HUDU

Butter bei die Fische


€ 14,95
 
gebunden
Sofort lieferbar
Juli 2010

Beschreibung

Beschreibung

Spinnen Sie kein Seemannsgarn -
dieser Sprichwort-Ratgeber ist mit
allen Wassern gewaschen!
Im Wörtermeer der Alltagssprache schwimmen - oft unbemerkt - zahlreiche
maritime Ausdrücke herum. Wenn z. B. ein Freund aufkreuzt, der in seiner
Rede Abstecher liebt und keinen roten Faden findet, dann streicht man besser
die Segel, bevor er bis zum bitteren Ende gekommen ist.
Rolf-Bernhard Essig, der »Indiana Jones der Sprachschätze« (Nürnberger Zeitung),
erzählt in seinem Buch die kuriosen und spannenden Geschichten,
die sich hinter diesen und vielen weiteren Redewendungen verbergen.
Dabei erfährt der Leser, warum jemand herumlaviert oder etwas volle Pulle
macht, was die Arche Noah mit Sprache und Wort oder das Torpedieren von
Projekten mit dem Zitterrochen zu tun hat.
Kongenial - denn, genau: »Wie das Schiff, so die Segel« - hat Papan eine
Vielzahl der von Rolf-Bernhard Essig gesammelten Meeressprichwörter illustriert
- mit Tiefgang, versteht sich.

Portrait

Rolf-Bernhard Essig, 1963 in Hamburg geboren, lebt als freier Autor, Kritiker und Moderator in Bamberg. In seinen Büchern und in Programmen für Fernsehen, Radio und Bühne geht der »Indiana Jones der Sprachschätze« (Nürnberger Zeitung) der Frage nach, was hinter unseren Wörtern steckt; so auch in dem bei mare erschienenen Buch über Meeresredensarten: Butter bei die Fische: Wie das Meer in unsere Sprache floss (2010), welches namengebend für seine tägliche Rundfunkkolumne beim SWR1 wurde: Und jetzt mal Butter bei die Fische!

Leseprobe

Der rote Faden: eine kluge Diebstahlsicherung
Es war offensichtlich Johann Wolfgang von Goethe, der einen Trick der Royal
Navy in Deutschland bekannt machte und gleichzeitig eine neue Redensart
in die Welt setzte. Er tat es in seinem wundervollen, mehrfach verfilmten
Roman Die Wahlverwandtschaften. Hier präsentiert der Erzähler Auszüge
aus dem Tagebuch einer der Hauptfiguren, Ottilie. Er rechtfertigt und begründet
das mit einem Gleichnis, wie er schreibt: Wir hören von einer besonderen
Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen
Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen,
daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden
kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke
kenntlich sind, daß sie der Krone gehören.
Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und
Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet. Dadurch
werden diese Bemerkungen, Betrachtungen, ausgezogenen - aus Büchern
gesammelten - Sinnsprüche und was sonst vorkommen mag, der Schreibenden
ganz besonders eigen und für sie von Bedeutung.
Das Bild leuchtete den Lesern sofort ein, denn ein Text ist ja auch eine Art
Gewebe, das durch einen hineingewobenen Zentralgedanken besondere
Qualität, Klarheit und Schönheit gewinnt. Als Diebstahlsicherung wie bei
den britischen Marinetauen taugt er im Bereich des Schreibens oder Redens
leider nicht.

Seemannsgarn spinnen
Es war einmal ein Seemann, der hatte sehr feine Hände. Seine
Hände waren so fein, dass die Seife vor Freude gleich schäumte,
kaum krempelte der Seemann am Waschbottich die Ärmel
hoch. Natürlich spottete die ganze Mannschaft über ihn.
Der lange Steuermann rief: Seht euch den Manikürstengel an
mit seinen Damenpatschern! Der Bootsmann rief: Zimmermann
bring Sandpapier! Sonst rutschen die Hände von den
Want
en! Sogar der Smutje mischte sich ein: Ich hab Stahlwolle
und Sand zum Töpfescheuern. Das wird's auch tun!
Der Seemann machte sich nichts draus. Er tat seine Pflicht.
Und weil er sie gut machte, neckten ihn die anderen zwar,
aber niemand krümmte ihm auch nur ein Härchen auf seinen
feinen Händen.
Da kam das Schiff eines Tages in einen scheußlichen Sturm.
Der zerriss alle Segel, bevor man noch Ankerspill sagen
konnte. Kaum ein Seil, kaum ein Tampen, kaum eine Trosse an
Bord, die nicht gerissen, zerplatzt und zerfetzt worden wäre.
Es dauerte Tage, alle Schäden zu reparieren, und selbst dann
fehlte es überall an Tauwerk.
Immerhin konnten sie nun weitersegeln. Doch kaum hatte das
Schiff ein paar Knoten Fahrt, da fuhr eine Bö, was sag ich, eine
Sturmfaust in das Schiff, dass die Masten fast waagrecht auf
dem Wasser lagen. Sie hielten zum Glück, und noch mehr
Glück war es, dass sich das treue Schiff wieder aufrichtete. Alle
Mann hatten sich aber auch an die gegenüberliegende Reling
gehangelt und über Bord gehängt. Jetzt waren alle nass, aber froh, wieder auf Deck stehen zu
können. Doch nach einem Blick umher, sank ihnen der Mut.
Viele Segel hatten gehalten, aber das meiste Tauwerk war
wieder zerrissen. Wie sollten sie jetzt weiterfahren?
Da sagte der Seemann mit den feinen Händen: Wartet mal! Ich
hab eine Idee. Bringt mir alle Spinnweben, die ihr an Bord nur
finden könnt! Als sie spotten wollten, befahl der Kapitän mit
lauter Stimme: Spinnweben her! Sofort! Und alle Mann!
Ehe man noch Bugspriet sagen konnte, war das Deck wie
leergefegt. Überall suchten die Leute nach Spinnweben. Und
weil das Schiff, um ehrlich zu sein, ein treuer, aber sehr, sehr
alter Kasten war, der vielleicht schon mit der Arche Noah
Brüderschaft geschlossen hatte, fanden sie die fast überall.
Sogar in der Kapitänskajüte hingen die Weben grau und bauchig
und schwer von der Deck
e. Und in der Kombüse, in der
Back, im Laderaum. So dauerte es nicht lange, bis ein mächtiger
Haufen vor dem Seemann mit den feinen Händen lag.
Der hatte unterdessen seine Seekiste geholt und - kaum
konnte man Davits sagen, hatte er sein Reisespinnrad aufgebaut,
das er immer mit sich führte. Die anderen staunten nicht
schlecht, als er in den Haufen griff und anfing fix wie ein
Weberknecht zu spinnen, dass allen die Spucke wegblieb. Die
feinen Finger flogen nur so hin und her zwischen dem Haufen
und dem Spinnrad, und dann wirbelten und zwirbelten sie, bis
nicht nur ein Fädchen, sondern ein herrlicher Faden sich
kreiselnd auffädelte auf der Spindel, die sich drehte wie ein
Wirbelwind. Schon musste der Seemann mit den feinen
Händen die zweite Spindel nehmen. Da liefen alle Seeleute, um
noch mehr Spinnweben zu finden. Der Kapitän befahl aber,
dass sich vier gleich mit den Fäden zur Bord-Reeperbahn
aufmachen sollten.
War das ein Laufen und Schnaufen und gar kein Raufen die
nächsten Stunden! Nimmermüde spann der Seemann mit den
feinen Händen. Nimmermüde sprangen die anderen, um
Spinnweben zu holen und Spindeln zur Reeperbahn zu bringen.
Nimmermüde flocht man dort Tau auf Tau. Ein Glück, dass
es ein langer Tropentag war, denn so konnten sie viele Stunden
arbeiten. Und während sie so arbeiteten, da erzählten und
erzählten sie, bis alle Häfen und alle Wellen und alle Schiffe der
Welt durchgekaut waren wie Kautabak nach acht Tagen Backentasche.
Als die Nacht so schnell einfiel, als hätte jemand Topp! gesagt,
da lagen Seile und Taue an Bord, eine dreiviertel Meile lang
und in allen Stärken. Den Seeleuten fielen die Augen zu, wo sie
gerade standen oder saßen oder lagen, und alle schliefen, bis
sie die Sonne am Bart kitzelte.
Ein wenig misstrauisch, dass muss ich schon sagen, waren die
Seeleute doch, als sie nun die Spinnwebseile überall an Bord
anb
rachten. Ganz vorsichtig ging das Heißen los. Es konnte ja
schnell zum Reißen werden. Aber das Zeug hielt verdammt
gut. Achtern und vorn riefen die ersten Donnerwetter! und
Wackerer Klabaster! und noch mehr, was nicht zu verstehen
war. Der Seemann mit den feinen Händen machte mit und
lächelte sich eins.
Nach einem Tag und einer Nacht konnte das Schiff die Fahrt
fortsetzen - erst ganz langsam und dann: fast gar nicht mehr,
denn die Sturmfaust kam zurück und schlug in die Wanten und
Segel und Masten. Doch die Seile hielten, als wären sie von
Stahl und die Ersatzsegel hielten seltsamerweise auch, ja das
Schiff schoss einfach vorwärts, als wären dreiundzwanzig
Pottwale vorgespannt und sieben Seekühe schöben achtern an.
Noch bevor jemand Stint sagen konnte, waren sie in Yokohama
und konnten gerade noch rechtzeitig in den Wind schießen,
die Segel reffen und beidrehen.
Da feierten sie den Seemann mit den feinen Händen und
ließen ihn hochleben, mindestens eintausenddreihundertundneunundachtzigmal,
denn so viele Meter hat eine dreiviertel
Seemeile und so lang waren die Spinnwebseile. Weil die
Hafenkneipen in Yokohama gut gefüllt waren - zum Kirschblütenfest
hatte man siebzigtausend Tonnen Kirschblüten über
See bringen lassen - verbreitete sich die Kunde von dem
Seemann mit den feinen Händen sehr schnell in die vier
Himmelsrichtungen. Auf allen Sieben Meere hallte sein Ruf
wider, und wenn irgendwo ein Tau oder ein Tampen riss, dann
seufzte man an Bord: Ach, hätten wir den Seemann mit den
feinen Händen hier! Und wenn ein Seil eisenfest hielt, dann
sagte man: Das ist Seemannsgarn vom Seemann mit den
feinen Händen! Weil Seeleute aber auch nicht gern Zeit
verschwenden, hieß es bald nur noch Seemannsgarn.
Die Leute an Land wollten das alles nicht glauben. Wahrscheinlich
weil ihr Tauwerk nicht so gut hielt. Deshalb schimpften sie
auf das Seemannsgarn u
nd behaupteten, das sei alles nur
erfunden. Und so entstand die Redensart von Seemannsgarn
spinnen.
P.S. Wenn Sie, werte Leser, jetzt auch denken, das sei alles nur
erfunden, dann irren Sie sich gewaltig! Es sind nämlich höchstens
siebenundneunzig Achtundneunzigstel erfunden. Dass
die Seeleute aber beim stundenlangen Spleißen und Knoten
und Segelnähen sich viele, viele Geschichten erzählten, die
nicht immer wahr und manchmal geradewegs erflunkert oder
gar erstunken waren, weshalb man das Seemannsgarn spinnen
nannte, das ist schon wahr!

Un noch eine kleine Auswahl:
Beginne ein gewaltiges, närrisches Unternehmen, wie Noah!
(Dschalaladdin Rumi. Man soll nicht immer nur vernünftig
handeln.)

Welche die Arche gebaut haben, sind nicht hineingekommen.
(Undank ist der Welt Lohn.)

Von Floth un Wellen / Is am besten im Drögen vertellen. (Klaus
Groth. Vom sicheren Port aus ist gut von überstandenen
Abenteuern erzählen.)

Den Aal mit einem Feigenblatt fangen. (Etwas klug anfangen.
Das Feigenblatt ist nämlich rau. Schon bei Erasmus.)

Geht eine Fischgeschichte aus, so fliegt eine Walgeschichte.
(Island: Beim Erzählen wird im Lauf der Zeit alles größer.)

Wenn der rote Teich vom Roten Meer hört, schlägt er hohe
Wellen. (Russland: Kleine, äußerliche Ähnlichkeiten verführen
den Kleingeist, sich in falschem Stolz zu wiegen.)

Wer an den vier Meeren Freunde hat, glaubt, überall Orchideenduft
zu riechen. (China: Die Chinesen gingen nicht von den
Sieben Meeren aus, sondern von vier. Gemeint ist also überall.)

De Schipper gifft dat ut, de Stüermann hett't Kommando. (Der
Schiffer/Kapitän hat das Sagen, der Steuermann hat das Kommando.)

De Piksgrabber het ook Pik an de Büksen. (Der Pechanfasser
/ Kalfaterer hat auch Pech an den Hosen. Das sagte man,
um klarzustellen, dass Pechflecken oder andere einen Matrosen

nicht übel anstehen, weil er ja damit täglich umzugehen
hat. Wie bei: Pech und Teer Schiffers Ehr. Später benutzte
man die plattdeutsche Redensart auch, um Leute zu verspotten,
die ewig sitzen bleiben.)

Es ist ein Schiff oder eine Pudelmütze. (Das sagt man, wenn
jemand sehr Widersprüchliches redet.)

De Kop is't Roer van't Ship. (Der Kopf ist das Steuerruder des
Schiffes. Man muss vor allem nachdenken, bevor man die Richtung
bestimmt oder einschlägt.)

Mit dem Narrenschiff kommt man leicht nach Schelmhafen.
Auch: Narrenschiffe findest du in jedem Hafen. (Über tölpelhafte,
närrische Leute und deren Taten.)

Wenn's regnet in die Kajüte, so läuft's auch in die Hütte. (Wenn
es beim Kapitän in der Kajüte undicht ist, wird auch die Back
der Mannschaft so sein. Was den Großen widerfährt, erleiden
auch die Kleinen.)

Pressestimmen

"Der Bamberger Autor nimmt Redewendungen und Sprichwörter unter die
Lupe. Er tut das aus pädagogischen Gründen, damit der Sprücheklopfer in uns
auch weiß, wovon er spricht. Er tut das aber auch aus Lust an der Sprache
und dem kreativen Spiel mit ihr. Und er tut es vor allem auf sehr unterhaltsame
Weise, die niemals belehrend ist, sondern immer inspirierend wirkt."


EAN: 9783866481299
ISBN: 3866481292
Untertitel: Wie das Meer in unsere Sprache floss. Sprichwörter und Redewendungen gesammelt und erklärt. zahlreiche farbige Illustrationen.
Verlag: mareverlag GmbH
Erscheinungsdatum: Juli 2010
Seitenanzahl: 191 Seiten
Format: gebunden
Es gibt zu diesem Artikel noch keine Bewertungen.Kundenbewertung schreiben