheischender Blick gerade in Deutschland angenehm auffallen. "Mein Buch ist so wahr wie die Geschichten, die man mir erzählt haft, lächelt sie. Funder begegnet Berlin gütig und kritisch wie eine entfemte Verwandte, die der alten Tante den Puls fühlt, ihre "Berlin snouf', die Berliner Schnauze, abgöttisch liebt - und manchmal einfach nur den Kopf schüttelt, der voller böser, kluger Witze steckt. Bleibt zu hoffen, dass sich ein deutscher Verlag des Buches annimmt.

© Cosima Lutz, Die Zeit

EAN: 9783434505761
ISBN: 3434505768
Verlag: Europäische VA , Hamburg
Erscheinungsdatum: März 2004
Seitenanzahl: 350 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Harald Riemann
Format: gebunden
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