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Die andere Intelligenz


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Februar 2004

Beschreibung

Beschreibung

In den vergangenen Jahrzehnten wurden auf unterschiedlichen Wissensgebieten neue Denkansätze entwickelt, die uns helfen, schwierige natur- und sozialwissenschaftliche Fragen besser zu verstehen. Dies demonstrieren die grenzüberschreitenden Beiträge dieses Bandes aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft. Sie beschreiben die neuen, verbindenden Muster einer anderen Intelligenz, die wir brauchen, um den komplexen Problemen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein. Eine Intelligenz, die in Natur und Gesellschaft, in Politik und Unternehmen, in Forschungsprojekten und Bildungsprozessen neue Einsichten vermitteln und disziplinübergreifend neue Lösungsmöglichkeiten eröffnen könnte.
Dabei geht es nicht um bloßes Wissen, sondern um einen anderen Umgang mit unserem Wissen und Nichtwissen. Wir hören auf, nur linear zu denken, nur mit Ja und Nein zu argumentieren, nur mit Null und Eins zu operieren. Wir beginnen jenes neue, wieder einschließende Denken einzuüben, das gleichermaßen anschaulich und intuitiv, systemisch und vielschichtig ist, das mit Sowohl-als-auch-Strukturen ebenso wie mit übergreifenden Mustern arbeitet. Wir fangen an, »Elektron und Elektra zusammenzudenken« (Bernhard von Mutius).

Inhaltsverzeichnis

Bernhard von Mutius
Die andere Intelligenz oder: Muster, die verbinden
Eine Skizze
Günter Küppers
Wissen und Nicht-Wissen
Für einen neuen Umgang mit Wissenschaft und Technik
Heinz von Foerster
im Gespräch mit Christiane Floyd
Systemik oder: Zusammenhänge sehen
Ernst Peter Fischer
Genetik als Geisteswissenschaft oder: Erklärungen für das Leben, das sich mit den Genen selber schafft
Sigrid Weigel
Zur Rolle von Bildern und Metaphern in der Rhetorik der Biowissenschaften
Wolf Singer
Die Erforschung organisierter Systeme oder: Die Notwendigkeit einer
theoretischen Fundierung der Lebenswissenschaften.
Helge Ritter
Die neuen Denkmuster der künstlichen Intelligenz
Helm Stierlin
Selbstorganisation und bezogene Individuation als verbindende
psychotherapeutische Konzepte
Roswita Königswieser
Unhörbares hören
Anleitung zur Selbstorganisation
Franz Reither
Komplexität als Herausforderung und Chance
Befunde aus Forschung, Praxis und Simulation
Fredmund Malik
Komplexität, Management und Patterns of Control
Fritz B. Simon
Manisch-depressive Märkte
Uwe Jean Heuser
Homo oeconomicus humanus
Birger P. Priddat
Kooperation. Politik und Ökonomie
Eine Netzwerkdimension
Franz-Theo Gottwald
Kooperation, Konkurrenz und ökologische Ethik:
Nachhaltigkeit als In-Beziehung-Sein
Michael Bartsch
Neues Leben - alte Normen
Neue Denkwege im Recht
Eckard Minx, Harald Preissler
"Die Sonne geht nicht im Osten auf"
Zukunftsfähiges Denken und verantwortliches Handeln
Bernhard von Mutius
im Gespräch Bernhard E. Bürdek, Gestaltung neu denken.
Andreas Heinecke
Die andere Wahrnehmung
Zwischen Kunst und Wissenschaft - das Soziallabor
Michael Hutter
Muster, die verbinden
Ökonomische Beobachtungsfiguren in Prousts "Recherche"
Brigitte Kronauer
Unerklärliche Wechselwirkung
Aspekte der Ambivalenz
Bernhard von Mutius
Zur Entstehungsgeschichte und zum Aufbau dieses Bandes
Über die Autoren

Portrait

Bernhard von Mutius Bernhard von Mutius, ist Sozialwissenschaftler, Philosoph, Zukunftsdenker und Ratgeber namhafter deutscher und internationaler Unternehmen sowie Verfasser verschiedener Publikationen über Erneuerungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Er lebt und arbeitet in Frankfurt/Main. Von ihm erschien zuletzt bei Klett-Cotta Die Verwandlung der Welt. Ein Dialog mit der Zukunft.

Leseprobe

Bernhard von Mutius

Die andere Intelligenz oder: Muster, die verbinden
Eine Skizze
"Intelligentzia (-sia). Der Teil einer Nation,
welcher nach selbständigem Denken strebt."
Oxford Dictionary, 3. Auflage 1934

I.

Je mehr wir wissen, desto weniger scheinen wir weiterzuwissen. Nur wenige Jahre nach der mit so großem Wissensoptimismus und so vielen Zukunftsverheißungen gefeierten Jahrhundertwende ist allenthalben Ernüchterung eingetreten. Trotz neuer Informationstechnologien und reichhaltig sprudelnder Wissensquellen sind wir augenscheinlich nicht klüger geworden. Die verfügbaren Expertisen von Globalisierungsexperten und internationalen ThinkTanks haben nicht dazu beigetragen, die Welt friedfertiger zu machen. Der gewachsene Sachverstand von Wirtschaftsweisen und Beratern hat der Ökonomie nicht dazu verholfen, sich in stabileren Bahnen zu entwickeln. Und nahezu überall scheinen die Interventionsversuche der Politik weiterhin durch die Logik des Mißlingens gekennzeichnet zu sein.

Die schon oft ausgerufene Orientierungskrise ist offensichtlich zu einem Dauerzustand geworden. Unser Denken hält nicht Schritt mit den beschleunigten, immer komplexer werdenden Prozessen, die wir selbst angestoßen haben. Unser intellektuelles Vorstellungsvermögen scheint hinter unserer Fähigkeit, materielle Produkte herzustellen, immer weiter zurückzubleiben. Ist es also nicht vermessen, in dieser Zeit von "neuen Denkansätzen" oder gar von einer "anderen Intelligenz" zu reden?

Seit Jahren wird über den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft gesprochen, der den geistigen Gütern und den intellektuellen Ressourcen eine neue und bestimmende Rolle in dieser Zeit zuweise. Gleichwohl muß man heute den Eindruck gewinnen, daß der sogenannte Zeitgeist denkerischen Bestrebungen und intellektuellen Bewegungen ferner denn je steht. Zwar haben weitsichtige Köpfe immer wieder darauf hingewiesen, daß wir vermutlich in eine Epoche e
intreten, in der "geistige Leistungen die einzige Quelle sind, aus der noch strategische Wettbewerbsvorteile erwachsen können" (Lester C.Turow). Allein, ein Großteil der sonst so auf Leistung bedachten Führungsschicht unserer Gesellschaft ist weiterhin unverdrossen und nahezu ausschließlich damit beschäftigt, den Kult der anfaßbaren Güter und ansehnlichen Fassaden zu zelebrieren und sich selbst in den entsprechenden Medien nicht ohne Stolz als anti-intellektuelle Elite zu präsentieren. Vor einiger Zeit gab es in einer bekannten deutschen Sonntagszeitung eine Umfrage zum Thema "Welche Rolle spielen Intellektuelle in der deutschen Gesellschaft?". Die treffendste Antwort darauf - formuliert von einer gewissen Maja Prinzessin von Hohenzollern - lautete: "Ich jedenfalls setze mich für Toleranz gegenüber Randgruppen ein".

Doch unterhalb der Oberflächenströmungen, in denen sich diese Art "Gesellschaft der Gesellschaft" spiegeln, können wir das Entstehen von etwas anderem wahrnehmen: In den vergangenen Jahrzehnten wurden in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, Forschungs- und Lehreinrichtungen fruchtbare neue Denkansätze und Lösungsmethoden entwickelt, die für das Verstehen komplexer sozialer Entwicklungen und für ihre verständige Gestaltung einen erheblichen Zugewinn bedeuten. Sie stammen u. a. aus der Komplexitätsforschung und aus den Kognitionswissenschaften, aus der Hirnforschung, aus den Systemtheorien und aus der systemischen Therapie und Beratung, aus neueren philosophischen, ökonomischen und kulturwissenschaftlichen Arbeiten sowie aus der Selbstreflexion der Künste und der Literatur - um nur einige Ausschnitte des Spektrums zu nennen.

Zumeist werden sie nur vereinzelt wahrgenommen, nicht interdisziplinär in ihren inneren Zusammenhängen behandelt und nicht mit den übergreifenden Gestaltungsaufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Das hier vorgelegte Buch, eine Art "Almanach neuer Denkansätze", ist ein Versuch, diese Lücke zu sch
ließen. Sondiert werden sollen die verbindenden Muster der neuen Denkansätze, die über die Disziplingrenzen hinaus das Alltagsdenken bereichern könnten und die einen Erkenntnisstand markieren, hinter den man in den Diskursen dieser Zeit nicht mehr zurückfallen sollte.

II.

Die Formulierung "Muster, die verbinden" geht zurück auf den Anthropologen, Biologen und Psychologen Gregory Bateson, der vor geraumer Zeit die folgenden Zeilen schrieb: "Ich kannte einmal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: ?Wissen Väter immer mehr als die Söhne?', und der Vater sagte: ?Ja'. Die nächste Frage war: ?Papi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?', und der Vater sagte: ?James Watt'. Darauf der Sohn: ?Aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?'"

Gregory Bateson hat viele Söhne und Töchter ermuntert, über die geistigen Errungenschaften der Vätergenerationen hinauszugehen, und dazu inspiriert, selbständig neu zu denken. Er hat selbst in seinen Arbeiten auf ganz unterschiedlichen Gebieten übergreifend gedacht und versucht, verbindende Muster aufzuzeigen. Er begann bei den biologischen Mustern, die für das Lebendige, für die sogenannte "Creatura", kennzeichnend sind-diese demonstrierte er u. a. am Beispiel der Scheren eines Krebses, den er seinen Schülern und Studenten im Unterricht vorsetzte in der Hoffnung, daß sie nicht Quantitäten, sondern Qualitäten, die Gestalt und die Formen als Muster des Lebendigen erkennen würden. Von den biologischen Mustern spannte er den Bogen über die "evolutions-logischen" Muster - Stichwort "System-Umwelt-Beziehungen" - hin zu den psychologischen Mustern, die sich etwa in den Familienbeziehungen herausbilden: denken wir an das wohl bekannteste Muster des double bind. Und von diesen weiter bis zu informations- und kommunikationslogischen Mustern: Bedeutungen zu deuten erfordert immer, Kontext-Bezüge wahrzunehmen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Bei Greogory Bateson sind denn auch bereit
s manche der Denkansätze zu finden, die in den hier vorgelegten Beiträgen in ganz verschiedenen Disziplinen in neuen Zusammenhängen entfaltet und fruchtbar gemacht werden. Dabei sind die Arbeiten, die in diesem Band zusammengeführt werden, in Charakter und Stil sehr unterschiedlich. Das ist so gewollt, entspricht den Intentionen des Herausgebers ebenso wie dem Stand der Forschung und der interdisziplinären Diskussion. Hier soll nicht die Vielfalt individueller Überlegungen zu einer geschlossenen Phalanx ausgerichtet werden, die weder aktuell vorhanden noch künftig erwünscht ist. Hier wird vielmehr - unter Achtung der Besonderheiten der jeweiligen Forschungs- und Praxisbereiche sowie ihrer spezifischen Begriffsbildungen-nach möglichen Berührungspunkten oder Überschneidungen der Denkansätze gesucht. Es geht also nicht um das Herstellen einer äußerlichen Gleichförmigkeit, sondern um das Aufspüren der inneren Verbindungsfäden in einem offenen, dialogischen Herangehen.

Dies stimmt überein mit der Leitidee und der Arbeitsweise des "Bergweg-Forums: Denken der Zukunft", in dem einige der Autoren dieses Bandes über viele Jahre hinweg zu grenzüberschreitenden Gesprächen zusammengekommen sind. Als Motto der Bergweg-Gespräche hatten wir einen Gedanken von Joseph Beuys gewählt, der auch für diese Textsammlung stehen könnte: Vor der Frage: Was können wir tun? muß der Frage nachgegangen werden: Wie müssen wir denken? Das Denken neu durchdenken, es als Probehandlung ausbilden, bevor wir handeln - darauf käme es an in einer Zeit voller Ungewißheiten und in einer Welt vielfältiger, kaum noch überschaubarer technologischer und gesellschaftlicher Verwicklungen, die immer abstraktere Züge annimmt.

III.

Bei aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit gibt es der Themenstellung entsprechend natürlich eine Reihe von inhaltlichen Gemeinsamkeiten der hier vorgestellten Denkansätze, die man z.B. mit den Begriffen "systemisches", "zirkuläres", "mehrdimensionales" oder
"vernetztes" Denken kennzeichnen könnte. Ich glaube jedoch, daß diese Begriffe allein nicht ausreichen, um die Unterschiede zu erhellen, die in der Formulierung "neue Denkansätze" angedeutet werden. Unterschiede, die weniger in dem "Was" als in dem "Wie" zu liegen scheinen: in einer anderen Denkhaltung, einer bewußt offenen und suchenden, nicht auf gesicherte "objektive" Erkenntnisse pochenden Herangehensweise.

Einer, der diese Haltung wie kaum ein anderer verkörperte, war Heinz von Foerster, der in diesem Band mit einem nachgelassenen Gesprächsmanuskript (gemeinsam mit Christiane Floyd) noch ausführlicher zu Wort kommt und von dem die folgenden Zeilen stammen: "Subjective statements are made by subjects. Thus, correspondently, we may say that objective statements are made by objects. It is only too bad, that these damned things dont make any statements."

Den Beobachter in die Beobachtung einbeziehen - diese Einsicht, die man als die erkenntnistheoretische Wende in der Wissenschaftsauffassung des 20.Jahrhunderts bezeichnen könnte, markiert den Punkt, von dem sämtliche Autoren bei ihren Erkundungen ausgehen. Von hier aus lassen sich aus meiner Sicht zwei gedankliche Suchbewegungen bestimmen, die sich als miteinander verknüpfte Denkstränge gleichsam als einigendes Band durch sämtliche Argumentationen hindurchziehen. Man könnte sie die "Muster, die die Muster verbinden" nennen:

Erstens: Die Suche nach Alternativen zu den Logiken des Trivialen, Logiken, die aus den vergangenen Epochen überliefert wurden und die uns insbesondere in der Epoche der Industriegesellschaft in Fleisch und Blut übergegangen sind. Überaus bewährte, nützliche und vertraute Logiken also, die beispielsweise in mechanischen Systemen, in den materiellen Herstellungsverfahren und maschinellen Fertigungsprozessen bis heute unverändert gut funktionieren, die aber in der Übertragung auf Prozesse des Lebens und des sozialen Handelns ihre Beschränktheit mehr als zur Genüge bew
iesen haben.

Die mentalen Modelle, die mit diesen Logiken korrespondieren, sind mit Begriffen wie "Gegenstand", "Objekt" und "objektive Erkenntnis", "exakte Berechenbarkeit", "Bestimmtheit und Vorhersagbarkeit", "Eindeutigkeit", "Linearität" und "einfache Kausalität" verknüpft. Sie führen in der Regel zu festen Standpunkten, unbeirrbaren Meinungen und lassen sich trefflich zusammenfassen in der Formulierung: "So ist es!"

Diese Art, zu denken und in Forschung und Lehre Wissen zu generieren, hat übrigens Gregory Bateson-um ihn noch einmal zu zitieren - mit den folgenden Worten kritisiert: "Man lehrt die Kinder bereits in einem zarten Alter, daß die richtige Weise, etwas zu definieren, darin besteht zu bestimmen, was es vermutlich an sich selbst ist, anstatt auf seine Relationen zu anderen Dingen einzugehen."

Mit dieser Kritik hat Bateson zugleich eine Spur gelegt, auf der die Suche nach Alternativen zu den Logiken des Trivialen erfolgreich sein könnte: Nachzugehen wäre den dynamischen Relationen der Dinge, aufzuspüren wäre das "Dazwischen", neu zu lernen wäre das In-Beziehungen-Denken.

Gemeint sind ganz unterschiedliche Arten von Beziehungen: funktionale und emotionale, logische, ästhetische und energetische, Beziehungen im Raum und Beziehungen in der Zeit. Zu lernen wäre das In-Beziehung-Setzen der eigenen Beobachtungen und das Reflektieren des Phänomens der Selbstbezüglichkeit. Wolf Singer bringt das in der Beschreibung eines disziplinübergreifenden Forschungsprogramms so auf den Begriff: "Es wird immer deutlicher, daß wir nach der Identifikation der Eigenschaften von Objekten jetzt mehr Gewicht legen müssen auf die Beschreibung der relationalen Bedingungen."

Zweitens: Die Suche nach Alternativen zu den Logiken des (ausschließlichen und ausschließenden) Trennens, Teilens und Zerlegens der Dinge, Logiken, die als Forschungsmethodik in der abendländischen Geschichte der Wissenschaften so überaus erfolgreich waren und a
ls Lehrmethode bis in die Gegenwart hinein als nahezu konkurrenzlos erscheinen. Ohne sie gäbe es keine Differenzierung unserer geistigen und kulturellen Systeme und keine Ausdifferenzierung der sozialen Systeme. Sie haben uns - insbesondere in den sogenannten exakten (Natur-) Wissenschaften - geholfen, den Dingen immer weiter auf den Grund zu gehen, immer kleinere Teile und Teilchen zu analysieren, Substanzen immer feiner zu lokalisieren und zu separieren. Sie eignen sich in der Übertragung auf nahezu sämtliche Wissens- und Lebensbereiche auch dazu, zumindest in der Sprache Ordnung zu schaffen, Konzepte und Begriffe auseinanderzuhalten, klare Unterscheidungen zu treffen, das eine vom anderen - und sich selbst vom anderen - eindeutig abzugrenzen: das Eigene und das Fremde, Subjekt und Objekt, Beobachter und Beobachtetes, innen und außen, richtig und falsch, gut und böse, rational und emotional, entweder - oder.

Die damit verbundenen Fortschritte und zivilisatorischen Leistungen werden nun keineswegs grundsätzlich in Frage gestellt. Es wird vielmehr gefragt, ob das Denken nicht darüber hinaus noch eine andere Perspektive einnehmen und eine andere Richtung des Fortschreitens einschlagen könnte.

Die Autoren dieses Bandes - und die Autoren auf die sie sich berufen-finden für diesen Perspektivenwechsel unterschiedliche Ausdrücke: Komplementarität, Ambiguität oder Ambivalenz, Mehrwertigkeit statt Zweiwertigkeit, doppelte Beschreibung statt einfacher Beschreibung, "Sowohl-als-Auch" statt "Entweder-Oder".

Unterscheidungen oder Grenzziehungen werden also nicht negiert, sondern es wird-unter Achtung des Unterschiedlichen - versucht, das Ausgeschlossene im Sinne eines "Re-entry" wieder einzuführen in die Beobachtung. Ich nenne dies das "reincluding thinking", das wiedereinschließende Denken.

Beide Suchbewegungen werden fündig bei den "Mustern, die verbinden": Wer das Nichttriviale zu erfassen sucht und anfängt, in Beziehungen zu denken, k
ommt fast zwangsläufig dazu, herkömmliche Trennungen zu hinterfragen und über mögliche Verbindungen nachzudenken. Und wer über die herkömmlichen Trennungslogiken hinausdenkt, wird nicht umhin können-sofern er sich nicht in vage ganzheitliche oder gar esoterische Spekulationen flüchtet -, sich eingehender mit den möglichen Mustern von Beziehungen zu beschäftigen, die das bislang Getrennte verbinden könnten.

So führen beide Denkbewegungen schließlich mit innerer Notwendigkeit zur Einsicht, daß traditionelle Gebietsgrenzen überwinden und disziplinübergreifend zusammenarbeiten muß, wer sich über komplexe Prozesse verständigen will: Dies gilt für die Theorie ebenso wie für die Praxis, für die Lehre ebenso wie für das Lernen. Von der Hirnforschung über die Bewußtseinsforschung bis zur Kreativitätsforschung, von der Systemischen Therapie über die Organisationsentwicklung bis zur Softwareentwicklung - um nur einige der ganz unterschiedlichen Arbeitsfelder zu nennen. Das ist der soziale, dialogische Aspekt der "Muster, die verbinden". Heinz von Foerster nennt das "Wirklichkeit als Zusammenarbeit".

IV.

"Die Kunst geht heute Wege, von denen unsere Väter sich nichts träumen ließen." Mit diesem Satz beginnt der Subskriptionsprospekt des von Franz Marc und Wassily Kandinsky 1912 herausgegeben Almanachs "Der Blaue Reiter", der als die bedeutendste Programmschrift einer sich erneuernden Kunst im 20.Jahrhundert gilt. Marc und Kandinsky hatten die programmatische Vorstellung, "daß die Erneuerung nicht formal sein darf, sondern ein Neubeginn des Denkens" sein müsse. Sie waren der Überzeugung, daß die Zeit zu einer "Entmaterialisierung des Weltbildes" dränge. Sie verbanden damit die Hoffnung, daß diese Entwicklung zu einer Neubewertung der "geistigen Güter" und zu einer sich ausbreitenden "geistigen Bewegung" führen werde. Mit dem Almanach wollten sie die "feinen Verbindungsfäden", den "inneren Zusammenhang" dieser Bewegung aufzeigen, um zu einer neuen Syn
these der verschiedenen "Gebiete des geistigen Lebens" zu kommen. Im Vorwort zur ersten Auflage heißt es dazu: "So findet der Leser in unseren Heften Werke, die durch den erwähnten Zusammenhang in einer inneren Verwandtschaft miteinander stehen, wenn auch diese Werke äußerlich fremd zu einander erscheinen."

Es gibt gute Gründe, nach rund elf Jahrzehnten wieder an diese Worte zu erinnern, sich auf sie neu zu besinnen und an sie mit diesem Buch bewußt anzuschließen. Man kann den historischen Abstand nicht verringern. Aber man kann ihn-von einem anderen geistesgeschichtlichen Hintergrund und von einer anderen Seite aus kommend-überbrücken. Der Blaue Reiter war der Versuch, von den neuen Denkerfahrungen der bildenden Kunst ausgehend auf weitere Felder der Kunst und darüber hinaus auch auf Gebiete der Wissenschaften vorzustoßen, um das Terrain für eine umfassende intellektuelle Erneuerung zu sondieren. Für den 1914 geplanten, dann nicht mehr erschienenen zweiten Band wollte man "Gelehrte als Mitarbeiter heranziehen, um deutlich zu zeigen, auf welch verwandte Weise der Künstler und der Wissenschaftler arbeiten und wie nahe nebeneinander die beiden geistigen Gebiete liegen". Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte die Ausführung des Plans zunichte. Und ein Großteil insbesondere der deutschen Universitäts- und Schriftgelehrten hatte zunächst Großmächtigeres im Sinn, als die feinen Verbindungsfäden zur Kunst aufzugreifen. Die Zeit war noch nicht reif.

Ist sie heute reifer? Sind die Bedingungen für ein Zusammentreffen günstiger? Niemand vermag es zu sagen. Aber ganz sicher scheinen die Voraussetzungen auf seiten der Wissenschaften-jedenfalls in einigen Disziplinen-eher gegeben zu sein. Diesmal könnte das Angebot von ihnen ausgehen, über die möglichen Verbindungen zwischen den Methoden der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit gemeinsam nachzudenken. Einige Beiträge dieses Buchs, einer Art "Neuer Almanach", we
isen in diese Richtung: Muster, Metapher und Bild, Form, Gestalt und Beziehungen-diese Begriffe selbst sind es, die verbinden könnten. Nicht nur Wissenschaften und Künste, sondern ebenso Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, also "sciences" und "arts". Wer sich mit Mustern und Gestalten beschäftigt und in Beziehungen denkt, wird dahin kommen, gleichzeitig streng und phantasievoll vorzugehen, exakt und unscharf zu beobachten, abstrakt Formalisierbares und sinnlich Wahrnehmbares zu erkennen, quantitativ und qualitativ zu arbeiten, das regelhaft Allgemeine und das abweichend Besondere zu erfassen.

"Muster", "Gestalt" und "Beziehungen" sind also keine "Einheitsbegriffe", die alle Unterschiede einebnen oder wegzaubern, sondern "Brücken-Begriffe": Sie ermöglichen eine Annäherung an bislang getrennte oder sogar als gegensätzlich empfundene Arbeitsweisen von verschiedenen Seiten aus. Es sind Begriffe, auf die sich die Vertreter unterschiedlicher Disziplinen beziehen können, wenn sie miteinander in Beziehung treten. Wie etwa Ernst Peter Fischer, der als Naturwissenschaftler in seinem Beitrag zur "Genetik als Geisteswissenschaft" fordert, den "Kausalfaktor" durch den "Formfaktor" zu ergänzen und ästhetische Momente in die rational-analytische Forschungsmethodik einzubeziehen. Oder wie Sigrid Weigel, die als Literaturwissenschaftlerin darauf hinweist, daß die Natur- und Biowissenschaften stets auch durch "kulturelle Deutungsmuster" und insbesondere durch das "spezifische Bilddenken" ihrer Zeit geprägt waren und sind.

Ich spreche von Brücken-Begriffen, von Annäherung und Verbindungen, nicht von Identität oder Verschmelzung. Ersteres ist schon schwierig genug, letzteres scheint mir reines Wunschdenken zu sein. Es hat in der Nachfolge von C. P. Snow immer wieder Versuche gegeben, die Unterschiede zwischen den Methoden der verschiedenen intellektuellen Disziplinen und ihren "Kulturen"-vor allem zwischen der Kultur der Naturwissenschaften und der Kultur
der literarischen Intelligenz-zu überwinden oder sogar gänzlich aufzuheben. Vor einigen Jahren hieß es beispielsweise, in den USA habe sich bereits eine "3. Kultur" etabliert. Doch dies war, wie sich bald herausstellte, eine vorschnelle und einseitige Proklamation: Der Literaturagent John Brockmann hatte unter diesem eingängigen Titel einige verdienstvolle Arbeiten über Evolution, Selbstorganisation und komplexe Systeme präsentiert-allerdings ausschließlich von Natur- und Computerwissenschaftlern. Die Geisteswissenschaftler, Literaten und Künstler fehlten in dieser Sammlung. Und so kam es zu keinem Gespräch. Niemand widersprach der Wissenshybris des Herausgebers, die u. a. in den Worten zum Ausdruck kam, die Natur- und Computerwissenschaften seien nunmehr in der Lage, "die tiefere Bedeutung unseres Lebens sichtbar zu machen und neu zu definieren, wer und was wir sind".

Nein, dieser Ansatz führt in die falsche Richtung. Nicht nach einer neuen, großen, allumfassenden und alles erklärenden Einheitstheorie wird gesucht, sondern nach einer Verständigung über Disziplingrenzen hinweg. Gebraucht werden keine Modelle, die Atome und Gene, Synapsen und Symbole in eins setzen, sondern Metaphern und Beschreibungen, die sie in Beziehungen setzen-im Bewußtsein, daß die Technologik einer "Humanologik" als Ergänzung bedarf. Das würde, wie ich es an anderer Stelle einmal formuliert habe, bedeuten, auf respektvolle Weise "Elektron und Elektra zusammenzudenken, bei der Beschäftigung mit den Bewegungen der Elementarteilchen zugleich die Erinnerung an die elementaren Regungen des Menschen wachzuhalten".

Nötig scheint mir deshalb keine künstlich geschaffene "3. Kultur" von Wissenschaften, die sich allmächtig dünken und auf andere Denkweisen herabsehen, sondern eine neue Denkkultur, die in Bescheidenheit andere, auch nichtwissenschaftliche Sichtweisen achtsam einbezieht. Manchmal kommt es mir im Rückblick so vor, als hätten wir in der Vergangenheit über die Beschäftigu
ng mit den Wissenschaften und ihren Theorien das Denken vergessen. Wäre es jetzt nicht Zeit für eine Korrektur?

Pressestimmen

»... Dieses Buch will Auswege jenseits des Meinens skizzieren, indem
es mit einer Grundannahme der Aufklärung aufräumt: Dass sich die
Wirklichkeit wie eine Maschine in Einzelteile zergliedern lasse, dass
sich Probleme in kleinste Portionen aufteilen und lösen lassen. ...
Das
Buch, eine Art Almanach für vernetzte Denkansätze, bietet spannendes
Lesevergnügen und Erkenntnisse, wie sie schon Albert Einstein anmahnte:
"Die Atomkraft hat alles verändert, nur unsere Denkweise nicht."«
Dagmar Deckstein (Süddeutsche Zeitung, 7.8.2004)
EAN: 9783608940855
ISBN: 3608940855
Untertitel: Wie wir morgen denken werden.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2004
Seitenanzahl: 331 Seiten
Format: gebunden
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